
Als meine geliebte Wasserschildkröte Momo eines Tages aus dem Winterschlaf erwachte, bildete sich unentwegt Schaum vor ihrem Mund. Weil mir das nicht geheuer war, packte ich Momo in einen Schuhkarton und fuhr sofort zum Tierarzt. Dieser diagnostizierte eine Lungenentzündung. Während der Doktor mit der einen Hand ihr Beinchen festhielt, zückte er mit der anderen eine Spritze und versenkte die Nadel in Momos Fleisch. Glücklicherweise gesundete Momo bald darauf.
Anstatt der heilsamen antibiotischen Injektion, hätte mir der Veterinär auch etwas Homöopathisches nahe legen können. „Probier’s doch erst einmal auf die sanfte Weise, ich habe damit gute Erfahrungen gemacht“, hätte er dann vermutlich gesagt. „Wenn das nicht wirkt, sehen wir weiter.“ Momos Gemütsart wäre für die Wahl des Mittels ebenso wichtig gewesen wie die Krankheit selbst. Der gewissenhafte Alternativmediziner wählt aus einer Vielzahl an Arzneien eine Einzige, die spezielle Bedürfnisse des Kranken berücksichtigt. „Ganzheitlich“ ist das Zauberwort der homöopathischen Heilkunst. Der Patient ist König.
Das klingt verlockend! Nicht verwunderlich, dass sich die magische Kraft dieses Lehrgebäudes seit mehr als 200 Jahren hält. Sogar die Europäische Kommission ist überwältigt. Sie will, dass Öko-Landwirte ihre kranken Stallinsassen, wo es nur geht, mit Homöopathie behandeln (siehe EU-Bio-Verordnung von 2008). Unter uns tummeln sich allerdings haufenweise Skeptiker und vehemente Gegner aus der Wissenschaft. Das liegt an zwei sonderbaren Glaubenssätzen, die der Urvater der Homöopathie, Samuel Hahnemann, entwickelte. Erstens, das Simile-Prinzip: Gleiches müsse und könne mit Gleichem behandelt werden. Der fiebrige Kranke gesunde demnach durch eine Substanz, die den Gesunden fiebrig mache. Moderne Homöopathen erklären dies anhand der Küchenzwiebel. Wir heulen und die Nase läuft, wenn wir sie zerhacken. Bei echtem Schnupfen heilt die Zwiebel uns. Zweitens, das Potenzierungs-Prinzip: Die verwendete Ursubstanz gewänne durch immer höhere Verdünnung an Heilkraft. Denn durch kräftiges Schütteln übertrage sich das urstoffliche Wesen der heilenden Substanz auf das umgebende Medium. Das käufliche Endprodukt enthält demnach ein Gedächtnis der Ursubstanz, nicht aber ihren Wirkstoff. Es lohnt sich demnach einen Tropfen Zwiebelsaft in einen Swimmingpool zu träufeln und anschließend daraus zu trinken.
Ein tiefer Graben zur evidenzbasierten Wissenschaft tut sich auf, denn ohne Wirkstoff, sagt sie, keine Wirkung – rein chemisch gesehen. Trotzdem, da draußen im veterinären Alltag, ticken nicht alle auf einer Wellenlänge. Wer will, findet zahlreiche Tierheilpraktiker im Dienst. Und Studien, die eine Wirksamkeit der Homöopathie gegenüber einem Placebo-Effekt belegen. Da gerät wohl jeder mal ins Zweifeln. Aufklärende Worte findet Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin: „Natürlich gibt es immer auch positive Ergebnisse. Bei einer in der Wissenschaft akzeptierten Irrtumswahrscheinlichkeit von fünf Prozent sind diese statistisch auch zu erwarten. Tatsächlich werden solche Studien noch viel öfter publiziert. Für eine objektive Einschätzung darf man sich die Studien nicht nach Gusto angucken, sondern man muss alle Studien, die gewissen Qualitätskriterien entsprechen, in sogenannten Metaanalysen auswerten.“ (F.A.S.- Interview)
Auch die Europäische Kommission holte sich Verstärkung aus der Forschung. Wohlgemerkt, um den Antibiotikagaben im Bio-Stall auf den Leib zu rücken. Die Veterinärmediziner Caroline Doehring und Professor Albert Sundrum der Universität Kassel machten genau das, was Ernst erklärt. Sie werteten bereits veröffentlichte Arbeiten aus den Jahren 1981 bis 2014, die sich mit der Wirksamkeit von Homöopathie gegenüber Antibiotika bei Huhn, Milchkuh und Schwein beschäftigten, aus. Die Übersichtsarbeit der Kasseler Forscher wurde kürzlich in der Zeitschrift „Veterinary Record“ veröffentlicht…
…mit spektakulär unspektakulärem Ergebnis: Zwar zeige ein erheblicher Teil der Studien eine höhere Wirkung der Homöopathie gegenüber einer Kontrollgruppe. Nichtsdestotrotz wurde bisher keiner der Versuche unter vergleichbaren Bedingungen reproduziert. Bevor nicht weiter geforscht werde, empfehle sich Homöopathie gegenüber Antibiotika keinesfalls.
Viel aufschlussreicher ist allerdings ein Blick in das Versuchsdesign. Unterm Strich bescheinigten Studien, die mutmaßlich verfälscht waren, der Homöopathie eher eine Wirksamkeit als solche, die ein geringes Risiko hatten, verfälscht zu sein. Beispielsweise wussten Personen, die Ergebnisse auswerteten oder die Tiere versorgten, um welche Versuchsgruppe es sich handelte. Außerdem fehlte es manchmal an einer Kontrollgruppe oder es nahmen zu wenig Versuchstiere teil. Als mutmaßlich verfälscht erwies sich eine Studie, weil alle Forscher für den Anbieter des homöopathischen Präparats arbeiteten. In einer weiteren Studie beschreiben die Forscher, dass sie einige Testergebnisse außen vor ließen, weil sie nicht positiv ausfielen. Und überhaupt hatten nur 13 Versuche aus insgesamt 52 das Potential, unverfälscht zu sein.
Aber auch die Internationale Vereinigung für Veterinärhomöopathie krittelt in eigener Sache an den Ergebnissen: Selten habe ein Tierarzt mit homöopathischer Ausbildung die Therapie im Stall durchgeführt. Das sei schließlich essentiell für die richtige Wahl des Mittels.

Ach ja, mir dämmert es. Der Kranke ist König. Im Netz stöbernd, finde ich folgende Anleitung für eine angemessene Anwendung: Die hochverdünnte Urtinktur Bryonia (Zaunrübe) passt gut zu Hunden, die ihre Ruhe haben möchten. Lässt man ihnen ihre Ruhe nicht, können sie recht böse werden. Auch auf Berührungen sind sie im Krankheitsfall nicht gut zu sprechen, was es dem Tierarzt manchmal schwer macht, den Hund zu untersuchen.
Wie man es dreht und wendet, ein Schlupfloch findet sich immer. Und ziemlich viel Rückenwind haben die Homöopathen sowieso: „Die Zeit ist reif, die Homöopathie als Innovation und Wertschöpfung für die europäische Bevölkerung und die Tiere ernst zu nehmen“ sagt der Europaparlamentarier Dr. Alojz Peterle in einer Videobotschaft für den ersten europäischen Homöopathie Kongress in Wien Mitte November vergangenen Jahres.
Zu Hahnemanns Zeiten hatte die unbedenkliche Behandlung mit Globuli ja noch eine gewisse Berechtigung. Denn die therapeutischen Standards der Medizin bestanden zu einem beträchtlichen Teil aus gefährlichen Mitteln. Wann immer Hahnemann Substanzen wie Tollkirsche und Arsen im Selbstversuch oder an seinen Patienten anwendete, sorgte er durch eine schier endlose Verdünnung dafür, dass niemand zu Schaden kam. Schließlich wollte er keine Todesfälle melden.
Und was ist heute die Moral von der Geschicht? Emotion und Verstand sind seit jeher gleich wichtig, aber liegen nicht immer richtig.