Pop-Anthologie

Linkin Park: „Numb“

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Dieser Song erzählt eine Geschichte, die jeder kennt: von Erwartungen, die man nicht erfüllen kann oder will. Es ist ein Gezänk, das die Zankenden zermürbt – und viel Anklang in der ganzen Welt gefunden hat.

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Chester Bennington (1976-2017), Sänger der Rockband Linkin Park

Jeder kann ein Lied davon singen, und dies ist eines über jene Kette, die sich niemals löst, sondern weitergegeben wird von Eltern zu Kindern, vom Lehrer zum Schüler, von der Frau zum Mann und vom Mann zur Frau, kurz: von jedem zu allen und umgekehrt. „Walk in my shoes!“, lautet der Befehl, den zu befolgen anfangs so leicht scheint. Mit angeborenem Nachahmungstalent wackelt der Toddler fröhlich hinter den Eltern her und will werden wie sie.

Aber so bleibt es nicht, die Konflikte beginnen. Was genau erwartet der Vater vom Sohn, der Mächtige vom weniger Mächtigen? Ein Duplikat, ein Spiegelbild? Aber dann muss das Vorbild auch eindeutig und klar erkennbar sein. Selten genug ist das der Fall, weshalb das gepeinigte Ich nicht weiß, wie es sich verhalten soll: „I don’t know what you’re expecting of me“, singt Chester Bennington. Kopie zu sein reicht offenbar nicht, der Spiegel soll zeigen, was und wie der Vater gern geworden wäre. Nicht erfolgloser Durchschnitt, sondern Überflieger. Nicht missachtet, sondern beliebt.

Als kraftvolle Unterströmung („undertow“) überfluten solche Wünsche das zappelnde Opfer, kollidieren mit dessen Neigungen und erzeugen Schmerz auf beiden Seiten. Der Druck nimmt zu, der Absturz droht wie vorhergesagt: „I know I may end up falling too/ But I know you were just like me with someone disappointed in you“. So läuft es und so geht es weiter. Wer die Enttäuschung der anderen spürt, ist von ihnen genauso enttäuscht. Immerhin hat der Unterdrückte das Muster begriffen, das öde Schema von Anspruch und Versagen, in dem die Agierenden gefangen sind und das in der Liebe oder Freundschaft immer neue Fortsetzungen findet: Einer will seine Regeln, sein Verhalten als Norm durchsetzen, der andere soll nachgeben. Sei wie ich!, lautet die Grundformel, oder, genauer: Sei, wie ich dich wünsche! Ein Gezänk, das die Zankenden zermürbt und betäubt („numb“) zurücklässt.

Dabei verlangt das Ich doch nichts Unmögliches: „All I want to do/ Is be more like me and be less like you.“ Bescheiden klingt das, fast wie eine Bitte: erlaube mir doch endlich, ein wenig mehr ich selbst zu sein! Vor zweieinhalb tausend Jahren beantwortete der Dichter Pindar dieses legitime Begehren mit dem Mutmacher-Spruch: „Werde, der du bist!“ Bei den stolzen Griechen standen diese Worte allerdings nicht im Kontext von „tired“, „numb“ und „smothering“, sondern von Kämpfen und Siegen.

Chester Bennington, der sechs Kinder zeugte, fand trotz kalifornischer Sonne und gigantischer Erfolge die innere Helligkeit nicht, er nahm sich im Juli 2017 das Leben. Im Mashup mit Jay-Z klingt seine Stimme, als schwebe er gerade vom Himmel herab wie einst David Bowie. Schmerzvoller Gesang, kein Gebrüll, keine Revolte – alles kaputt, Besserung nicht in Sicht.

Kein Wunder, dass dieser 2003 aus Linkin Parks zweitem Album „Meteora“ ausgekoppelte Song ein Welt-Echo fand und findet: die Hörer begegnen sich selbst. Auch das Video, bei dem Band-Mitglied Joe Hahn Regie führte, erzählt eine Mobbing-Geschichte, wie sie zu Millionen Biographien gehört.

Wer wäre so gemein, sich nicht mit dem armen Mädel zu identifizieren? Weit über eine Milliarde Mal wurde diese Einladung zu Mitleid und Selbstmitleid bei YouTube aufgerufen.

Gedreht in einem künstlich entfärbten, fahlen Prag, rücken die Bilder das Lied in Kafka-Nähe, vor allem die Sequenzen in der Kirche, die gar nicht in Prag aufgenommen wurden, sondern in Los Angeles. Während die Musiker mit monotonem Gegrummel den „undertow“ beschwören, bearbeiten sie die Instrumente wie mit letzter Kraft, um ihre Beherrscher anzuklagen. „Every step that I make is another mistake for you,“ singt Chester, und ist dieser Satz nicht hundertfach bei Kafka zu lesen?

Das neunte Kapitel seines Romans „Der Proceß“ spielt „Im Dom“, wo der Gefängniskaplan dem auf einen Geschäftsfreund wartenden Josef K. die Parabel „Vor dem Gesetz“ erläutert. Zwar ist „Numb“ nicht mit diesem literarisch-theologischen Unergründlichkeitsstück zu vergleichen, da es ganz in dieser Welt bleibt, aber die bedrückende Atmosphäre und die Verzweiflung der in die Kirche stürmenden jungen Frau wären dem Autor Kafka nur allzu vertraut gewesen. Und hat er nicht die berühmteste schriftliche Vater-Anklage verfasst, eine Sohnes-Rechtfertigung im Bewusstsein der Ohnmacht? Wen marterte zeitlebens das Gefühl, nicht bei sich selbst ankommen zu dürfen? Was „pressure“ und „caught“ bedeuten, haben wir von ihm gelernt.

Wie schön wäre es, wenn der grübelnde Jurist und der ausschweifende Rocksänger einander im Jenseits aufspürten, um mit einem tschechischen Bier auf das Eigene anzustoßen! Kafka verfehlte seinen 41. Geburtstag um einen Monat, Bennington überschritt die 41 und ließ den Tod noch bis zum Sommer warten. Auf Erden waren sie grandios.

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I’m tired of being what you want me to be
Feeling so faithless, lost under the surface
I don’t know what you’re expecting of me
Put under the pressure of walking in your shoes
Caught in the undertow, just caught in the undertow

Every step that I take is another mistake to you
Caught in the undertow, just caught in the undertow

I’ve become so numb, I can’t feel you there
Become so tired, so much more aware
By becoming this all I want to do
Is be more like me and be less like you

Can’t you see that you’re smothering me?
Holding too tightly, afraid to lose control
‚Cause everything that you thought I would be
Has fallen apart right in front of you

Caught in the undertow, just caught in the undertow
Every step that I take is another mistake to you
Caught in the undertow, just caught in the undertow
And every second I waste is more than I can take

I’ve become so numb, I can’t feel you there
Become so tired, so much more aware
By becoming this all I want to do
Is be more like me and be less like you

And I know I may end up failing too
But I know you were just like me with someone disappointed in you

I’ve become so numb, I can’t feel you there
Become so tired, so much more aware
By becoming this all I want to do
Is be more like me and be less like you

I’ve become so numb, I can’t feel you there
I’m tired of being what you want me to be
I’ve become so numb, I can’t feel you there
I’m tired of being what you want me to be


18 Lesermeinungen

  1. Wahnsinn
    Wirklich sehr gut geschrieben und beschrieben. Als eingefleischter Fan der ersten Sekunde dieser Band und hab ich für mich auch schon sämtliche Lieder ausseinander genommen. Besser hätte ich es nicht verfassen können. Sehr gut!

  2. Ich kenne das....
    Numb ist gerade wegen des Textes eines meiner Lieblingslieder von LP….habe gerade diese ganzen Vergleiche hinter mir und doch haushoch verloren, indem mein Mann sich die Frau gesucht hat, die seiner Meinung nach endlich besser in sein Leben und zu seiner Familie ( Eltern und Brüder) passt, als die Frau, mit der er fast 30 Jahre und somit mehr als sein halbes Leben verbracht hat….RIP my Chester

  3. Sprachlos
    Habe es schon mehrmals gelesen, immer wieder aufs neue. Wirklich einsame Spitze, bin echt sprachlos.

  4. Trauer
    Sehr bewegender Artikel und nach nun schon über 2 Jahren ist mir erneut der Hals zugeschnürt. Mögen beide nicht vergessen werden!

  5. Titel eingeben
    Dieser Song ist alles was Linkin Park ausmacht. Absolut fantastisch. Über diesen Song bin ich zum Linkin Park Fan geworden.

  6. Numb
    Genialer Artikel über eines der tollsten Lieder von Linken Park. Sollte uns alle ein wenig nachdenklich stimmen.

  7. Titel eingeben
    Absolut genial!

  8. Super
    Ganz toller Artikel

    • Wundervoller Beitrag
      Was für ein wunderschöner Beitrag. Er hat mich zu Tränen gerührt und nachdenklich gemacht. Er liest sich ganz hervorragend und die Vergleiche, die angestellt werden, sind einsame Spitze.
      Das alles hat mich sehr berührt. Vielen Dank dafür.

  9. Einfach Weltklasse
    Danke für diesen schönen Beitrag, Frau Trahms.
    Er erinnert zugleich an zwei Menschen aus zwei Epochen die zugleich eine Person hätte sein können. Aus Literarischer und Dramaturgischer sicht versteht sich.
    Vielen Dank an LP dass sie es geschafft haben, so viele Leute zu bewegen sich selbst zu finden und ihren eigenen Weg zu gehen.

  10. Schade
    Es tut weh.Wenn jemand durch Depressionen keinen anderen Ausweg mehr findet.

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