Das Pop-Tagebuch

Operationen am offenen Musikmuskel

Vor einigen Tagen wurde mir in einer ambulanten Operation ein Muttermal unterhalb des Brustbeins entfernt. Das ist doch mal ein vor Distinktion nur so dampfender Einstiegssatz für einen Blog zum Thema Pop! Doch hören Sie weiter. Während ich nämlich da so unter dem grünen OP-Tuch lag und sich der Arzt und seine OP-Schwestern über mich beugten, wurde ich der Tatsache gewahr, daß der OP-Saal mit dezenter, vermeintlich beruhigender Musik beschallt wurde. Ich hörte ein wenig genauer hin und musste feststellen, daß mir mein liebgewonnenes Gewebe zu den Klängen einer von einer Flamenco-Gitarre angeführten Instrumentalversion von Kelly Clarksons Schmierballade „Breakaway“ entnommen wurde. Antiseptische Muzak für OP-Säle – toll!

„Was machen Sie denn so beruflich?“
„Ach, ich bin Musiker.“
„Oh, wie interessant. Habe ich denn schon mal etwas von Ihnen gehört?“
„Na ja, ich spiele gelegentlich in der  Tour-Band von Max Mutzke, und ich produziere mit einigen Kollegen beruhigende Musik für OP-Säle“.
„Ah.“

Während schon Jod über mich gegossen wurde, kam ich zu der Erkenntnis, daß es sich bei den OP-CDs natürlich um keinen speziellen Sub-Markt der Ruhigstellungsmusik handeln kann, sondern daß es vielmehr dieselben Produktionen sind, die auch die Hotelaufzüge und Wellness-Wiesen dieser Welt mit Funktionsakustik bedudeln. Eine flamencoisierte Version von „Breakaway“ gibt somit Anlass über den Niedergang der gesamten Fahrstuhl- und Berieselungsmusik nachzudenken: Ob man früher (= bis in die achtziger Jahre hinein) ähnlich wie man zu Bert Kaempfert Aufzug gefahren ist, auch zu Bert Kaempfert-Musik operiert wurde? Aber nein: Früher haben Ärzte lediglich zum Geräusch des eigenen Atems und vielleicht noch zu Gesurre und Gefiepe inzwischen altertümlicher OP-Geräte geschnetzelt. Diese Geräte genießen heute in der Retro-Möbel-Szene bestimmt beträchtlichen Wert und stehen, inzwischen zum Knabbergebäckhalter umfunktioniert, in den detailversessen eingerichteten Behausungen wohlfeil frisierter Sixties-Fans vermutlich gleich neben der Bar. Wo der Rest dieser Geräte gelandet ist, kann man sich auch denken: in den Händen emsiger Trash-Filmer, welche die in kühlem Chrom erglänzenden Gerätschaften als Raumschiff-Requisiten für Science Fiction-C-Movies benutzen.  
Kurz nach dem „Breakaway“-Fadeout war ich fertig. Mir ist in dieser kurzen Zeit aber auch klargeworden, daß ich lieber nicht zu persönlicher Lieblingsmusik an mir herumgeschnibbelt haben möchte. Wenn ich mir vorstelle, man entnähme mir etwa zu Bob Dylans lebensmüder Platte „Time Out Of Mind“ ambulant irgendwelche Dinge, wird mir gleich ganz anders.

Apropos: Es hat sich herumgesprochen, daß der beliebte Liedermacher und vokale Experimentalist Bob Dylan Ende April ein neues Album herausbringen wird. Den enthemmten Dylan-Fan in mir freut das natürlich massiv, und es ist derselbe enthemmte Dylan-Fan (und nicht der Kritiker!), der die Begleitumstände dieser Veröffentlichung in geradezu insektenforscherischer Manier verfolgt.  Denn diese Detailversessenheit ist es schließlich, die den Dylan-Fan erst vom Dylan-Interessierten unterscheidet. Es ist wohl generell erst diese Detailversessenheit, die einen Fan ausmacht. Wovon auch immer.
Der besondere Unterschied zwischen Dylan-Fans und anderen Musikfans ist allerdings der, daß Außenstehende, die dem Gespräch zweier Dylan-Anhänger beiwohnen, den Eindruck gewinnen müssen, die Unterhaltung ranke sich weniger um einen Musiker, als vielmehr um ein Naturereignis. Es ist oft, als gehe es um eine Landschaft, die man seit Jahren immer wieder bereist und die einem ständigen Wandel unterlegen ist, den man mal voller Sorge um seinen Niedergang, dann wieder völlig beruhigt begleitet.
Zur neuen Platte, die ausgewählten Journalisten von einem Plattenfirmenmitarbeiter in der vergangenen Woche vorgespielt wurde, weiß man mittlerweile soviel: Sie soll einen deutlichen southern border-Anklang haben und den auf den letzten Platten eingeschlagenen rustikalen Live-Sound fortführen. Produziert hat abermals der enge Vertraute Jack Frost, mit dem Bob Dylan ja sogar schon mehr als häufig den Schlafsack geteilt hat (Injoke! Injoke!). Eins muss gesagt sein: Das Cover, das staunenden Newsletterempfängern in der letzten Woche präsentiert wurde, sieht aus, als hätten es sich Kid Rock und der Bassist von Aerosmith am Telefon ausgedacht: hochamerikanisierter Roadmovie-trifft-Jeanswerbung-Kitsch im Früh-Neunziger-Schwarzweiß-Look. Man muss schon ein ganz besonders großer Dylan-Fan sein, um selbst hinter einem derart fiesen Cover, das auch einen „Power Ballads“-Sampler (mit Kelly Clarksons „Breakaway“ darauf) schmücken könnte, einen durchtriebenen Winkelzug des Unergründlichen zu vermuten. Ich tue das natürlich.

Ich muss hier kurz innehalten, denn Gemurmel dringt an mein Ohr: „Ein Pop-Blog soll das sein!?“, dröhnt es aus den weiten Canyons des Internet. „Was schreibt der Typ über Lehnstuhl-Musikanten wie Dylan?! Wir wollen Pop, keine fade Folklore! Wir wollen Glitzer! Glam! Kostüme! Aufpeitschende Rhythmen, zu denen wir in endlosen Samstagnächten unsere klapperdürren Leiber verbiegen können!“
Na, gut, dann schreibe ich eben über die Dylans des Elektropop, die Pet Shop Boys, über deren neue Platte man ja auch gerade überall lesen kann. Die Pet Shop Boys sind mir sympathisch, aber relativ egal. Ersteres wurde vor allem durch ein Interview befeuert, das ich vor einigen Jahren mit den beiden Herren machen durfte. Bei diesem Gespräch benahmen sich Neil Tennant und Chris Lowe wie zwei aufgekratzte, homosexuelle Modedesigner, die unentwegt nur giftschnäuzig über alle möglichen Kollegen herzogen. Ich habe viel gelacht bei diesem Interview, das passiert mir nicht oft in Anwesenheit von Musikern. Ansonsten schätze ich die Band dafür, daß sie es geschafft hat, über so viele Jahre trotz ihrer distinguierten Ästhetik so viele Menschen anzusprechen. Gegen die Pet Shop Schnösel ist ja selbst der von seiner mühevoll kultivierten Weltfremdelei geplagte Morrissey ein volkstümlicher Ranschmeißer. Konkret ist den Pet Shop Boys für die folgende, auf dem neuen Album enthaltene Zeile zu danken: „I’m building a wall/a fine wall/not to keep you out/more to keep me in“.

„Nun hört euch den feinen Herrn Pop-Blogger an: die Pet Shop Boys also!“, krakeelt es nun wieder. „Die sind doch auch schon zusammen über hundert Jahre alt“. Stimmt, und sie sind nur zu zweit. Auch gut, dann schreibe ich eben über einen Musiker, auf den sich derzeit eine nur als breit zu bezeichnende Masse einigen kann: Peter Fox. Als der kürzlich in der von mir trotzig weiter als Kölnarena bezeichneten Lanxess-Arena konzertierte, war ich der einzige von etwa 18.000 Zuschauern, der saß. Das lag weniger an akutem Missfallen, als vielmehr an einer Grippe, die mich ins Möbel zwang.  Was Peter Fox da auf der Bühne von Deutschlands größter Arena veranstaltete, war nämlich absolut achtbar, vor allem, wenn man bedenkt, daß Musiker, sobald sie in Ü-10.000er-Hallen auftreten, stets meinen, sich zum Zwecke der Schauwertsteigerung blöde Bühnenkonzepte aufschwatzen lassen zu müssen. Längst stützt sich jede große Pop-Arena-Show auf die choreographisch und bühnenbildnerisch umgesetzten Erlebniswelten Zirkus, Weltreise oder Porno. Oft gibt es auch alles drei durcheinander. Bei Peter Fox dagegen wurde fast nur Musik gemacht; ein paar Affenmasken wurden getragen, ansonsten stand, um es in der Sprache wertkonservativer Rocklexika auszudrücken, die Musik im Vordergrund. Lediglich die vier Trommler der berühmten amerikanischen Drumline Cold Steel sorgten für durchaus angenehmen Schauwert.
Haarsträubend dagegen das Vorprogramm: Eröffnet wurde der Abend leider von einer nur mit viel gutem Willen als „quirlig“ zu bezeichnenden Reggae-Sängerin namens Ce’Cile – „straight from Jamaica“, wie sie selbst und ihr mitgebrachter handtuchschwingender Anheizer nicht müde wurden zu betonen. Selbst reggaefreundlichen Menschen wie mir, ging ihr klischierter Folklore-Käse aber rasch auf die Nerven, und selbst dem in mildeste Güte gerauchten Kiffer müsste ihre Musik eigentlich das Hasch aus der Mischung blasen. „If you love Jamaica, if you love Bob Marley, please lighten up your cellphones“, brüllte sie einmal. Und kam sogar damit durch. Hätte ich über intakte Stimmbänder verfügt, so hätte ich an dieser Stelle wohl geschimpft, aber die neben mir aufflammenden Grußadressen an Bob Marley und Jamaika zeigten, daß dies hier vielleicht einfach nicht meine Party war.  Ich schwieg also und halte nur fest, daß es  schon erstaunlich ist, wie sich Reggae in den letzten Jahren vom übel beleumundetsten Musikgenre aller Zeiten zum Basis-Fond so vieler Mainstream-Produktionen gemausert hat.

Zu Reggae möchte ich übrigens bei aller Sympathie auch nie operiert werden. Dann schon lieber zu „So nah am Feuer“ von Stefan Waggershausen und Alice. Womit ich zum Abschluss dieses Textes meinen Lesern, nicht ganz schalkfrei, einen Ohrwurm eingepflanzt zu haben hoffe.

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