Das Pop-Tagebuch

Ohne Musik grillen, aber mit Musik plappern

Immer diese Realität mit ihren blöden Einfällen!
Gerade läuft das neue Phoenix-Album. Eine gute Platte, wie immer bei dieser besonderen Band. Doch wird mir der Genuss der Platte empfindlich vergällt durch eine Horde Nachbarn, die mir böse von draußen in die Wohnung hineingrillt. Also: Fenster zu. Zwangsabschottung, und das zu dieser Jahreszeit. Und bei dieser Musik.

Aus der Warte des greisen Musikkritikers, der alles natürlich schon siebzehnfach gehört hat, könnte man sagen: Phoenix sind Steely Dan für Download-Jugendliche. Aber ich habe das Glück, gar nicht soviel von Steely Dan zu kennen – eine Äußerung, mit der ich mich in den Augen vieler vermutlich mit Schmackes ins musikjournalistische Aus schieße. Das ist womöglich so ähnlich wie ein Filmkritiker, der Tarkowski für einen russischen Korn hält. Das ist mir aber ziemlich egal. Ohne etwas gegen die Band zu haben, halte ich also noch mal in aller Deutlichkeit fest: Ich kenne kaum etwas von Steely Dan. Das hat sicher auch damit zu tun, daß Steely Dan gemeinhin von Musikkritikerseite gerne zugeschrieben wird, sie hätten einige der wichtigsten Alben der Musikgeschichte zusammengedudelt. Das mag sein. Aber die meisten wichtigen Alben der Musikgeschichte mag ich gar nicht. Vor allem nicht jene, auf denen Led und Zeppelin steht oder Depeche und Mode oder Radio und Head, dann schon wesentlich lieber die mit Steely und Dan, wobei Steely für mich ganz klar derjenigen von den beiden ist, der die besseren Hosen anhatte.

Womöglich wird das irgendwann aber noch mal etwas mit Steely Dan und mir. Ich bin nämlich ein Phasenmensch. Schon meine Mutter sagte immer zu mir: „Sohn, du bist ein Phasenmensch, du wirst es schwer haben, aber versuch es als Chance zu begreifen“. Ich kann jederzeit mit allen möglichen musikalischen Spielarten und Bands eine Phase bekommen, häufig mit solchen, die bis dahin stets starkes Misstrauen, wenn nicht sogar Ablehnung in mir hervorgerufen haben. Von daher gehe ich davon aus, daß ich irgendwann noch mal in eine ausgeprägte Led Zeppelin-Phase geraten werde. Bei allen Menschen, die mich in dieser Phase kennen lernen werden, möchte ich mich schon jetzt präventiv entschuldigen, vor allem für das Tragen von fransigen Jeanswesten. Ich werde wohl nicht anders gekonnt haben.

Nun aber läuft erst einmal Phoenix, die wieder einmal klingen wie eine Horde französischer Austauschroboter in einem hippen Mädchenpensionat. Und die Nachbarn grillen weiter. Ich öffne das Fenster einen spaltbreit. Mir fällt auf, daß die Nachbarn ihr schauerliches Treiben nicht mit Musik untermalen – das gibt es ja heute fast gar nicht mehr: Sachen, bei denen keine Musik läuft. Aber die grillenden Outdoor-Vulgaristen brauchen auch gar keine Musik, denn sie reden viel. Weniger allerdings als die Menschen vor ein paar Tagen beim Kölner Konzert der tollen Holly Golightly (die ich gerne als große Schwester hätte, aber das nur am Rande). Mir ist es vergleichsweise unverständlich, wie man Eintritt für ein Konzert bezahlt, auf dem man dann herumsteht und ununterbrochen einander vollplappert und überhaupt nicht der Musik zuhört. Überall ist Musik, meistens schlechte. Und wenn sie dann mal gut wird, wird sie von allen zugequatscht. Zum Glück ist Holly Golightly eine robuste Frau. Sie freute sich an den begeisterten Zuhörern und ließ sich die Laune vom Heer der Plapperer nicht verderben.

Besagtes Laber-Heer bestand übrigens keineswegs nur aus undankbarem Download-Gesindel, auch junge Burschen des Typs „hysterischer Vinylsammler“ quatschten, daß es nur so qualmte. Mir ist übrigens vor einigen Tagen in einem Gespräch aufgefallen, daß ich noch nie einen Song irgendwo herunter geladen habe. Weder legal, noch illegal, vor allem aber nicht illegal. Ich habe auch noch nie einen Frosch aufgeblasen, mit einer Schlange gekämpft, ein Haus gebaut, mich geprügelt, Heroin genommen oder an einem Wettreiten auf dem Rücken purpurfarbener Phantasietiere teilgenommen, aber die Sache mit dem Nichtherunterladen scheint mir aussagekräftiger.
 
So ganz passt das jetzt nicht. Aber hier eine Liste von zehn weiteren Pop-Gepflogenheiten, die ich noch nie praktiziert habe:

1.) Ich habe mir noch nie auf einem Konzert mein T-Shirt vom Leib gerissen.
2.) Ich habe noch nie auf einem Konzert mitgeklatscht. (Mitklatschen ist das Schlimmste – und leider ja inzwischen auch auf Indie-Konzerten, wo früher mürrisches Umherstehen zum guten Ton gehörte, angekommen. Noch schlimmer ist, daß auch so genannte „coole“ Bands inzwischen Mitklatsch-Animation betreiben, als gelte es jahrzehntelang zu Recht geschmähte Klatschmärsche bei „Der blaue Bock“ und sonst wo zu rehabilitieren. Wer weiß, worin der Reiz des Mitklatschens besteht, der möge es mir dringend mitteilen)
3.) Ich habe noch nie Pogo oder Stagediving betrieben, auch habe ich noch nie bei einer Wall of Death mein Mütchen gekühlt, noch sonst irgendwelchen martialischen Formen des Tanzes gefrönt.
4.) Ich habe noch nie „Buh“ gerufen, noch sonst auf irgendeine Art meinem Missfallen an der Musik durch lautstarke Bekundungen Ausdruck verliehen. Auch geworfen habe ich noch nie etwas.
5.) Ich habe noch nie auf einem Konzert endlose verwackelte Schrottaufnahmen mit dem Handy gemacht und anderntags bei youtube eingestellt (damit die Leute, denen man die ganze Zeit das Handy vor die Nase gehalten hat, wenigstens bei youtube das Konzert sehen können)
6.) Ich bin noch nie zu einer Autogrammstunde gegangen (habe mir aber schon Autogramme geben lassen)
7.) Ich war noch nie freiwillig Mitglied in einem Fanclub (wurde aber schon von witzigen Freunden, die mich ärgern wollten, im Heinz Rudolf Kunze-Fanclub angemeldet)
8.) Ich habe noch nie gescratcht
9.) Ich habe mich noch nie für einen Schwarzen gehalten
10.) Ich habe noch nie DSDS für  „Pop“ gehalten

Hier muss ich nun für heute enden, da es soeben klopft. Vermutlich steht eine Creedence Clearwater Revival-Phase vor der Tür und bittet um Einlass. Vielleicht sind es aber auch nur die nachbarlichen Bratmaxe, die mich hinzu bitten möchten. Dann beginnt womöglich eine Bratphase.

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