Das Pop-Tagebuch

Das Pop-Tagebuch

Popmusik, so ist verstärkt zu hören, ist ein von der totalen Entwertung bedrohtes Kulturgut. Und wie fast alles, was keinen Wert mehr hat, ist auch

Das Duo Rosenstolz will einen Sitzrasenmäher aus mir machen

Wie ähnlich darf man einem Popstar sehen – und wie ähnlich sollten Popstars sich selber sehen. Eric Pfeils Pop-Tagebuch führt diesmal in die Abgründe der Impersonatoren-Kultur. Außerdem: Warum Musiker in ihrer Freizeit nicht malen, klettern oder schießen sollten.

Um möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren wollte ich zu Beginn des dieswöchigen Blogs eigentlich das Duo Rosenstolz mit einem Sitzrasenmäher vergleichen, aber Wichtigeres zwingt mich, von diesem spekulativen Ansinnen abzulassen. Denn: Der große Daseinsentnervte und selbsternannte Nicht-Performer Morrissey hatte die Güte, in meiner Heimatstadt Köln zu spielen. Dort, wo sich sonst Schnauzbärte in karnevalistischer Fröhlichkeit dem Himmel entgegenzwirbeln, wurde auf den Gehsteigen der Brokat ausgerollt, und selbst abgestumpfte Fleischfetischisten zeigten sich bemüht, nicht mit übelriechender Hackfleischfahne zu des strengen Vegetariers Darbietung aufzulaufen.
Das Konzert geriet natürlich famos: Der Meister schwang die Mikrofonkabelpeitsche, und für alle kleinen Leute, die wieder nur seine Haartolle und die Lichtanlage sehen konnten, spielte er sogar „Some Girls Are Bigger Than Others“.

Zu meiner Begeisterung musste ich feststellen, daß neben Britpop-Soldaten, Indie-Mädchen, sensiblen älteren Männern, angejahrten Pop-Schnöseln und gen Besinnungslosigkeit getrunkenen Hobby-Hooligans auch einige Impersonatoren zugegen waren: Menschen, die sich mithilfe keck emporgefönter Haartollen und feinem Geschmeide darum bemühten, ihrem Idol möglichst ähnlich zu sehen. Diese zutiefst devote Form des Fantums fasziniert mich seit jeher. Leider bringe ich selbst nicht die nötige körperliche Rohmasse mit, um auch nur halbwegs wie Morrissey aussehen zu können, aber wenn ich mal mehr Zeit und Ruhe habe, will ich auch irgendein Impersonator werden – und wenn es nur ein Impersonator vom Cousin des Scooter-Keyboarders oder des Tour-Schlagzeugers von Klaus Lage ist.

Vielleicht würden die Morrissey-Impersonatoren aber diese Bezeichnung auch von sich weisen. Vielleicht sehen sie sich eher als Look-alikes, wobei das meines Erachtens Unsinn wäre, denn ein Look-alike von, sagen wir, Waldemar Hartmann sieht einfach nur zufällig aus wie Waldemar Hartmann, wohingegen der Waldemar Hartmann-Impersonator – aus welchen Motiven auch immer – willentlich danach trachtet, auch bei nur geringer tatsächlicher Ähnlichkeit und durch das Kopieren von Frisur, typischen Kleidungsstücken und Accessoires möglichst stark nach Waldemar Hartmann auszusehen.

Die Morrissey-Impersonatoren, derer ich beim Konzert gewahr wurde, würden allerdings bei jedem Ähnlichkeitswettbewerb schon nach wenigen Minuten der Tür verwiesen – mit der Bemerkung, daß der Götz Alsmann-Contest zwei Etagen höher stattfindet. Weitaus mehr beeindruckt war ich im Herbst letzten Jahres beim Udo Lindenberg-Konzert, als in der Warteschlange vor der Halle zwei Udos, komplett mit gestreifter Röhrenhose, Sonnenbrille und Hut, vor mir standen und sich in zerknautschter Sprache völlig ernst miteinander unterhielten. Selten war meine Contenance so gefordert wie hier.
Das Lindenberg-Konzert selbst war eher so mittel. Zumindest brachte es die Erkenntnis, daß der Mann vor allem deshalb eine Sonnenbrille trägt, um sie möglichst oft abnehmen zu können. Ich glaube, ich mochte ihn vor seinem Comeback ein bisschen mehr als jetzt, aber das ist womöglich ein wenig distinktionsbegierig. Man musste ihn früher einfach ein bisschen mehr verteidigen – und das war reizvoll: Wann immer törichte Zeitgenossen sich allzu pauschal über das „peinliche Genöle“ echauffierten, konnte ich, um entspannt das Genie des Gronauers zu demonstrieren, ein paar Lindenberg-Zeilen aufsagen. Zum Beispiele diese aus seinem Kracher „Gegen die Strömung“: „Ich geh mit dir durch Dick und Dünn/Aber nicht durch Dick und Doof/Bitte schmeiß nicht gleich unsre Liebe weg/wenn ich mal mit ner andern poof“. Allerdings gibt es von Udo Lindenberg etwa 354 Songs, welche die diesem hübschen Vierzeiler innewohnende Freiheitsthematik noch weiter und flacher auswalzen und dabei allenfalls in nano-eskem Ausmaß variieren.

Allem Lindenrauschen abgeneigt zeigte ich mich jedoch stets, wenn – deutlich vor dem Comeback – allzu oft in TV-Magazinen die Information verbreitet wurde, daß der mild angejahrte Deutschrockpionier in seiner freien Zeit mittels Likörfarbe hingetupfte Bildchen – oder wie er es nennt: Likörelle – malt, die aussehen wie in ländlichen Pfarrheimen ausgestellte Freizeitarbeiten rotbebrillter Damen mit sozialdemokratischem Hintergrund. Überhaupt sollten Rockmusiker ihre Malarbeiten nicht öffentlich ausstellen. Beziehungsweise: Sie sollen das ruhig machen, aber man geht besser nicht hin, um sie anzuschauen. Als ich kürzlich einen befreundeten Maler fragte, welcher nebenbei malende Rockmusiker denn eigentlich die besten Bilder zusammenpinsele, versank dieser in langes Schweigen. Als ich, durch das Schweigen ein wenig peinlich berührt, ihn zu wecken versuchte, indem ich Don van Vliet (alias Captain Beefheart) vorschlug, sah er mich nur kurz müde an – und schwieg weiter.

Es scheint, als sollten Musiker besser andere Hobbies pflegen: Bob Dylan, so ist zu hören, boxt ja dann und wann, Sting wiederum betreibt Tantra-Sex und pflanzt die Toskana mit Wein voll; Lloyd Cole spielt Golf, Kelly Deal von den Breeders strickt Taschen, Keith Richards klettert ohne Helm auf Palmen, und Phil Spector schießt und twittert. Auch nicht gut. Vielleicht gibt es ja auch Popstars, die in ihrer Freizeit regelmäßig zu  Ähnlichkeitswettbewerben ihrer selbst gehen – nur um dort zu erfahren, daß sie sich nicht ähnlich genug sehen, wie es Charlie Chaplin einmal erging, als dieser es in den 30ern bei einem Chaplin-Ähnlichkeitswettbewerb nicht mal in die letzte Runde schaffte. Ähnlich muss sich der Hobby-Boxer Bob Dylan gefühlt haben, als er 1984 bei „We Are The World“ mitschmetterte und von Produzentenseite gesagt bekam, er klinge nicht genug nach Bob Dylan, woraufhin ihm Stevie Wonder Nachhilfe in Dylan-typischer Intonation erteilte.
Wenn ich mir eines Tages mal nicht mehr ähnlich sehen oder klingen sollte, möchte ich auch gerne von Stevie Wonder wieder auf den rechten Weg gebracht werden. Ich würde aber auch Morrissey oder Waldemar Hartmann als Selbstfindungscoach akzeptieren. Rosenstolz aber ausdrücklich nicht, die wollen doch eh nur meine Seele und mich auf ihre Seite ziehen, um dann auch einen Sitzrasenmäher aus mir zu machen.