Das Pop-Tagebuch

Das Pop-Tagebuch

Popmusik, so ist verstärkt zu hören, ist ein von der totalen Entwertung bedrohtes Kulturgut. Und wie fast alles, was keinen Wert mehr hat, ist auch

Lederne Lungen und lodernde Lupos

Vor lauter Pop das Musikhören nicht vergessen! Neue Platten von Florence & The Machine, Jamie T, Jochen Distelmeyer, den Goldenen Zitronen und Edward Sharpe & The Magnetic Zeros im ersten Hörtest.

Nach monatelanger selbstloser Recherche in den nächtlichen Nischen der Ausgehkultur komme ich endlich mal wieder zur für einen Musikkritiker ja nicht gänzlich unbedeutenden Disziplin des Musikhörens. Ich habe die Rollläden heruntergelassen, Klingel und Telefon abgestellt und mich vor einem hohen CD-Stapel versammelt. Los geht’s…

Ein recht allgegenwärtiges Thema ist die Londoner Sängerin Florence Welch alias Florence & The Machine. „Lungs“ heißt ihr Debütalbum, und auf dem Cover der Platte trägt sie in entrückter Feen-Pose eine lederne Lunge um den Hals. Das sagt schon recht viel. So eine Umhänge-Lederlunge hätte ich auch gerne, damit könnte ich bei der nächsten Burlesk-Party eine ziemlich große Nummer werden. Apropos Burlesk-Party: Das gegenwärtige Burlesk-Revival, das zur Folge hat, daß selbst in Eckkneipen halbnackte Tänzerinnen mit Federboas und Lamettaperücken herumspringen, finde ich relativ ulkig. Für ein endgültiges Verdikt brauche ich aber noch Zeit – und ich muss zu mehr Burlesk-Abenden gehen. Zurück zu Florence & The Machine: Schaut man sich Videos der Dame an, merkt man rasch, daß hier ein bohèmes, dem Gauklertum nicht abgeneigtes Glam-Hippietum gepflegt und Unnahbarkeit und Geheimniskrämerei wieder zur Tugend erhoben werden. Das Schöne an der Sache: Was Florence Welch da treibt, ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was die meisten anderen britischen Pop-Frauen – von Amy McDonald über Lily Allen bis Kate Nash – in den letzten Jahren so veranstaltet haben. Denn nichts ist so schlimm wie dieser in seinen eigenen Akzent verknallte, brüllend banale Alltagsbeobachtungspop, in dem es fortwährend um nicht zurückgegebene DVDs, Marihuana-Einkäufe, Spielkonsolen, morgendliche Busfahrten, Rumhängerei, Mädchenabende und ähnlichen öden Schmonz geht. Schon ein Großteil der sogenannten Popliteratur litt ja unter dem Missverständnis, daß es reicht, seinen trivialen, Pop-verschnittenen Alltag abzubilden. Wenn die Musik selbst dies auch noch tut, wird es irgendwann wirklich öde.

Bei Florence & The Machine wird stattdessen munter geheimnisvolles Zeug gesungen. Oder kindische Düsternis verbreitet: In „My Boy Builds Coffins“ heißt es: „He’s made one for himself/one for me too/and one of these days/he’ll make one for you“. Die Musik dazu verrührt Ideen und Stimmungen, die man von Kate Bush, Adam & The Ants und diverse 80er-Pathetikern kennen könnte. Wie so oft siegt allerdings die Stimmung über den Song – und die Person über die Musik: Florence Welch scheint eine tolle Type zu sein, mit der man gerne mal zum Sarg-Probeliegen gehen oder gemeinsam bei einer Karaffe Absinth den Film „The Wicker Man“ (das Original!) anschauen würde. Aber wie so oft fehlt es leider an wirklich zwingenden Songs. Eine Meinung, von der ich mir vorstellen könnte, sie nach einigen Hördurchgängen zu revidieren. Vorläufiges Urteil: 3 von 5 Lederlungen.

Ich wechsele den Austragungsort meiner kleinen Abhörsause und wechsele ins Auto. Beim Autofahren höre ich inzwischen am liebsten Musik. Woran dies liegt, mag bitte ein Musikpsychologe (oder sonst jemand, der sich beruflich mit dem Zusammenhang von Autofahren und Musikhören befasst) klären. Seit einigen Jahren nenne ich ein Chevrolet Malibu SS 283 mein Eigen, der bis auf einen leichtes Knattern im Rückwärtsgang…nein, Stop: Ich besitze eine roten VW Lupo – ein Zahnarzthelferinnenauto, das mir vor einigen Jahren von einer Freundin vermacht wurde. Ich glaube, ich sehe ein bisschen doof in diesem Auto aus, aber das ist mir egal.

Erste CD im Auto-Player: Jamie T. Auch diesen jungen Burschen könnte man in den großen Sack mit den Alltagsbeobachtungspoppern stecken, aber er ist der Einzige, der heil wieder aus dem Sack heraus darf, bevor der große Knüppel herniedersaust. Das liegt zum einen daran, daß Jamie Ts Londoner Pommesbuden- und Hochhaus-Akzent so prall ist, daß man als Nicht-Brite eh kein Wort versteht. Zweitens ist dieser wibbelige, krummzahnige Energiespund seinen Mitbewerbern durch musikalisches Wissen (Ska! Dylan! Billy Bragg!!) haushoch überlegen – und drittens vermengt er auf seinem tollen, demnächst erscheinenden zweiten Album HipHop, Reggae, Songwriterzeug und Punkrock weniger, weil er so wahnsinnig gerne Stile verpanscht, sondern, weil all diese Spielarten tief in seine musikalische Persönlichkeit tief eingesickert sind. Ich hatte kürzlich das Vergnügen, den jungen Mann zum Interview zu treffen. Er trank viel Dosenbier, rauchte erbarmungslos und gab sich so charmant großspurig, daß ich nach dem Interview geneigt war, diesem Typen die Hauptrolle in meiner nächsten britischen Arbeiterklassen-Tragikkomödie zu geben. Das Album kommt Ende August, den Hit „Sticks’n’Stones“ kann man bestimmt schon irgendwo runterladen – oder sich als Clip bei youtube anschauen. Falsch – man kann nicht, man sollte! Vorläufiges Urteil: 4 Bierdosen für ein Halligalli.

Na fein, soeben hat mich ein frisiertes Mofa überholt, und der Platz wird auch schon wieder knapp. Der Rest erfolgt daher in gebotener Kürze:
Äußerst fasziniert bin ich von Edward Sharpe & The Magnetic Zeros, der neuen etwa 10-köpfigen Band des Ima Robot-Chefs Alex Ebert. Im Laurel Canyon ansässig, wird es die Band schwer haben, nicht überall das Wort „Hippies“ hinterhergebrüllt zu bekommen: Man bemalt sich gern, trägt das Haar nachlässig lang und neigt zum freien Oberkörper. Aber die Musik klingt so hippiesk nun auch wieder nicht. Eher als würde eine besoffene Kinks-Coverband auf einer Italowestern-Motto-Hochzeit mit viel Willen zum schwelgerischen Gecroone auf einen Hare Krishna-Chor treffen. Lange keine so überschwängliche und jauchzende Platte mehr gehört; die ersten sechs Songs können riesige Löcher in jede noch so gute schlechte Laune schießen. Bei youtube kann man schon mal den Hit „Home“ bestaunen. 4einhalb Raketen im Nachthimmel!  

Auch die stets verlässliche Ü-40-Linke Hamburgs schlägt zurück: Im Oktober gibt es Neues von den unersetzbaren Spaßverderbern von den Goldenen Zitronen, die sich unter anderem des allgegenwärtigen Silbermondleuchtens in der Popmusik angenommen haben. Und beim ersten Hören von Jochen Distelmeyers erster Soloplatte seit der Blumfeld-Auflösung (Titel: „Heavy“, VÖ: September) muss ich tatsächlich rechts ranfahren und kann nur noch ergriffen zuhören: Zehn neue Songs, die in gewohnt klarer Sprache so wichtige Themen wie Liebe, Hass und Identität abtasten – gesungen mit dieser protestantischen, furchtlosen Stimme. Ich schwelge. In einem roten Lupo. Das Leben steckt voller Möglichkeiten.