Das Pop-Tagebuch

Steile Thesen vom Flohmarkt: Die Spex über 20 Jahre später

Ich glaube, der vorliegende Text ist eher spröde. Damit er trotzdem gelesen wird, behaupte ich an dieser Stelle einfach mal, daß sich darin der Schlüssel zur Beendigung des Terrorregimes von deutschen Gruselmusikanten wie Ich & Ich oder Culcha Candela findet. Man muss nur suchen…

Flohmärkte sind ja Orte, die es eigentlich zu meiden gilt, ersteht man dort meistens doch nur Sachen, die der weiteren Wohnungsberümpelung dienen. Dinge wie: Neil Diamond-Platten, bollerige Retro-Aschenbecher, zu enge Lederjacken, unvollständige Südamerikapuzzle (mit fehlendem Französisch-Guayana), Anti-Rauch-Ratgeber oder Obstschalen, von denen im Grunde niemand wirklich sagen kann, ob sie nun sehr schön oder sehr hässlich sind (deshalb: einfach mal mitnehmen). In der vergangenen Woche aber wurde mir durch einen Flohmarktkauf nachhaltige Beglückung zuteil.

Meine popkulturell verwegenste Tat der letzten Woche bestand nämlich darin, mir auf dem Flohmarkt alte SPEX-Hefte aus den späten Achtzigern und frühen Neunzigern nachzukaufen. 4 Euro für sechs SPEX-Ausgaben aus den Jahren 1988 bis 1993 – besser kann Geld kaum ausgegeben werden! Ich will in Formulierungsfragen nicht knauserig sein und behaupte hier deswegen mal pathetisch, daß ich ohne die SPEX der Achtziger und frühen Neunziger nicht auf den richtigen Weg gekommen wäre. Hätte es damals die SPEX nicht gegeben, ich wäre womöglich Fun-Punker geworden. Ich wäre dann heute also ein alternder Fun-Punker, und besorgte Mütter meines Viertels, die meines fun-punkigen Outfits gewahr würden, müssten schützend ihre Kinder von mir wegzerren und „Linus! Zoe! Kommt da weg, das ist ein alter Fun-Punker!“ kreischen.

Kritiker werden womöglich unter mürrischem Gesichtsrunzeln anmerken, daß wenn Musikschreiber jetzt schon olle Pop-Heftchen aus dem letzten Jahrhundert auf dem Flohmarkt erwerben, der Musikjournalismus wohl bitteschön endgültig nach hause gehen und sich in die Hängematte legen kann. Das mag sein, ist mir aber egal. Der Kauf bescherte mir ungekannte Wonnen, und viele Artikel lesen sich heute noch sextrem faszinierend, erhellend und hirnausbeulend. Zum Beispiel die vollkommen hysterische Coverstory der Ausgabe 09/1988 über die Goldenen Zitronen, geschrieben von Clara Drechsler. Der Artikel enthält unter anderem den großartigen, hier mal keck aus dem Zusammenhang gerissenen Satz „Nach den Ärzten darf von deutschem Boden nie mehr Humor ausgehen (…)“. Es geht in dem Artikel auch ausgiebig um Hippie-Feindlichkeit. Die Goldenen Zitronen hatten nämlich auf ihrem zwei Jahre zuvor erschienenen Album den Hippie-Folksong „Marihuana“ gecovert, in der Hoffnung, ihr Punk-Publikum würde schockiert reagieren. Stattdessen aber gröhlten alle mit. Da fiel mir auch gleich wieder ein, wie ich im Erscheinungsjahr der besagten Spex-Story auf ein Goldene Zitronen-Konzert ging und dort als Hippie beschimpft wurde. Das lag wohl vor allem daran, daß ich zu jener Zeit mit psychedelisch gemusterten Hemden experimentierte, die ich jedoch mit einer Frisur zu kontrastieren wusste, die aussah wie ein Synthie-Popper, der die Treppe heruntergefallen war. Eine komische Zeit, diese Achtziger Jahre.

Auch toll ist es, Ralf Niemczyks 1987-er R.E.M.-Artikel (ebenfalls eine Cover-Story) wiederzulesen. Ich fand den Text damals, als das Heft erschien, so großartig, daß ich versuchte, R.E.M.-Fan zu werden, was aber an der Musik scheiterte. Stattdessen bin ich Niemczyk-Fan geworden. Der Artikel, ein sehr stimmungsvoller, fast filmischer Text, der sich auf einen Besuch bei der Band in Athens stützt und die Gruppe, ihr Umfeld und ihre Heimatstadt perfekt abbildet, beginnt mit dem Satz „Peter Buck muss zum Frisör“. Mittendrin zieht Niemczyk eine Parallele zwischen R.E.M. und BAP und folgert: „Peter Buck wäre dann jedenfalls Major Healy“. Vermutlich mein Lieblings-Musikartikel aus den Achtzigern.

Im Oktoberheft des Jahres 1988 wiederum findet sich eine Besprechung Diedrich Diederichsens von „16 Lovers Lane“, dem damals neu erschienenen Album einer meiner großen Lieblingsbands, The Go-Betweens. Die Kritik – ein betrübter Verriss! – beginnt mit dem Satz „Normalerweise brauche ich circa ein Jahr, um eine Sache richtig zu verstehen, manchmal länger, selten kürzer, ganz selten war ich in der Lage etwas frühzeitig oder als Erster zu erkennen oder gar eine Voraussage richtig zu treffen (so sagte ich z.B. Depeche Mode einen eintagsfliegenmäßigen, frühen Tod voraus, damals), doch bei den Go-Betweens wusste ich immer schon ein halbes bis ganzes Jahr vorher, was los war (…).“ Soviel Spaß macht heute kaum ein Rezensionseinstieg mehr. Zu Clara Drechsler und Diedrich Diederichsen ist übrigens zu sagen, daß ich mit großer Faszination beobachtet habe, daß Konzerte in den beiden damals wichtigen Kölner Clubs, dem Rose Club und dem Luxor, grundsätzlich nicht anfingen, bevor sich nicht zumindest einer der beiden in den Club begeben hatte. Wie oft ich in Anwesenheit der beiden den leider viel zu früh verstorbenen Nikki Sudden gesehen habe, kann ich kaum zählen.

Nun aber möge der aufgewirbelte Flohmarktstaub sich wieder senken, denn wir müssen uns Aktuellerem zuwenden.
Ebenfalls verstorben ist  leider Willy DeVille, dessen Frühwerk mit seiner Band Mink DeVille ich sehr mag. Ohne die auf den ersten Alben dieser Band zelebrierte Vermengung von New Yorker Coolness, Southern Rock, Soul und Tex-Mex wäre ein Epigone wie Moneybrother heute allein auf das Zitieren von Bruce Springsteen angewiesen. Wer dem Mann seine Ehre erweisen will, der greife zu solch großartigen Mink DeVille-Platten wie „Cabretta“, „Return To Magenta“, „Le Chat Bleu“ oder  „Coup De Garce“. Oder man tanzt einfach daheim den „Spanish Stroll“. Man kann nur gut aussehen dabei!

Wesentlich erfreulicher waren zwei andere popmusikalische Meldungen der letzten Woche: So steht noch für diesen Herbst das Comeback meines liebsten Konsens-Superstars Robbie Williams ins Haus. Robbie Williams hat seine Nina Hagen-trifft-Brian-Wilson-Phase (= Ufos sehen und Rauschebart-Tragen) offenbar beendet und will noch mal ganz dolle auf die Zauberpauke hauen. Das hoffe ich zumindest. Mein Geld ist ihm jedenfalls sicher. Auch erfreulich finde ich die Kunde, daß Bob Dylan angeblich eine Weihnachtsplatte erwägt, denn in meiner privaten „Leute, die dringend mal ein Weihnachtsalbum aufnehmen sollen“-Liste steht Bob Dylan noch vor Jochen Distelmeyer und Scott Walker auf Platz 1.

Am Schluss noch ein Flohmarktdialog, den ich gestern mit dem sehr geschätzten Kollegen Oliver Tepel zu führen die Freude hatte:

Ich: „Da hinten am Stand gibt’s ganz gute Platten, Souled American und so“.
Er: „Ich fand die immer unbefriedigend, aber ich habe die mal live gesehen, das war toll“.
Ich: „Ah, im Vorprogramm von Camper Van Beethoven sicher, das Konzert, wo alle gesessen haben“.
Er: „Ja, genau das. Aber die Leute haben nicht gesessen, die haben gestanden“.
Ich: „Ich meine schon, daß alle gesessen haben. Zumindest in der Ecke, wo ich stand. Äh, saß…“.

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