Das Pop-Tagebuch

Lass uns nicht von Woodstock reden

Ich bin völlig erschöpft.
Als einer der wenigen deutschen Zeit- und Augenzeugen, die das Woodstock-Festival miterlebt haben, musste ich in den letzten Wochen an die 50 Interviews geben. Unzählige ARTE- und Kultursendungsmikrofone ragten mir tagein tagaus ins Gesicht, aber ich möchte auch dieses Medium hier nutzen, um meine Erinnerungen mit der Nachwelt zu teilen.

Fast 40 Jahre ist es nun also schon her, daß ich mit Freunden zum Woodstock-Festival fuhr. Ich wohnte damals in der Nähe des Festivalgeländes in einer pink angestrichenen Blockhütte und studierte im zweiten Semester Bootsbau in Bearsville. Nebenbei spielte ich ein bisschen Querflöte in einer Band namens „Mother Father & His And Her Sons“. Wir waren stark von der aufkommenden Batikmode und den nudistischen Theorien unseres Gurus Sky M. Purpletree beeinflusst. Ich war kein besonders guter Querflötenspieler, und auch die Bandeinnahmen hielten sich in Grenzen, aber es reichte, um für mich, meine schöne Freundin Amber und unseren Labrador Ike zu sorgen.
Als wir vom Festival hörten, kauften wir uns sofort Tickets unten im Dorf beim alten Sam an der Vorverkaufsstelle. Wir waren danach völlig pleite, aber das war uns egal. Endlich würden wir all unsere Helden live erleben können: Country Joe & The Fish! Joan Baez! Keef Hartley – und den Bassisten von Santana!! Wir waren völlig aus dem Häuschen und warfen erstmal alle einen Trip.

Als wir drei Tage später erwachten, wussten wir nicht mehr, wie wir hießen, da man sich aber damals ohnehin ständig neue psychedelisierte Namen gab, war das nicht weiter schlimm. Wie Amber vorher hieß, weiß ich nicht mehr, aber seither heißt sie Amber. Ich gab mir damals den Namen Denny Starchild, erst in den frühen Siebzigern benannte ich mich dann in Eric Pfeil um.
Auf dem Festival machte ich in erster Linie Freie Liebe und knüpfte ein paar nachhaltige Geschäftskontakte. Natürlich standen wir der ganzen Sache auch enorm kritisch gegenüber (Stichwort: Kommerzialisierung), was sich wohl am deutlichsten darin manifestierte, daß Amber, Ike und ich uns irgendwann an Joe Cocker festzuketten versuchten, um seinen Auftritt zu verhindern. In unseren vor lauter Drogen in ungeahnte Richtungen ausgebeulten Hirnen ahnten wir schon damals, daß weiße Bluessänger potenzielle Garanten eines fiesen Spätwerks sein könnten.

Das Telefon klingelt, die Selbstkritik ruft an.
Die Selbstkritik ist auf 180.
Ob ich nicht der Meinung sei, daß Joe Cocker ein etwas einfaches Opfer darstelle?
„Joah, schon“.
„Und?“
„Was – und?“
„Findest du nicht, daß du deinen Platz, statt ihn mit Schmähungen vermutlich sehr freundlicher und bodenständiger Rockonkel zu verplempern, lieber für scharfsinnige Analysen des popmusikalischen Hier und Jetzt nutzen solltest? Was soll überhaupt der ganze Unfug mit Woodstock?
„Ich hab nicht mit Woodstock angefangen. Das waren die Hippies!“
„Das ist doch Quatsch, es geht doch nicht um…!“
„Und ich kann auch nichts dafür, daß die ganzen jahrestagslüsternen Medien jetzt voll sind mit Analysen zu einem Thema, über das längst jeder alles weiß“.
„Das ist trotzdem kein Gr…“

Zack. Einfach aufgelegt. Kann man auch mal machen. Einfach auflegen, wenn die Selbstkritik am inneren Telefon in Plauderlaune gerät. Da sie aber nicht ganz Unrecht hat, schreibe ich eben über etwas Zeitgenössisches. Sollten Sie auf die vollkommen verrückte Idee verfallen, sich in den nächsten Tagen eine frisch erschienenes Album zu kaufen, habe ich hier eine kleine Auswahl getroffen:

Arctic Monkeys – Humbug (schon raus).
Die meistumplauderte Platte dieser Tage. Die Sheffielder Knaben mit der Zivildienstleistenden-Aura haben mit Josh Homme, dem wilden Watz des Stoner Rock, ein selten gutes Gitarren-Album gemacht, das zeitweise klingt, als habe man einen Teebeutel über der Mojave-Wüste abgeworfen. Auch wenn mein Herz dieser Musik nicht völlig leidenschaftlich entgegenbebt, muss man den Arctic Monkeys im Vergleich zu vielen musizierenden Altersgenossen lassen, daß sie nicht nur einfach ihre Früh-Achtziger-Plattensammlung spielend verwalten, sondern – vor allem was die Struktur des Songschreibens angeht -, etwas völlig Eigenes machen. Sehr interessant auch, wie bei dieser Band Begriffe wie „Härte“ oder auch „Psychedelia“ definiert werden. Feine transatlantische Platte für unverdrossene Bandmusikinteressierte.

Funny van Dannen – Saharasand (erscheint am 28.08.)
Im Info zu Funny van Dannens neuer CD steht der tolle Satz „1988 ist er an der Gründung der Frauenband Lassie Singers beteiligt“. Die Platte ist natürlich noch viel besser als dieser Satz. In den gewohnt anderslustigen Texten geht es diesmal um Intuition, Pflanzen in der Disco, Aufbegehren, die Finanzkrise, grillende Feelgood-Berliner, Jugendstil, Religion und Liebe. Im ersten Song besucht der Sänger die Versammlungen von Hedgefonds-Herren, Bankern, Charity-Ladies und Politikern mit seiner „Katzenpissepistole“ (Songtitel) – ein schönes Lied, das ich, falls ich wieder als DJ gebucht sein sollte, bei Josef Ackermanns nächstem Geburtstag aufzulegen gedenke. Oder im Woodstock-Aftershow-Zelt (Zutritt nur mit dem gelben Bändchen). Im Mittelteil singt van Dannen, die von ihm gewählte Protestform rechtfertigend:

Das ist selbstverständlich kindisch
Aber es macht Spaß
Ich sage, ich bin Künstler
Und Künstler dürfen das.

Anderswo fragt er, warum die Verletzung religiöser Gefühle eigentlich schlimmer ist als die Verletzung anderer Gefühle. Gute Frage. Natürlich kennt man das inzwischen: Eine Schrummschrumm-Gitarre, eine beseelte Nicht-Stimme und kluge Texte über alles und jeden. Aber nennen Sie mir auch nur eine Person außer Funny Van Dannen, die macht, was er macht und ich nenne mich ab sofort wieder Denny Starchild.
Funny van Dannen – nach wie vor einer jener Menschen, mit denen ich gerne mal ein paar halbvolle Gläser leeren würde.

Prefab Sprout – Let’s Change The World With Music (erscheint am 04.09.)
Es gibt nicht wenige Musikjournalisten meiner Generation, die sich wochenlang nicht getraut haben, die neue CD von Paddy McAloons Band überhaupt einzulegen. Zu groß waren die Erwartungen, zu aufgeladen die Erinnerungen an viele schöne Momente mit dieser Band. Doch Paddy McAloon, der neben Brian Wilson wohl verstiegenste und (auch darum) von Kritikern meistverehrte Perfektionist des Pop, gegen dessen Kernschaffen der Achtziger, alle andere Musik aus dieser Zeit wie Schrummschrumm mit Kindermelodie obendrüber klingt, steht weltabgewandt, krank und rauschebärtig auf der blühenden Wiese seiner Möglichkeiten – und man muss mal wieder ganz klein werden und staunen. Auch wenn diese Veröffentlichung etwas Seltsames hat – die Aufnahmen stammen aus den frühen Neunzigern und wurden von McAloon im Jahr 2008 nachbearbeitet – hat auch diese Platte wieder alles, was Prefab Sprout so einmalig macht: gewundene Wundermelodien, Arrangements so glatt wie Werbeflächen, rätselhafte Lyrik und diese seltsame Leichtigkeit, gegen die selbst die besten Phoenix-Momente wie musikalischer Beton wirken.
Pop als große Kunst. Danke, Herr McAloon, daß Sie uns an diese Möglichkeit erinnert haben!

Jamie T – Kings And Queens (erscheint am 04.09.)
Etwas zu spät für den Sommer und trotzdem die Platte der Saison. Jamie T sieht das Königreich untergehen: Der 23jährige mit dem verfilmenswerten Draufgänger-Gesicht findet moderne Musik doof und bastelt sich stattdessen aus Ska, Billy Bragg, Dylan, The Clash und HipHop einen schnodderigen Eklekto-Pop zusammen, der frischer klingt als all die öden Maximofanten des gegenwärtigen England-Pop zusammen. Die Single „Sticks’n’Stones“ wurde ja hier schon ausgiebig gepriesen, aber auch der Rest des Albums ist die pure Lebensfreude auf Stelzen.
Kinder, im Pub ist heute Breakdance, bringt Eure Akustikgitarren mit!

Es ist spät geworden. Ich schalte den CD-Player aus und fahre gleich den Computer herunter. Das Telefon klingelt. Ich erkenne die Nummer meiner Selbstkritik und gehe nicht ran. Wind weht ums Haus, ab und zu ist das Gegacker der Truthähne zu hören, die der alte Sam auf der Wiese neben unserem Haus hält. Auf der Veranda höre ich das kehlige Lachen von Amber, die mit dem im vorletzten Herbst erblindeten Ike Schiffeversenken spielt. In der Ferne sehe ich die Lichter von Bearsville funkeln. Noch eine Pfeife, dann muss ich mich um die Pferde kümmern…

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