Das Pop-Tagebuch

Das Pop-Tagebuch

Popmusik, so ist verstärkt zu hören, ist ein von der totalen Entwertung bedrohtes Kulturgut. Und wie fast alles, was keinen Wert mehr hat, ist auch

Der Mogelschinken des Rock – ein musikalisches Frühstücksszenario

Diesmal: Sind wir auf das Grunge-Revival vorbereitet? Kann die Wissenschaft schnell genug einen Impfstoff produzieren? Und was treibt eigentlich die Jugend so für Sachen beim Disco-Besuch? Außerdem: hässliche Popkritiker-Formulierungen im Schnelldurchlauf und eine kurze Kritik der amerikanischen Rocktexterei

Ich plane eine Buchveröffentlichung.
Den Titel habe ich schon: „Grunge oder Brunch“.
Auf geplanten 427 Seiten wird es darum gehen, was schlimmer ist: Langhaarige Musiker mit Kinnbartflaum in Karohemden und kurzen Hosen, die rückwärts gewandten Rüpelrock spielen und sich selbst wahnsinnig ernst nehmen – oder Menschen, die sich Sonntagmittags ab 12 Uhr treffen, um stundenlang Lachs, diverse Kräuerquarks, Aufschnitt und entschieden nicht frischgepressten Orangensaft in sich hineinzufüllen? Am schlimmsten wäre vermutlich eine Verquickung: brunchende Grunge-Musiker. Ein Grunge-Brunch. Männer in Karohemden, denen der Kinnbartflaum in den Lachs hängt. Das muss die Hölle sein. Zumindest wäre es schlimmer als alle Björk-Alben hintereinander.

Obwohl ich erst einen Absatz verfasst habe, kann ich schon jetzt meine Kritiker feixen hören: „Ha! Jetzt hat sich der doofe Pfeil endgültig als Mann des Gestern enttarnt. Grunge und Brunch – ist doch beides völlig durch und stellt gar keine Gefahr mehr dar. Statt sich mit derart gestrigem Firlefanz zu befassen, sollte der feine Herr Autor lieber mal wieder in einen Club gehen und sich von aufpeitschender elektronischer Musik die Fontanelle zurechtschieben lassen!“.
Da kann ich nur mahnend den Zeigefinger in die Luft bohren und mit ruhiger, aber durchdringender Stimme sagen: Vorsicht! So manches, das man sicher in der Garage des Gestern verstaut wähnte, ist schon zurückgekommen. Menschen, die nicht aus der Geschichte lernen wollen, gibt es genug. Noch ist kein Impfstoff gegen Grunge entwickelt, für falschen Schlendrian besteht also kein Grund. Demnächst beispielsweise wird es ein neues Album der Grunge-Veteranen Alice In Chains geben – mit einem Gastauftritt von Elton John! Und noch während Sie diese Zeilen lesen, verabreden sich hinter ihrem Rücken gute Freunde für den kommenden Sonntag zum Brunch.

Und da sitzen sie dann und führen Brunch-Gespräche:
Gast 1: „Mmh, die Fleischwurst hier ist aber gut.“
Gast 2: „Das ist keine Fleischwurst, das ist Mortadella“.
Gast 3: „Aus Italien, ne?“
Gast 2: (kauend nickend) „Mmh.“
Gast 4: „Schöne Wohnung, Wiebke“
Gast 1: „Wiebke ist in der Küche“.
Wiebke (mit einem Tablett voller Prosecco-Gläser den Raum betretend): „Jemand Prosecco?“
Gast 1: „Hier!“
Gast 3: „Hier!“
Gast 2: (mehr zu sich selbst) „Auch aus Italien“.
Gast 4: „Hast du auch Musik, Wiebke?“
Gast 3: „Och nöö, ist doch auch mal super ohne…“
Wiebke: „Klar hab ich Musik.“
Gast 3: „Immer Musik…“
Gast 1: „Hast du Peter Fox?“
Wiebke: „Nee…“
Gast 1: „Jan Delay?“
Gast 2: „Boah, hör bloß auf.
Gast 4: (singt, schlecht Jan Delay imitierend) `Aber hast du kein Gewissen…‘
Gast 2: „Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich den hasse.“
Gast 1: „Wieso das denn?“
Gast 2: „Ich kann den nicht ab. Macht mich total aggro, die Stimme.“
Wiebke: „Ich hab die neue Alice In Chains, da ist auch ein Song mit Elton J…“
Gast 3: „Eric, was sagst du denn, du bist doch eigentlich Fachmann.“
Eric: „Was soll ich sagen? Was für’n Fachmann?“
Gast 3: „Na ja, welche Musik jetzt passen würde.“
Eric: „Weiß nicht. Dixieland?“
Gast 2: „Du bist eh so still heute, Eric. Hast du nichts erlebt in letzter Zeit?“

Eric: „Doch, habe ich. Als ich vor einigen Wochen mal wieder die Boulevards meiner Heimatstadt entlangschlenderte, fiel mir auf einem Zeitungskasten des hiesigen Boulevard-Blattes Express folgende reißerische Headline auf: „Die fiesen Tricks der Disco-Teenies“. Da habe ich mich natürlich gefragt: Na, was mögen denn die Disco-Teenies für fiese Tricks draufhaben? Stellen die anderen beim Tanzen ein Bein? Werfen die anderen Disco-Teenies Crack-Tabletten in die Alcopops? Halten die schwächere Disco-Teenies am Palästinensertuch fest?

Ich habe kurz überlegt, ob ich mir den zur Headline gehörigen Artikel durchlesen sollte, aber da ich meine Trash-Muskeln in den Neunzigern extrem überstrapaziert habe, sah ich vom Kauf des Blättchens ab. Sollen sich die Disco-Teenies doch hinter meinem Rücken und ohne mein Wissen ruhig gegenseitig quälen und drangsalieren – für so etwas bin ich entschieden zu jung. Aber die Formulierung „Disco-Teenies“ hat einen nicht unbeträchtlichen Retro-Charme. Klingt ein bisschen nach einer alten Folge von „Der Kommissar“: „Die fiesen Tricks der Disco-Teenies“.
Und es ist allemal kreativer als fünfzig Prozent dessen, was an Formulierungen in den meisten Plattenkritiken steht. Merke: Wenn in Rezensionen elektronische Musikproduzenten als „Knöpfchendreher“ oder „Elektro-Frickler“ bezeichnet werden; wenn über Produzenten geschrieben wird, daß sie auch schon für diesen und jenen „hinter den Reglern“ gesessen hätten; wenn von „ausgefuchsten Melodien“, „Soundteppichen“, „satter Produktion“, „fetten Bässen“ und „flirrenden Sounds“ die Rede ist, dann ist der Schreiber der Plattenkritik mit mindestens soviel Argwohn zu betrachten wie die von ihm zerrissene – oder gelobte – Musik.

Und wo wir gerade bei „fetten Bässen“ und „satter Produktion“ sind: Gestern habe ich beim Autofahren im Radio die Single „Crawl Back In“ von Dead By Sunrise, dem Solo-Projekt des Linkin Park-Sängers, gehört. Der übliche wütende und tätowierte Entrechtetenrock eben. Analogkäse-Musik. Mogelschinken-Punkrock. Nicht weiter wichtig. Doch wie musste ich an mich halten, um nicht in verkehrsgefährdendes Gelächter auszubrechen, als ich den hörbar berufsunverstandenen Sänger die folgende Zeile singen hörte: „I don’t want to lose my innocence“. Kurz darauf sang er auch noch: „Won’t let your lies take a piece of my soul“. Herrlich! Wo hat der Mann bloß diese pfiffigen Einfälle her?? Warum sich eine flotte Metapher ausdenken, wenn es die alten Phrasen aus der Mufftruhe der Rocktexterei doch auch noch tun. Helge Schneiders Evergreen „Ich will frei sein“ kam mir in den Sinn: „Freiheit in Grenzen sind nur Träume aus Stein“. Zumal: Wer so doofen Konsens-Punkrock macht, der hat seine „innocence“ schon vor Jahren beim Haarblondieren abgegeben. Oh, jetzt habe ich aber lange geredet. Pardon.“

Gast 4: „Na ja…“
Gast 2: „Soooo spannend ist das jetzt aber nicht als Musikkritiker“
Gast 1: „Ist das hier diese scharfe Salami aus Italien – wie heißt die noch mal?“
Gast 3: „Ich weiß nicht, man muss doch Musik gar nicht so ernstnehmen, Eric. Ist doch keine Gehirnchirurgie.“
Gast 2: „Kannst du eigentlich überhaupt noch Musik hören ohne drüber nachzudenken?“
Gast 1: „Salsiccia, oder?“
Wiebke: „Ich mach dann mal die Alice In Chains-CD rein, was?“
Gast 4: (singt, abermals schlecht Jan Delay imitierend) „Und ich sach: Au ja/Wir machen das klar…“

Man hört Glockenhelles Lachen und das Anstoßen von Prosecco-Gläsern.
Die enorm satte Produktion des Alice In Chains-Albums flutet den Raum.
Langsam senkt sich der Vorhang.