Das Pop-Tagebuch

Das Pop-Tagebuch

Popmusik, so ist verstärkt zu hören, ist ein von der totalen Entwertung bedrohtes Kulturgut. Und wie fast alles, was keinen Wert mehr hat, ist auch

Begreifliche Nichtbegreiflichkeiten: Robbie Williams, Madonna, Muse – und Gunter Gabriel

Was ist eigentlich mit dem popmusikalischen Kollateralgebiet namens „Musikvideo“ los? Das Pop-Tagebuch vergleicht drei Mainstream-Clips und zieht ein düsteres Fazit.

Manche Sachen muss man den Leuten ja hinterher schmeißen.
Deshalb stehen auf Büchern hinten oft Sachen drauf wie „spannend bis zur letzten Seite (Hörzu)“, „umwerfend komisch (Brigitte)“, „ein sensationelles Debüt (Gabi)“ oder „erinnert in seiner käsigen Larmoyanz an das Penetranteste von Veit. M. Strebenshagen (Der Waffennarr)“. Entstammt die Kritik dem Feuilleton, darf es auch gerne mal etwas länger werden: „Ingrid Bechtlin gelingt es in ihrem Roman ‚Die Dattel‘, eine eindringliche Milieustudie mit einem brutalen Charakterporträt zu verbinden. Mit ihrer äußerst verknappten Sprache zieht sie den Leser in eine Welt, die das Gestern als besseres Morgen begreift – und die das Heute als Übermorgen feiert (Die Leselampe)“.

Bei CDs greift man seltener auf derlei Kritikerbejubelungen zurück, wahrscheinlich weil die kleinen CD-Cover keinen Platz für ausladendes Lob-Geschwätz bieten. Dabei bestünde hier Potenzial. Auf die neue Nena-CD mit dem dusseligen Titel „Made In Germany“ etwa könnte man einen Kleber mit der Aufschrift „13 Top-Brüller zum Weglachen (Der Speedmetal-Bote)“ pappen. Und auf Gunter Gabriels neue Pseudo-Johnny-Cash-CD einen Sticker mit „Verhält sich zu Johnny Cash wie die Böhsen Onkelz zu Led Zeppelin und guckt dazu noch mürrisch (Eric Pfeil)“. Bislang nicht bekannt war mir, daß man auch auf Konzertplakaten zum Zwecke der Publikumsanlockung mit Lobhudeleien arbeiten kann. Eben aber – ich ging gerade mürben Gedanken nachhängend die Straße entlang – sprang mir unter einer zugigen S-Bahn-Brücke ein Werbeposter entgegen, auf dem für Konzerte der Schweizer Sängerin Sophie Hunger getrommelt wurde. Ganze vier Pressezitate fanden sich auf dem Plakat. Eines blieb mir im Gedächtnis haften. Da stand tatsächlich:

„Sie hat etwas, was die Leute nicht begreifen (Das Magazin)“.

Ich weiß nicht, ob es klug ist, so etwas auf ein Plakat zu drucken. „Ja, wenn man es nicht begreift, dann gehe ich wohl besser mal nicht hin“, mag mancher hier doch sicher denken, „denn Leute bin ich ja auch“. Andere wiederum könnten anfangen, über die spezifische Art der Unbegreiflichkeit Sophie Hungers nachzugrübeln und dem Eindruck erliegen, die Frau löse vor allem deshalb Nichtbegreifen aus, weil sie auf der Bühne mit eimerweise Tiergedärm hantiert und sich nackend in Wannen voller Gewürm suhlt, derweil ihre ebenso blutspuckenden wie grell frisierten Mitmusiker mit Äxten auf rostiges Instrumentarium eindreschen.

Ich werde jedenfalls nicht zu diesem Konzert gehen, der Spruch schreckt mich doch zu sehr ab. Am Ende stehe ich da dann nur mit brüllendem Unbegreifen im Gesicht umher.
Ich bleibe lieber zuhause und gucke mir nach langer Zeit mal wieder bei youtube aktuelle Musikvideos an. Das kommt in diesen musikvideoverdrossenen Zeiten nicht allzu oft vor, aber ich habe mir für heute mal einen kleinen Video-Direktvergleich vorgenommen, in dem ich die neuen Clips dreier Mainstream-Acts einer ambitionierten Poweranalyse unterziehen möchte. Weil markige Namen immer gut ziehen, nenne ich das Ganze

DEN GROSSEN MADONNA-ROBBIE-WILLIAMS-MUSE-VIDEOVERGLEICH

Los geht’s mit Madonna.
„Celebration“ heißt bekanntlich deren aktuelle Single, die als Kaufanreiz für ein Best-Of-Album dient, mit dem sich Madonna von ihrer Plattenfirma Warner verabschiedet. Der Song selbst klingt wie „Pink trifft Kylie Minogue und beide gehen zusammen erst vegetarisch essen und dann eine Lederhandtasche kaufen“. Ein künstlerisch äußerst feiges Stück, vielleicht die musikalische Entsprechung zum Kanzlerkandidatenduell, um einen modischen, spätestens ab Sonntag aber total überholten Vergleich zu wählen. Das Video ist fast genau so billig wie der Song: Allerhand angestrengt jugendlich aussehende Menschen springen tanzend in der Gegend herum. Dazwischen steht Madonna, überdehnt den ein oder anderen Muskel und macht ein paar mild obszöne Bewegungen. Irgendwann erwärmt sie sich für einen halbnackten Mann mit Kopfhörern, der in etwa so aussieht wie sich Madonna und hessische Tatort-Regisseure einen DJ vorstellen. Immerhin toll, daß im Zusammenhang mit diesem Clip niemand behaupten kann, Madonna habe sich wieder mal neu erfunden. Vielleicht ist das hier aber auch Euro-Dance-Revival, da bin ich mir nicht so sicher.
Künstlerischer Wert: 0. Detlef D! Soost-Tanzpunkte: 9. Erotikpunkte: 0. Action: 0. Botschaftsvorgaukelung: 0
Ich schlage eine dringende Karrierebeendigung vor.

Auch Robbie Williams stapelt in Videoangelegenheiten vergleichsweise tief. Immerhin haben seine Clip-Produzenten – anders als Madonna, die für „Celebration“ ja nur in einer Bluebox umherspringt – als Austragungsort die Wüste gewählt. Hier knattert Robbie Williams zunächst mit einem Motorrad umher und trägt dabei vorbildlicherweise einen Helm (was den Stuntman-Einsatz natürlich erleichtert). Fans von Landschaftsaufnahmen haben während dieser peinigend langen Sequenz die Gelegenheit laut auszurufen: „Ah, Landschaftsaufnahmen!“. Dann taucht eine Frau mit einem Auto auf (unerheblicherweise dargestellt von seiner echten derzeitigen Lebensgefährtin) und nimmt ihn mit; den Abend verbringt man in inniger Umklammerung gemeinsam am Lagerfeuer. Hier mag das Herz manch eines Lagerfeuer-Freundes die Schlagzahl erhöhen, der Rest döst vermutlich weg. Am Schluss gockelt der Star auf der Tragfläche eines (stehenden) Flugzeugs herum.
Ein seltsam unspektakuläres Comeback-Video. Aber wie soll man auch zurückkehren, wenn man schon in seiner mittleren Phase das 68er-Comeback von Elvis in Grund und Boden zitiert hat? So langsam beschleicht mich der Verdacht, daß Kreativität im Umfeld von Musikvideos ähnlich ungern gesehen ist wie Herbert Grönemeyer im Kleiderschrank von Marius Müller-Westernhagen. Immerhin ist der Song recht gut, der mal wieder einen dieser für Williams typischen Cleverness-Vorgaukelungstexte hat.
Künstlerischer Wert: 0. Detlef D! Soost-Tanzpunkte: 3 (für die dezenten Schluss-Posen). Erotikpunkte: 2. Action: 4. Botschaftsvorgaukelung: 0

Richtig Etats verballert hat man dagegen im Fall des Clips zu  „Uprising“, der neuen Single von Muse. Ich muss vorab gestehen, daß ich das Werk von Muse für recht grässlich halte. Daran ändert auch „Uprising“ nichts, das weitenteils klingt wie eine Mischung aus albern futuristischem Matrix-Ledermantel-Rock und dem Gebläse von Kitschbands wie Coldplay. Ein wenig gemahnt der Song auch an den Latex-Rock von Depeche Mode. Musik, die im Grunde das Gegenteil von fast allem darstellt, was ich persönlich mag.
Das Video jedoch ist achtbar. Die Musiker fahren darin durch ein mit Spielzeugfiguren und Pappkulissen simuliertes apokalyptisches Szenario, das entfernt an italienische Endzeitfilme der frühen Achtziger denken lässt. „They will not control us“, knödelt der etwas mäusegesichtige Sänger. Es geht wohl um Aufbegehren gegen Verdummung oder so. Das finde ich richtig. Ich bin bereit die Band zu wählen – aber nur unter der Bedingung, daß sie das Musizieren auf ein Mindesmaß beschränkt.  Gegen Ende des Videos bricht ein Horrorteddy durch den kalten Betonboden, was dezent daran erinnert, daß es mal eine Zeit gab, in der in Musikvideos noch alles, wirklich alles passieren konnte. Der Teddy sieht im Grunde aus wie ein handelsüblicher Teddy so nach 3 Jahren Durchknuddelung aussieht, mit dem geringfügigen Unterschied, daß dieser hier vampireske Zähne hat. Die Botschaft ist maximal unklar, aber immerhin vorhanden.
Künstlerischer Wert: 3. Detlef D! Soost-Tanzpunkte: 0. Erotikpunkte: 0. Action: 9. Botschaftsvorgaukelung: 10

Dennoch: Jungen Leuten, die ernsthaft den Beruf des Videoclipregisseurs in Betracht ziehen, muss ich angesichts dieser drei Werke von ihrem Ansinnen dringend abraten und die Eltern zur mäßigenden Einflussnahme auffordern . Da scheint doch eine Karriere als Backgroundsänger bei Chris de Burgh deutlich aussichtsreicher, und seine Kreativität kann man dort auch allemal besser ausleben. Ich hoffe, mit diesem Eintrag der Menschheit ein wenig geholfen zu haben, nächste Woche wird es dann sicher wieder „geistreich und brüllend komisch“ (Gunter Gabriel, DIE ZEIT).