Das Pop-Tagebuch

Das Pop-Tagebuch

Popmusik, so ist verstärkt zu hören, ist ein von der totalen Entwertung bedrohtes Kulturgut. Und wie fast alles, was keinen Wert mehr hat, ist auch

Der elektrische Camembert des Diskurs-Pop: Distelmeyer, Gong und die goldene 40

Die Astrologie des Pop. Der Apfelmann nach der Ernte. Der fliegende Teekessel in Bonn und der Günther Wallraff der Musikkritik. All das in einem einzigen Blog-Eintrag? Unglaublich, aber wahr!

In der vergangenen Woche feierte ich meinen 40. Geburtstag. Ein wohlmeinender Kollege sagte mir in diesem Zusammenhang, ein paar Jahre könne ich das schon noch machen. Ich glaube, er meinte damit den Musikkritikerjob.
Ich wurde am 12. November 1969 geboren und teile meinen Geburtstag mit einigen popkulturell nicht unbedeutenden Persönlichkeiten, ein Umstand, auf den mich Klaus Walters Sendung auf ByteFM aufmerksam machte. Am 12. November 1945 etwa kam Neil Young zur Welt. Ein Jahr zuvor wurde am 12. November die Memphis Soul-Größe Booker T. Jones geboren – und weitere zehn Jahre zuvor Charles Manson. Musikalisch kann ich noch am meisten mit Charles Manson anfangen, der aber ja hauptberuflich Verbrecher ist – sollte ich beunruhigt sein? Nur wenige Wissenschaftler beschäftigen sich übrigens mit dem Zusammenhang von Pop und Astrologie, ihre Zahl dürfte noch geringer sein als die jener Wissenschaftler, die sich mit dem Zusammenhang von Pop und Wasserbüffelzucht beschäftigen. Ich glaube, das ist ganz gut so. Meinem populärastrologischen Dreiachtelwissen zufolge müsste man ja, um wirklich gründlich zu forschen, nicht nur die Geburtstage der Musiker, sondern auch die Aszendenten bei den Forschungen mitberechnen, und das ist eine Arbeit, die sich heutzutage einfach niemand mehr machen will.

Natürlich ließ ich auch in meiner Geburtstagswoche meine musikjournalistischen Pflichten nicht ruhen. In meiner Funktion als Günther Wallraff des Musikjournalismus legte ich meine Tarnkleidung an – bestehend aus einem modischen Oberlippenbart zum Ankleben, einer ebenso modischen übergroßen Patentantenbrille, einem gelben T-Shirt mit unleserlichem Pseudo-Kunst-Aufdruck, sowie einem extrem taillierten Sachkundelehrer-Jackett – und stürzte mich ins popmusikalische Leben.
Zunächst besuchte ich ein Jochen Distelmeyer-Konzert.
Schon an der Tür des Kölner Gloria wurde ich begeistert begrüßt: „Ah, Eric Pfeil, der Günther Wallraff des Musikjournalismus, schön, dass Sie es einrichten konnten. Ihre Parole zum Mauerfalljubiläum, Herr Pfeil?“.
„Es müssen endlich wieder musikalische Mauern in den Köpfen errichtet werden“, hörte ich mich zurückknurren. „Abgrenzung tut Not. Ach, und bitte gehen Sie doch von meiner Tarnkleidung runter“.

Jochen Distelmeyer ist ja längst so etwas wie der Troubadour, der Barde meiner Generation. Entsprechend viel Zuneigung rüstiger Spätdreißigerinnen und Frühvierziger schwappt ihm beim Konzert entgegen. Distelmeyer, das soll hier nicht unterschlagen werden, sieht bei seinem Köln-Konzert famos aus: Er trägt zur 1984er-Popperfrisur eine rote Feincordhose, einen Pullunder und ein weißes Hemd und erinnert nicht nur mich an den Atztec Camera-Edelschrammler Roddy Frame. Da trifft es sich ganz gut, dass er auch so klingt. Der Einstieg verläuft, um mit Thomas Gottschalk zu sprechen, rockig. Ich bin nicht der größte Anhänger von Distelmeyers zünftigeren Songs, aber live gewinnen Stücke wie „Wohin mit dem Hass“ ungemein. Am Anfang agiert Distelmeyer noch mit der ihm eigenen latenten Provo-Attitüde – fast so, als wollte er die im Auftaktsong formulierte Zeile „Ich bin nicht wie Ihr“ in einen Gesichtsausdruck überführen. Er spuckt auch oft auf den Boden, ein Umstand, an dem einige besorgte Kindergärtnerinnen hinter mir lautstark Anstoß nehmen. Bald aber schon packt er sein Kasperle-Grinsen aus, das bevorzugt bei anti-eskapistischen Zeilen wie „Man muss den Tatsachen ins Auge sehn“ (aus „Eintragung ins Nichts“) zum Einsatz kommt. Weitere Höhepunkte sind die Drückebergerhymne „Wir sind frei“, der elektronische Body-Boogie „Hiob“ und der brillante, völlig unverständlicherweise häufig geschmähte Folk-Drone „Schmetterlings Gang“, bei dem es dem Künstler gefällt, mit geschlossenen Augen in einen Tanzstil zu verfallen, der in seiner Enthemmtheit an eine hippie-esk geprägte Gaukler-Tagung auf Schloss Schnöselbrunn denken lässt. „Heiß die Segel!“ vom letzten Blumfeld-Album ist der einzige Song, der mich irritiert, weil er in meinen Ohren wie mit Lederweste vorgetragene NDR-Mundartmusik klingt. Der Rest ist veredelter Songwriter-Pop, wie es ihn in deutscher Sprache so nur bei Distelmeyer gibt. Als er „Nur mit dir“ vom neuen Album spielt, kommen mir ernsthaft die Tränen. Damit nicht alles ruft „Dahinten steht ein heulender Musikkritiker!“, gieße mir rasch ein Glas Wasser über die Kopf, was leider zur Folge hat, dass sich mein angeklebter Oberlippenbart zu lösen beginnt. Nun brüllt alles: „Dahinten steht ein heulender Musikkritiker mit sich lösendem Oberlippenbart, der sich, so scheint es, eben ein Glas Wasser über den Kopf gegossen hat – vielleicht anlässlich seines 40. Geburtstags, aber wer weiß das schon!“.
Nach dem großartigen Konzert darf mancher dann die Erfahrung machen, dass viele Frauen, für die er gerne ein Sex-Symbol wäre, Jochen Distelmeyer als Sex-Symbol sehen.

Zwei Tage später dann das nächste Konzert.
Sollte es Zeitgenossen geben, die Daevid Allen und seine Band Gong als Sex-Symbole sehen, so dürfte es sich dabei wohl um Menschen handeln, die sich regelmäßig mit bunten Ketten behängten, hirnausbeulend gemusterte Kaftans tragen und LSD-gespickten Camembert essen. Andererseits: Große Musiker sind immer sexy, und Daevid Allen ist einer.
Das Kollektiv Gong, 1967 vom ehemaligen Soft Machine-Mitglied Allen gegründet, wird oft als Hippie-Quatschband abgetan, deren Musik nicht ohne Grund fast  ausschließlich im Umfeld blubbernder Wasserpfeifen zum Einsatz kommt. Ich mag das Frühwerk der Band sehr, denn es zählt zum eher humorvollen, idiosynkratischen und energetischen Teil der psychedelischen Szene. Ich weiß ja nicht, wann Sie, verehrte Leserin, zuletzt ein Konzert besucht haben, auf dem sich ein 71-jähriger Mann mit schlohweißem halblangen Haar in das Kostüm eines außerirdischen Fabelwesen gezwängt und vor allerhand irrsinnigen Weltraum-Projektionen umherspringend über fliegende Teekessel und anderen psychedelischen Mumpitz gesungen hat. Ich hatte am vergangenen Mittwoch beim beim Gong-Auftritt in der Bonner Harmonie das Glück, eben dies zu beobachten. Denn falsche Zurückhaltung ist nicht Daevid Allens Teekessel.
„Freie Drogen für alle!“, brüllt tatsächlich jemand, als Gong auf die Bühne kommen. Noch trägt Daevid Allen nur einen samtenen Zaubererhut, das beschriebene Kostüm harrt noch seines Einsatzes. Vor mir springt ein älterer Herr mit Stirnband so unkontrolliert auf und ab, dass ich froh bin, meinen Drogenkonsum schon in jungen Jahren eingestellt zu haben. „You Can’t Kill Me“ ist der erste Song. Allen spielt das tolle Gitarrenriff, und die 76-jährige Gilli Smyth, die ein wenig an Ruth Gordon in „Harald and Maude“ erinnert, macht Weltraumgeräusche dazu. Hinten auf der Leinwand sind Einhörner, Buddhas, reitende Hexen, Comicfiguren und allerhand anderer Psychedelic-Kram zu sehen – es geht spacewärts. Doch nichts von alledem ist peinlich, denn die Stücke entfalten nach wie vor einen Druck, der sie über jedes Kiffer-Gedaddel erhebt.

Bei meiner Geburtstagsfeier führe ich meinen ungläubigen Gästen die Aufnahmen vor, die ich beim Konzert gemacht habe (ich habe tatsächlich erstmals bei einem Konzert mit meiner Digitalkamera herumhantiert!). Auf den Gesichtern meiner Gäste mischt sich Mitleid mit Ungläubigkeit und Entsetzen. Ich sitze da und denke darüber nach, was es bedeutet, dass ich am Vorabend meines vierzigsten Geburtstags auf einem Gong-Konzert gelandet bin. Ein Freund setzt sich neben mich, wir stoßen an.

„Sag mal, weißt du eigentlich, wer heute auch Geburtstag hat? Dürfte dich als Musikkritiker sicher interessieren.“
„Wer denn? Charles Manson?“
„Nein. Les McKeown, der Sänger von den Bay City Rollers. Prost!“.