Das Pop-Tagebuch

Die Wiedervereinigung des David Bowie oder Komm, wir tanzen zu Architektur, Baby!

Zeit-Fans und Menschen, die sich für Jahrzehnte interessieren, wissen es schon länger: Die so genannten Nuller Jahre neigen sich ihrem Ende entgegen.

Was den popmusikalischen Output betrifft, wird die siechende Dekade ja oft als öde geschmäht, doch das ist Greisengekeife. Wie sollte ein Jahrzehnt öde gewesen sein, in dem: die Flaming Lips zu Popstars wurden; Bob Dylan seine erste Nummer 1 in den US-Charts zur Kenntnis nehmen durfte, Radiomoderator wurde und ein Weihnachtsalbum aufnahm; HipHop-Menschen wie die Neptunes oder Timbaland hysterische Pop-Produktionen zwischen angewandter Avantgarde und Ballerburg ablieferten; Michael Jackson durch seinen vorzeitigen Tod ein seiner Person angemessenes Bizarr-Comeback herbeiführte; Johnny Marr erst bei Modest Mouse und dann bei The Cribs einstieg; solch unterschiedliche Künstler wie Joanna Newsom, Devendra Banhart und Antony Hegarty fröhlich die Freak-Fahne flattern ließen; Jarvis Cocker sich kurz den Namen Darren Spooner verpasste und in ulkiger Kostümierung mit dem Elektroschrott-Projekt Relaxed Muscle auftrat, nur um sich bald darauf den Look einer französischen Romanautorin (+ Bart!) zu verpassen; Morrissey seine Vierziger durchlebte; junge Männer in Deutschland beim Versuch, wie amerikanische Neo-Folk-Musikanten auszusehen, allenfalls wie BAP-Roadies von 1982 aussahen und Platten wie „Get Behind Me Satan“ (The White Stripes), „Person Pitch“ (Panda Bear), „The Blueprint“ (Jay-Z) oder „69 Lovesongs“ (The Magnetic Fields) erschienen.

Andererseits: Wenn man lediglich die fünf lautstark brüllenden Haupt-Phänomene, die das Pop-Jahrzehnt dominierten, nennt, wirkt die Dekade doch recht öde. Diese Haupt-Phänomene sind:
– die (idealerweise kostenlose) Downloaderei von allem und jedem
– Casting-Shows
– die Mainstreamisierung des Indierock
– die totale U2-isierung der Rockmusik (Coldplay, Keane, Snow Patrol, Razorlight, Starsailor und all die anderen von sich selbst besoffenen Pathospumpen)
– und Band-Wiedervereinigung als Massentrendsport.

Vor allem das letzte Phänomen ist aussagekräftig: Jede noch so glücklich in ihre Einzelteile zerlegte Band hat sich in freudiger Zelebrierung glorreicherer Tage – und somit das Gestern als besseres Heute feiernd – wieder zusammengetan: Pixies, Pink Floyd, Jesus & Mary Chain, Led Zeppelin, The Police, The Specials, Alice In Chains, Mott The Hoople, Smashing Pumpkins, Take That, Sex Pistols, Rage Against The Machine, Spandau Ballet, The Stooges, Faith No More, selbst die Band Aid gab es wieder, wenngleich mit völlig neuer Besetzung. Die meisten der Bands erinnerten mit ihren Wiederzusammenrottungen äußerst anschaulich noch mal daran, warum sie sich eigentlich längst aufgelöst hatten. Dabei hätte man es ahnen können: Daß Wiedervereinigungen oft mit Augenwischerei, Leid und Tränen einhergehen, kannte man schließlich aus anderen Bereichen. Relevantes neues Material produzierten von allen abermals zusammengepferchten Bands nur Dinosaur Jnr, Madness und die Soft Boys. Das Gute ist: Allzu viele Gruppen können sich nicht mehr wiedervereinigen. Nächstes Jahr sind Pavement und Pulp dran, 2011 werden vermutlich Oasis folgen, und 2017 werden womöglich die 2013 aufzulösenden Arcade Fire wieder zusammenkommen. Lediglich David Bowie hat sich noch nicht wiedervereinigt, und es deutet auch nichts darauf hin.

Damit soll es aber auch genug sein mit der Rückschau. Nur eins noch: Wer auch immer in diesen Tagen den popkulturellen Schulterblick macht, ist, in der ehrenwerten Absicht, aller Entwicklungen, Glanzleistungen und Tiefpunkte Herr zu werden, versucht, mit dem Medium der Liste zu hantieren. Aber: Listen sind doof, bucklig und des Teufels. Ja, ich will es sogar noch altersstarrsinniger und polternder ausdrücken: Listen oder Rankings sind ein journalistischer Offenbarungseid. Sie sind ein popschreiberisches Billigmedium für Autoren mit zu vielen Facebook-Freundschaften und zu vielen Kapuzenpullis. Auch parodistische Listen (mit Scherz-Disziplinen wie „Die 10 besten Bühnenunfälle des Jahres“ oder „Die 17 schlechtesten Tanz-Choreographien des Jahrzehnts“ sind überflüssig, denn eigentlich sind ihre Ersteller lupenreine Listen-Fetischisten, die nur unter dem Deckmantel der Listen-Veralberung eine weitere Liste abzuliefern trachten. Ich möchte einen Aphorismus F.W. Bernsteins paraphrasieren – wenngleich ein wenig ungelenk und unter tollkühner Missachtung des Versmaßes: „Listen-Parodisten wären die ersten, die Listen vermissten“.

Also: Bitte unter Fachkräften so wenig Listen wie möglich. Das Internet wiederum ist ein ganz guter Ort für Listen. Hier, wo ohnehin das meiste auf den dampfenden Minimalkonsens eines globalen Stammtischs heruntergeköchelt wird, kann man ruhig munter irgendwelche Plätze vergeben. Ansonsten glaube ich – trotz zahlreicher äußerst unwaghalsiger Pop-Artikel in Musikfachzeitschriften und Tageszeitungsfeuilletons – weiterhin an das ausladende, erläuternde und kommentierende Schreiben über Musik, auch im nächsten Jahrzehnt. Ganz im Gegensatz übrigens zum Schöpfer des wohl berühmtesten musikjournalistenfeindlichen Aphorismus. Dieser Aphorismus lautet: „Writing about music is like dancing about architecture“. Ein Zitat, das wahlweise Elvis Costello, Frank Zappa, Dr. Eckart zu Hirschhausen oder dem etwas unterbelichteten Sohn des Nachbarn meines Vetters zugeschrieben wird. Ich finde, der Satz kündet von einem enorm limitierten Vorstellungsvermögen hinsichtlich der Möglichkeiten von Sprache. Und was das angeblich ebenso undenkbare „zur-Architektur-tanzen“ angeht: Noch im letzten Jahr tanzte ich einen Flamenco zum Kölner Dom, und erst 2004 konnte man mich sehen, wie ich begeistert Macarena zum Hertie-Kaufhaus in Bergisch Gladbach tanzte.

Überhaupt sind Musikschreiber ja häufig Gegenstand von Schmähungen. Das liegt zum Großteil an den Musikschreibern. Und trotzdem sind sie wichtig. Ich halte es da mit dem hoffentlich bald einer Wiedervereinigung mit sich selbst entgegentänzelnden David Bowie. Der sagte einmal: „Gott schütze die Musikjournalisten. Sie retten uns vor vielerlei Übel“. David Bowie hat zwar nie einen solchen Satz gesagt, aber er sorgt einen Moment lang für Ruhe, wenn man ihn in ein hitziges Kneipengespräch einwebt.

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