Das Pop-Tagebuch

Alles ist ein großer Tannenbaum oder Weihnachten mit Peter Hein

Seit vielen Jahren schon wärmt der tolle Liedschreiber Stephin Merritt mir mit der Musik seines Projekts The Magnetic Fields das Herz. Im Januar erscheint das neue Album „Realism“. Darauf befindet sich auch ein Stück namens „Everything Is One Big Christmas Tree“. Man kann das Singen über Weihnachten im Januar sicher als törichte Ignoranz gegenüber sinnvollen Saisonalien empfinden; man kann aber auch – durchdrungen vom Wunsch nach ununterbrochener ständiger Weihnachtlichkeit – ausrufen: „Genau! Alles ist ein Weihnachtsbaum. Auch im Januar! Der Gedanke der weltumarmenden Güte gilt immer! Und jetzt gehen Sie ruhig vor, Sie haben ja nur ein Päckchen Scheibletten, derweil mein Einkaufswagen so prall gefüllt ist, als unterhielte ich ein 120-Personen-Kinderheim für fresssüchtige Erwachsene!“. Es wird sogar deutsch gesungen in dem Magnetic Fields-Lied – wenn auch nur so ungelenk wie dies einer schwulen New Yorker Post-Lo-Fi-Band mit Gershwin-Fimmel und ausladender Kunstbuch-Sammlung eben möglich ist. Ich verstehe den Text nicht recht, aber eine Art Matrosenchor singt da so etwas wie: „Alles ist ein großer Weihnachtsbaum/wird in den Weltraum geschickt“. Wie komme ich auf Matrosenchor? Es könnte ebenso gut ein Heilsarmee-Chor sein oder sieben singende Schuhputzer. Matrosen sind an Weihnachten sicher auf See. Aber gut, singen werden die dort auch.

Denn wo auch immer man sich in diesen Tagen zum Zwecke adventlichen Beisammenseins einfindet – Lied und Gesang sind immer schon da. Während sich aber irgendwelchen Betrieben zugehörige Menschen derzeit auf allerhand als Weihnachtssause getarnten Betriebsfeiern tüchtig einen hinter den Knorpel brausen, sind von vorweihnachtlichen Begierden geplagte Freischaffende wie ich darauf angewiesen, in leicht überheizten Wohnungen zu hochatmosphärischen Gruppenspeisungen geladen zu werden.
Bei diesen Gelage-artigen Zusammenkünften in privatem Rahmen – zumal bei solchen, zu denen sich überwiegend Menschen mit stark von Popmusik dominiertem Alltag einfinden – scheint es geradezu verpflichtend, während des ganzen Kochens, Essens und Trinkens, Plauderns, Gröhlens und Zerstreitens originelle Weihnachtsmusik im Hintergrund – mit deutlicher Betonung auf „originell“ und nicht auf „Hintergrund“ – laufen zu lassen. Das heißt: Wer sich am Tische gutaussehender Grafikdesignerinnen und Kunst-Kuratoren versammelt, um dort genussvoll in Rotkohl mit Maronenaroma herumzustochern, bekommt nicht die üblichen Bing Crosby-Schneefeger um die Ohren geblasen. Vielmehr darf man sich hier über hochgradig obskure Funde aus der Weihnachtsmusik-Schatulle freuen.

Und so gab es bei meinem letzten Weihnachtsessen nur so von Klingglöckchen durchbimmelte und Schellenkränzen durchrasselte Musik von Lo-Fi-Musikern, Easy Listening-Croonern, Bergarbeiterchören, Country-Haudegen, Punk-Rock-Bands, Girl-Groups, Indie-Schrammlern und Reggae-Bands zu hören. Wahrscheinlich war auch ein Matrosenchor darunter. Womöglich selbst ein singender Scheiblettenkäufer. Es scheint, als habe im Prinzip jeder Musiker dieser Erde mindestens einen Weihnachtssong auf dem Kehrblech. Auch ganze Weihnachtsalben werden ständig und überall eingesungen, und nachdem in diesem Jahr auch Bob Dylan und die Pet Shop Boys in festlicher Stimmung die Stimmbänder in Zustände der Dehnung versetzt haben, weiß man, daß im Grunde von jedem Musiker jederzeit ein Weihnachtsalbum erwartet werden kann. Ich frage mich nun schon seit längerem – und wiederhole dies an dieser Stelle in schriftlicher Form: Von welchem Musiker kann man sich überhaupt nicht vorstellen, daß er oder sie ein Weihnachtsalbum veröffentlichte?

Ich habe lange nachgedacht: Im Grunde traue ich wirklich jedem ein Weihnachtsalbum zu. Es mag einfältige Menschen geben, die einander unter Lachtränen und hysterischem Gegacker zurufen: „Stell dir mal vor – ein Weihnachtsalbum von Lemmy Kilmister!“ oder „Abgefahren! Weihnachten mit Slayer!“. Das ist natürlich phantasielos. Lemmy Kilmister traue ich sehr wohl festive Musik zu. Überhaupt sind harte Typen ja immer die ersten, wenn es darum geht, sich ein paar gepflegte Sentimentalitäten und Verweichlichungen zu leisten – und sei es in ironischem Mäntlein. Auch ein Marilyn Manson-Weihnachtsalbum scheint mir äußerst unabgefahren. Mir ist nach langer Überlegung nur ein Musiker eingefallen, von dem ich mir nicht vorstellen kann, daß seinem Munde jemals weihnachtliches Liedgut entfahren könnte: Die Rede ist von dem Fehlfarben-Sänger Peter Hein.

Vor einigen Wochen weilte ich auf einer Lesung, die der Letztgenannte bestritt. Es war ein herrlicher Abend. Hein, merklich von Alkohol umspült, las mit seiner bellenden Operetten-Stimme tränentreibende Tourgeschichten, Songtexte und Fortuna Düsseldorf-Anfeuerungsgesänge. Doch da, wo andere Lesende durch Kürze meinen beeindrucken zu müssen, wurde es bei Hein auslandend und episch. Er hörte einfach nicht mehr auf. „Wenn Ihr keinen Bock mehr habt, sagt’s einfach, ich neige zum Übertreiben“, murmelte er einmal – und schickte sich an, siebenundvierzig weitere Fortuna-Gedichte zu lesen. Sogar seinen einzigen großen Hit „Ein Jahr (Es geht voran)“ brachte er brüllend zum Vortrag. Am Schluss drehte er das Buch um, deutete auf die übersichtlichen Zeilen und sagte: „Mehr braucht man nicht für’n Hit – und ich hab zwei Co-Autoren gehabt!“. Ein anderes Mal entschuldigte er sich für seinen chaotischen Vortrag: „Ich hab mir keine gelben Zettel an die guten Stellen geklebt. Aber hätte auch nix gebracht – ist ja alles gut“. Und noch mehr Fortuna-Gedichte…
Es war herrlich. Nein, von Peter Hein kann ich mir kein Weihnachtsalbum vorstellen, aber ich bekäme gerne mal von ihm die Weihnachtsgeschichte vorgelesen.

Vor Jahren sah ich beim vorweihnachtlichen Fernsehschauen den knatterstimmigen ehemaligen Hitparade-Moderator Dieter-Thomas Heck einer Handvoll Kinder, die leuchtenden Auges zu seinen Füßen saßen, die Weihnachtsgeschichte vorlesen. Dieter-Thomas Heck hätte sicher an der Undeutlichkeit von Heins Vortrag Anstoß genommen, aber sonst, da bin ich mir sicher, hätten sich die beiden Vortragskünstler ein paar Glühweintassen lang ganz gut verstanden, und Heck hätte sich von Hein in Ruhe erklären lassen, warum die Fehlfarben nie bei ihm in der Sendung auftreten wollten. Ich glaube sogar, er hätte es verstanden. Ob Dieter Thomas Heck wohl sauer wird, wenn man ihn – so wie ich weiter oben – als „den ehemaligen Hitparade-Moderator“ bezeichnet? Würde er wohl seinem Gegenüber mit grimmiger Miene klarstoßen, daß er, wenn denn schon „ehemalig“, mindestens genau so sehr der „ehemalige `Melodien für Millionen‘-Moderator“ sei? Also ganz ähnlich, wie Dave Grohl allzu Grunge-fixierte Trunkenbolde, die ihn musikhistorisch verkürzend als den „ehemaligen Nirvana-Schlagzeuger“ bezeichnen, am Kragen packen, emporheben und ihnen dann einbläuen würde, daß er mindestens ebenso sehr der Sänger der Foo Fighters ist?

Doch genug der engstirnigen Fragen. Es ist Weihnachtszeit. Gütig schweift der Blick über die Dinge. Allüberall sitzen Matrosen- und Schuhputzerchöre beisammen, grillen Scheibletten und singen all die Weihnachtslieder, die The Magnetic Fields, Lemmy Kilmister und Peter Hein nie zusammen geschrieben haben. Auch ich ziehe mir einen Schemel heran. Und wie ich da so sitze und weiten Herzens dem Singen der Lieder zuhöre, fallen mir natürlich prompt doch noch mindestens zwölf Musiker ein, von denen ich mir schlechterdings nicht vorstellen kann, daß sie je ein Weihnachtsalbum herausbrächten. Aber ich werde sie jetzt nicht nennen, sonst mache ich mir den ganzen Text ja kaputt.  

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