Das Pop-Tagebuch

Männer, die auf Kisten klopfen – Ein trockener Schlagzeuger packt aus

Gestern Nacht träumte mir, das Spätwerk von Prince sei in meine Wohnung eingedrungen und habe dort unaufhörlich rumgenudelt.
„Aufhören, aufhören!!“ brüllte ich im Traum. Doch es half nichts. Das Spätwerk von Prince funkte, muckte und dudelte einfach weiter.
Ich weinte und trat um mich, aber das Spätwerk von Prince zeigte keine Gnade. Es war schlimmer noch als in jener Nacht, als ich träumte, das Spätwerk von Rod Stewart wäre in meine Wohnung eingedrungen.
„Aufhören, bitte“ flehte ich weiter.
„Komm schon, ich habe auch meine guten Seiten“ gab das Spätwerk von Prince zur Antwort und dudelte weiter.
„Das sagen sie alle!“ schrie ich.
Das Prince-Spätwerk blieb ungerührt und sprach, nunmehr mit hörbar sadistischer Freude: „Jetzt dudele ich eine besonders seltene Live-Fassung eines raren Instrumentals mit ausladendem Schlagzeugsolo, eine Version, die es nur auf einem limitierten Box-Set gibt, das man vor Jahren auf einer Fanclub-Homepage bestellen konnte. One-two-three-four…“. Ich wachte auf.

Jetzt, mit einiger Distanz, frage ich mich, ob wohl das Schlagzeugsolo im angekündigten Instrumental-Stück die Schaumkrone des Schreckens dargestellt hätte oder ob drei bis vier Minuten eitlen Schaugetrommels inmitten all des Daddel-Funks gar für eine kurze Linderung hätten sorgen können. Ich neige zu letzterer Möglichkeit. Schlagzeugsoli sind schlimm, aber unermüdliches Prince-Spätwerk-Gefunke ist schlimmer.
Schlagzeugsoli sind ja im Rockpop-Segment mehr aus der Mode gekommen als Spandex-Hosen. Man begegnet ihnen höchstes noch im Jazz-Kontext (ganz andere Welt!), bei Helge Schneider (auch ganz andere Welt) oder bei Pink. Also, den Schlagzeug-Soli begegnet man dort noch, nicht den Spandex-Hosen. Ich glaube, es war sogar bei einem Konzert von Pink, wo ich zuletzt eines Schlagzeugsolos anhörig wurde. Es war eins jener Soli, wie sie besonders muskulöse glatzköpfige Supertrommler spielen. Ich finde Schlagzeugsoli ansonsten nicht ganz so schlimm wie weite Teile meines Freundeskreises dies tun, aber das liegt womöglich daran, dass ich selbst Schlagzeuger bin.

Meine Pubertät verbrachte ich – neben dem Hören unzulänglicher Musik und dem Tragen ebenso unzulänglicher Kleidung – vor allem mit dem Erlernen des Schlagzeugspiels. Ich habe nicht viele Dinge im Leben ordnungsgemäß erlernt. Eigentlich fällt mir nur das Autofahren ein. Aus dem Tanzkurs und dem Blockflötenunterricht bin ich rausgeflogen. Aber ich habe tatsächlich in langen Jahren an der Musikschule von Bergisch Gladbach meine Fertigkeiten auf dem Gebiet des Schlagzeugspiels verfeinert. Und ich habe das Erlernte in die Praxis umgesetzt: Zwischen 1984 und 2005 habe ich mit mich als Schlagzeuger in diversen Bands verdingt – wenngleich unter konsequenter Vermeidung jeglichen kommerziellen Erfolgs, wie ich hier ja schon vor einigen Wochen dokumentierte. Noch heute würde ich selbst von mir behaupten, ein ganz passabler Schlagzeuger zu sein, allerdings spiele ich nicht mehr.

Aber mit dem Schlagzeugspielen verhält es sich ähnlich wie mit dem Alkoholismus: Bloß weil man nicht mehr aktiv ist, heißt das keinesfalls, dass man aus der Nummer raus wäre. Ich bin heute quasi trockener Schlagzeuger. Aber sobald ich irgendwo herumsitze und von Ennui übermannt werde, fange ich an herumzutrommeln: Stuhllehnen werden zu Hi-Hats, der eigene Oberschenkel dient als Snare, und so ziemlich jeder je verlegte Fußboden stellt eine verlässliche Bassdrum dar. So sitze ich also in der Weltgeschichte herum, betrommele unschuldiges Mobiliar und gehe damit meinen Mitmenschen gehörig auf die Nerven. Diese Unabhängigkeit vom tatsächlichen Instrument ist ein Privileg des Schlagzeugers. Denn noch nie hat man davon gehört, dass in der Wartezone B91 irgendeines Flughafens ein gelangweilter Fagottspieler vom Sicherheitspersonal überrumpelt werden musste, weil er – in Ermangelung seines Instruments – auf nervtötende Weise in eine Bäckereitüte hineingetrötet hätte. Doch wohin das Ohr auch schweift: Überall sitzen Schlagzeuger und Ex-Schlagzeuger in der Gegend herum und trommeln ganze Arbeitsamt-Korridore in den Irrsinn.

Viele Trommler spielen übrigens auch unentwegt mit ihren Kiefer Schlagzeug. Schließlich ist der immer dabei. Rechts unten im Mund liegt die Bassdrum, links oben die Snare. Jahrelang lebte ich in dem zermürbenden Irrglauben, es sei alleine meine bedenkliche Angewohnheit, rhythmisch mit den Zähnen herumzupoltern. Doch wie groß war meine Freude, als ich vor Jahren den Festivalrocktrommler Dave Grohl interviewte und dieser ganz beiläufig erwähnte, dass auch er ständig sein Kaugerät zur Dentalrhythmik missbrauchte. Dies hat mich zwar nicht eben nachhaltig für das musikalische Wirken Dave Grohls einnehmen können, aber da ich den Mann schon immer für einen für Rockstarverhältnisse ganz sympathischen Typen gehalten habe, tue ich dies seit jener Information noch ein wenig mehr.

Meine Lieblingsschlagzeuger aber sind keine tätowierten Bikerbart-Träger.
Spontan fallen mir vier Männer ein, deren trommelndes Wirken mich glücklich macht, sobald es erschallt: Phil Rudd von AC/DC, Peter Behrens von Trio, Steven Drozd von den Flaming Lips und der Typ, der auf Al Greens Siebziger-Alben Schlagzeug spielt. Vor allem das Al Green-Schlagzeug begeistert mich gerade mal wieder sehr.
Es ist schwer zu sagen, worin genau das Genialische des Al Green-Schlagzeugs besteht: Es ist fast schon schleppend und äußerst breakarm gespielt und tönt oft, als seien hier tatsächlich die früher häufig zitierten Pappkartons und Waschmittelbehälter statt echter Trommeln zum Einsatz gekommen. Die Ruhe des amerikanischen Südens scheint dem Mann im Nacken zu sitzen – alles Zickige und Hektische anderer Funk- und Soul-Produktionen fehlt hier völlig. Ein Verdienst, das sowohl Hi-Records-Producer Willie Mitchell in die Schuhe zu schieben ist, der dieses Schlagzeug so herrlich trocken aufnahm und prominent nach vorne mischte, als auch dem Schlagzeuger selbst. Verwirrenderweise gibt es zwei Trommler, die für Green spielten: Al Jackson und Howard Grimes. Wem auch immer hier das meiste Lob gebührt: Ich verkünde an dieser Stelle die Gründung der „Church of Al Green’s Schlagzeug“, woselbst man mich ab sofort beim täglichen Kniefall antreffen kann.

Die schlimmsten Schlagzeuger sind jene, die man in den Backingbands großer Poprock-Superstars findet: bei Pink, bei Madonna, bei Justin Timberlake, bei Robbie Williams – aber auch bei Paul McCartney. Es sind dies grundsätzlich immer muskulöse Glatzköpfe, deren Spiel von einer solch durchtrainierten Protzigkeit ist, dass man den Eindruck gewinnen könnte,  jemand habe diese Glatzköpfe im Schlagzeugfachgeschäft zum großen Schau- und Leistungstrommeln herausgefordert. Für ruhige Stücke holen sie nicht selten eine kleine quadratische Kiste hervor, platzieren diese am Bühnenrand und klopfen darauf herum, als säßen sie in der Fußgängerzone am Lagerfeuer. In Fußgängerzonen bestünde jedoch immerhin die Chance, dass Ordnungshüter die glatzköpfigen Trommler darauf hinweisen könnten, dass Lagerfeuer in Fußgängerzonen nichts zu suchen haben Auf Arena-Konzerten kann man wenig gegen ihr perkussives Gepoche ausrichten.

Aber machen wir uns nichts vor: Die glatzköpfigen Schlagzeuger würden wohl sogar in der Fußgängerzone so patzig zurückblaffen, dass ihre goldenen Ohrringe ins Baumeln gerieten. „Meine Güte!“, würden sie ausrufen. „Jetzt ist es also schon ein Verbrechen, auf kleinen Holzkisten in der Fußgängerzone herumzutrommeln und sich dabei an einem Lagerfeuerlein zu wärmen. Ihr könnt doch bloß alle keine Schönheit ertragen!“
Woraufhin den Ordnungshütern nur noch zu sagen bliebe: „Hüten Sie Ihre Zunge, Herr Superschlagzeuger, sonst sperren wir sie in dieselbe Zelle, in die wir heute morgen wegen ganz ähnlich gelagerten Herumnervens das Spätwerk von Prince gesteckt haben!“.

Anhang
Zehn tolle unprahlerische Lieblings-Schlagzeuge:

1.    Al Green – „Call Me“: Der nasse Pappkarton des Funk, schleppend und erzcool.
2.    The Flaming Lips – „Turn It On“: Ein knüppelhartes Power-Pop-Schlagzeug. Es ist schwer das Genie von Flaming Lips-Schlagzeuger Steven Drozd zu begreifen, wenn man ihn beim Spielen nicht sieht. Auch interessant: Der Flaming Lip’sche „Spiderbite Song“. Sänger Coyne singt davon, wie schrecklich es gewesen wäre, wenn Drozd durch einen Spinnenbiss seinen Arm verloren hätte (tatsächlich lag wohl in Wirklichkeit ein Junkie-Unfall vor) – und der Genesene spielt herrliche Schlagzeugbreaks zwischen die anrührenden Zeilen.
3.    AC/DC – „Highway To Hell“: Phil Rudd raucht beim Schlagzeugspielen Kette. Er beschäftigt sogar einen Zigaretten-Roadie. Das darf er ruhig, denn er spielt das beste schnörkellose Hardrock-Schlagzeug der Welt. Hier wie immer fast ohne aufschneiderische Breaks.
4.    Syd Barrett – „No Good Trying“: Hier ist Robert Wyatt am Schlagzeug zu hören. Syd Barrett lässt die Dinge laufen, und Wyatt versucht ihm am Schlagzeug zu folgen. Das scheitert gelegentlich, sorgt aber für schöne Verstolperungen.
5.    Holger Czukay – „Photo Song“: Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit und ich teilen dasselbe Wohnviertel, was zur Folge hat, dass ich gelegentlich beim Einkaufen einem meiner größten musikalischen Helden begegne. Der Song steht hier stellvertretend für das ganze Can-Werk, an dem ich mich ein wenig sattgehört habe. Dieses alberne leichte Liedlein mit Liebezeits präzisem, aber federndem Schlagzeugspiel funktioniert fast immer. Er spielte auch für Joachim Witt und Gianna Nannini.
6.    The Roots – „The Seed. (2.0)“: Roots-Schlagzeuger ?uestlove produzierte diesen Song auch. Der Mann spielt stets wuchtig, aber immer songorientiert. Mein Lieblingshit des letzten Jahrzehnts.
7.    Adriano Celentano – „Un Bimbo Sul Leone“: Einer der besten Up-Tempo-Songs des Meisters. Tolle, warme Produktion. Das Schlagzeug besteht fast nur aus einem präzise geöffneten Hi-Hat, das wie ein Loop durch den Song läuft.
8.    Trio – „Halt mich fest, ich wird‘ verrückt“: Daß der Trio’sche Minimalismus so gut funktionierte, verdankt sich natürlich auch der Tatsache, dass Peter Behrens und Kralle Krahwinkel so gute Musiker waren. Hier tuckert das lässig aus dem federnden Handgelenk gespielte Schlagzeug besonders schön. Ein Zirkustrommler spielt Punk.
9.    Elvis Costello & The Attractions – „(I Don’t Want To Go To) Chelsea“: Mein Lieblings-Schlagwerker der Post-Punk/Wave-Ära ist der Attractions-Drummer Pete Thomas. In diesem hitzigen Reggae-fizierten Stück trommelt er mal eben das Gesamtwerk von The Police in die Überflüssigkeit.
10.     King Tubby: „Better Version“: Niemand konnte Schlagzeug und Bass so sexy klingen lassen wie das Dub-Genie King Tubby. Nirgendwo sonst gab es dieses Hi-Hat-Zischeln, diese zackigen Rim Shots und diese staubtrockene Bass-Drum. Rhythmusgruppe hier waren natürlich die Aggrovators.

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