Das Pop-Tagebuch

Pop und Depression oder Der innere Greenberg und der äußere Bart

Greenberg: It’s weird: aging. Right?
Ivan: Youth is wasted on the young.
Greenberg: I’d go further. I’d go: Life is wasted on … people.

Eben durchwandelte ich mal wieder müßigen Gedanken nachhängend mein Viertel, als aus einem Haus einer jener zuletzt inflationär zu bestaunenden jungen Bartträger trat. Seit einigen Monaten schon befinden sich eigentlich fast alle in meiner Wohngegend beheimateten jungen Männer um die Zwanzig in einem Zustand der Vollbärtigkeit, der sie aussehen lässt wie akustikgitarrenbewehrte Folksänger aus Brooklyn. Dieses Exemplar jedoch gebot über einen besonders beeindruckenden wallenden Flaum. Entgegen der mir eigenen Höflichkeit griff ich dem jungen Burschen mitten in sein wüst wucherndes Gesichtsgestrüpp und sprach ihn an.

„Junger Mann“ hörte ich mich so despektierlich wie nur möglich sagen. „Sie haben ja einen längeren Bart als die Witze eines deutschen Comedians!“.
Der junge Mann musterte mich von oben bis unten.
„Und Sie sind alt“, antwortete er. „Das lässt sich ungeachtet Ihrer Gesichtszerknitterung allein schon Ihrer Formulierung bezüglich des langen Witze-Bartes entnehmen. Wir von der so genannten Facebook-Generation reden nicht so. Bei uns haben Sachen keinen sprichwörtlichen Bart mehr.“
Ich zog kurz an meiner Pfeife und bemühte mich, eine Augenbraue zu heben, um damit irgendetwas auszudrücken, wovon ich nicht so recht wusste, was es war.
„Hören Sie“, sagte ich dann. „Kommt es Ihnen nicht seltsam vor, dass Sie sich selbst als Teil der „Facebook-Generation“ stigmatisieren? Mehr noch: dass sie sich als Teil der „so genannten Facebook-Generation“ bezeichnen? Niemand sagt über sich selbst, er sei Teil eines „so genannten Dies und Das“.“
„Das könnte daran liegen, dass es sich bei mir um ein Produkt Ihrer Phantasie handelt“ kam es so barsch zurück, dass mir die Pfeife aus dem Mund fiel. „Was können wir von der so genannten Facebook-Generation denn dafür, dass Sie, Pfeil, in Ihren Texten ständig aus purem Abgrenzungszwang die Wendung „so genannt“ vor jedes ihrer Meinung nach geißelnswerte Phänomen tippen?“
„Junger Mann“ antwortete ich, nachdem ich meine Pfeife wieder aufgehoben hatte. „Die Art und Weise, wie Sie mir hier in geradezu Charlie Kaufman-esker Manier als Produkt meines Geschreibsels begegnen und mir dieses dabei auch noch gleich kaputtzureden versuchen, verwirrt mich ebenso sehr, wie sie mich anstrengt. Bitte nehmen Sie dies als Kapitulationserklärung an. Wenn es denn möglich ist, würde ich den Rest dieses Eintrags gerne unbehelligt von den Protagonisten meiner eigenen Texte und in nicht-dialogischer Form zu ende bringen.“
„Gerne. Nur eins noch: Wir Barttypen sind übrigens meistens Vinylkäufer. Die Downloadjugendlichen, die Sie eben beschrieben haben, das sind die ohne Bart“.

Ach, ich und die Jugendlichen – ich glaube, daraus wird nichts mehr. Am schlimmsten sind ja die Jugendlichen um die Vierzig. Und wenn diese Jugendlichen dann auf die echten Jugendlichen treffen, ist schnell Panhas am Schwenkmast.
Zu diesem Thema findet sich eine wunderbare Szene in dem überhaupt recht wunderbaren, weil sehr fein beobachteten Noah Baumbach-Film „Greenberg“, den im Kino zu sehen ich gestern die Freude hatte.
Ben Stiller spielt in diesem Film den vierzigjährigen gescheiterten Musiker Greenberg, der, frisch aus einer Nervenheilanstalt entlassen, für einige Wochen Haus und Hund seines deutlich besser sortierten Bruders in Los Angeles hüten soll. Greenberg verbringt den Tag ähnlich wie die meisten Menschen, die sich mit Depressionen herumzuschlagen haben: Er verschwendet all seine Energie mit stundenlanger Grübelei, schreibt Beschwerdebriefe an Bürgermeister, Tageszeitungen, Starbucks und die halbe Welt, begibt sich unüberlegt in zwischenmenschliche Beziehungen, stößt unentwegt Menschen vor den Kopf und sucht die Schuld an seiner Lage stets bei anderen.
In einer zentralen Szene des Films gerät Greenberg in eine Party sorgloser Zwanziger. Nachdem er in sich einem besonders schlecht beratenen Moment von einem Jungen zu einer Linie Koks hat überreden lassen, platzt die geballte Paranoia des besserwisserischen Jugendverdrossenen aus ihm heraus. In einem hysterischen Monolog reiht er vor der peinlich berührten Party-Schar alle angehäuften Jugend-Klischees aneinander und kommt zu der
Erkenntnis: „I’m freaked out by you kids. Your parents were too perfect on parenting. (…) Hope I die before meeting one of you in a job interview“. Dann zwingt er der Party eine Duran Duran-Platte auf („this is great coke music“) wird aber von einem jungen Mann, der lieber Korn hören möchte, niedergeschlagen.

Der Film ist auf äußerst unaufdringliche Weise von Popmusik durchdrungen: Nicht nur, weil James Murphy von LCD Soundsystem den Score fabriziert hat. Greenberg doziert darüber, dass früher stets bei Regen Albert Hammonds „It Never Rains In Southern California“ im Radio gespielt worden sei, er trägt ein Steve Winwood-T-Shirt und stellt der jungen haltlosen Florence (Greta Gerwig) eine Mix-CDs mit Musik von Galaxie 500 bis Karen Dalton zusammen.
„You like old things“, kommentiert Florence arglos seine Auswahl. Und trifft damit doppelt: Zum einen führt sie Greenberg sein Verhaftetsein in vermeintlich besseren Zeiten vor, zum anderen beschreibt sie damit auch bloß einen Charakterzug, der ja gar nicht weiter schlimm wäre, wenn nicht auch Greenberg (der zuvor noch einer Runde Erwachsener das Tragen von Kinderkleidung vorgeworfen hatte) in unangebrachten „Meine Jugend war jünger als Eure“-Kategorien urteilen würde. Ich hatte meinen persönlichen Greenberg-Moment beim Verlassen des Kinos, als ich mich feststellen hörte, dass mir die Stücke des „maßlos überschätzten“ James Murphy überhaupt nicht gefallen hätten, dass es aber heute so tolle Bands wie Galaxie 500 doch gar nicht mehr gäbe. Statt hier nun aber ausgiebig das Werk von Galaxie 500-Sänger Dean Wareham zu preisen (seine zweite Band Luna wird hierzulande, um diese blöde Kritikerformulierung noch mal zu verwenden, „maßlos unterschätzt“), möchte ich rasch noch etwas verkünden:

Meinen vierzigsten Blog-Eintrag, der sich hier vor des lieben Lesers Augen manifestiert, gedenke ich mit einer Neuerung zu feiern! Man möge das Wort „feiern“ nun bitte nicht zu hedonistisch begreifen und vermuten, dass dieser Text im altersunangemessenen Rauschzustand entstanden wäre oder dass anlässlich des Jubiläums neben meinem Schreibtisch eine von geneigten Blog-Lesern zu meinen Ehren einkutschierte und aus einer Leser-Sammelbüchse finanzierte Band aufspielte. Mitnichten! Ich habe noch nie das Bedürfnis verspürt, Lieblingsbands als Festtagsmusikanten zu verpflichten. Es gibt ja Leute, die so etwas tun. Die buchen sich dann für viel Geld Status Quo oder Barclay James Harvest als Geburtstagsband nach hause. Und wundern sich dann, wenn ihnen Barclay James Harvest nach beendetem Festgedudel im Vollrausch erst die Bude zerlegen, dann die Freundin ausspannen und hernach vom privaten Telefonanschluss aus teure Scherzanrufe nach Peru tätigen.
Ich finde es auch erstaunlich, dass Musiker sich tatsächlich von Privatleuten mieten lassen. Immer wieder ist ja an Stellen, die sich für das Verbreiten nutzloser Nachrichten zuständig fühlen, zu lesen, dass man etwa Udo Jürgens für soundsoviel tausend Euro mieten könne. Also, ich wäre mir, wenn ich Musiker wäre, für so etwas ja zu schade. Bei Udo Jürgens könnte man aber wohl immerhin davon ausgehen, dass dieser die sittliche Reife besäße, nicht heimlich vom Privatanschluss Scherzanrufe nach Peru zu tätigen.

Aber es geht bei meinem Feiertagseinfall tatsächlich um etwas wesentlich Unoriginelleres: Ich habe mich entschieden, künftig jedem Text eine Playlist anzuhängen. Das mag zwar einer früher an dieser Stelle verbreiteten Behauptung widersprechen, derzufolge ich das grassierende Listenwesen in der Pop-Berichterstattung für einen journalistischen Offenbarungseid halte. Aber erstens sind Widersprüche toll, bowie-esk und dylanös. Und zweitens scheint es mir nur angemessen, die Leute, die meine Texte lesen, auch wissen zu lassen, was ich denn gerade so höre. Rechnen Sie, inspiriert von „Greenberg“, in Bälde mit der Liste „Zehn Depressions-Songs zum Ablachen“. Dieses Mal sei jedoch lediglich eine einfache Songliste angefügt. Und bitte…

PLAYLIST

Galaxie
500 – Strange; Album „The Portable Galaxie 500″

Luna – California (All The Way); Album: „Bewitched“

The New Pornographers – Silver Jenny Dollar; Album: „Together“

Nicolai Dunger – Crazy Train; Album: „Play“

Viola Valentino – Sola (charmanter Italo-Pop-Kracher aus dem herrlich derben Tomas Milian-Film „Delitto sull‘ autostrada)

Gonjasufi – Sheep; Album „A Sufi And A Killer“ (Ennio Morricone und Cody ChestnuTT zählen bekifft Schäfchen, der Rest des Albums klingt eher wie eine schwarze Version der Stooges, produziert von Sly Stone)

The Avett Brothers – Head Full Of Doubt/Road Full Of Promise (einer der Höhepunkte des insgesamt ziemlich famosen Albums „I And Love And You“)

Ganglians – Monster Head Room (tolles Album: Syd Barrett und Brian Wilson nehmen auf einem 4-Spur-Gerät afrikanistische Trance-Stücke auf)

DePedro – La Memoria; Album: „DePedro „(Ein Spanier in Tucson, ein Popsong im Bordermusik-Gewand)

Coconut Records – Bored To Death Theme Song (Das neue Projekt des Wes Anderson-Regulars Jason Schwartzman mit dem Titelstück zur famosen gleichnamigen HBO-Serie)

Roy Orbison – Best Friend; Album: „The Essential Roy Orbison“

Strange Boys – Be Brave (der furios scheppernde Titelsong ihres jüngsten Abums)

Tocotronic – Im Zweifel für den Zweifel; Album: „Schall und Wahn“

Robyn Hitchcock – „Propellor Time“ (nicht für den Einsteiger geeignet, aber ein weiteres sehr gutes Album von Englands bestem Songschreiber; u.a mit Nick Lowe, Johnny Marr und John Paul Jones (!))

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