Das Pop-Tagebuch

Rufus Wainwright schreibt eine Fußballhymne oder Lautes Gähnen aus dem E-Fach

01.06.2010

Ich reise mit dem ICE nach Hamburg.

„Music Is The Message“ steht auf dem T-Shirts des vielleicht zwölfjährigen Jungen, der mir beim Betreten des mir zugewiesenen Zugabteils auf den Fuß latscht.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht falle ich auf meinen Sitzplatz. Die Frühzwanzigerin auf dem mir gegenüberliegenden Platz liest die „Brand Eins“. Auf dem Cover des sich hip gebärdenden Dynamiker- und Leistungsträgermagazins ist ein Typ mit Weste, schlabberigem T-Shirt und Tattoos zu sehen, der wohl entweder eine Firma für Westen besitzt, eine Firma für schlabberige T-Shirts leitet oder einen Tätowiersalon führt. Unter dem Foto steht: „Mach doch, was du willst – Schwerpunkt selbermachen“.

Aha, denke ich, da hat wohl wieder einer die vorletzte Tocotronic-Single „Macht es nicht selbst“ nicht gehört.

Und noch ein deutschsprachiges Lied fällt mir ein. Schon vor vielen Jahren komponierte der nicht genug zu preisende Funny van Dannen ein Stück, das als Lösung aller erdenklichen Probleme die Refrainzeile „Baut kleine geile Firmen auf“ anbot.

 

02.06.2010

Meine Mutter und ich sitzen in der ausverkauften Kölner Philharmonie und warten wir auf Jamie Cullum. Zu Weihnachten hatte ich meiner Lieblingsverwandten Tickets für das Konzert des Wunderkinds, generationsübergreifenden Entertainers, Tausendsassas, Clint Eastwood-Kumpels und Zigfach-Preisträgers geschenkt, und heute nun ist der große Tag gekommen: In gediegener Ausgehgarderobe sitzen wir nebeneinander: Mutter freudig, ich ein wenig besorgt, dass es zu gediegen werden könnte. Es wäre nicht das erste Mal, dass mein Ansinnen, mit meiner Mutter das dünne Eis der generationsübergreifenden Popmusik zu begehen, zu einem bösen Einbruch führen würde.

Denn es ist ja so: Wer schon einmal einer Jamie Cullum-Platte begegnet ist, könnte womöglich dem Eindruck erliegen, dass es sich bei der Musik des 30Jährigen für jene Sorte Klangware handeln könnte, die Götz Alsmann und Thomas Gottschalk gerne mal in einer spätabendlichen ZDF-Sendung für anspruchsvolle Popfans präsentieren würden und die auch reflexgeleiteten Käufern von Hugh Grant-Filmsoundtracks in Verzückung versetzen dürfte.

Live allerdings ist der Mann durchaus in oberen Offenbarungssphären anzusiedeln. Endlich hält mal einer all die Versprechen, die Robbie Williams, Harry Connick Jr. und Justin Timberlake zu geben sich nie recht getraut haben. Und selbst Cullums Swing-Songs haben nichts mit jenen Schrecklichkeiten gemein, die uns die Roger Ciceros dieser Welt andrehen wollen. Natürlich macht der tasteninstrumentarisch hochbegabte Cullum auch all die Pianistenwitze, mit denen sich Helge Schneider und Gonzales abends gute Nacht sagen (über den Rand hinaus klimpern, auf dem Flügel herumklopfen, mit dem Gesäß spielen, das Instrument besteigen etc.). Aber selbst ein Virtuositäts-Phobiker wie ich gerät hier ins Staunen, denn der Mann kann tatsächlich alles von Hoagy Carmichael und Cole Porter über Dave Brubeck und Burt Bacharach bis hin zu Andy Williams und Tony Bennett. Und wenn ihm nach Funk ist, macht er den auch noch. Eigentlich müsste er vor lauter Talent und Ambition ständig auf die Tastatur knallen, aber als große Familienpopmusik funktioniert das, was er da treibt, wirklich großartig.

Am Schluss tanzt alles (in der Philharmonie!), die Bühne wird gestürmt, und der Chor des großartigen Brechers „Mixtape“ wird noch Minuten nach Cullums Abgang gesungen. Auch Mutter wogt begeistert mit. Es ist tatsächlich so gut, dass man danach sogar an Cullums Platten gefallen finden kann.

 

03.05.2010

Ich bin ja spät dran mit dem Thema, aber:

Die Hype-Band der Stunde heißt The Drums. Sie machen alles richtig und daher alles falsch. Was soll man als junge ambitionierte Pop-Band denn auch sonst machen? Alles richtig machen nur Fußballspieler.

Ihre Musik ist zu hören im Fred Perry-Laden auf der Kölner Ehrenstraße, auf den IPods der hübschesten Fahrradmädchen und in den Indierock-Clubs der Stadt. The Drums sind so abgefeimt stilsicher und so langweilig gut, dass es weh tut.

„Ist es eher ein stechender oder ein dumpfer Schmerz?“ fragt mein Arzt.

„Weiß ich noch nicht“.

The Drums wurden, wie es unter formelverliebten Autoren gerne heißt, am Reißbrett entworfen, aber es war immerhin ihr eigenes Reißbrett. Die Band hat sich quasi selbst gecastet und ihrem Label ein perfektes Produkt – zusammengebastelt aus Postpunk, Achtzigerpop und Surf -, abgeliefert und zeigt damit wie vor ihnen höchstens noch die Briten Glasvegas mit einem ganz anderen Sound-Hybrid, was viele natürlich längst wussten: daß Indie-Pop heute genauso kalkulierbar ist wie jeder andere kommerzielle Musik auch. Daran ist nichts schlimm oder anstößig; es darf sich dennoch der glücklich schätzen, der das Privileg hatte, seine Zwanziger mit Bands wie Pavement verbringen zu dürfen.

Ich fühle mich wie hundert Jahre alt, wenn ich The Drums höre. The Drums sind ziemlich großartig.

 

04.05.2010

Beim Einsortieren des Debütalbums der Songschreiberin (und Jack White-Gattin) Karen Elson ins Regal habe ich eben feststellen müssen, dass ich kaum Platten von Musikern besitze, die mit E anfangen.

Außer Karen Elson stehen bei mir unter „E“ sonst nur noch Platten von Elf Power, der Achtziger-Popband Endgames und der Berliner Wundersängerin Justine Electra.

Das bedeutet erstens, daß ich meine Platten alphabetisch sortiert habe (was mir wohl eine mittelstark ausgeprägte Nerd-Aura verleiht) und zweitens, daß ich keine Platten von ELO, den Eels, Enigma, Eminem oder Extreme besitze. Dafür steht umso mehr bei „D“ – und seit heute auch The Drums.

Ich rufe einen Freund an.

„Hast Du auch kaum Platten mit E, aber ziemlich viele mit D und die meisten mit S?“

„Weiß ich nicht, meine Platten sind nach Genres sortiert“.

 

05.06.2010

Ich glaube, wenn man heutzutage im Musikgeschäft noch Geld verdienen will, muss man eine Vampirfilm-Soundtrack-kompatible Band gründen. Eine Band wie Muse zum Beispiel.

Muse gehören zweifelsohne in die Top Ten der schlimmsten Bands aller Zeiten, aber ihr technoider, pompgesättigter Ledermantelrock eignet sich so vortrefflich für Soundtracks wie sonst nur das Kajal-Gedudel von Placebo. Und zwar für die verschiedenartigsten Soundtracks: Muse hätten bereits in den Neunzigern den „Matrix“-Soundtrack mit ihrer unerfreulichen Präsenz verunedeln können. Heute eignen sie sich im gleichen Maße für minderwertige Action-Filme wie für dieses grässliche, para-romantische und gruselbefreite Vampir-Zeug, das die jungen Menschen heute so gerne sehen.

 

Es gibt aber auch Bands, die machen es anders:

Die Kölner Schnurrbart-Magiere De Höhner und die Unterhemden-Stimmungskanonen Right Said Fred zum Beispiel. Die haben sich, wie ich eben lese, zu etwas zusammengetan, was man wohlmeinend als „WM-Song“ bezeichnen kann. Ich weiß, es ist der falsche Zeitpunkt, aber mir machen WM-Songs ja mehr Angst als alle modernen Vampir-Filme gleichzeitig. Noch schlimmer als die echten, unverhohlenen WM-Songs sind die armseligen Versuche der Musikindustrie, jeden derzeit veröffentlichten Song in irgendeiner Weise mit der WM zu verbinden: „Walking On Sunshine goes World Cup“ musste ich eben in einer Pressemeldung zum Re-Release des Katrina & The Waves-Songs lesen. Dann doch lieber eine ehrliche blöde Fußbalhymne. Was wollte man auch mit feinsinnigen Fußbalhymnen? Das Wesen der Fußballhymne ist wohl, dass sie stumpf ist. Wobei ich es nicht uninteressant fände, wenn sich die beiden Extrem-Sensibilisten Rufus Wainwright und Antony and the Johnsons dazu verabreden würden, im Dienste der Stadionbeschallung sensibles Liedgut zu produzieren. Ich werde das Projekt umgehend bei den Plattenfirmen der beiden Herrendamen anregen. Wenn sie sich dann auch noch, sagen wir, The Elfs (tolles Wortspiel mit Fußball-Elf und Elfen… na ja) nennen, hätte ich bald auch schon eine weitere Platte im E-Fach stehen.

 

PLAYLIST

 

The Drums – „Let’s Go Surfing“ (Süßer Vogel Hypemusik)

Jamie Cullum – „Mixtape“ (Wäre der Song nicht so gut, man könnte den Text als etwas hinkonstruiert empfinden)

Harry Belafonte – „Land of the Sea and Sun“ (alter Lieblingssong des Meisters, eben wiederentdeckt)

Superpunk – Die Seele des Menschen unter Superpunk (Müsste ich eine Band sein, ich wäre gerne diese!)

Kimberley Rew – „My Baby Does Her Hairdo Long“ (Ein Hoch auf die weibliche Langhaarigkeit! Vom vergessenen Power-Pop-Superalbum „Bible of Bop“)

Villagers – „Becoming A Jackal“ (Höre nur ich hier Arthur Lee?)

Thao – „Cool Yoursef“ (Tegan & Sarah, Ohren auf!)

Manuel & Pony – „Das Lied von Manuel“ (Heilung durch Musik als Thema eines völlig wahnsinnigen Kinderschlagers von 1979)

Pavement – Wowee Zowee

 

 

 

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