Das Pop-Tagebuch

Zwischen Haldern und Bangladesh oder Ungesehene Fotos unerhörter Menschen

Angeblich sterben alle Leute mit Musik im Kopf. Hab ich einmal gehört. Wenn schon alles weg ist – Geist, Menschenerinnerung -, dann ist immer noch Musik.

(Thomas Bernhard, Die Mallorca Monologe)

05.08.2010

Ich höre ja fast ausschließlich noch im Auto Musik. Ich komme sonst schlichtweg nicht mehr dazu, was nicht zuletzt daran liegt, dass ich die Hälfte meiner Freizeit auf dem Golfplatz oder mit Dune Buggy-Fahren verbringe.

Musik beim Autofahren ist aber nach wie vor das Größte. Umso mehr irritieren mich die meisten mir entgegenkommenden Fahrzeuge, beziehungsweise: deren Insassen. Wenn man früher im entgegenkommenden Wagen oder zur rechten oder linken an der Ampel Menschen sah, die stumm den Mund auf- und zuklappten und dabei enthemmt den Kopf verrenkten, konnte man sich sicher sein, dass diese Menschen Musik hörten. Da saßen sie dann in ihren Autos und sangen womöglich lauthals mit zu „Sonne in der Nacht“ von Peter Maffay (warum mir jetzt gerade dieser Song einfällt, weiß ich auch nicht). Heute ist das anders: Die meisten Menschen, die beim Autofahren die Lippen bewegen, singen nicht mehr falsch zu Lieblingsliedern mit. Nein, sie haben Stöpsel im Ohr und telefonieren. Auf rollenden Telefonzellen knattern sie durch die Welt und entpoetisieren somit den Vorgang des Autofahrens komplett. Ob Tom Petty und Bruce Springsteen (um nur zwei Großmeister des Autofahrrocks zu nennen) wohl je auf die Idee kämen, im Auto zu telefonieren? Na ja, wahrscheinlich schon. Mit ihrem Manager etwa, der vielleicht Elmer Loewenstein heißt. So oder ähnlich heißen nämlich Manager großer Autofahrmusikkomponisten. Wann aber hören die ganzen Leute, die mir auf den Highways Nordrhein-Westfalens begegnen, noch Musik, wenn schon nicht mehr im Auto? Vermutlich dann, wenn ich gerade mit dem Dune Buggy zum Golfplatz brettere.

06.08.2010

Ich lese für meinen Verlag das Manuskript von Greil Marcus‘ „Complete Writings About Dylan“, eine Sammlung sämtlicher Texte, die Marcus‘ zwischen 1968 und 2010 über Dylan geschrieben hat.  Enthalten sind Betrachtungen über The Band, über Doug Sahm, über Dylan und Obama undundund: Alles auch nur entfernt Dylanöse, das je aus Marcus‘ Feder floss, ist enthalten. Auch die legendäre „What is this shit?“-Kritik zum 1970er „Self Portrait-Album aus dem Rolling Stone.

Die Texte, egal ob alt oder neu, sind durch die Bank höchst vergnüglich, was daran liegt, dass Marcus‘ bei all der Analyse nie der Humor abhanden kommt. Über den Song „Wallflowers“, den Dylan zum Album „Doug Sahm And Band“ aus dem Jahr 1973 beisteuerte, schreibt er etwa: Wallflowers shows that he (…) has succeeded in writing and whining a tune that could by no stretch of the imagination have the slightest effect on anybody. Und über das von George Harrison 1972 organisierte „Concert for Bangladesh“, jener Benefiz-Veranstaltung, bei der Bob Dylan neben Eric Clapton, Ringo Starr und vielen anderen nach vierjähriger Bühnenpause erstmals wieder live auftrat, heißt es: All of the devout rockers on Harrison’s stage seemed to be missing their own point.

Wie allzu respektvoll liest sich dagegen doch das Meiste, was heute über Popmusik geschrieben wird.

08.08.2010

Wenn eine britische Musikzeitschrift in Themennot gerät, gibt es immer „unseen photos“: bislang nicht veröffentlichte Aufnahmen großer Rock-Legenden. Alleine die „unseen fotos“, die in den letzten zehn Jahren von den Beatles in britischen Magazinen veröffentlicht wurden, reichen aus, um damit die komplette Abbey Road zu tapezieren. Andere Top-Kandidaten für „unseen photos“: der Bob Dylan der mittleren Sechziger, die Rolling Stones und Led Zeppelin. Meistens sind die Bilder ja auch recht erhellend, schließlich kann man gar nicht genug Aufnahmen betrachten, auf denen Paul McCartney ein albernes Gesicht schneidet oder Ringo Starr eine Ziege füttert.

Jetzt wird es aber langsam lustig. Ich weiß nicht mehr, welche Zeitschrift es war, aber als ich heute eine Bahnhofsbuchhandlung durchschlenderte, sprang mir ein Magazin-Cover ins Auge, auf welchem ein fetziger Schriftzug typographisch jubilierte: „The Libertines – Unseen Fotos!“. Interessant, dachte ich, dass die Libertines (die ich durchaus schätze) schon in den Legendenstatus eingetreten sind, der eine Nachfrage nach „unseen photos“ nach sich zieht. Wobei – was bitte soll auf diesen Fotos schon zu sehen sein? Es ist doch recht absehbar: Pete Doherty mit entblößtem Oberkörper. Pete Doherty rauchend. Pete Doherty schwitzend. Pete Doherty mit halb geöffneten Augen, rauchend, schwitzend und mit entblößtem Oberkörper beim Versuch eine Stehlampe aus dem Fenster eines englischen Hotels abzuseilen. Ich glaube, ich muss mir das Heft kaufen.

Demnächst hier: Die Spider Murphy Gang und Erste Allgemeine Verunsicherung – bislang nicht gesehene Fan-Gemälde!

10.08.2010

Der australische Songschreiber Robert Forster ist seit einigen Jahren unter die Musikautoren gegangen. Vor einigen Monaten hat er in der Zeitschrift THE WORD seine „Ten Rules of Rock’n’Roll“ formuliert. Weise Regeln wie jene, der zufolge Musiker großer Bands während der aktiven Zeit dieser Band strikt keine Solo-Aben veröffentlichen sollten, sondern erst danach. Eine Regel, an die sich beispielsweise die Beatles streng gehalten haben, Radiohead jedoch nicht. Meine von Forster formulierte Lieblingsregel aber lautet: Der vorletzte Song auf einem Album ist stets der schwächste. Hier, so Forster, werde stets ein „Füllsong“ platziert. Das Schöne an solch einer Behauptung ist natürlich, dass man sie sogleich anhand etlicher Lieblingsalben nachprüfen kann, was ich heute mal getan habe. Der erste Kandidat war „Revolver“ von den Beatles, und, nein, „Got To Get You Into My Life“, dieses wunderbare, dezent angekiffte Pseudo-Motown-Stück von McCartney, ist definitiv nicht der schwächste Song der Platte. Volltreffer allerdings bei AC/DCs „Back In Black“: „Shake A Leg“ ist ein guter Rüpel-Boogie, aber auf diesem Album definitiv der schwächste Song. Fehlanzeige dann wieder bei Al Greens „Call Me“-Album: „You Ought To Be With Me“ ist großartig. Beim neuen Arcade Fire-Album haut Forsters These wiederum hin (sofern man das letzte Stück der Platte tatsächlich als vollwertigen Song und nicht als Reprise betrachtet). Und wie ist es bei Forsters eigenen Platten? Ich ziehe eins meiner ewigen Lieblingsalben, „16 Lovers Lane“ von Forsters alter Band The Go-Betweens, heraus. Das vorletzte Stück heißt „I’m Alright“, es wird eingerahmt von zwei Glanztaten der Band, McLennans „Was There Anything I Could Do“ und Forsters „Dive For Your Memory“, bei dem mir regelmäßig alles rausfliegt vor Begeisterung! Und tatsächlich: „I’m Alright“ ist gut, aber der mit Abstand verzichtbarste Song auf „16 Lovers Lane“.

Am Abend fahre ich wieder mal Auto und höre dabei mein aktuelles Lieblingsalbum, Josh Riters „So Runs The World Away“, eine Platte, die eines der betrüblichsten ewigen Menschheitsthemen – die Vergänglichkeit allen Seins – zum Thema hat und die diesem Thema durch das Ineinanderblenden von Gestern und Heute, von Alt und Neu in der Kunstform Song beizukommen versucht. Kurz vor Ende des Albums, beim letzten Song „Orbital“ fällt mir wieder Robert Forsters These ein: Auch hier, bei Josh Ritter, so denke ich beim Weiterfahren und Lauschen, irrt der Meister der gesungenen Kurzgeschichte: Ritters Platte ist großartig, aber hier ist mal der letzte Song der schwächste, nicht der vorletzte: „Orbital“ ist für diese erhabene Platte einfach zu rumpelnd und straßensängerhaft. Und gerade als ich geneigt bin, Forsters These als amüsanten aber haltlosen Unfug abzutun, kommt tatsächlich erst der letzte Song auf Ritters Albums Er heißt „Long Shadows“. Angeschmiert. Kopfschüttelnd fahre ich dem Sonnenuntergang entgegen, während sich auf der anderen Erdhalbkugel Robert Forsters schmale Lippen zu einem gütigen Lächeln kräuseln.

14.08.2010

Ich fahre mit einer lieben Freundin zum Haldern Pop Festival, auch bekannt als das Open Air-Festival für Menschen, die eigentlich keine Open Air-Festivals mögen. In erster Linie reisen wir an, um dort die große Band The National zu sehen, auch bekannt als die große Band für Menschen, die eigentlich keine großen Bands mögen.

Es geht vorbei an Kuhwiesen und kleinen Häuseransammlungen, an Maisfeldern und Wäldern entlang – und plötzlich sind wir da. Es ist tatsächlich so angenehm in Haldern wie immer berichtet wird. Die Stimmung ist freudig, aber unhysterisch, die umliegende Landschaft ist schön (eine grundsätzliche Sympathie für den Niederrhein sollte man freilich mitbringen), und die Zahl der rotgesichtigen Oben-ohne-Bierbäuchler und enthirnten Rock-Prolls hält sich in Grenzen. Auch meine Sorge, jemand könnte mir meinen Smoking zerbeulen, zerstreut sich bald: Es scheint, als habe jeder Besucher vorm Betreten des Geländes an einer großen Friedenspfeife gezogen.

Daß das in den Achtziger Jahren ins Leben gerufene Haldern Pop Festival spätestens seit 1999 eine exquisit bebuchte Angelegenheit ist, weiß man. 2008 eröffneten hier die Flaming Lips den Reigen, vom Divine Comedy-Auftritt ein paar Jahre zuvor spricht noch heute jeder angrenzende Rübenzüchter mit feuchten Augen, und Patti Smith, Blumfeld, Paul Weller, Belle & Sebastian, Bright Eyes, Iron & Wine waren auch schon da.

Mein persönlicher Höhepunkt an diesem Tag ist der Auftritt von Villagers, die mir bislang nur mit ihrem Arthur Lee-Soundalike-Song „Becoming A Jackal“ aufgefallen waren. Ihr Auftritt am späten Nachmittag im Spiegelzelt hat jedoch eine Sogkraft, auf die ich nicht gefasst war. Der nächtliche Auftritt von The National indes, der eigentlich als krönender Abschluss des Festivals gedacht war, steht leider unter keinem guten Stern. Schon nach wenigen Takten wird klar, dass irgendetwas nicht stimmt; es klingt, als habe jemand die Bühne verhext. Nach jedem Song versuchen sich die Musiker neu zu sortieren, aber sie finden einfach nicht mehr in den Abend. Es ist zwar ein wenig unangenehm, dem zuzusehen (zumal wenn man weiß, dass The National sonst jedes Konzertpublikum in fortgeschrittene Andachts- und Ergriffenheitszustände katapultieren), aber es hat auch etwas Beruhigendes, dass eine so große Band an so etwas Banalem wie Technik scheitern kann.

Auf der Heimfahrt hören wir im Auto die Smiths-Compilation „Louder Than Bombs“ und geraten in eines jener Musikfanatikergespräche, welche für Menschen, die für die Freuden der Popmusik allenfalls mild empfänglich sind, nur nur schwer erträglich sein dürften. Es ist ein Gespräch, das tagtäglich an unzähligen Orten auf der Welt geführt wird: Wir debattieren darüber, welcher Smiths-Song denn nun eigentlich der beste ist. Und kommen zu keiner Lösung.

15.08.2010

Im Hintergrund flimmert der Fernseher. Arte widmet Elvis Presley, der am 16. August vor dreiunddreißig Jahren starb, einen Thementag. Ich glaube, ich habe noch nie so oft hintereinander „Hound Dog“ gehört wie heute. Aber lieber siebenundvierzig Mal „Hound Dog“ als – man verzeihe mir die billige Polemik – auch nur ein Mal irgendetwas von der Gruselband Reamonn, deren neue CD samt üppigem Hochglanzinfo mir am Freitag unverlangt zugesandt wurde. Ich bin in Reamonn-Angelegenheiten aber auch empfindlich: Bei mir im Haus wohnt ein alleinstehender Herr, der dem Sänger von Reamonn ähnelt wie ein Rund-um-den-Mund-Bart dem anderen. Der Nachbar kann ja gar nichts dafür (für den Bart schon, aber nicht für die Ähnlichkeit zum Reamonn-Sänger), aber jedes Mal, wenn ich ihm im Treppenhaus begegne, fällt mir der schlimme Song „Supergirl“ von eben jener Band ein und der Tag ist gelaufen! Ich weiß, das ist kindisch und überempfindlich, aber was soll ich machen?

In der Kundenzeitschrift einer deutschen Drogeriemarkt-Kette gab es im letzten Jahr mal eine Titelgeschichte über den Reamonn-Sänger. Auf dem Cover prangte die Zeile: „Rea Garvey – Zieht Positives magisch an“. Allerdings war die Zeile mit einem großen Foto kombiniert, das Rea Garvey mit äußerst miesepetrigem Gesichtsausdruck zeigte. Ich musste so laut lachen, dass die Kassiererin beleidigt war. Als ich eben beim Schreiben den Sachverhalt noch einmal nachrecherchieren wollte, gelangte ich über einen Link zu Ebay, wo ich feststellen musste, dass die soziale Not in Deutschland inzwischen so groß ist, dass Menschen alte Ausgaben der Drogeriemarkt-Kundenzeitschrift bei Ebay zur Auktion einstellen! Und das, obwohl noch nichteinmal „unseen photos“ von Reamonn im Heft enthalten sind.

Kein Zweifel: Das Klima wird rauher. Aber Musik kann eine Parkbank sein.

 

PLAYLIST:

Nils Koppruch – „Stadt In Angst“ (der Abschlusssong seines neuen Albums; tröstende Musik der besten Art)

Josh Ritter – So Runs The World Away (überragendes Liederalbum, dessen Fluss sich nur schwer einzelne Songs für irgendwelche Playlists entreißen lassen)

Pete Molinari – „A Place I Know So Well“ (Das schönste Stück seines neuen Albums; das letzte war besser, aber dieses Lied hat überall „Klassiker“ draufstehen; toller Durch-die-Nase-Gesang!)

Gilbert Bécaud – nahezu alles! (Uneingeweihte mögen sich bei youtube nur mal „Le train d’amour“ anhören; dieses Temperament, diese Lässigkeit, diese Eleganz und die Nonchalance, mit der er den Song inszeniert, dazu dieser listige, aber warme Ausdruck in den Augen – unschlagbar. Was für ein Bühnenmensch!)

The National – „Sorrow“ (selten klangen Depressionen in der zeitgenössischen Popmusik so attraktiv)

Loredana Bertè  – „…E la Luna Busso'“ (meine Lieblings-Italopop-Zicke mit einem ihrer besten Stücke)

The Go-Betweens – „16 Lovers Lane“ (makelloses Album, vom vorletzten Song mal abgesehen)

Erdmöbel – „77ste Liebe“ (mein derzeitiger Sommerhit. Der beste deutschsprachige Popsong des Jahres)

Al Green – Call Me (eins seiner besten Alben, nur echt mit dem göttlichen Pappkarton-Schlagzeug)

 

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