Das Pop-Tagebuch

Coming of age mit Joan Jett oder Kriseln am Schreibtisch der Musikbefasserei

Summer’s almost gone…(The Doors)

16.08.2010
Meine Liebe für das italienische Unterhaltungskino der Sechziger und Siebziger Jahre ist wieder zu einem schwer kontrollierbaren Lodern entflammt: Nirgendwo sonst liegen niederster Schmodder und hohe Kunst, Ernsthaftigkeit und Quatsch, Anspruch und Kommerz so nah beieinander wie bei den betagten Zelluloid-Produkten Italiens. Im Zuge dieser Begeisterung höre ich derzeit auch viele Italo-Soundtracks – heute erst Giorgio Gaslinis zwischen Hysterie und Kitsch pendelnde Musik zu dem fortgeschritten schlüpfrigen Giallo „Rivelazioni Di Un Maniaco Sessuale Al Capo Della Squadra Mobile“. Der Film lief hierzulande als „Schön, nackt und liebestoll“. Übersetzt man aber den italienischen Originaltitel, so lautet dieser „Enthüllungen eines Triebtäters gegenüber dem Leiter des mobilen Einsatzkommandos“. Kein Quatsch – fragen Sie ihren Stamm-Italiener. Wenn Sie das Zeug dazu haben!

17.08.2010
Trotz großer Sympathien für das jeweilige Schaffen der Herren Danger Mouse und James Mercer: Beim Auftritt der Broken Bells im Kölner Gloria drohe ich nach etwa fünf Songs wegzunicken. Mir ist dieses melancholiegesättigte Milchstraßen-Geplucker auf die Dauer ein wenig zu wohltemperiert: Wenn das so weitergeht, werden die noch die neue Lieblingsband aller Cafébar-Besitzer, die ihrer 2-CD-Beschallung durch Air und frühe Massive Attack, etwas Neues hinzuzufügen trachten (Wobei: Nichts – oder: fast nichts – gegen Air). Doch siehe da: Broken Bells schaffen es auch wieder, mich aufzuwecken – und zwar mit einer vollkommen grandiosen Coverversion des Tommy James and the Shondells-Krachers „Crimson and Clover“.  Eine Version, für die Jarvis Cocker, die Flaming Lips und Jack White sofort ihre gesamten prominenten Bekanntschaften aus dem Handyspeicher löschen würden.

Wieder zu hause muss ich feststellen, dass es die Broken Bells-Version nicht auf Tonträger – oder bei Itunes – zu geben scheint. Ich verbringe den Restabend damit, mir alle verfügbaren Versionen des Songs anzuhören. Dabei begegne ich unter anderem Dolly Parton und Joan Jett. Die Joan Jett-Version habe ich zu Zeiten meines frühpubertären Aufwallens recht viel gehört. Frau Jetts „I Love Rock’n’Roll“-Abum, auf dem der Song enthalten ist, erschien Ende 1981 und wurde von mir damals ausgiebig dazu genutzt, mit einem Tennisschläger eine Gitarre imitierend durch mein Zimmer zu springen. Sie denken vielleicht: „Junge Burschen, die klatschnass geschwitzt mit einem Tennisschläger alberne Rockismen nachstellend auf ihrem Sofa herumhüpfen – das gibt es doch nur in amerikanischen coming of age-Komödien mit Michael Cera!“ Nein, das gab es auch in meiner Heimatstadt Bergisch Gladbach, und zwar zu Zeiten, als die moderne coming of age-Komödie noch ihrer Erfindung harrte.

Vielleicht überschätze ich das ein wenig, aber ich könnte mir vorstellen, dass ich im Kreise von Gender-Debatten-Fans damit punkten könnte, nicht etwa zur Musik eines testosteronprallen Schrei-Hansels, sondern immerhin zu Joan Jett durch mein Zimmer gesprungen zu sein. Einmal wurde ich im Zuge dieses Umherspringens von meinem Vater gestellt, der plötzlich im Türrahmen stand und sich ein gewisses Amüsement nicht verkneifen konnte. Mein Vater, ein auf zahlreichen Instrumenten versierter Unterhaltungsmusiker, hatte es ohnehin nicht leicht mit mir und der Popmusik: Auf gemeinsamen Autofahrten musste er in den Jahren 85/86 viel die Smiths ertragen. „Der Kerl hat eine Stimme zum Kartoffelverkaufen“ pflegte er stets geringschätzig zu sagen, wenn ich ihn um ein Urteil bat. Aber er hat es sich immer mit angehört, das rechne ich ihm hoch an. Mein Vater besuchte 1979 auch mit mir mein erstes Pop-Konzert, allerdings kamen wir zu spät, die Band baute bereits ab. Doch was tat dieser prächtige Mann: Er besorgte mir von allen Bandmitgliedern ein Autogramm! Aber das ist eine andere Geschichte, die vielleicht demnächst auf diesen Seiten breitgetreten wird.

 

20.08.2010
Ich sage Ihnen, geneigter Leser, jetzt mal was: Das ist alles Quatsch mit der Musikkritik. Ich werde bald, sehr bald schon damit aufhören, über Musik zu schreiben. Weil es im Rahmen dessen, was Menschen gemeinhin als „Musikkritik“ oder „Musikjournalismus“ bezeichnen, Unsinn ist. Aus folgendem Grund: Diejenigen, die sich angeblich „ernsthaft“, tatsächlich aber eben nur „von Berufs wegen“ mit Musik befassen, tun exakt das Gegenteil: Sie lassen Unernsthaftigkeit walten! Sie befassen sich nicht mit Musik, sondern sie befassen sich mit Musikbefasserei. Weil sie, statt wirklich in eine Musik einzusteigen, Themen verwalten müssen. Und weil sie zwischen ihren Stapeln von Promo-CDs und Info-Waschzetteln gar nicht mehr zum Musikhören kommen.

Bei der Musikkritik aber geht es um etwas völlig anderes. Wer sich so wie ich wirklich allen möglichen Kram anhört, ver- und abgleicht, der hat überhaupt nicht mehr die Zeit, so sehr in ein Album einzudringen, dass er es wirklich versteht. Schlimmer noch: Wer so viel Musik hört wie ich, hat gar keine Zeit mehr die Musik zu hören, die er gerne hört. Musikkritiker – so sie sich denn wirklich nur im Ausfüllen dieser tristen Etikettierung erschöpfen – sind doch zumeist nur Verwalter verabredeter Wichtigkeiten.

Als „Musikhören“ aber bezeichne ich das, was ich früher getan habe: Eine Platte hören, wieder und wieder. Und zwar nur aus dem Grund, weil ich sie hören will. Nicht, um darüber zu schreiben, darüber zu quatschen oder darüber zu debattieren. Noch nicht einmal, um sie „zu verstehen“. Ich habe früher einzig und allein deshalb Musik gehört, weil ich sie gern hören wollte. Das hört sich für mich derzeit geradezu verrückt an – der Krisenclown haut auf die dicke Trommel.

21.08.2010
Schlimme Nachrichten in brüllender Hitze. Christoph Schlingensief ist tot. Es war zwar in letzter Zeit ständig mit dieser Nachricht rechnen, trotzdem geht mir sein Tod sehr nah. Meine Freunde und ich sind groß geworden mit ihm und seinen unangeschnallten Filmen, Aktion, Auftritten und Inszenierungen zwischen Krawall und Sensibilität, zwischen Quatsch und Einfühlsamkeit. Deshalb sind mir auch alle Das-gehört-hier-nicht-her-Vorwürfe ziemlich egal: Für meine Sicht auf die Dinge, meinen Kunst-Begriff, meine persönliche Vorstellung vom Ausbalancieren von Spaß und Ernst ist er weitaus wichtiger als jede dahergelaufene Indierock-Band.

Wer kümmert sich denn jetzt um Remidemmi mit Herz und um Nervensägerei mit Seele, wer wirft sich denn jetzt noch so hinein? Wer soll denn bitte in Zukunft all die dummen Vorwürfe aushalten, sich angeblich nur für sich selbst zu interessieren, wo doch offensichtlich ist, dass allgemeingültige Kunst fast immer aus der Beschäftigung des Künstlers mit sich selbst entsteht? Wer lacht denn jetzt noch so nett zwischen all den angestrengten und anstrengenden Rabaukigkeiten? Wer hat denn jetzt noch so laut keine Angst mehr davor, lautstark Angst zu haben?

Eigentlich wollte ich meinen Lieblingsmusiker hier auf diesen Seiten ja erstmal nicht mehr zitieren, aber da sonst kaum jemand etwas Vernünftiges zum Thema Tod zustande bringt, muss er eben wieder ran. Und was Hitchcock über den New York-Dolls Bassisten Arthur Kane sang, gilt auch für den Teufelskerl aus Oberhausen:

One in a million

People matter

Then they go again

Sincerely I remain,

Arthur Kane.

(Robyn Hitchcock, „N.Y. Doll“)

 

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