Das Pop-Tagebuch

Das Pop-Tagebuch

Popmusik, so ist verstärkt zu hören, ist ein von der totalen Entwertung bedrohtes Kulturgut. Und wie fast alles, was keinen Wert mehr hat, ist auch

Junge Frauen mit Deutschrock-Plattenhüllen verjagt oder Hexenschuss bei Belle & Sebastian!

Thema diesmal: Gesundheitsgefährdende Rockkonzerte! Das Duo Infernale des Deutschrock! Belle & Sebastian! Kings Of Leon! Paul McCartney, Luke Haines und Maurenbrecher!!

 

08.09.2010
Die neue Single der sympathischen Proll-Rocker Kings Of Leon heißt „Radioactive“. Ich bin dieser Band und ihrem Ansinnen, den Arena-Rock mittels moderner Indie-Attitüde wiederzubeleben, ja durchaus wohlgesonnen und habe schon viele schöne Momente in Anwesenheit ihrer ebenso lässigen wie dusseligen Musik verbracht. „Radioactive“ aber ist – obgleich das Thema des Atomaren ja gerade in allen Köpfen herumspukt – der bescheuertste Songtitel, den man sich nur aussuchen kann. Gibt es nicht schon siebenundvierzig Foreigner-Alben gleichen Titels? Von den achtzehn Heroes-Del-Silencio-Best-Of-Zusammenstellungen und den dreihundertneununddreißig Eifeler Classic-Rock-Amateurbands dieses Namens ganz zu schweigen. Oder ist die scheinbar tölpelhafte Titelwahl nur ein besonders cleverer Move dieser Band? Ratlosigkeit.

09.09.2010
Was man beim YouTube-Gucken so lernt: Der singende Bürgermeister Heinz Rudolf Kunze, für dessen prätentiöses Frühwerk ich eine starke Schwäche kultiviere, besitzt ein „Schachbrett im Stil des amerikanischen Bürgerkriegs“ und guckt ab achtzehn Uhr gerne „Vorabendkrimis“. Sein Hund heißt Emil. Ich lerne dies in der NDR-Reihe „Mein Nachmittag“, in der Kunze über mehrere Tage von einem Kamerateam begleitet und immer wieder als „der singende Poet“ bezeichnet wird. Kunze geht auch seinen (Off-Text) „alten Freund Gunter Gabriel“ besuchen, auf dessen Hausboot. Allerdings wohl zum ersten Mal, denn „Heinz Rudolf staunt, was es hier alles gibt“ (Off-Text). Bei der Bootsführung erzählt Gabriel allerhand tolles Zeug. In der Küche verkündet er: „Das ist übrigens Original-Pavarotti-Küche, die ich ihm abgekauft habe, als er hier in Hamburch war“. Über Gabriels Bett hängt ein Banner: „Komm unter meine Decke“; am zum Wasser hin gelegenen Fenster hängt ein „Gichtfinger“, eine Hand mit einem durch einen Pumpmechanismus plötzlich emporstreckbaren Mittelfinger, der stets dann zum Einsatz kommt, wenn die Wasserschutzpolizei patroulliert. Die beiden – der Bürger und der Outlaw – sind recht launig. Ein „Duo Infernale“ meint denn auch der Off-Sprecher.  

Am Tag drauf geht Kunze einkaufen: „Mode und Musik gehören für Heinz Rudolf Kunze zusammen“, weiß der Sprecher. Er kauft dann eine Jacke, die aussieht wie Schimanski trifft Multifunktionsjoppe. Auch an die Achtziger erinnert Kunze sich – mit mildem Ekel. Vor allem an Schrecken wie Duran Duran, „wo New Wave in Parfum überging“. „Aber Sie waren Teil der Achtziger“, versucht sich der begleitende Redakteur an einer Provokation. Kunze ungerührt: „Aber ich hatte ne bessere Frisur“.

11.09.2010
Die Menschen behaupten ja, Popmusik habe heute nichts Gefährliches mehr. Hierzu nur das Folgende:

Für ein Magazin schreibe ich eine Geschichte über die Zärtel-Band Belle & Sebastian. Ich stehe diesem sensiblen Liederzirkel fortgeschritten ambivalent gegenüber. Im einen Moment berühren mich diese Unzulänglichkeitshymnen sehr, im nächsten kommen mir die Schotten vor, als hätte ein mit den Unsicherheiten der Menschen spielendes Versicherungsunternehmen eine Indie-Band gegründet. Im Zuge meiner Arbeit an dem Artikel zum Thema „Belle & Sebastian – Was soll das?“ erinnerte ich eben eine Geschichte, die mir ein Freund mal erzählte und die ich unter Aussparung seines Namens hier weitertratschen möchte. Man kann die Geschichte reinen Herzens unter die Überschrift „Wie ich einmal wegen Belle & Sebastian einen Hexenschuss bekam“ stellen.

Einige Tage vor dem Besuch eines Belle & Sebastian-Auftritts war der Freund beim Arzt, genauer gesagt: bei einem „sinistren Kardiologen“ gewesen, um ein Belastungs-EKG durchführen zu lassen. Da der Freund mit einem nicht unbeträchtlichen sportlichen Ergeiz ausgestattet ist, bemühte er sich nach Kräften, es dem blöden Kardiologen mal ordentlich zu zeigen. Er legte sich also über alle Maßen ins Zeug: „In verblendetem Ehrgeiz“ gab er Vollgas und strampelte auf des Kardiologen Testgefährt so heftig, dass er sich eine langwierige Sehnenscheidenentzündung in beiden Knien zuzog.  

Beim Belle & Sebastian-Konzert nun begab es sich, dass deren Sänger Stuart Murdoch mitten im schönsten Gezupfe und Gesummse das Publikum mit weichem Stimmlein bat, sich doch bitte nun hinzusetzen – eine Aufforderung, der die hörigen Fans der Säuseler auch ohne Murren nachkamen. Nur mein noch immer unter schlimmen Knieschmerzen leidender Freund konnte sich nicht hinsetzen. Also versuchte er sich an einer Zwischenlösung. Eben bat ich ihn, mir sein Martyrium doch bitte noch einmal schriftlich in einer Mail zu beschreiben, damit ich hier auch keine Halbwahrheiten verzapfe. Der Freund schrieb hierauf: „Ich verharrte in einer halbgebeugten, halbgehockten Zwischen-Haltung, wie eine zerzauste Kiefer über einem Meer von Glockenblumen, mit schmerzverzerrtem Gesicht und voller Hass“.  

Am Ende verließ er das Konzert mit einem Hexenschuss. Und nun behaupte noch einer, es gebe wirklich keinen Grund, Belle & Sebastian blöd zu finden, nun sage noch jemand, Rockkonzerte seien nicht Orte der Gefahr!

12.09.2010
Wenn ein sich frei wähnender Europäer nahezu jeden Sonntag auf Flohmärkten zubringt, muss davon ausgegangen werden, dass er ein sehr langweiliger Mensch ist. Wenn wiederum ein mit den Alltäglichkeiten des Seins befasster Autor sich dem Thema „Flohmärkte“ zuwendet, muss davon ausgegangen werden, dass ihm nichts mehr einfällt, er sich mithin in einer Krise befindet. Folgt man diesen Einschätzungen, muss festgehalten werden: Es gibt Indizien, die dafür sprechen, dass ich ein Langweiler in der Krise bin.

Heute also war ich auf dem Flohmarkt. „Kein Schnaps im Haus, aber Möbel kaufen“ hörte ich einen alten Mann hinter mir sagen.

Toller Satz. Da hat sich doch der Tag schon gelohnt, dachte ich mir.  Ich hatte mir fest vorgenommen, dieses Mal keine Schalplatten zu kaufen. Stattdessen wollte ich in Sinnvolles investieren: Blumenvasen, Bilderrahmen, Tischdecken, vergriffene Kunstbände, Kerzenhalter und dergleichen. So etwas braucht man schließlich. Doch es zog mich sofort wieder zu den stark rauchenden Plattenhändlern. Wenn man mich zuhause besucht wird man denken: „Ne Menge Platten hat er ja, aber seine Schnittblumen ragen aus lauter leergetrunkenen Alkoholflaschen in den Raum. Eine traurige Existenz!“

Ich glaube anhand der Platten, die ein Mensch an einem Flohmarkttag ersteht, kann man ganz gut ablesen, wie es um ihn bestellt ist. Ich kaufte mir heute: eine Best-Of-Platte von Sonny & Cher, fünf italienische Platten, die niemanden interessieren (u.a. Drupi, Enzo Jannacci und „Le Canzoni degli Emigranti 2″), sowie zwei Achtziger-Alben des von mir sehr geschätzten Liedschreibers und verhinderten Deutschrockers Manfred Maurenbrecher, die beide über Cover verfügen, mit denen man schlagartig alle gutaussehenden Frauen von einer Party verjagen kann. Die Maurenbrecher-Platten sind großartig (wenngleich auf ästhetisch bedenkliche Art instrumentiert). Das Stück „Brennende Boote“ beginnt mit der Zeile „Ich hab’n Teddybär gewonnen beim Pressefest…“. Der Sonntag ist gerettet.

17.09.2010
Ständig ist was mit den Beatles. Unentwegt fällt den Liverpooler Nervensägen etwas Neues ein. Nun begeht die Plattenfirma EMI mit allerhand Reissues den 70. Geburtsstag John Lennons. Gefeiert wird das Lennon-Fest in der EMI-Chefetage unter anderem damit, dass die EMI-Obersten aus allen bei ihnen noch umherliegenden 30 Seconds To Mars-CDs übergroße Lennon-Statuen errichten und den ganzen Tag, während sie dazu in einer spektakulären Choreographie schnaufend die Gänge auf und ab laufen, den Text von „Come Together“ skandieren müssen.

Es gibt ja Menschen, die finden die vergleichsweise öde Frage wahnsinnig interessant, wer denn nun der beste Beatle ist. Vor allem Männer jenseits der Vierzig vermögen ganze Abende mit diesem Thema zu füllen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, welchen Beatle ich am meisten mag, ich finde sie alle ganz ok. Der einzige Beatle, dem ich je begegnet bin (und das auch nur sehr kurz), ist Paul McCartney. Es war im letzten September, als ich ihn in einer schäbigen Londoner Lümmel-Lounge befragen durfte. Ich fand ihn recht sympathisch (ich tue das noch immer) und äußerst humorbegabt. Er wirkte zudem sehr jung auf mich und hatte so gar nichts von dem Daumen-in-die-Luft-Feelgood-Onkel, als der er sich in den letzten Jahren häufig präsentierte.

Kurz darauf besuchte ich mit meiner siebenjährigen Tochter ein McCartney-Konzert in der Köln-Arena (die heißt jetzt anders, ich weiß, aber ich sage nicht wie. Also: Die Arena, nicht meine Tochter). Wie ich ist auch sie (meine Tochter jetzt, nicht die Arena!) großer Fan des Beatles-Werkes, wenngleich unsere Lieblingssongs in grundsätzlich andere Richtungen weisen (Sie: „Lady Madonna“, ich: „Happiness Is A Warm Gun“). Auch hier machte Paul McCartney auf mich nicht eben den Eindruck eines älteren Herren. Tatsächlich hat der Mann mit Ende Sechzig eine Figur, die mich selbst mit Mitte Zwanzig neidisch gemacht hätte (Andererseits: Womöglich ist es gar nicht so gut, mit Ende Sechzig auszusehen, als wäre man der sportive jüngere Bruder von Pete Doherty). Was aber sagte meine Tochter in einer Mischung aus Entrüstung und echtem Erschrecken, als Paul McCartney unter großem Getöse die Bühne enterte und sein Gesicht über die Arena-Leinwände flimmerte: „Oh Gott, der ist ja total alt!“.

23.09.2010
Der notorisch erfolglose britische Musiker Luke Haines hat ein Buch geschrieben. Menschen, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten in britpoppenden Kreisen herumgetrieben haben, könnten Haines aufgrund seiner Bands The Auteurs oder Black Box Recorder kennen. Der Blassbrite zeigte schon früh fortgeschrittene Anzeichen von Eigensinn und Exzentrik, allerdings vermochten seine Songs mich nie so ganz zu berühren, was vor allem an seinem etwas asthmatischen Stimmchen liegt.  

Sein Buch liest sich größtenteils recht amüsant, was sich der Tatsache verdankt, dass er im Umgang mit seinen Kollegen keine falsche Scham kennt:  Über den ehemaligen Felt-Sänger Lawrence etwa schreibt er: „An jenem Abend in Devonshire bot er in einer abscheulichen Harlekin-Jacke ein typisches Beispiel für die berüchtigte Rockstar-Selbstgefälligkeit. Die konnte er sich dahin schieben, wo er selbst am undurchschaubarsten war. (…) Ein Lakai war immer zur Stelle, um die Zigaretten anzustecken, die er pausenlos im Mundwinkel klemmen hatte, während er monoton (…) über die Möglichkeit dozierte, „sich einen Pony annähen zu lassen“. (…) Lawrence gingen langsam die Haare aus und leider hatte er nicht das Geld für eine Transplantation im Elton-John-Stil“.  

Vieles klingt auf Dauer leider etwas zu beleidigt und nach verkanntem Besserwisser. Zudem schreibt Haines in diesem hartgekochten John-Niven-Stil, der auf Dauer etwas ermüdet. Aber wer Freude an Beleidigungen des eitlen Neunziger-Britpop-Adels hat, wird hier fündig werden. Auch über Musikjournalisten schreibt Haines. Und da ich Schmähungen von Musikjournalisten liebe, will ich auch hier kurz zitieren: „Dieser hässliche Musikjournalistentypus passte immer perfekt in ein bestimmtes Schema. Sprachfehler? Klar. In der Schule gehänselt worden? Klar. Faszinierend zu sehen, wie die Opfer zu Tätern wurden“.

Ich glaube, in meinem nächsten Buch schreibe ich auch in diesem rabaukigen Stil. Ich beleidige dann alles und jeden, flechte vielleicht noch ein paar steile Thesen über Musiker-Gene ein und verticke die Filmrechte frühzeitig an die NDR-Redaktion von „Mein Nachmittag“. Danach lebe ich zurückgezogen und höre nur noch Manfred Maurenbrecher und das Quiet Riot-Best-Of-Album „Radioactive“.  

PLAYLIST

Erdmöbel – Krokus
Lloyd Cole – Broken Record
Belle & Sebastian – „I Want The World To Stop“ (die famose neue Single; für mich eines der bislang besten Stücke dieser mitunter allzu seditativ wirkenden Band)
Morning Benders – „Boarded Doors“ (toller Psycho-Boogie vom ersten Album der Kalifornier)
Josh Ritter – So Runs The World Away
Vincent Delerm – „Sépia plein des doigts“ (Immer wieder begegnet mir dieser faszinierende Song. Nach allem, was ich von ihm kenne, ist Delerm mein lebender Lieblings-Franzose; leider habe ich das dazugehörige Album nicht)
Wilco – „California Stars“ (vom „Mermaid Avenue“-Album mit Billy Bragg)