Das Pop-Tagebuch

Das Pop-Tagebuch

Popmusik, so ist verstärkt zu hören, ist ein von der totalen Entwertung bedrohtes Kulturgut. Und wie fast alles, was keinen Wert mehr hat, ist auch

Freiherr von und zu Hegemann gibt seine AC/DC-Platten zurück (vorläufig)

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Thema diesmal: Thomas Bernhard vs Bill Haley, Rumer vs Wanda Jackson, Deutschland vs Italien vs Ringo. Und Köln gegen den Rest.

Seit in allerhand Presseorganen verbreitet wird, dass Verkehrsminister Ramsauer weite Teile seiner theoretischen Führerscheinprüfung aus dieser Kolumne abgeschrieben haben soll, finde ich mich plötzlich im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit wieder. Ich will mich dennoch bemühen, mir nichts anmerken zu lassen und mein Pop-Tagebuch in gewohnter Unbestechlichkeit weiterverfassen. An die Arbeit…

07.02.2011
Wie gut, dass es Leser gibt.
Ohne einen Kommentar zu meinem letzten Eintrag wäre ich wohl kaum so schnell über das neue Destroyer-Album „Kaputt“ gestolpert, auf dem Dan Bejar ein wahres Feuerwerk des nachempfundenen Adult-Pop zündet: Cremige Harmonien, wattige Trommeln, Texte zum Hirnausrenken (Paddy McAloon trifft Dylan) und Songtitel, die sich fast diametral zur Musik verhalten. Noch vor einigen Jahren wäre eine derart polierte Platte unmöglich gewesen, ohne dass sich ihre Produzenten beim Augenzwinkern einen bösen Muskelkater geholt hätten. Dan Bejar aber ist – auch wenn der lustige aktuelle Videoclip zum Titelsong des neuen Albums auf anderes hindeuten mag – ein Mann mit Widmung, ganz gleich, welche Tarnung er sich überwirft. David Sanborn hat also all die Jahre doch nicht umsonst getrötet.
Ich schrieb dem Kommentator damals zurück, dass ichi ja eigentlich mehr ein Fan der New Pornographers sei, bei denen Herr Bejar ja ebenfalls tätig ist- wenngleich doch wohl eher im Nebenberuf. Ich zog also bislang das Nebenprojekt der Hauptband vor. In diesem Zusammenhang fiel mir ein, dass kürzlich in einem Plattenfirmeninfo stand, Grinderman sei das Solo-Projekt Nick Caves. Das ist lustig. Folgt man dieser Logik noch ein paar gedankliche Autobahnabfahrten weiter, wird man bald auf Ringo Starrs tolles Nebenprojekt, The Beatles, stoßen.

09.02.2011
Die schönste Frauenzeitschriftenplatte der Saison stammt von der Sängerin Rumer und trägt den Titel „Seasons Of My Soul“.
„Seasons Of My Soul“: So heißen für gewöhnlich entweder sehr langweilige Platten sehr langweiliger Menschen oder aber Andy Williams-Werke aus den Jahren 1966 – 1970. Letztere Referenz ist hier die deutlich passendere: Die Stücke der 31jährigen, in Pakistan geborenen Sängerin sind tief im (Post-)Brill Building-Pop der Sechziger verwurzelt, aber gottlob überhaupt nicht auf modernisierten Retro-Pop produziert wie etwa bei Duffy oder Amy W., deren effekthascherisches Gequäke sich Rumer ebenfalls spart. Wie sie stattdessen etwa dem Auftaktsong „Am I Forgiven“, einem federnden Tune, den so auch Dionne Warwick Mitte der Sechziger hätte singen können, exakt die Melancholie verleiht, die der Text erfordert, hat große Klasse. Selbst Burt Bacharach war ob solchen Talents begeistert und schrieb der Dame auf seine alten Tage ein paar Stücke auf den Leib (die hier jedoch nicht zu finden sind).
Die Sixties-Referenz ist bei Rumer vor allem in der Raffinesse des Songwritings vorzufinden. Man höre nur das Klang gewordene Schneekristall „Slow“ oder die beinahe kammermusikalisch aufgeführte Soul-Nummer „Healer“. „Sometimes I feel so temporary“ singt Rumer hier nur zu Klavierbegleitung. Bei „Goodbye Girl“, dem Abschlussstück des Albums, fällt mir dann auch endlich ein, an wen mich ihre Stimme die ganze Zeit erinnert: Karen Carpenter. Gar nicht temporary.

Das andere Mädchen, das mich dieser Tage aufhorchen lässt, könnte Rumers Omi sein. Und doch sollte es nicht verwundern, dass Wanda Jackson deutlich mehr auf die Tube drückt, als ihre jüngere Kollegin.
Dies verdankt sich natürlich auch ihrem Producer Jack White, der dem alten Mädchen of Rockabilly das Sixties-Beat-trifft-Led-Zeppelin-in-der-Bluesküche-Treatment verpasst, das sich auch bereits bei Loretta Lynn bewährte. An etlichen Stellen zeitigt das Zusammentreffen von Whites satter Analog-Produktion und Jacksons coolem Krächzen großartige Ergebnisse: Das unfassbar lässige „You Know I’m No Good“ und das beispiellos pumpende „Shakin‘ All Over“ lagen ja bereits als Single im letzten Jahr vor. Und besser wird es natürlich nicht auf diesem Album. Das Cover von Dylans „Thunder On The Mountain“ indes hat ähnliche Klasse: Jackson erweist dem Phrasierungsmagier durch ein paar eigene Schlenker die Ehre und Whites Gitarre schmiert in lausebengeliger Spielaune die Lücken voll. Aus der angehimmelten „Alicia Keys“ des Dylan-Originals wird bei Jackson „Jerry Lee“. Of course.

9.02.2011
Heute vor dreißig Jahren, an Thomas Bernhards fünfzigstem Geburtstag, starb der Mann, der, wenn es nach Thomas Gottschalk und etlichen anderen Musikexperten geht, den Rock’n’Roll erfunden hat: Bill Haley. Tatsächlich war Haley ja wirklich der Erste, dem es gelang Country und Rhythm’n’Blues kommerziell höchst erfolgreich zu verschmelzen; dass er nicht eben der wildeste und prototypischste Rock’n’Roller war, soll hier und heute nicht kümmern. (Wobei – eines kurz zur Wildheit: Gerne wird ja kolportiert, wie es bei Haley-Konzerten in Deutschland zu regelmäßigen Saal-Demontagen durch aufgepeitschte Halbstarke gekommen ist. Mit Haleys wüster Musik hatte dies jedoch nur indirekt zu tun, es war vor allem das unpassende Vorprogramm (Bill Ramsey und das Orchester Kurt Edelhagen!), das die Zuschauer so in Rage versetzte.
Schade eigentlich, dass Thomas Bernhard und Bill Haley nie zusammengearbeitet haben. Was hätten da für tolle Sachen bei rauskommen können: Publikumsbeschimpfungs-Rock’n’Roll. Lustige Verwünschungen und Tiraden mit Schmalztolle. Moserei around the Clock. Nein, viel Neues wird in der Popmusik nicht mehr erfunden, aber es ist noch unendlich viel Platz zum Zusammendenken bislang nicht zusammengedachter Dinge.

10.02.2011
Kürzlich war ich zu Lesungszwecken in Aachen geladen. Der Laden, in dem die Lesung stattfand, war recht gut gefüllt, obwohl ich mit der lokalen Beatles-Tribute-Band Ringo um die Gunst des ausgehwilligen Teils der Aachener Bevölkerung konkurrieren musste. Ringo – vermutlich der beste Name, den eine Beatles-Tribute-Band haben kann. Viel besser jedenfalls als, sagen wir: Norwegian Wood. Oder John, Paul George und Frauke.
Heute Abend nun lese ich in Dortmund. Es ist leerer als in Aachen, aber das ist kein Wunder: In Aachen spielte zeitgleich Ringo, in Dortmund aber spielt Deutschland gegen Italien. Da hat man natürlich keine Chance. Aber gegen Deutschland – Italien zu verlieren ist keine Schande. Wie es wohl gewesen wäre, wenn Deutschland gegen Ringo gespielt hätte?
Auf dem Weg zu dem Club, in dem meine Lesung stattfinden soll, passiere ich den Dortmunder Plattenladen Idiots Records (sic!). „Da schau, ein Plattenladen“ denke ich, als ich den Laden von weitem erblicke. Und da ich mir dereinst geschworen habe, in jeder fremden Stadt, die ich besuche, eine Schallplatte zu erstehen, wechsele ich die Straßenseite, um bei Idiots Records mal die Nase durch die Tür zu stecken. Doch – ach: Idiots Records ist ein reiner Metal-Laden. Alles hängt voll mit Monster-T-Shirts und Kutten-Aufnähern, im Schaufenster steht die weiße Metallica-Box im Kindersarg-Look. Wenn ich mich hier mit der Frage „Grüß Gott, wo ist denn hier die Italo-Schlager-Abteilung?“ an den Herrn an der Kasse wende, gibt es bestimmt eine Extrapackung Gefühlskälte. Andererseits sind Metal-Menschen ja für ihre Liebenswürdigkeit bekannt. Vielleicht würde man mir auch freundlich den Weg zum nächsten Italoschlager-Fachgeschäft weisen. Ich sehe davon ab, dies herauszufinden und trotte ohne neue Schallplatte weiter in Richtung der Austragungsstätte meiner Lesung.

12.02.2011
„Seid Ihr Partyjugend?“ fragt die junge Frau mit den anbetungswürdig gesund aussehenden rotbraunen Haaren in gebrochenem Deutsch das Publikum im Kölner King Georg. Wenn ich ein junges Mädchen wäre, würde ich schreien: „Ja, ich bin Partyjugend, aber etwas ganz anderes: Welche Haarlotion benutzen Sie, gute Frau?“. So schreie ich nichts, sondern erfreue mich vielmehr still an der schönen Musik, die geboten wird. Es sind Songs der scheppernden, Garagen-stämmigen und Beat-informierten Art. Und so schreibe ich während des Konzerts von Katy Goodman und ihrer Band La Sera im Kopf das Liebeslied „Mein Mädchen ist Garage-Pop-Bassistin“.
Konzerte im King Georg haben es an sich, dass man ein wenig das Gefühl hat, im Proberaum der jeweiligen Band zu sitzen. Zugegebenermaßen ein Proberaum, der mit Holzvertäfelung und roter Ausleuchtung punkten kann, sowie mit ledernen Sitznischen, die mehr Milieu atmen als Rolf Edens meistgetragener cremefarbener Anzug. Zu der Musik, die Goodman und ihre Begleitmusiker spielen, passt diese Nähe mehr als gut. Katy Goodman ist eigentlich Bassistin der glorreichen Vivian Girls, und man fragt sich schon ein bisschen, warum in aller Welt diese Frau ein Nebenprojekt brauchte, wo sie doch hier exakt die gleiche Musik spielt wie mit ihrer Stammband: Zuckerstangen-Garagenpop, der Girlgroup-Säuseln auf Feedback und Schrammel treffen lässt.
Nach dem Konzert kaufe ich Katy Goodman das Gesamtwerk ihrer Band ab. Zuhause stellt sich milde Enttäuschung ein: La Sera klingen auf Platte deutlich unzwingender als bei ihrem famosen Auftritt. Trotzdem: Die Haltung stimmt, und der Song „Never Come Around“ bleibt.

13.02.2011
Wesentlich blöder dann am Sonntag die hochgejuxten Esben and the Witch im Gebäude 9, die sich anhören wie Siouxsie & The Banshees, wenn diese ausschließlich in Kunstgalerien gespielt hätten und vor lauter Prätention das Songwriting vergessen hätten. Totaler Quatsch. Der Nachmittag verlief gewinnbringender.

Im Düsseldorfer Forum NRW wird die Foto-Ausstellung „Zeitgeist und Glamour“ gezeigt. Es ist die ganz große Jet Set-Zigarre, die hier abgebrannt wird: Man sieht Helmut Berger beim Plausch mit Lagerfeld, Delon und Romy Schneider beim Zigarettenrauchen, Eastwood auf der Via Veneto und – ein Lieblingsbild – Ali McGraw beim Tanzen mit David Geffen im Roxy. Natürlich finden sich auch unzählige Musiker-Fotografien in der Ausstellung: das berühmte Bild von Keith Richards mit Gram Parsons am offenen Fenster der Villa Nellcôte, die Beatles bei einer Hotelzimmer-Kissenschlacht in den frühen Sechzigern, immer wieder Lennon und Jagger, Marianne Faithful und Frank Sinatra, aber auch Tom Jones, der mit Zigarre und weißem Pelzmantel auf einer Straße seines walisischen Heimatorts Pontypritt herumsteht (das Foto ist übrigens falsch datiert, es kann unmöglich 1963 entstanden sein, es sei denn, Tom Jones war damals aus bizarren Gründen kurzfristig zehn Jahre älter und darüberhinaus ein Pionier der Schlaghose). Einmal steht Bowie in seiner Thin White Duke-Phase auf einem Bild herum und sieht wirklich nur noch aus wie eine bekokse Vogelscheuche.
Neben den Fotos finden sich Kommentare wie: „Mick Jagger, 1967, Hotel Sowieso“. Auch wenn natürlich die schlichte Güte des Vergangenem über allem liegt, fällt es schwer, sich heutige Pop-Prominenz in ähnlich anmutender Ablichtung vorzustellen: „Stefan Raab und Lena Meyer-Landrut, 2011, TV-Total-Studio“. „Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, 2009, München, AC/DC-Konzert“.

17.02.2011
Köln, das doofe Dorf, lässt einen seiner wenigen Popstars ziehen: Nachdem sie der kulturfeindlichen Stadtpolitik endgültig überdrüssig geworden ist, wechselt Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier nun also nach Hamburg. Mehr als verständlich. Nun könnte man freilich sagen: Soll doch die blöde Stadt zum Teufel gehen, Frau Beier könnte doch wenigstens den Zuspruch ihres Publikums belohnen und wegen der begeisterten Kölner Zuschauer bleiben. Aber das ist womöglich etwas naiv, und wer die hiesige städtische Kulturblödheit kennt, ahnt, dass die Frau gehen muss.
Als nächstes wird vermutlich der 1. FC Köln die Stadt verlassen und nach Berlin gehen, auch der Dom wechselt nach Bielefeld. Die Höhner haben unterdessen deutlich signalisiert, der Stadt weiter die Treue halten zu wollen. Alaaf! Ps: Eben erreicht mich die Meldung, dass Dr. Hook, Dr. Feelgood, die Ärzte, Professor Longhair, Dr. John, Mad Professor und Doctor & The Medics allesamt ihre akademischen Titel aberkannt bekommen und zur Strafe für jahrelanges falsches Titeltragen ein Jahr lang von Stefan Raabs TV-Publikum abgelehnte Songs auf Kreuzfahrtschiffen zum Besten geben müssen.
Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg wiederum hat angekündigt den Titel des Münchner AC/DC-Fanclubvorsitzenden vorläufig ruhen zu lassen, nachdem aufgeflogen war, dass er stets Brian Johnson Bon Scott vorgezogen hat.

PLAYLIST:
Rumer – Seasons Of My Soul
Destroyer – „Kaputt“ (Die Single vom gleichnamigen Album, bislang nur als Import zu haben, aber das ist Downloadern ja schnuppe)
Wanda Jackson – „Thunder On The Mountain“ (Das Dylan-Cover: fulminant)
Steve Wynn – „Close Your Eyes“ (Kürzlich erst bin ich zufällig über dieses nonchalante Stück lässigen Reed-esken Songwritings gestolpert)
Lô Borges – same (Grandiose Tropicalia-Platte von 1972, nicht ganz so irre wie die ebenfalls von Borges‘ Präsenzt veredelte Milton Nascimento-Kollaboration „Clube Da Esquina“, trotzdem sagenhaft bunt)
Bombshell Baby Of Bombay (Ein Sampler. Ich finde Bollywood-Filme ja eher grässlich, alte Bollywood-Soundtracks jedoch famos)
La Sera – „Never Come Around“

www.ericpfeil.com

 

 


12 Lesermeinungen

  1. dandyhorst sagt:

    So ist es. Die Agentur-Antwort...
    So ist es. Die Agentur-Antwort ist ein typisches Internet-Produkt.
    Die Wucht des Statements der Band (zu deren Huldigung ich mich eigentlich nur selten durchringe, da mir ihr Poprock etwas zu unwählerisch und die Texte manchmal zu naseweis-frech sind) schmälert dies natürlich gar nicht. Erfreulich, daß das mal jemand sagt. Die hierzulande beliebte Beschimpfung der Band als hauptberufliche Bioladengänger und Nachhaltigkeits-Hansel ging mir im Übrigen ohnehin schon immer auf die Nerven. Ebenso führt es am Punkt vorbei, wenn man die Band mit den wirklich schlimmen Silbermond oder Juli in einen Topf wirft. Aber für Haudrauf-Polemiker und späte Extrem-Ironiker sind die vermutlich ein gefundenes Fressen.

  2. Stefan sagt:

    Das ist übel: kaum haben Sie...
    Das ist übel: kaum haben Sie mich am Haken mit Ihrer Kolumne (Leser seit Anfang des Jahres) und ich nur schwer die nächste abwarten kann, kommen diese nur noch tröpfelweise.
    Nichtsdestotrotz (ein tolles Wort, oder müssten es drei einzelne sein?), herzlichen Dank für Ihre immer kurzweiligen Beobachtungen und Bedenkungen, die mich meist schallend vor dem Monitor lachen lassen.
    Auch wenn wir anscheinend unterschiedliche Vorlieben haben (ich kann auch nach Jahren und wiederholten Höranläufen wenig mit Bruce Springsteen anfangen, schätze dafür Radio&Head sehr) treffen wir uns ohrenscheinlich doch bei Neil Young und Jack White wieder.
    Gruß aus Kiel, Stefan

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