Das Pop-Tagebuch

UDO!

Im Sommer 46 kam ich als Kind zur Welt
Ich fiel direkt vom Himmel auf ein D-D-Doppelkornfeld
Das Unglaubliche trug sich zu in der Nähe von Gronau
Und als ich so um 13 war, stellt man fest, ich war zu schlau.
Mein Vater holt die Cognacflasche und sagt: Mein lieber Sohn
Nun baller dir mal die Birne voll, das korrigier’n wir schon
Die überschüssigen intelellen Zellen, die musst du dir runtersaufen
Und dann wirst du was Solides wie ein Mafiakönig
Denn als Philosoph verdienst du zu wenig
(Udo Lindenberg, „Mit dem Sakko nach Monaco“)

Heute feiert Udo Lindenberg seinen 65. Geburtstag.
Ich habe aus diesem Grund mal meinen musikalischen Lebensratgeber „Komm, wir hängen noch einen Beutel in den Tee“ auf Lindenberg-nahe Texte durchstöbert und wurde fündig. Im Jahr 2008 nämlich befasste ich mich ein wenig ausführlicher mit dem Thema Lindenberg. Um dem Mann heute an seinem Jubeltag die Ehre zu erweisen, möchte ich diesen Text – der, wie ich nicht ohne Stolz anmerken möchte, an keiner Stelle das Wort „Panikrocker“ enthält – im Folgenden in leicht überarbeiteter Form noch einmal darbieten. Herzlichen Glückwunsch Udo Lindenberg!

24.10.2008
Morgen geht’s zum Udo Lindenberg-Konzert.
Es gibt Menschen, die tragen in erster Linie deshalb Sonnenbrillen, um sie möglichst oft abnehmen zu können. Udo Lindenberg ist so einer. Ich hingegen gehöre nicht zu jener Spezies, ich trage überhaupt nur sehr selten Sonnenbrillen. Sonnenbrillenkäufen steht meinerseits eine Art vorauseilender Verlustangst im Weg. Ebenso wie Regenschirme oder Portemonnaies scheinen mir Sonnenbrillen allzu sehr dazu angetan, sie zu verlieren. Folglich kullert bei mir fröhlich das Geld in der Tasche rum, es regnet mir ungebremst auf den Kopf, und ich schaue beherzten Blicks mit zu Augen geballten Schlitzen in die peinigende Sonne.
Udo „die Linde“ Lindenberg muss, glaube ich, keine Angst haben, je einer Sonnenbrille verlustig zu gehen. Dank wiederentflammten Erfolgs kann er sich ausreichend Ersatzbrillen leisten.
Ich mag Udo Lindenberg gar nicht so ungern, finde aber weite Teile seiner populäreren Songs eher schrecklich. Wann immer aber in meinem Umfeld allzu pauschal Udo Lindenberg angegriffen wird, zitiere ich einfach ein paar meiner liebsten Songzeilen. Zum Beispiel jene aus dem tollen Song „Gegen die Strömung“ (von meinem liebsten Lindenberg-Album „Udopia“): „Ich geh mit dir durch Dick und Dünn, aber nicht durch Dick und Doof / Bitte schmeiß nicht gleich unsre Liebe weg, wenn ich mal mit ner anderen poof“. Allerdings gibt es von Udo Lindenberg etwa 3565 Songs, die diesen hübschen Vierzeiler thematisch noch weiter und flacher auswalzen und dabei allenfalls nano-eskem Maße variieren. Dennoch: Der Mann hat einige Sachen gemacht, die ich sehr schätze.
Nie wieder möchte ich allerdings darauf hingewiesen werden, dass der alternde Schnodderpapst in seiner Freizeit mittels Likörfarbe unterdurchschnittliche Bilder – so genannte Likörelle – malt, die aussehen wie in ländlichen Pfarrheimen ausgestellte Werke angestrengt frisierter Damen mit sozialdemokratischem Hintergrund und Italien-Fimmel. Malende Rockmusiker sind ja generell ein Problem, zumindest diejenigen, von deren Malarbeiten man weiß. Es ist ja durchaus möglich, dass etwa der Sänger der Band Golden Earring im Hobbykeller großartige neo-kubistische Werke entstehen lässt, die den Weltenlauf entscheiden beeinflussen könnten. Ausstellungen, die von Rockstars hergestellte Kunstwerke zeigen, scheinen mir jedoch meidenswert. Wie auch immer: Es ist eine Stimmung kritischen Wohlwollens, in der ich mich befinden werde, wenn ich mir morgen den Weg durch tausende in freudiger Erwartung vor der Köln-Arena herumlungernde Lindenberg-Fans bahnen werde. So lange er keine Likörelle malt, dürfte der Abend jedenfalls kein Desaster werden.

26.10.2008
Als Helge Schneider sich irgendwann zunehmend darauf verlegte, Udo Lindenberg zu parodieren, war das nicht eben sein lustigster Einfall. Schließlich war es doch gerade die Verweigerung klassischer Komödianten-Routinen wie der Parodie, die man an Schneider so liebte. Aber Helge Schneider kann es sich als Ikone der Unvorhersehbarkeit wohl leisten, nebenbei auch noch der beste Lindenberg-Imitator eines an Lindenberg-Imitatoren reichen Landes zu sein. Der Hauptunterschied zwischen dem Kauz Schneider und dem Kauz Lindenberg – die schon zusammen musizierten und auch sonst viel gemeinsam haben – ist ja der Umstand, dass die Figur Schneiders bis heute von ihrer Unvorhersehbarkeit lebt. Lindenberg dagegen lebt von seiner Vorhersehbarkeit und schreibt gerne immer wieder denselben Song: den als sprücheklopfenden Schlager verkleideten Blues des einsamen Wolfs, der gerne mal gepflegt die Melancholie-Karre schiebt. Aber so ist das eben oft, wenn man in jungen Jahren die gesamte Prallheit seiner Persönlichkeit in seine Kunst hineingewuchtet hat: Wer sich immer nur treu bleibt, ist mitunter einfach nur stehen geblieben, und manches Original entpuppt sich beim Hinaustreten aus der großen Kneipe des Lebens bei Tageslicht doch nur als Selbstkarikatur. Doch selbst wenn man geneigt ist, in Lindenberg nur noch die alberne Figur zu sehen, muss man sich immer wieder vor Augen führen, in welche verernstete kulturelle Ödnis er in den Siebzigern sein erstes „Hallöchen“ hineinnuschelte. Dass vielen – von der Bild-Zeitung bis hin zu Hamburger Szene-Musikern – Lindenbergs Lebensleistung bewusst ist, zeigt das beispiellose Medienecho, dass seine jüngste Album-Veröffentlichung nach vielen Jahren begleitete. Hier reflexartig die Todschlagvokabel „Mediencoup“ herauszukramen, zeugt allenfalls von Einfallslosigkeit.

Das erste „Hallöchen“, das Lindenberg am Samstagabend ins Rund der tobenden Kölnarena flötet, ist aus einem Astronautenanzug zu vernehmen, in welchem Lindenberg auf die Bühne herabgelassen wird. Noch während des ersten Songs, „Woddy Woddy Wodka“, der einen Vollsuff zum „Major Tom“-Blindflug stilisiert, entsteigt er der Verkleidung. Bodyguard Eddy Kante bringt ihm noch die Schuhe auf die Bühne, und dann geht’s los. Das  ergraute Panikorchester, Lindenbergs legendäre Stammband, spielt extrem bauchig auf, während der Chef selbst das Mikrokabel wie ein Lasso kreisen lässt und über die Bühne eiert, als hätten sich Adriano Celentano und Pipi Langstrumpf zum Eiertanz verabredet. Dass er dabei mit Hut, Matte, Riesenbrille, Röhrenhose und Schmalhans-Jäckchen aussieht wie eine Art Anti-Lagerfeld des Deutschrock, müsste zusätzlich verwirren. Das Ergebnis läuft aber ganz klar auf die Kunstfigur Udo Lindenberg hinaus.
Der Saal steht Kopf. Tatsächlich muss man den Mann wohl einmal live vor vollem Haus erlebt haben. Hier, als Regent seiner ergebenen Fans, verliert er ein wenig von der peinlichen Type, als die er manchmal bei seinen TV-Auftritten erscheint, und es wird klar, was man an ihm hat: das tatsächlich einzige Original der deutschen Rockmusik. Nach drei Songs spricht er erst einmal ausgiebig zum „Clan der Lindianer“, und damit meint er nicht nur die übers Rund verteilten Udo-Doubles, sondern sein gesamtes rüstiges Publikum: diese Armee von Einzelgängern, für die er stellvertretend den angepassten Unangepassten gibt. Lang, breit und ein bisschen zu routiniert erzählt Lindenberg davon, wie er damals aus dem Gebüsch von „Gronau an der Donau“ ans Tageslicht gekrabbelt kam und von der Gründung des Panikorchesters im Jahr 1817. Dann kommt auch schon der nächste Song, und er tänzelt wieder fidel sein Udo-Tänzchen und schwingt das Mikrokabel. Am besten, das wird an diesem Abend deutlich klar, ist Lindenberg, wenn er seine Ich-bin-wie-ich-bin-Postulate über die eigene Hutschnur zu allgemeingültigen Hymnen stolzer Unbeugsamkeit transzendiert – wie im neuen Song „Mein Ding“. Natürlich landet Lindenberg an diesem Abend mal wieder viel zu oft beim Schlager. Auch gibt es viel zu viele mürbe Balladen, in denen die Distanzbeziehung gefeiert wird, viel zu viel Fertigkeits-Folklore, viel zu viel Schweinerock und viel zu viele penetrant herumsoulende Background-Sängerinnen in Lederhosen.

Auch erinnert Lindenberg bei seinen Ansagen zeitweilig einen bisschen an den einstmals coolen Onkel, der beim letzten Familientreffen einen eher verstörenden Eindruck hinterließ, weil er sich während seiner im überkommenen Rocker-Jargon verfassten Fest-Ansprache leider zu seinen Ungunsten verfranst hatte. Doch solange vorne am Bühnenrand auch Minderjährige Lindenberg-Songs aus den Siebziger- und Achtziger Jahren mitsingen, muss man sich keine Sorgen um ihn machen. Als er im Zugabenblock erst vom Mädchen aus Ost-Berlin und dann „Sonderzug nach Pankow“ singt, ist man kurz geneigt zu denken, er allein habe nur mit diesen Liedern die Mauer zum Einsturz gebracht – dabei waren das doch die Scorpions mit „Wind Of Change“.
Am Ende steht die Gewissheit, dass Lindenberg seinen Nachahmern – wie etwa dem Vernunftsmenschen Herbert Grönemeyer, aber auch jüngeren Nachkommen – auf ewig um etliche Nasenlängen voraus sein wird, gerade weil er keine Angst vor Klischees hat. Und noch etwas ist heute klar geworden: Helge Schneider ist eben doch nur Deutschlands zweitbester Lindenberg-Parodist.

27.10.2008
Der verstörendste Aspekt am vorgestrigen Lindenrauschen in der verrappelten Arena waren vermutlich die Lindenberg-Lookalikes, von denen einige mit mir am Gästelisten-Schalter warteten. Es fällt mir schwer, zu beschreiben, welcher Prüfung die eigene Sittlichkeit unterzogen wird, kommt man hinter zwei alterslädierten Lindenberg-Doubles mitsamt Hut, enger Streifenhose und Sonnenbrille zu stehen, die mit aus dem Gesicht ragender selbstgedrehter Rauchware im Lindenberg-Slang miteinander parlieren.
Freilich sollte hier kurz die Frage erörtert werden, was Menschen dazu treibt, zumindest Teile ihres Lebens als Double eines von ihnen verehrten Menschen zu verbringen. Der solcherart verehrte Künstler kann tief in seinem Herzen auf diese Form der willenlosen Anhimmelung doch gar nicht anders als angewidert reagieren. Mir sind solche Doubles, Lookalikes oder wie auch immer man sie nennen mag, bislang nur bei Morrissey und den Gebrüdern Gallagher begegnet – und eben bei Udo Lindenberg. Meditationen darüber, was diese Popstars eint, haben zu folgendem Ergebnis geführt: lautstarkes Außenseitertum und das polternde Vorleben eines sich selbst umkreisenden Weltbildes. Folglich sind die  Lookalikes als verblendete Soldaten einer Außenseiter-Armee zu sehen, die ihrem Führer, der ihnen ein funktionierendes Dasein außerhalb der gesellschaftlichen Schranken vorlebt, zur Not in einen sinnlosen Krieg (= ein schlechtes Album) folgen würden.
Interessant ist, dass man nur dann zum Vorbild von Lookalike-Armeen taugt, wenn man gleichzeitig bereit ist, zur Zielscheibe des allgemeinen Spotts zu werden. Aber das ist bei politischen Demagogen ja so viel anders auch nicht.
Ob es wohl auch Lookalikes des Bassisten der Eagles oder des Bassisten der Spider Murphy Gang gibt?

I’m no trouble
I’m nothing like the trouble
That I used to be when I was somebody’s double
(Robert Forster, „Spirit“)

 

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