Das Pop-Tagebuch

Truck Stop sind die Radiohead der italienischen Filmmusik oder Je suis Morricone

17.05.2011
Friedrich Christian Delius erhält den Büchnerpreis 2011.
Mancher mag staunen, aber Friedrich Christian Delius ist schon einmal in einem Popsong erwähnt worden. Das hat er beispielsweise Annette von Droste-Hülshoff, Daniel Kehlmann oder Ödön von Horváth voraus. „Wo wurde er denn erwähnt?“ höre ich meine Leserinnen atemlos fragen. In Heinz Rudolf Kunzes Stück „Romanze“ aus dem Jahr 1981. Dort nämlich heißt es: „Ich lese mir noch zwei Gedichte von F.C. Delius vor“. Ich möchte mich beeilen, zu versprechen, dass hiermit Heinz Rudolf Kunze für lange Zeit zum letzten Mal in meinem Pop-Tagebuch erwähnt wurde, so gerne mag ich ihn nun auch wieder nicht. Allerdings soll mir der Fall Delius zum Anlass gereichen, einen kurzen Spaziergang durch das Dickicht der Literaten-Erwähnungen in Popsongs zu unternehmen. Dylan-Songs lasse ich außen vor, über Dylan schreibt schließlich ohnehin gerade jeder. Dass Wolfgang Niedecken 1981 in einer Zeile Joseph Conrad und John Steinbeck unterbrachte, sei immerhin kurz erwähnt. Nein, wissen Sie was? Ich präsentiere Ihnen einfach feierlich meine drei liebsten Literaten-Erwähnungen in Popsongs.
Platz 3 geht an Robyn Hitchcock und sein Stück „Chinese Bones“. Hierin heißt es: „Something Shakespeare never said was `You’ve got to be kidding´“. Shakespeare wird ja vermutlich öfter in Popsongs erwähnt als jeder andere Dichter, aber ich glaube, niemand außer Hitchcock hat je über etwas gesungen, was Shakespeare ausdrücklich nie hat verlauten lassen und damit auch noch das Shakespeare’sche Wesen so gut erfasst.
Platz 2 geht an Lloyd Cole und „Are You Ready To Be Heartbroken“. Ich möchte die ganze Strophe zitieren, weil sie so schön ist:

Pumped up full of vitamins
On account of all the seriousness
You say you’re so happy now
You can hardly stand
Lean over on the bookcase
If you really want to get straight
Read Norman Mailer
Or get a new tailor

Grandioser kann man ja ohnehin kaum texten. Und indem Lloyd Cole auch noch Norman Mailer auf „tailor“ reimt und damit ja quasi Geist und Stil auf eine Ebene bringt, erklärt er hier auch gleich das ganze Konzept seines Frühwerks.
Nun aber zum ersten Platz. Der gehört klar den Go-Betweens beziehungsweise dem Songtexter Robert Forster. In „Here Comes A City“ vom letzten Album der Band singt er diesen schönen Satz: „And why do people who read Dostoevsky always look like Dostoevsky?“. Noch toller als die Zeile selbst ist jedoch – wie oft bei Robert Forster – die Art, wie er sie singt. Es ist die kleine Pause vor dem zweiten „Dostoevsky“, die hier entscheidend ist.
Ich gehöre ja übrigens zu den Leuten, die lange Zeit dachten, die beliebte Pop-Firma Abba erwähnte in ihrem Stück „Under Attack“ den ebenso beliebten Empiristen Francis Bacon. Doch ich irrte! Tatsächlich lautet die betreffende Zeile: „Under Attack – I’m being taken / About to crack, defences breaking“. Na ja, man kann nicht alles haben. Dafür erhält der Musiker, der als Erster Ödön von Horváth und/oder Annete von Droste-Hülshoff in einem halbwegs brauchbaren Stück erwähnt, von mir eine selbstgebrannte CD mit meinen liebsten Literaten-Erwähnungen in Popsongs und eine von meiner Mutter handsignierte E-Gitarre.

18.05.2011
Wenn Musiker in ihrem Werk allzu offenkundig ihre Leidenschaft für ein bestimmtes Genre oder einen anderen Musiker zum Ausdruck bringen, wird das von nichtmusizierenden Fans des beweihräucherten Musikers oder Genres selten mit Begeisterung bedacht.
Es dürfte zum Beispiel kaum einen echten Krautrock-Fan geben – jemanden also, der weite Teile seines Musikhörens mit dem Abdudeln von Platten der Bands Can oder Neu! verbringt -, der die Versuche der Band Radiohead, sich Krautrock anzuverwandeln, sonderlich zu schätzen wüsste. Ebenso dürften Country-Fans eher unterbegeistert von der Musik der Country-Fans Truck Stop sein. Oder so: Radiohead verhalten sich zu Krautrock in etwa so wie Truck Stop zu Country. Das finde ich nicht wirklich, aber man muss so einen Satz einfach stehen lassen, wenn man ihn mal geschrieben hat.

Nun kommen zwei Gentlemen daher, die sich auf ihrem neuen Album anschicken, einer Musikspielart die Ehre zu erweisen, die in meinem Herzen für immerdar einen festen Platz einnehmen wird. Die Rede ist von italienischer Filmmusik, bevorzugt von italienischer Genre-Filmmusik. Nino Rota ist schätzenswert und täglich zu preisen. Wahre Flammen der Leidenschaft aber züngeln bei mir vielmehr stets dann empor, wenn in einem Spaghetti Western ein armer Wurm von staubigen Stiefeln zu sägendem Fuzz-Gitarren-Spiel in den Dreck getreten wird oder mexikanische Freiheitskämpfer zu übergeschnappten Frauenchören dem sicheren Tod entgegenreiten; wenn bei Dario Argento großäugige Kindfrauen zu enervierendem Seufzen und Prog-Gedudel durch lange Korridore wandeln oder blutverschmierte Leichen durch Art Deco-Dächer krachen; wenn sich ebenso schnauzbärtige wie schießwütige Polizisten in kleinen Autos durch die schmutzigen Straßen Roms, Neapels oder Mailands auf Verbrecherhatz begeben und dazu aufpeitschendes Blaswerk und furios voranpreschende Trommeln einander gegenseitig anzufeuern scheinen.

Noch vor Musikern und Komponisten wie Goblin, Bruno Nicolai, Luis Bacalov, Piero Piccioni, Guido und Maurizio de Angelis (hierzulande bekannter als Oliver Onions), Franco Micalizzi, Piero Umiliani, Francesco de Masi, Fabio Frizzi und vielen, vielen anderen muss natürlich vor allem ein Mann genannt werden: Ennio Morricone. Morricone hat sich Zeit seiner Karriere in allen italienischen B-Film-Genres getummelt. Vor allem ihm (aber auch etlichen anderen Italo-Komponisten) huldigen nun die Musiker Danger Mouse und Daniele Luppi gemeinsam mit prominenten Gästen wie Jack White und Norah Jones auf dem soeben erschienenen Album „Rome“. Sogar einstige Morricone-Mitstreiter wie Alessandro Alessandroni und Morricones Stamm-Vokalistin Edda dell’Orso wirkten an der Platte mit. Das Ergebnis ist eine kompetent exekutierte Italo-Soundtrack-Pastiche. Oft hören werde ich das Album aber vermutlich nicht. Es ist allerdings – wo ich doch diesmal ohnehin in Listen-Stimmung bin – ein willkommener Anlass, hier mal eine persönliche Morricone-Soundtrack-Top-10 hinzuwerfen. „C’era una volta nel West“ („Spiel mir das Lied vom Tod“) und die drei Eastwood-Filme habe ich, da sie ja allesamt bekannt sein dürften, rausgelassen. Ebenso einzelne Songs des Frühwerks wie das wunderschöne „Se telefonando“. Zur Handhabung der Liste: Der zuerst genannte Titel ist das italienische Original, in Klammern steht – sofern vorhanden – zur besseren Orientierung der deutsche Verleihtitel. Die Liste ist sehr spontan entstanden. Schon heute nacht werde ich mich unruhig im Bett wälzen, weil mir mindestens zweihundertdreiundvierzig Morricone-Soundtracks einfallen werden, die mir noch weitaus lieber sind, aber jetzt, für diesen Moment gilt die nun folgende Auswahl. Und was sind wir schon anderes als ein spontanes Muskelzucken im Ozean der Ewigkeit?

1. Companeros (Lasst uns töten, Companeros) – Sehr sonniger und entspannter Soundtrack zu meinem Italo-Western-Favouriten
2. L’Uccello dalle Piume di Cristallo (Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe) – Mein Lieblings-Giallo der Frühphase, für den Morricone Cocktail-Geplucker mit enervierender Spannungsmache verbindet
3. Indagine su un Cittadino al di sopra di ogni Sospetto (Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger) – Der Titel! Hier gibt es den etwas anstrengenderen Morricone.
4. Giu‘ la Testa (Todesmelodie) – Die Schnittmenge von Platz 1 und 3, wenn man so will
5. Il Grande Silenzio (Leichen pflastern seinen Weg) – Sehr elegische Musik zum einzigen italienischen Schnee-Western.
6. Milano odia: la Polizia non può sparare (Der Berserker) – Grandios nervige und grimmige Musik für eine schmutzige Perle des italienischen Cop-Genres
7. Danger: Diabolik – Morricones bunteste Musik. Für Freunde beatiger Pop-Art mit psychedelischer Einfärbung ein Muss!
8. Chi l’ha vista morire? (The Child) – Ein Film über Kindermorde. Und was macht Morricone: Er fährt einen unheimlichen Kinderchor auf.
9. Metti, una Sera a Cena – Das Hauptthema ist ein schönes repräsentatives Beispiel für die Kunst der Morricone-Vokalartistin Edda dell’Orso.
10. Spasmo – Nochmal Edda dell’Orso. Im Stück „La Bambola“ säuselt sie so sehr, dass sie die Grenze zum Irren weit hinter sich lässt

19.05.2011
„Je suis Morrissey“ steht auf dem schwarzen T-Shirt des Mannes, der die Hauptstraße meines Viertels hinabgeschlendert kommt. Der Mann gebietet über halblanges Haar, das er zu einem Zöpflein zusammengebunden hat, für das Freunde fieser Wörter die Bezeichnung „neckisch“ zu wählen pflegen. Seine kurze Hose ist kariert, an den Füßen trägt er Joggingschuhe. Er ist nicht Morrissey.
Der Mann geht an mir vorbei. Auf der Rückseite des T-Shirts steht: „It’s Morrisseys world, we just live in it“. Segnet Morrissey eigentlich die Texte, die windige Promo-Agenturen auf seine T-Shirts drucken lassen, ab? Wenn ja: Wie sehen diese Absegnungs-Meetings aus? Beziehungsweise: Muss der Grantler und Nörgler einen zumindest geringen Teil seiner doch sicher karg bemessenen Zeit darauf verwenden, mit der Lesebrille vor einem Computer sitzend Promo-T-Shirt-Entwürfe anzustarren und auszuwählen? Ehrlich gesagt: Ich glaube, die Frage ist ungehörig. Ebenso wie die Frage, ob Bob Dylan ein Smartphone hat. Und vermutlich ist es nur gut, dass Menschen, die Morrissey hören, nicht aussehen wie Morrissey. It’s the Zopfträgers Town – Morrissey just releases records in it.

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