Das Pop-Tagebuch

Das Pop-Tagebuch

Popmusik, so ist verstärkt zu hören, ist ein von der totalen Entwertung bedrohtes Kulturgut. Und wie fast alles, was keinen Wert mehr hat, ist auch

Die Feier

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Eine kleine Fiktion zu Ehren Lady Rob Zimmerallens.

Es war schon fast zehn Uhr, als Rob „Lady“ Allenman an diesem Morgen aufwachte.

Er hätte wohl noch länger weitergeschlafen, aber ihm war heiß und er merkte auch bald, warum. Er war am Vorabend in dem Weihnachtsmannkostüm eingeschlafen, das er angezogen hatte, um sich auf seiner eigenen Geburtstagsparty nicht so sehr zu langweilen. Er starrte eine Weile an die Decke, dabei brummte er ein wenig vor sich hin und räusperte sich immer wieder, um sich über den Zustand seiner Stimme klarzuwerden. Es war ein Ritual, das er jeden Morgen vollzog, heute aber gewährte er dieser Gewohnheit besonders viel Zeit. Als er sich sicher war, noch sprechen zu können, versuchte er herauszubekommen, wie das Wetter heute sein mochte. Das wenige Licht, das ins Zimmer fiel, deutete auf einen sicherlich warmen, vielleicht nicht unbedingt sonnigen, zumindest aber keinesfalls auf einen verregneten Tag hin.

Es war gut, auf dem Land aufzuwachen, dachte er, während er ins Bad schlurfte. In der Stadt gehörte der Tag um diese Uhrzeit längst den anderen – den Geschäftigen und Schnellen. Er wusste aus seiner Zeit in der Stadt noch zu gut, wie es war, in so einen überbevölkerten Morgen hineinzustolpern, wo bereits alles existierte und im Gange war, aber hier auf dem Land fiel es nicht sonderlich auf, wenn er erst spät aufstand. Im Spiegel sah er, dass er immer noch die Hillary Clinton-Maske trug, die er gestern Abend seiner Nichte Marie abgenommen hatte, nachdem diese, ein wenig zu auswendig gelernt, ihre Gratulation aufgesagt hatte. Er zog sich die eingerissene und schwer zerknitterte Maske herunter, das Gummiband hatte tiefe Striemen in seinem Gesicht und am Hals hinterlassen. Eine Minute lang starrte er nur in den Spiegel.

Knapp vierzig Jahre war es nun her, seit er gemerkt hatte, dass er jünger wurde. Eine Zeit lang hatte es ihn amüsiert, bald aber auch beunruhigt. Als er schließlich wieder siebzehn Jahre alt war, hatte der Verjüngungsprozess aufgehört. Da hatte er sich längst Tricks einfallen lassen, eine Illusion des Alterns aufrechtzuerhalten. Er hatte einfach irgendwann angefangen, extra langsam zu gehen, auch hatte er gezielt auf einen ungesunden Lebenswandel geachtet, sich immer wieder selbst die Haare ein wenig ausgedünnt und generell verstärkt den Eindruck erweckt, viel Zeit für alles zu brauchen. Dann hatte er angefangen, vom Alter zu singen – sein bester Trick, wie er fand. Da vorher noch niemand vom Alter gesungen hatte – vor allem nicht in komischen Disco-Kostümen und erst recht nicht zu so alberner Kirmesmusik, wie er sie nun seit ein paar Jahren machte – nahm man ihm die Sache umso mehr ab. Mehr noch: Man liebte ihn dafür und nannte ihn ein Genie. Schon wieder.

Im Garten waren Stimmen zu hören. Bitte nicht, murmelte er und stellte das Zahnputzgerät unverrichteter Dinge wieder zurück. Er sah aus dem Fenster. Unten waren zwei Typen in Blaumännern damit beschäftigt, ein überdimensionales „Born this Way“-Schild über dem Eingang zur Ranch anzubringen. Am vergangenen Freitag war sein jüngstes Album gleichen Titels erschienen und seine Plattenfirma hatte offenbar tatsächlich die Tumbheit besessen, die heutige Privatfeier mit einer offiziellen Promotionaktion für seine neue Platte zu verbinden.

Allenman stürmte aus dem Bad und polterte die Holztreppe hinunter. Dass er noch immer den Weihnachtsmannanzug trug und Gefahr lief, in dieser Klamotte die donnernde Wucht seines Auftritts im Garten zu schmälern, war ihm egal. Als er aus der Haustür rauschte, stolperte er beinahe über einen kleinen Jungen mit Flöte, der auf der Eingansstufe seines Hauses saß und offenbar eine Melodie übte. Allenman brauchte nicht viel Zeit, um zu erkennen, dass es sich bei dem Lied um „Pokerman“ handelte, einen bald dreißig Jahre alten Song, in dem er seinerzeit versucht hatte, seine damalige Begeisterung für die Lehre des großen Feministen Bradomir Abdalf Ghanomi mit einer rückblickend allenfalls mittelmäßig gelungenen New Wave-Anbiederung zu verbinden. Er hatte sich damals binnen zweier Jahre erst zur Frau umoperieren lassen und dann wieder zurück. Sein Spitzname „Lady“ rührte noch aus diesen Tagen. Warum er das getan hatte, ob nun aus Experimentierfreude oder nur um zu verwirren, das wusste er selbst am allerwenigsten. Wütend riss er dem Jungen die Flöte aus der Hand und zerbrach sie über dem Knie. Nein, das war jetzt sicher nicht besonders nett, aber darum ging es hier nicht. Er stürmte in Richtung Grundstückseingang, wo die beiden Blaumänner das Schild inzwischen zum Hängen gebracht hatten; zu gut beherrschte er die Maskerade des vermeintlich Älteren, um auch in solch unbeherrschten Momenten seinen wahren körperlichen – und geistigen! – Zustand nicht zu verraten.

Doch während er betont ältlich stürmte, wurde er einer noch viel größeren Katastrophe gewahr: Er sah nun, dass das gesamte weitläufige Grundstück, auf dem seine weißgetünchte Ranch stand, von seltsamen Gestalten bevölkert war: von Krankenschwestern in Reizwäsche, weißhaarigen Kreaturen in getigerten Capes und rot ondulierten Furien mit venezianischen Masken. Dazwischen Männer mit langen schwarzen Mänteln, ägyptische Königinnen mit umgekehrten Kreuzen auf dem Gewand, Typen in neongelben Ganzkörperanzügen oder Gestalten mit Teufelshörnern und überdimensionalen umgebundenen Spielkarten. Auf den Bäumen saßen Nymphenartige Wesen in blauen Latexkleidern, und wie er da stand und starrte, rannte ihn beinahe eine halbnackte spröde Schönheit über den Haufen, die nicht viel mehr trug als ein paar Streifen Gaffertape und einen auf dem Kopf befestigten Holzschuh. Er brauchte nicht lange, um das ganze Ausmaß dieser Unverschämtheit zu erfassen: Seine Plattenfirma war dem dreisten Missverständnis erlegen, dass es ihm eine Freude machen könnte, wenn sein Anwesen an diesem großen Geburtstag von einer Anhäufung seiner eigenen Liedcharaktere und Leuten in Bühnenoutfits, die er in den unterschiedlichen Phasen seiner Karriere getragen hatte, bevölkert würde. Wie beleidigend, dass man ernsthaft annahm, so etwas könnte ihn freuen. Und um Freude ging es ja noch nicht einmal. Es ging um Ehrerbietung, das war noch viel schlimmer. Längst hatte er sein Tempo verlangsamt und ging nun zwischen all den Figuren herum, die ihn halb verlegen, halb bewundernd anlächelten. Was für eine phantasielose Art, Phantasie zu zeigen dachte er. Ob seine Plattenfirma wohl eigens eine Agentur damit beauftragt hatte, sich so etwas auszudenken? Gab es Agenturen, die darauf spezialisiert waren, sich solche Verfehlungen zuschulden kommen zu lassen? Natürlich, es gab schließlich alles. Was waren das überhaupt für Leute, die in diesen Kostümen steckten? Erfolglose Filmstatisten? Hostessen?

Plötzlich war, scheinbar wie auf Kommando, die Stimme eines jungen Mannes zu vernehmen, der aus dem Meer der verkleideten Statisten nur ein Wort rief: Judas! Dann setzte der stumpfe Beat seines Gay-House-Welthits „Judas & Jane“ ein.

Das war zuviel. Ehrerbietung hin oder her. Allenman raste, diesmal nicht mehr ganz Herr seiner Maskerade, zurück ins Haus. Er stürmte an seinen beiden Frauen vorbei, die im Wohnzimmer standen und erst gar keine Anstalten machten, wahlweise zuzugeben oder abzustreiten, dass sie von der Sache wussten. Oben im Schlafzimmer raffte er rasch ein paar Sachen zusammen: seine Kreditkarte, die er in einer Bibel in der Nachttischschublade aufbewahrte, eine alte lederne Umhängetasche, die auf einem der Stühle lag und das neben dem Bett auf dem Boden liegende Buch über Flugzeugbau, das er gerade las.

Allenman polterte wieder nach unten und rannte durch die zur rückwärtigen Hausseite hin gelegene Küche, wo er aufpassen musste, nicht über Alejandro und Ramona, das treue Haushälter-Ehepaar, zu stolpern, das offenbar damit beschäftigt war, die Spuren der gestrigen Feier für die unverlangte heutige Festivität fortzuräumen. Durch die hintere Verandatür gelangte er wieder nach draußen. Hier, wo das Grundstück mit einem schmalen Rasenstreifen an einen dunklen Wald grenzte und umherstehendes Handwerksgerät, ein alter vor sich hinrostender Traktor, unzählige Gartenschläuche, Schaufeln und andere Unansehnlichkeiten für wenig Repräsentationspotenzial sorgten, hatte er in einem morschen Holzschuppen sein altes Motorrad untergestellt. Er warf die darübergebreitete Plane herunter, trat ein paar lose Holzbretter, Rechen und Besen aus dem Weg und zerrte die Maschine heraus. Die weißen Ränder seines Weihnachtsmannkostüms waren jetzt schon ölverschmiert, Spinnwebenfetzen hingen wie Abzeichen eines morbiden Vorvorgesterns an ihm. Über das Haus wehte von der anderen Seite des Gartens ein Medley seiner Songs herüber. Er schüttelte nur den Kopf.

Allenman schob die Maschine bis zum Gartentor. Er hatte keine Ahnung, ob noch Benzin im Tank war oder ob sich die Maschine überhaupt in fahrtüchtigem Zustand befand. Er beschloss, dies irgendwo auf dem Weg feststellen zu lassen. Vielleicht würde er sie ja auch eintauschen gegen ein anderes Fahrzeug. Er ging bis zum Ende des Waldrandes und schob das Motorrad noch an dem angrenzenden Acker entlang. Dann kam er auf die schmale Straße, die sich durch die Felder ins Irgendwo wand. Er räusperte sich kurz, wie um sich abermals zu vergewissern, dass seine Stimme noch da war. Dann schob er sein Gefährt langsam die leere Landstraße hinauf.

 


3 Lesermeinungen

  1. Duluth sagt:

    Dylan, oder was?...
    Dylan, oder was?

  2. Paul sagt:

    Danke, Duluth, dass Sie diesen...
    Danke, Duluth, dass Sie diesen Kommentar-Blog so fulminant eröffnet haben.
    Es geht mir in meinem Kommentar nicht um die Geburtstagsperson, sondern um den anderen. Ich bin kein Dylan Fan, aber ich höre ihn gerne. Wäre ich so alt wie meine Eltern oder wäre ich Musikkritiker, könnte ich ihn vielleicht lieben oder würdigen. Um meine Qualifizierungsfähigkeit zu pimpen, hab ich daher alles zu seinem 70ten gelesen, gehört und gesehen, was die Tagespresse so hergibt. Doch berührt hat mich nur dieser eine Artikel.
    Danke Duluth!

  3. sven sagt:

    Gestern zuviel dem...
    Gestern zuviel dem selbstdestilliertem Chlorschnaps zugesprochen?

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