Das Pop-Tagebuch

Jamaican Mama bleibt daheim oder Die Rache des Reggae

„I don’t like Reggae, no no / I love it“
(10cc, „Dreadlock Holiday“)

Es gibt ja Menschen, die reagieren auf Reggae ähnlich wie ich auf hässliche Hausschuhe: mit Ekel, Abscheu und Entsetzen. Nun, das ist närrisches Betragen. Reggae nämlich ist, wenn er kompetent exekutiert wird, eine wunderbare, inneren Einklang erzeugende Angelegenheit (ähnlich übrigens wie der dem Reggae in vielerlei Hinsicht diametral gegenüberstehende Country, der ebenfalls in problematischem Leumund steht).

Wie bei keiner anderen popmusikalischen Spielart ist mit Reggae aber auch sehr oft Schindluder getrieben worden. Die Gründe hierfür liegen in dem Boom begründet, den Reggae Ende der Siebziger unter weißen Musikhörern erlebte. Ein Boom, der sich neben echtem Verständnis, Neugier und viel gutem Willen auch auf missverstandener Exotik und Kifferkitsch gründete. Und da alle Welt Reggae hören wollte, spielte auch bald jede zweite desorientierte Post-Punk-Band, jeder Dinosaurier-Rocker und jeder NDW-Kasper Musik mit pseudojamaikanischem Off-Beat: Durchstöbert man einmal die Album-Jahrgänge 1978 bis 1982 wird man auf zahlreichen Platten Fingerübungen in Sachen Reggae finden. Bei Bob Dylan, bei Blondie, bei The Clash, bei den Rolling Stones, bei Nina Hagen, bei den Boomtown Rats, bei den Violent Femmes, bei Nick Lowe, Paul Simon, Kevin Ayers, Spliff, sogar bei Led Zeppelin. Serge Gainsbourg nahm gar gleich ein ganzes Reggae-Album auf (natürlich mit den unschlagbaren Sly & Robbie, die auch Bob Dylan, Grace Jones und zahlreiche andere bei ihren Reggae-Adaptionen mit der Anlieferung von Riddims unterstützten). Dann gab es natürlich Leute wie Jah Wobble, dem es tatsächlich gelang, aus Reggae etwas völlig Eigenes abzuleiten, das mit abgegucktem Roots-Trara oder Kiffer-Folklore nichts zu tun hatte. Manche (10cc, Jonathan Richman, BAP) gingen es gar parodistisch an – mit unterschiedlichem Erfolg. Und dann gab es da natürlich die frühen Reggae-Flirtereien: Paul McCartneys Ska-Anverwandlung „Ob-La-Di-Ob-La-Da“ auf dem „White Album“ sei genannt oder natürlich Claptons „I Shot The Sheriff“-Coverversion. Laid Backs „Sunshine Reggae“ gab es natürlich auch.

Am Donnerstag dieser Woche nun werde ich mit einer sachkundigen Freundin in meiner Stammspelunke, dem Kölner King Georg, einen DJ-Abend veranstalten. Der Arbeitstitel: „Dreadlock Holiday – (Mis)conceptions about Reggae“. Es soll um missverstandenen, komisch um die Ecke gedachten oder auch einfach nur misslungenen Reggae gehen. Um Reggae also, der nicht von Reggae-Musikern gespielt wird oder aber den Geist des Genres, wenn man so will, nicht ganz zu erfassen in der Lage ist. Unser tollkühner Anspruch ist es, im Subtext unserer Auflegerei sowohl die naive Anverwandlung zu feiern, als auch die schamlose Ausbeutung einer ganzen Musikkultur zu geißeln. Oder so ähnlich.

Wir haben übrigens beschlossen, nichts von The Police zu spielen. The Police finden wir nämlich beide so richtig doof, auch oder gerade weil es sich hier um die einzige Band handeln dürfte, die auf Basis eines Reggae-Missverständnisses eine Weltkarriere aufgebaut hat. Ebenfalls nicht zum Einsatz kommen wird Udo Jürgens bodenloses „Jamaican Mama“. Diese Missgeburt von einem Lied beansprucht unter irrem Grinsen und Sabbern die Krone für den dämlichsten Udo Jürgens-Song aller Zeiten. Ich kann das unmöglich spielen, denn damit diskreditierte ich gleichzeitig das ebenfalls auf dem „Udo 80″-Album enthaltene „Ich weiß, was ich will“, was für mich so etwas wie die Apotheose des Spätsiebziger-Chanson-Schlagers darstellt.

Heute nun habe ich mich in vorbereitender Absicht durch meinen Plattenschrank gehört, um geeignete Musik für den betreffenden Abend herauszusuchen. Die oben genannten Vertreter waren rasch gefunden. Weitaus interessanter aber war es, all die Platten quer zu hören, auf denen ich Reggae-Experimente vermutete: „Howlin‘ Wind“ von Graham Parker fiel mir in die Hände: „Da wird ja wohl ein Reggae-Stück drauf sein“. War es auch. Auf Johnny Rivers‘ „L.A. Reggae“ wiederum war von Off-Beats weit und breit nichts zu hören. Andere Alben, auf denen ich Reggae vermutete, die aber keinen enthielten: Robert Palmers „Clues“, Phil Collins‘ „Face Value“ und David Bowies „Let’s Dance“ (Hat Bowie je einen Reggae-Song gemacht? Sollte er es nicht getan haben, wäre dies ein weiteres Indiz für die weitverbreitete Ansicht, Bowie habe nichts nachgemacht, sondern stets ausschließlich Pionierarbeit geleistet).

Einige der herausgesuchten Stücke sind echte Perlen: So etwa „Wake Up“ von Trio, das sich auf dem unterschätzten zweiten Album der Band findet. Der von Yoko Ono geschriebene Song kann nicht nur mit Klaus Voorman am Bass punkten, er wird am Ende gekrönt von einem erhabenen Gesangspart des Männerquartetts Weilerswist. Unfassbar und dringend empfohlen (Bei Youtube gibt es auch ein Video).
Auch bemerkenswert: Paul McCartneys „Darkroom“ vom tollen Album „McCartney II“: Der Song hört sich an, als hätte Devendra Banhart gemeinsame Sache mit den Residents gemacht. Ebenfalls unverwüstlich: Die Genre-Adaptionen von David Lindley, Costellos „Watching The Detectives“ und Led Zeppelins „D’yer Mak’er“, auf dem John Bonham, einer der besten weißen Schlagzeuger aller Zeiten, soviel Stil und Taktgefühl (No pun intended!) besitzt, eben keinen Reggae-Rhythmus zu spielen, sondern herrlich gerade durchzubollern.

Wer mir weitere Reggae-Missverständnisse zusenden mag, sei hierzu herzlich eingeladen. Wer wiederum zählt, wie oft im oben stehenden Text das Wort „Reggae“ vorkommt, der gewinnt einen Abend mit der Band Laid Back. Und wer herausfindet, welchen kleinen inhaltlichen Fehler ich im Text drin gelassen habe, darf sogar zwei mal die Band Laid Back treffen.

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Was aber ist mit jenen Menschen, die da rufen: „Ich möchte gerne über etwas lesen, das wenig bis gar nichts mit Eric Pfeils doofem Reggae-Abend zu tun hat!“? Nun, auch diesen Menschen will ich Erbauliches an die Hand geben. Und zwar mit den folgenden Zeilen.
Das Suchen nach Reggae-Absurditäten im Plattenschrank sorgt nämlich für den schönen Kollateralschaden, dass man lang vergessenen Platten wieder begegnet und diese einer Neubewertung unterzieht: Schon erstaunlich, was man da zu hören bekommt. Vier dieser (alten und nicht allzu bekannten) Alben möchte ich dem geneigten Leser im Folgenden dringend ans Herz legen.

Fabrizio de André – „Rimini“ (1978)
De André ist der Stolz Genuas. Als ich im vergangenen Sommer in der ligurischen Hauptstadt weilte, war das Konterfei des 1999 verstorbenen Cantautore an jeder zweiten Straßenecke als Graffito oder Plakat zu sehen. De André war der Sänger der Sprachlosen, sein Akustikgitarren-dominierter Stil mindestens so sehr vom amerikanischen Folkrock geprägt wie von Luigi Tenco oder Gino Paoli, den großen italienischen Liedermachern der Sechziger. Sein Album „Rimini“ nun ist schwer beatmet von Bob Dylans „Desire“: Die Gitarren klimpern, die Geige schwelgt, man meint Grillenzirpen zu hören, die Zigeuner sind in der Stadt. Die Coverversion von Dylans „Romance In Durango“ gefiel dem Komponisten des Songs gar so gut, dass er sich zu einem seltenen Lob hinreißen ließ. Ein wunderbar sommermüdes Album. Ohne Reggae.

The Jazz Butcher – „A Scandal In Bohemia“ (1984)
Mehr noch als The Smiths, Prefab Sprout oder The Go-Betweens prägte diese Band Mitte der Achtziger meine musikalischen Vorlieben. „A Scandal In Bohemia“ ist eine bald schrammelnde, bald angejazzte Wunderplatte, die mir auf dem Gipfel meiner pubertären Wirrnis zeigte, dass es neben blödem Frisurenrock mit verhallten Schlagzeugen und Synthie-Gülle noch etwas Anderes gab. Dreist und naseweis singt sich Sänger Pat Fish (Man denke sich einen gutgelaunten britischen Lou Reed) zum gehobenen Schrammel-Pop seiner Mitstreiter durch zehn überschäumende Songs über Pin Up-Girls, exzessiven Alkoholkonsum, Girlfriends und Macho-Deppen. Die Platte klingt auch heute noch tausendmal frischer als der ganze konfektionierte Gitarrenquatsch, der unter dem Banner „Indie“ veröffentlicht wird. Essentiell. Auch ohne Reggae.

King Missile (Dog Fly Religion) – „They“ (1988)
Als vor ein paar Jahren das Getue um Neo- bzw. Anti-Folk seinen Höhepunkt erreichte, war ich ein wenig betrübt, wie wenig auf die Verdienste von Mark Kramers Label Shimmy Disc verwiesen wurde. Kramer, ein genialischer Songschreiber, Produzent, Musiker und Indie-Entrepreneur, veröffentlichte auf Shimmy Disc neben den wärmstens empfohlenen Werken seiner Post-Psychedelic-Band Bongwater schöne Platten von Rebby Sharp, B.A.L.L. oder Dogbowl. Auch Daniel Johnston, Ween und Galaxie 500 brachten Platten auf Shimmy Disc heraus. Kramers Trademark als Produzent war ein verhallter und verwaschener Gesamtklang, der Phil Spector mit Psychedelia und Zappa verband und in dem das Avantgardistische einträchtig neben dem Eingängigen existierte. King Missile, die Band von John S. Hall und Dogbowl, gehört zum Interessantesten, was das Label zu bieten hatte: Auf „They“ verbinden sich John S. Halls Beatnik-Lyrik, Kiffer-Humor und Dada-Lyrik mit Dogbowls Sinn für anrührenden Folkpop. Kein Reggae.

Paul Roland – „A Cabinet Of Curiosities“ (1987)
Irgendein Spaßvogel hat ihn mal als „the male answer to Kate Bush“ bezeichnet. Das ist Unsinn. Man stelle sich vielmehr vor, Syd Barrett hätte einen Fimmel für das viktorianische England gehabt, dann bekommt man ungefähr eine Ahnung von dem, was Paul Roland treibt. Hier gibt es Lieder über Dämonen in Käfigen, tragisch verlaufende Fesselballonfahrten und Pyromanen im Schulheim. Rolands Stimme hat etwas Wächsernes, die Platte hört sich an, als habe er sich beim Singen unentwegt eine alte Gaslampe vors Gesicht gehalten. Dazu gibt es strenge kammermusikalische Streicherarrangements. Abgefahrenes Kunstgewerbe für Vollspinner. Leider ist Roland später ein wenig in die Gothic-Ecke abgedriftet. Wieder kein Reggae.

Zum Schluss sei dringend noch darauf hingewiesen, dass der sympathische Operetten-Sänger Meat Loaf in der letzten „Wetten, dass..?“-Sendung mit Thomas Gottschalk (und ohne Thomas Gottschalk) zu Gast sein wird. „Hell In A Handbasket“ hat er lustigerweise sein neues Album getauft (also Meat Loaf, nicht Thomas Gottschalk). Chuck D ist als Gast mit dabei und „California Dreaming“ wird auch gecovert. Wer all das noch nicht lustig findet, den kann wahrscheinlich auch Meat Loafs eben veröffentlichter Promo-O-Ton zu seinem neuen Werk nicht erheitern: „Es ist mein bisher persönlichstes Album, ich will darauf zeigen, wie die Welt meiner Ansicht nach den Bach runter geht“, weiß der Mann dort zu verkünden. Ich finde es gut, dass Meat Loaf uns allen zeigen will, wie die Welt den Bach runtergeht, auch wenn einem anderen Künstler zufolge ja die Lachse zum Laichen und Sterben den Fluss hinauf … aber das ist eine andere Geschichte. Kaufen Sie alle mehrfach das Meat Loaf-Album und lassen Sie sich wachrütteln. Oder hören Sie sich zumindest die oben besprochenen Platten an und haben Sie Freude daran. Oder tanzen Sie mit einer Dreadlock-Perücke zu nachgemachtem Reggae. Free your mind and your ass will follow.

 

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