Das Pop-Tagebuch

Die Rückkehr der Gespensterband oder Bessere Künstlernamen braucht die Welt

Skandal!
Wie mir eben die Ratingagentur Kuklux mitteilt, wird „Das Pop-Tagebuch“ nach den letzten zwei Ausgaben mit sofortiger Wirkung herabgestuft. Der Grund: zuviel Musik, zuwenig „People“. Gleich zwei Action- und ganze drei Erotikpunkte werden mir abgezogen. Da gilt es natürlich sofort zu reagieren. Am besten mit einem neuen Eintrag. Auch wenn es daraufhin bald überall heißen wird: „Eric Pfeil – da waren doch nur die frühen Sachen gut, der ist doch total kommerziell geworden“.

14.02.2012
Alte Schachtel Jugend! Was hast Du Dir nur dabei wieder gedacht?
Die Söderberg-Schwestern, besser bekannt als First Aid Kit, spielen im Kölner Gebäude 9, wo ich mich in die Schar der begeisterten Applaudeure einreihe. Im Publikum ist bei vielen Herren – von denen etliche mehr als doppelt so alt sind wie die beiden Schwestern zusammen – fortgeschrittene Ergriffenheit auszumachen. Aber wie auch anders: Die beiden jungen Frauen schmettern, als hätten sie etwas zu verkünden. Gottlob aber predigen sie nur die Verheißungen der von Hippietum und edler Melancholie durchdrungenen Siebziger-Jahre-Country-Musik. Wobei: Man würde ihnen auch gebannt zuhören, wenn sie kreationistisch motiviertes Liedgut zum Besten gäben.

16.02.2012
Ich kaufe drei Brötchen beim Bäcker und zahle passend.
„Nice“, sagt der Mann hinter der Theke. Ich entgegne, dass ich es ausgesprochen dislike, dass allüberall Dinge „nice“ gefunden werden, knalle die Brötchen zurück auf die Theke, nehme dem Burschen das abgezählte Geld wieder aus der Hand und gehe nach Hause. Was man sich nicht alles anhören muss!
Abends ruft dann Nik Kershaw an. Ob ich ihm irgendwie dabei behilflich sein könne, ein altes Umhängekeyboard zu verticken. Ich verneine und lege auf. Manchmal frage ich mich ernsthaft, für wen mich die Leute halten.

19.02.2012
Ich sehe den extrem kostengünstigen Science-Fiction-Film „Die Bestie aus dem Weltraum“, den der italienische Regisseur Alfonso Brescia unter dem Pseudonym Al Bradley Ende der Siebziger zusammenkurbelte. Die Musik dazu ist der halbe Spaß, tönt sie doch in etwa, als hätte sich Dr. Phibes statt an die Blutorgel an die Tastatur eines frühen Synthesizers gesetzt und im versunkenen Spiel alle Hemmungen fahren lassen. Marcello Giombini heißt der Mann, dem dieser Soundtrack in die italienischen Schuhe zu schieben ist. Der gleiche Giombini zeichnet auch für die Musik zu solch epochalen Werken wie „Man Eater – Der Menschenfresser“ oder „In der Gewalt der Zombies“ verantwortlich. Ich glaube, wenn man ein einigermaßen unvernünftiges Leben führen will, sollte das Gesamtwerk dieses wackeren Komponisten im heimischen Wandschrank stets griffbereit sein. Das Beste an Giombini aber ist sein Künstlername. Bevor ich diesen enthülle ein kurzer Exkurs: In den Siebziger und Achtziger Jahren war es unter italienischen Filmschaffenden – ganz gleich, ob es sich um Komponisten, Regisseure oder Schauspieler handelte –  verbreitet, sich schillernde Pseudonyme zuzulegen. Der Grund liegt auf der Hand: Man erhoffte sich so, auf dem Export-Markt besser punkten zu können. Allerdings trieb die Namenswahl mitunter bizarre Blüten: Die populärsten Beispiele sind sicherlich Carlo Pedersoli und Mario Girotti, die als Bud Spencer (zusammengesetzt aus Budweiser-Bier und Spencer Tracys Vornamen) und Terence Hill zu Weltruhm gelangen sollten. Doch es gibt unzählige andere Beispiele: Der Vielfilmer Antonio Margheriti (italienisch für „Gänseblümchen“) nannte sich konsequenterweise zunächst Anthony Daisies, änderte diesen Namen, da er nicht so recht zu seinem Image als Regisseur knallharter Actionware passte, bald in Anthony M. Dawson. Bruno Mattei wiederum legte sich für seinen miesen, aber lustigen „Dawn Of The Dead“-Abklatsch „Die Hölle der lebenden Toten“ den nome d’arte Vincent Dawn (!) zu. Er hieß aber auch gerne mal Pierre Le Blanc, Martin Miller, David Hunt oder Jordan B. Matthews. Noch mehr Pseudonyme hat im Laufe seiner seltsamen Karriere nur der Trash-Gott Demofilo Fidani angehäuft: Slim Alone, Danilo Dani, Nedo De Fida, Miles Deem, Lucky Dickinson, Dino Fidani, Nedo Fidano, Dennis Ford, Sean O’Neal, Demos Philos und Dick Spitfire – einer besser als der andere. Der durchaus verdiente Filmemacher Aldo Lado wiederum dachte sich, nachdem er ein kostengünstiges Star-Wars-Rip-Off verbrochen hatte, dass der Künstlername George B. Lewis durch seine unverhohlene Ähnlichkeit zu George Lucas dem Erfolg dieser filmischen Missgeburt womöglich dienlich sein könnte.
So, und unter welchem Namen verbrach der weiter oben gepriesene Marcello Giombini seine tollen Synthie-Soundtracks? Meine Damen und Herren, schnallen Sie sich an: Die Wahl Giombinis fiel auf – Pluto Kennedy! Wenn das kein Weltläufigkeit verströmender Künstlername ist, dann weiß ich es auch nicht. Ich wünschte, viele nicht-englische Musiker würden sich von der Kreativität der Italiener bei der Neunamensfindung beatmen lassen. Überhaupt: Pseudonyme und Künstlernamen – ein prachtvolles Thema, dem ich dereinst mal ein ganzes Buch widmen werde. Ein Buch, für das ich mir vermutlich selbst ein Pseudonym zulegen werde, vielleicht Hagen W Sontstrøm III.

18.02.2012
Helge Schneider spielt in der Kölner Philharmonie.
Da draußen der Karneval tobt und auch hier etliche Menschen kostümiert herumsitzen, bittet er ein paar besonders originell verkleidete Menschen kurz aufzustehen. So verneigen sich etwa zwei Kiss-Doubles. Schneider fordert den Saal auf, einen großen Applaus zu spenden und lobt: „Tolles Kostüm: Kiss, ne? Toll.“ Um dann mit nunmehr düsterer Stimme hinzuzufügen: „Schmeißt sie raus!“.  Auch einen älteren Herrn im Studienrat-Jacket, der gar keine Verkleidung trägt, ersucht Schneider, sich zu erheben. Der Mann bekommt einen Spot verpasst und reißt die Hände in die Luft. Schneider: „Super Kostüm – Sexverbrecher“. 

24.02.2012
Im King Georg ist es mal wieder so voll, dass man an der Wand klebt.
Inmitten der Zuschauer steht Alex Zhang Hungtai, der unter dem Namen Dirty Beaches David-Lynch-Psychobilly mit Crooner-Gestus macht. Die Freundin, mit der ich das Konzert besuche, findet Hungtais Darbietung ein wenig zu lebensverneinend, mir hingegen gefällt es recht gut. Wenn Lux Interior und Roy Orbison gemeinsam eine Gespensterband gründen würden, es könnte so ähnlich klingen. Ich habe mal eine Kurzgeschichte geschrieben, die den Titel „Die Gespensterband“ trug. Es geht um ein Punkrock-Quartett, das vor Jahren aufgrund eines Technik-Fehlers bei einem Open-Air-Konzert durch kollektiven Stromschlag aus dem Leben geschieden war und nun aus dem Jenseits zurückkehrt, um grausame Rache am Veranstalter zu üben. Ich muss mal nach der Geschichte suchen. Vielleicht blase ich sie ja zu einem Roman auf. Den könnte ich dann unter dem Pseudonym Dick Spitfire veröffentlichen.  Die Welt ist voller Möglichkeiten!

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