Das Pop-Tagebuch

Märzmusik

Ein Blick in die Sockenschublade macht schlagartig klar: alles total verlocht. Also flugs zum Sockenladen geeilt. Sollte ein auf dem Weg liegender Schallplattenfachladen die Kaufgelüste in eine andere Richtung sublimieren, hätte ich hier ein paar Neuerscheinungen für Sie:

Audra Mae & The Almighty Sound – same (Side One Dummy/Cargo, 23.03.)
Ihr Debüt „The Happiest Lamb“ war 2010 eine meiner stillen Lieblingsplatten. Jetzt taucht die Sängerin aus Oklahoma (die halbwegs verwirrenderweise auch für den Lena-Meyer-Landrut-Song „The Good Day“ verantwortlich zeichnet) mit neuem Album und neuer Band wieder auf. Hier nun setzt es ausgesprochen zünftige Stücke, die Power-Americana, Folk-Soul und Blues-Funk zusammenführen und keinen Heuballen auf dem anderen lassen. Wer grundsätzlich nichts gegen bisweilen röhrig agierende Sängerinnen und die gute alte Ich-trink-den-Teufel-untern-Tisch-Attitüde hat, wird bei diesen Songs zwischen Bobbie Gentry und Wanda Jackson auf seine Kosten kommen.

Simone Felice – same (V2 Benelux/Soulfood, 30.03.)
Der Mann betänzelt einen schmalen Grat: Diese seelenprallen, vom Sonnenlicht der frühen Siebziger durchfluteten Lieder zwischen Soul, Folk und AOR landen immer wieder nahe am Kitsch; oft genug gelingt dem Mann mit der durchzitterten Cat-Stevens-Stimme aber auch Berührendes. Ein Stück heißt „Courtney Love“. Ein anderes „Sharon Tate“.

The Shins – Port Of Morrow (Sony, bereits erschienen)
Kürzlich im Radio: Ein Popsong. Die unaufdringlich schöne Stimme klingt vertraut, aber so, als gehörte sie eigentlich in einen anderen Kontext. Dann wird plötzlich klar: Das muss von der neuen Shins sein! Ach ja, richtig, die waren ja leider langweilig geworden. Aber, Moment, der Song ist gut. Richtig gut, und dieses seltsame, nun ja, Gitarrensolo kündet nach wie vor von Exzentrik. Ein sonderbarer Text auch für einen Radiosong. So wie das Stück ist die ganze Platte: wie Besuch von einem alten Freund, der jetzt Karriere gemacht hat, aber zwischendurch, nach ein paar Gläsern, doch immer wieder an den Kumpan von einst gemahnt. Ob man wohl weiter in Kontakt bleiben wird?

Dry The River – Shallow Bed (Sony, bereits erschienen)
Puh, empfindsame Rockmusik! Ich halte mich ja gerne mit Prognosen darüber, wem und warum in der Popmusik die Zukunft gehört, zurück. Andere hingegen nicht: Diese Band hier soll, wenn es nach Meinung vieler Musikschreiber geht, 2012 ganz groß werden. Nun, es gilt Schlimmeres zu verhindern als das. Ich frage mich nur eins: Ist das die Musik des zuletzt oft herbeigeredeten ganz, ganz modernen Mannes, dem es nach Jahren der Desorientiertheit und Knatschigkeit nun endlich gelingt, Zartheit und Härte in Einklang zu bringen? Tim Buckley trifft Pearl Jam in diesen Liedern. Ich bin mir nicht sicher, ob das gut ist.

Funny van Dannen – Fischsuppe (JKP/Warner, bereits erschienen)
Zugegeben: Es gibt bessere Alben von Funny van Dannen. Trotzdem gehöre ich zu den Leuten, die von diesen Vier-Akkord-Schrammlern zwischen Schlager und Liedermacherei, zwischen Empörung und Gelassenheit nicht genug kriegen können. Und natürlich fallen auch hier wieder drei, vier Songs für die große FvD-Best-of-Zusammenstellung ab. In meinen Ohren sind dies „In den Zeiten der Zeitarbeit“,  „Freude“ und „Fang den Pudding“. Andere brauchen dann und wann eine Punk-Platte mit Achtelgitarre und schlichten Refrains; ich brauche dann und wann Funny van Dannen.

Paul Weller – Sonik Kicks (Coop/Universal, 23.03.)
Kann ein Paul-Weller-Album mit dem Titel „Sonik Kicks“ gut sein? Ich traue dem Erfinder des Wildlederschuh-Rocks ja durchaus noch das ein oder andere gelungene Alterswerk zu. Dies hier indes ist eine dieser zwanghaft aufgekratzten, quirligen Übergangswerke, wie sie der Frisurmann in den letzten Jahren schon zu oft gemacht hat. Es ist fast lustig, wie aufgekratzt und viril das Album startet. Erst beim vierten Song schaltet Weller etwas zurück. Die Platte ist zudem stellenweise leider so anstrengend modern produziert, dass es sich anhört wie 1997. „Sonik Kicks“, schon klar. Ganz gruselig: die Para-Dub-Nummer „That Dangerous Age“, ein Duett mit Gattin Hannah. „I want to be relevant now, in 2012″, sagt Weller. So eher nicht.

Bruce Springsteen – Wrecking Ball (Sony, bereits erschienen)
Mein Freundeskreis teilt sich auf in zwei Gruppen: jene, denen die bloße Erwähnung Bruce Springsteens bereits Tränen der Ergriffenheit in die Augen treten lässt, und jene, die den Mann für einen weiteren Beleg amerikanischer Plumpheit halten. Die schöneren Autofahrten mit heruntergekurbeltem Fenster und bierseligeren Balkonabende verbringe ich mit Ersteren. Da ich gerade zum wiederholten Male die „Sopranos“ schaue, kommen Springsteens breitbeinig daherstampfende New-Jersey-(Anti-)Hymnen ohnehin gerade recht. Natürlich, auch auf diesem Album, das er zu großen Teilen ohne die andere New-Jersey-Familie, die E-Street-Band, aufnahm, singt der Mann mal wieder, als könnte er vor lauter Energie kaum gehen, und die ikonografischen Posen in Rockmusiker-Klamotten im Booklet werden Gegner des Mannes in ihrem Urteil nur noch zusätzlich bestätigen. Doch wer sich darüber beklagt, der könnte ebenso gut Ravi Shankar das ewige Sitar-Geklampfe vorwerfen. Bis auf einige ästhetisch diskutable Loop-Einsätze und den ein oder anderen dahinproduzierten Quatscheffekt ist „Wrecking Ball“ ein weiteres gutes Album voll einfacher Hände-in-die-Luft-Songs und (zumeist) mitreißender Balladen.

Blouse – Blouse (Cargo, bereits erschienen)
„I was in the future yesterday“, lässt die Sängerin wissen. Kann man so sagen. Eigentlich kann man mich mit Musik, die vorsätzlich die Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts revivalt, sonstwohin jagen. Für Blouse mache ich aber gerne eine Ausnahme. Das liegt daran, dass die drei Keyboard-Hymniker angenehmerweise allem Digitalen die Tür gewiesen und auf analogem Gerät produziert haben. Entsprechend hoch ist der Rauschpegel, der hier aber gerne mitgehört wird. Für Fans von Nite Jewel.

The Jezabels – Prisoner (Play it again Sam/Rough Trade, bereits erschienen)
Noch eine Nummer-Sicher-Band für die Festivals und andere Orte, wo Musik zum Zwecke der Effekthascherei gespielt wird. Entsetzlich aufgeblähter Angeberquatsch, der Menschen, die Rockmusik grässlich finden, mit jedem Ton Recht gibt. Dann schon lieber Dry The River.

Stabil Elite – Douze Pouze (Italic, bereits erschienen)
Drei junge Düsseldorfer aus dem Dunstkreis des Salon des Amateurs spielen Düsseldorf-Musik: Elektro-Kraut trifft Dada trifft Der Plan. Gutes Debüt.

Lisa Hannigan – Passenger (Pias, bereits erschienen)
Wattiger Pop von Damien Rice‘ Mitsängerin, der seine Reize nie ins Fenster hängt, im ersten Moment vielleicht sogar unauffällig klingt, sich aber nach und nach, von Streicherwolken durchweht, ins Unterbewusstsein stiehlt.
Manchmal wird es etwas kulleräugig, meist aber waltet stilvolle Zurückhaltung. Insgesamt ein gutes Erwachsenen-Pop-Album für Fans von Kathleen Edwards.

Frankie Rose – Interstellar (Memphis Industries/Indigo, 23.03.)
Die Fuzzbox ist eingemottet, es regiert polierter Schneewittchen-Pop. Die Dame aus dem Dunstkreis der Vivian Girls will es, wie man so schön sagt, wissen und tauscht den selbstgebastelten Lo-Fi-Phil-Spector-Girlgroup-Schrammel-Sound gegen eine verdrehte Neo-Achtziger-Ästhetik. Anfangs etwas unterfaszinierend, gewinnt die Platte auf Dauer, wenngleich ich Schrammelmädchen ja lieber mag als Eiskunstlaufprinzessinnen. Der beste Song kommt ganz am Schluss.

Andrew Bird – Break It Yourself (Coop, bereits erschienen)
Amerikas distinguiertester Liedschreiber mit einer weiteren guten Platte. So richtig ans Herz will mir der stilsichere Kunstpfeifer aber auch diesmal nicht gehen. Wenn er ein bisschen alberner wäre, hätte Bird das Zeug, der Wes Anderson des Songwriter-Pop zu werden. Aber: Sollte man ihm dies wirklich wünschen?

Lee Ranaldo – Between Times And The Tides (Matador/Beggars/Indigo, bereits erschienen)
Solo-Album des Sonic-Youth-Gitarristen with lots of help from Nels Cline, Steve Shelley und anderen. Ich hatte mich durchaus auf diese Platte gefreut, aber, oh weh: Die Kompositionen sind mau und die Stimmung allzu monochrom. Außerdem ist mir das hier alles zu gitarristisch, was man zugegebenermaßen für einen blöden Einwand halten kann.

Willis Earl Beal – Acousmatic Sorcery (XL Recordings/Beggars, 30.03.)
Willis Earl Beal stammt aus Chicago und hat, wie sollte es anders sein, tüchtig den Blues. Die Aufnahmen-Sammlung „Acousmatic Sorcery“ des gerüchteweise über die Maßen kauzigen jungen Herrn ist ein Album, für das die Bezeichnung „knarzig“ wie gebacken erscheint. Das Instrumentarium klingt oll und mild verstimmt, der Rauschpegel ist hoch, doch Beals Stimme vertreibt alle Sorgen, hier könnte ein Novelty-Act am Werk sein. Angeblich weilt Beal derzeit schon wieder in einem Studio, „um Tracks für ein richtig produziertes Album aufzunehmen“. Schade eigentlich.

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