Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Getötete Frauen

| 6 Lesermeinungen

So eine Schlagzeile gibt es nicht alle Tage: „Sechsunddreißig Tage ohne tote Frau", hieß es heute in der Zeitung El Mundo. Was natürlich nicht heißt, seit sechsunddreißig Tagen wäre in Spanien keine Frau gestorben. Sondern vielmehr, dass keine durch ihren Partner oder Ex-Partner ermordet wurde.

So eine Schlagzeile gibt es nicht alle Tage: „Sechsunddreißig Tage ohne tote Frau“, hieß es heute in der Zeitung El Mundo. Was natürlich nicht heißt, seit sechsunddreißig Tagen wäre in Spanien keine Frau gestorben. Sondern vielmehr, dass keine durch ihren Partner oder Ex-Partner ermordet wurde. Und das wiederum bedeutet einen neuen Rekord, seit man in Spanien begonnen hat, über „häusliche Gewalt“ (violencia de género) eine eigene Statistik zu führen. Andersherum gesagt: Seit dem Jahr 2000 hat es keine Etappe von 36 Tagen gegeben, in denen nicht eine Frau unter den genannten Umständen erstochen, erschossen, erschlagen, überfahren oder verbrannt worden wäre.

Vor ein paar Jahren habe ich mich einmal gefragt, was diese Art heraustrompeteter Statistik – siebzig bis achtzig tote Frauen im Jahr – wirklich zu bedeuten hat.
Erste Theorie: Spanien hat ein Machismus-Problem, und die Frauen bezahlen nicht nur die Modernisierung der Gesellschaft, sondern auch die Ohnmacht der Männer angesichts unaufhaltsamer Gleichberechtigungsschritte mit ihrem Leben.
Zweite Theorie: Spanien liebt es, von blutigen Verbrechen in grellen Farben erzählt zu bekommen, besonders, wenn die Opfer Frauen sind. Dritte Theorie: Spanien hat ein besonders fortschrittliches soziales Bewusstein, das die Gewalt von Männern gegen Frauen als Problem erkannt und die Prävention zum wichtigen gesellschaftlichen Anliegen erklärt hat.

Dann las ich in einer spanischen Zeitung, in Deutschland würden prozentual viel mehr Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet als in Spanien. Seltsam, dachte ich, dass man in deutschen Medien so wenig davon liest. Das F.A.Z.-Archiv konnte auch nicht weiterhelfen: Es gibt einfach keine genauen Zahlen. Das Archiv besorgte mir jedoch eine Quelle der Hamburger Kriminalpolizei, in der es hieß, für diese Art Gewalt werde in Deutschland keine gesonderte Statistik geführt. Was mich abermals zu verschiedenen Theorien inspirierte.
Erste Theorie: Eine geschlechtsspezifische Mordstatistik ist nicht erforderlich, weil diese Art Verbrechen in Deutschland kaum ins Gewicht fällt und gesellschaftspolitisch nichts besagt.
Zweite Theorie: Eine geschlechtsspezifische Statistik ist nicht erhältlich, weil niemand will, dass die fürchterliche Wahrheit über die machistische Gewalt in Deutschland ans Licht kommt.
Dritte Theorie: Gewalt von Männern gegen Frauen wirkt in Deutschland nicht auflagensteigernd – für diese Bedürfnisse bevorzugt man entführte Kinder.

Ich gebe zu, das sind keine schönen Überlegungen, und möglich wäre sogar, dass mehrere Theorien zugleich zutreffen. Sicher ist zumindest: Spanien hat in den letzten Jahren viel getan, um das Bewusstsein für eine überkommene Rechtsauffassung zu schärfen. (Bis zum Ende des Franquismus durften Frauen in Spanien kein eigenes Bankkonto eröffnen, und eheliche Gewalt seitens des Mannes, Totschlag eingeschlossen, blieb unbestraft.) Der Weg allerdings ist noch weit. Gleich neben dem Artikel in El Mundo steht eine kleine Meldung, in der es heißt, eine Frau, die von ihrem bolivianischen Partner mutmaßlich vergewaltigt, misshandelt und mit dem Tode bedroht wurde, habe die Strafanzeige gegen ihren Peiniger zurückgezogen.

Was nun die Zahl 36 angeht – oder schon 37, wenn in den letzten 24 Stunden alles gutgegangen ist -, sollten wir Zahlen und Rekorde schnell wieder vergessen. Sonst bestraft uns das Leben.

 


6 Lesermeinungen

  1. In Deutschland herrscht die...
    In Deutschland herrscht die Meinung vor, dass die Opfer häuslicher Gewalt selbst einen großen Teil Mitschuld an ihrem Leid tragen. Sie könnten sich ja wehren oder ihren Peiniger verlassen, es gibt ja schließlich Frauenhäuser. Aber so einfach ist das Wehren nicht, wenn man es nicht gelernt hat. Und selbst dann ist es manchmal unmöglich.
    Aber wie auch immer: hier in Deutschland langweilt das Thema. Es sei denn, es zeigt sich auf spektakuläre Weise wie der Fall Fritzl in Österreich.

  2. <p>Lust auf die deutsche...
    Lust auf die deutsche Kriminalstatistik?
    Ich habe sie für das letzte erschienene Jahr eingestellt – 2007:
    http://www.bka.de/…/index2.html

  3. Ich finde das ein äußerst...
    Ich finde das ein äußerst komplexes Thema, dass sich sicher nicht mit einer einzigen Theorie (alle drei – und wahrscheinlich noch ein paar mehr – treffen m.E. zu) erklären lässt. Spanien hat ganz bestimmt ein Machismus-Problem, das sich eben aus der relativ spät angekommenen Moderne im Land herleitet (https://www.porquetecallas.es/galeria/7.jpg). „Bis zum Ende des Franquismus durften Frauen in Spanien kein eigenes Bankkonto eröffnen“. Da gehört zum Beispiel meine Schwiegermutter dazu, das ist ja alles erst zwei bis drei Generationen her. Spanien kriegt da inzwischen schon einen irren Spagat hin zwischen wirklich schwarzen Traditionen, die auf dem Land noch gepflegt werden (bitte, man schaue sich das Dorf Manganeses de la Polvorosa an, wo eine Ziege vom Kirchturm geworfen wird, oder bestimmte Stierfeste auf einigen Dörfern, Coria etwa) und modernstem, europäischem Leben in den Städten. Zudem ist „Gewalt gegen Frauen … kein Unterschichtenproblem, kommt in entwickelten Industrienationen ebenso vor wie in Ländern der Dritten Welt, kann religiös, moralisch, sozialpsychologisch, persönlich oder sonstwie motiviert sein“, das haben Sie in einem FAZ-Artikel 2008 geschrieben. Und dass eine geschlechtsspezifische Mordstatistik in Deutschland nicht erforderlich ist, „weil diese Art Verbrechen in Deutschland kaum ins Gewicht fällt und gesellschaftspolitisch nichts besagt“, bezweifle ich ebenfalls. Ich habe mir die von StephanieRe eingestellte Kriminalstatistik angesehen, aber man kann nur vage Schlussfolgerungen ziehen, eine eigene Statistik zu Mord infolge häuslicher Gewalt gibt es in der Tat nicht. Jedoch haben „rund 25 Prozent aller Frauen in Deutschland … bereits Formen körperlicher oder sexueller Gewalt oder beides durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt.“ (https://www.terre-des-femmes.de)
    Jetzt Theorie Nummer drei: „Spanien liebt es, von blutigen Verbrechen in grellen Farben erzählt zu bekommen“ – ja, allerdings! Die Spanier lieben ja auch diese irren Verkehrstoten-Statistiken. Jedes, wirklich jedes verlängerte Wochenende ist in allen Zeitungen zu lesen, wie viele Personen auf den Straßen Unfällen zum Opfer gefallen sind (Spanien hat tatsächlich überdurchschnittlich viele Verkehrstote).
    Was mich an den spanischen Frauenmord-Statistiken noch interessieren würde: In welcher Altersgruppe kommen denn die meisten Morde vor, zeichnet sich altersmäßig eine Veränderung ab, töten junge Männer weniger? Oder verteilt sich das über alle Altersgruppen gleichmäßig? Weil man immer das nachmacht, was man vorgelebt bekommt? (https://www.porquetecallas.es/galeria/10.jpg)
    Ich hoffe jedenfalls, dass „Spanien ein besonders fortschrittliches soziales Bewusstsein hat, das die Gewalt von Männern gegen Frauen als Problem erkannt und die Prävention zum wichtigen gesellschaftlichen Anliegen erklärt hat“. Das finde ich zumindest nicht abwegig.

  4. Ich stellte mir diese Frage...
    Ich stellte mir diese Frage auch schon mehrmals, weil ich Deutschland niemals eine solche Meldung gesehen hatte. Kann das sein, dass das in Deutschland gar nicht statistisch erfasst wir? Nun haben Sie mir die Antwort gegeben, Danke!
    Noch ein Gedanke, der nur assoziativ dazu passt: Wenn in Deutschland öffentlich getrunken wird, dann kommt immer wieder der Moment, wo zwei oder mehr Männchen mit körperlicher Gewalt gegeneinander losgehen, auf gut Deutsch, es gibt eine Schlägerei. So was habe ich hier in Spanien auch ansatzweise noch nicht erlebt. (Ebenso wenig wie die sogenannte Schnapsleiche). Nach meinem Gefühl spricht das für eine große Dunkelziffer im Bereich häuslicher Gewalt in Deutschland, leider!

  5. An t.nause und Stefanus:
    Schon...

    An t.nause und Stefanus:
    Schon allein Scham und psychischer Druck reichen aus, die Dunkelziffer bei Fällen häuslicher Gewalt zu erklären. Niemand überschaut alles (was ja auch gut so ist), und dennoch muss die Gesellschaft vorbeugen, für Hilfe und juristische Auswege sorgen – ein äußerst heikles Unterfangen, weil Paarbeziehungen oft ihren eigenen Regeln folgen und man niemandem von außen sagen kann, was gut für sie (oder ihn) ist. Spanische Untersuchungen haben erwiesen, dass ein Großteil von Gewalttaten gerade dort geschieht, wo bereits ein Betretungsverbot („orden de alejamiento“) existiert, jedoch durchbrochen wird – oftmals mit der Duldung des Opfers.
    Die verschiedenen Theorien habe ich übrigens angeboten, um die Vieldeutigkeit der Problematik zu zeigen, nicht weil ich eine einzige von ihnen allein für zutreffend hielte. Tatsächlich muss sich jede demokratische Öffentlichkeit fragen, ob sie bestimmte Lieblingsthemen pflegt, weil sie ein Problem sind – oder weil die Beschäftigung damit zu einer Art öffentlicher Unterhaltung geworden ist. So wird jedes Gesellschaftsthema zum Medienthema, denn Fernsehen, Internet und Presse sind nun einmal der Spiegel, in dem wir uns selbst betrachten.
    Was die gute Meinung von Stefanus über die Schlägereien in Spanien betrifft, sagen die Zahlen leider etwas anderes. Ich glaube nicht, dass Deutsche prügelfreudiger sind als Spanier. Dummheit und Gewalttätigkeit gibt es überall. Zu den wenigen Verallgemeinerungen, die ich mir ohne statistisches Jahrbuch zutraue, zählt diese: In Spanien wird lauter gesprochen als in Deutschland. Es ist das Betriebsgeräusch einer kommunikationslustigen, nicht zur Meditation neigenden Gesellschaft.

  6. Ja, so hatte ich es schon...
    Ja, so hatte ich es schon verstanden. Ich bin auch wirklich froh über diesen tollen Spanien-Blog!
    Was ich im Zusammenhang mit dem Thema häusliche Gewalt und getötete Frauen einfach finde, ist, dass man mit so vorsichtigen Aussagen wie „möglich wäre sogar, dass mehrere Theorien zugleich zutreffen“ oder „man (kann) niemandem von außen sagen, was gut für sie (oder ihn) ist“ das Thema so schlecht packt. Für meine Begriffe muss sich die Gesellschaft da schon einmischen. Und wenn „ein Großteil von Gewalttaten gerade dort geschieht, wo bereits ein Betretungsverbot (orden de alejamiento) existiert, jedoch durchbrochen wird – oftmals mit der Duldung des Opfers“, dann heißt das ja nicht, dass Einmischung nichts nutzt, sondern, dass andere, bessere Wege gefunden werden müssen, um die Opfer zu schützen. Überall.

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