Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Auch das Wetter steckt in der Krise

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Wenn die Leute mich fragen, wie das so ist, in Sierra Nevada Ski zu laufen, sage ich: An schönen Tagen sehe ich Afrika. Es stimmt wirklich. Auf knapp dreitausend Meter Höhe, bei sehr klarer Sicht, kann man über die grüne Weite Andalusiens hinweg das Meer schimmern sehen, und jenseits von gut hundert Kilometern Wasser liegt ein anderer Kontinent.

Wenn die Leute mich fragen, wie das so ist, in Sierra Nevada Ski zu laufen, sage ich: An schönen Tagen sehe ich Afrika. Es stimmt wirklich. Auf dreitausend Meter Höhe, bei sehr klarer Sicht, kann man über die grüne Weite Andalusiens hinweg das Meer schimmern sehen, und jenseits von hundert Kilometern Wasser liegt ein anderer Kontinent. Natürlich hat das, was wir hier oben machen, mit dem Leben auf diesem anderen Kontinent nicht das Geringste zu tun, wir bekommen seine Vertreter vor allem als Immigranten zu Gesicht, in Sierra Nevada zum Beispiel verkaufen sie Handschuhe, Mützen und Skibrillen. Dieses Jahr war der Schnee traumhaft, doch der Wind ließ die Lifte so gefährlich schaukeln, dass sie ganze Tage lang schließen mussten, und die meisten Leute – wir auch – fuhren vorzeitig wieder ab.

Was machen denn die afrikanischen Immigranten, fragte ich mich, wenn hier niemand Ski läuft? Hocken zur kältesten Jahreszeit an einem der kältesten Punkte Spaniens, tragen dicke Jacken und Pudelmützen und verkaufen nichts. Dann tauchten drei von ihnen plötzlich im Parkhaus auf, als wir abfahren wollten, und boten sich an, die Schneeketten aufzuziehen. Sie machten es gründlich, überprüften ausgiebig den korrekten Sitz und gaben dann das O.K. zur Abfahrt. Wir sollten ja heil nach unten kommen, schlechte Arbeit wäre schlechtes Geschäft.

Zehn Kilometer weiter unten, auf der Landstraße nach Granada, stand am Rand noch einer und gestikulierte. Vielleicht stand er da, um den Hochfahrenden beim Anlegen der Schneeketten behilflich zu sein, aber wir fragten uns, wie er das Misstrauen der ankommenden Autofahrer überwinden wollte. Sie sehen dort einen, den sie nicht kennen und von dem sie nicht wissen, was er von ihnen will. Vielleicht halten sie ihn für einen Wegelagerer. Dass ein Auto anhalten könnte, um sein Hilfsangebot anzunehmen: sehr unwahrscheinlich. Also wird er nichts verdienen.

Irgendwie schien in Zeiten des Aufschwungs alles leichter zu sein. Die Sonne schien, wo sie scheinen sollte, der Schnee fiel so, dass die Wintersportler in Massen auf die Berge strömten, und ganz nebenbei machten die Verkäufer von Mützen und Skibrillen ihre Geschäfte. Jetzt, wo in Spanien die Arbeitslosigkeit in die Höhe schießt und Immigranten gedrängt werden, nach Hause zurückzukehren, spielt nicht einmal mehr das Wetter mit.


6 Lesermeinungen

  1. "AFRIKA!", bekam ich einst auf...
    „AFRIKA!“, bekam ich einst auf einen ähnlich verzückten Ausruf meinerseits von Einwohnern des südlichen Spaniens zu hören, „hombre, NO, esto es Marruecos!“ Ach so! Marokko, das klingt weit weniger gefährlich. Dies trug sich allerdings nicht in Sierra Nevada zu – ich fahre prinzipiell nicht Schi – sondern in der Nähe Gibraltars. Ja, man merkt es den Menschen dort an, geheuer ist ihnen die Nähe zum Schwarzen Kontinent nicht. Absolut nicht. Stefanus, ist das nicht ein Thema für Sie? Kaltes Wetter, Südspanien, etc.? Und das wirklich traurige ist ja, dass die Afrikaner, die nichts verkaufen und in Sierra Nevada frieren, immer noch besser leben als dort, wo sie herkamen. Oder doch zumindest die Hoffnung haben. Was wir uns nicht vorstellen können, zumindest ich nicht, aber ich bin ja nur ein armes Bauernmädchen. Dass sie vielleicht ausgerufen haben: EUROPA! Der Menschenrechtsorganisation Algeria Watch zufolge kamen in den vergangenen zehn Jahren bei dem Versuch, Europa zu erreichen, mehr als 20.000 Flüchtlinge vor den Küsten Spaniens (und der Kanarischen Inseln) ums Leben. Die Zahlen stammen vom Roten Kreuz. Neun von zehn ertranken oder verdursteten. Was wir natürlich alle wissen, aber nicht wahr haben wollen.
    Don Paul, was bedeutet übrigens „neulich in Ecuador“? Berichten Sie uns mal davon, unsereins muss ja jeden Tag zu Hause bleiben und, zum Beispiel, Fleisch pökeln.

  2. Dulcinea, sind Sie nicht ein...
    Dulcinea, sind Sie nicht ein Bauernjunge? Nebenbei gefragt.
    Ansonsten sehe ich es genau umgekehrt: Marrokko weckt bei den Spaniern vielfach Ablehnung, weil die „moros“ der konkrete Nachbar auf der anderen Meerseite sind, dem man sich überlegen fühlt (die Ausschreitungen von El Ejido sind ja nicht der einzige Beleg dafür, viel aussagekräftiger ist die systematische Diskriminierung in der südspanischen Landwirtschaft). „Afrika“ dagegen ist das entfernte, unverstandene, allenfalls vage und unspezifisch mit Naserümpfen betrachtete Reich, aus dem die ärmsten Arbeitsimmigranten kommen, die Schwarzafrikaner von ganz tief unten („subsaharianos“). Demnächst schreibe ich einmal ausführlicher über das spanische Empfinden gegenüber der Fremde, es ist doch sehr anderes als unseres, birgt also auch andere Vor- und Nachteile, das eine wie das andere.
    „Neulich“ in Ecuador war übrigens Ende November, Anfang Dezember. Berichtet habe ich darüber in der F.A.Z. Aber vielleicht fällt mir noch etwas ein, was ein armes Bauernmädchen beim Fleischpökeln unterhält.

  3. Verkennen Sie ein armes...
    Verkennen Sie ein armes Bauernmädchen nicht, mir hängen sieben Kinder am Rockzüpfel!
    Weiters bin ich immer nur online, ein Ecuador-Bericht ist mir nicht aufgefallen. Schande! Gibt es da einen Link?
    Danke und beste Grüße!

  4. Dulcinea,
    einen Link gibt es...

    Dulcinea,
    einen Link gibt es leider nicht, unser Material ist streng geheim! Aber einem Bauernmädchen in Ihrer Lage würde ich den Artikel per Mail senden, wir sind gegenüber der Problematik der Kinderreichen sehr aufgeschlossen.

  5. Ich danke für die Zusendung...
    Ich danke für die Zusendung des Geheimpapiers. Falls es weitere Zweifel an meiner Identität geben sollte: https://dulcinea-poekelt.blogspot.com

  6. Sehr Geehrter Herr...
    Sehr Geehrter Herr Ingendaay.
    Ich werde vom 18 bis zum 22 Sierra Nevada besuchen, vielleciht könnte ich Sie informieren (via blog natürlich), wie die klimatischen Konditionen und das Schiefahren (falls möglich) waren.
    Ebenfalls wollte ich auch kurz erklären, dass es in Marokko diese „vielfach[e] Ablehnung“ (Antwort zu Dulcinea, Zeilen 2 bis 3) auch gegen Spanien gibt.
    Ich besuchte Marrakech letzte Weinachstferien: als ich mit meinen Eltern durch den Strassen lief, waren alle sehr freundlich und wollten uns Sachen verkaufen, doch als ich alleine durch den Strassen lief un photografierte (nicht leute, sonder Architektur und Landschaften) wurde ich mit fiesen blicken angesehen und ein Mann spuckte sogar vor meine Füssen.
    Spanier, wie meine Eltern, die an ihre Geschäfte un Waren interesiert sind, werden herrlich behandelt.
    Ich dagegen, da ich mich für keinen Handeln interessierte, wurde respektlos behandelt.
    Ich wollte sie letzendlich für ihre journalistische Arbeit gratulieren, Sie sind ein hervorragender Chronist des Lebens in Spanien.

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