Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Das weiche gelbe Fruchtbonbon

| 17 Lesermeinungen

Vor einem knappen Jahr wurde die Hochgeschwindigkeitsstrecke Madrid-Barcelona eröffnet, und wenn man in diesen komfortablen AVE-Zügen sitzt, wird einem wieder klar, wie leer und gigantisch Spanien zwischen den punktuellen Ansammlungen seiner Städte ist.

Vor einem knappen Jahr wurde die Hochgeschwindigkeitsstrecke Madrid-Barcelona eröffnet, und wenn man in diesen komfortablen AVE-Zügen sitzt, wird einem wieder klar, wie leer und gigantisch Spanien zwischen den punktuellen Ansammlungen seiner Städte ist. Das meiste, was ich vom Fenster aus sehe, ist Landschaft unter weitem Himmel, manchmal mit einem einsamen Gehöft darin, manchmal einer Ruine, die mit dem Auto kaum anzusteuern wäre, oft aber einfach Landschaft ohne menschliche Grenzziehung. Dass die paar Bahnhöfe auf dieser Strecke strategisch wichtige Punkte sind, deren Erschließung viele gierige Privatschatullen mit Kommissionen und Schmiergeldern gefüllt hat, lasse ich jetzt mal beiseite, wir kommen auf das Thema sicherlich zurück, denn der Weg dorthin ist in Spanien nie weit, erst recht nicht in diesen Tagen. Jetzt, weil Wochenende ist und alle Menschen, die mir teuer sind, Freitag den Dreizehnten gut überstanden haben, möchte ich über die Kultur dieser AVE-Züge sprechen.
Und zwar erstens über die Toiletten oder genauer, den Händetrockner. Und zweitens über den Service.

Als ich mir im Badezimmer des AVE den warmen Luftstrom über die Hände blasen ließ, fragte ich mich, was wir da tun. Erst hieß es jahrelang, wir sollten Abfall vermeiden, doch die Spender in den Zugtoiletten (wenn sie nicht geplündert waren) lieferten uns soviel Saugpapier, wie wir haben wollten, man hätte einer Garnison die Hände trocknen oder ein Dutzend Matratzen für die Obdachlosen damit stopfen können. Dann hieß es, wir sollten Kohlendioxidausstoß vermeiden und weniger Auto fahren, die Klimaanlage niedriger drehen, keine Heizpilze benutzen (im Bernabéu-Stadion sitze ich unter welchen, die zehn Meter über mir schweben und volle Pulle heizen müssen, damit der kalte Wind auf dem langen Weg nicht alles wegpustet) und noch vieles mehr bis hin zur Benutzung von Glühbirnen, die Europa abschaffen will, aber auch darüber sprechen wir lieber ein andermal.

Was ich sagen will: Wissen wir wirklich so genau, was wir gerade besonders reduzieren, vermeiden oder ächten sollen? Wer ist für die Rangliste der zu vermeidenden Zivilisationsübel (Plastiktüten, Fast Food, Kriegsspielzeug, China-Ramsch) eigentlich zuständig? Müsste unsere Ächtungsliste nicht ständig länger, komplizierter und am Ende unüberschaubar werden? Vermutlich ist sie es schon, und nur eine gewisse Trägheit und Dickfelligkeit bewahren uns davor, mit Schwindelgefühlen zu Boden zu gehen. An all das dachte ich (es kostet mich dreizehn Minuten, das alles aufzuschreiben, aber gedacht ist es in drei Sekunden), als ich mir im Toilettenraum des AVE kurz vor Guadalajara unter wahrscheinlich massivem Kohlendioxidausstoß die Hände trocknen ließ.

Andererseits, der Service. Gerade, weil wir auf Madrid zurasen, ist die Stewardess (ich habe kein anderes Wort für diese himmlischen Wesen) mit einem Korb weicher Fruchtbonbons vorbeigekommen, man nimmt sich eins und lässt sie mit ihren Gaben weiterziehen, aber auf dem Rückweg hat sich ein Fahrgast getraut, nach einem zweiten Fruchtbonbon zu fragen, und als die Antwort ein freundliches „Natürlich! Bitte sehr!“ war, habe ich es ihm nachgetan.

Das Fruchtbonbon ist ein Symbol der Wertschätzung, aber das allein würde nicht reichen, nicht einmal, dass es ein weiches Fruchtbonbon ist, nicht einmal, dass es das Bonbon neben Orange und etwas Rotem auch in der Geschmacksrichtung Zitrone gibt. Nein, wenn ich so die Schreckensmeldungen über „die Bahn“ und Mehdorn und die Dienstleistungsruine Deutschland höre, wenn ich die Leidensberichte meiner F.A.Z.-Kollegen lese, die in ganz Deutschland die Bahn benutzen müssen und einfach keinen Ausweg aus der Existenz des gedemütigten Bahn-Habitués finden, dann lehne ich mich in meinem AVE-Sitz zurück und sage mir: Hier ist es anders. Vom Service verstehen die Spanier etwas.

Übrigens ist es bei mir in vielen Jahren AVE-Benutzung zwischen Madrid und Sevilla, aber auch in den elf Monaten zwischen Madrid und Barcelona noch nicht vorgekommen, daß der Zug sich um mehr als fünf Minuten verspätet hätte. Und er tut gut daran. Bei einer Verspätung zwischen sechzehn und dreißig Minuten bekommt der Fahrgast den Preis des halben Tickets zurück. Und ab einunddreißig Minuten den Preis des ganzen.


17 Lesermeinungen

  1. Neben den erwähnten möchte...
    Neben den erwähnten möchte ich schnell noch zwei weitere Dinge loben, die mir bei meinen (leider nicht sehr zahlreichen, unsereins kommt halt nicht so oft hinaus) spanischen Zugfahrten positiv aufgefallen sind, und zwar a) die generelle Freude der spanischen Menschen über das Vorhandensein einer „Cafetería“ und b) die mediale Unterhaltung im Zug. Ich werde niemals vergessen, wie bei meiner ersten Zugfahrt ständig begeisterte Grüppchen von Spaniern den TALGO (leistet neben dem AVE auch gute Dienste) hinauf- und hinunterliefen und mit kindlicher Freude immer wieder „a la cafetería, a la cafetería“ ausriefen. Eine Frau klatschte dabei in die Hände. Dies schien wirklich ein ganz besonderer Ort zu sein, den jeder Reisende zumindest einmal besucht haben sollte. Zum anderen bekommt man gleich nach Abfahrt in den spanischen Zügen kleine Ohrstöpselkopfhörer ausgeteilt (natürlich kostenlos), mit denen man den Bordfilm verfolgen kann. Einmal gab es auch, ganz ungebeten, den ganzen langen Weg von Madrid nach Granada gedämpfte spanische Weihnachtsmusik aus Lautsprechern. Das waren fünf Stunden oder so. Aber hier würde niemand auf den Gedanken kommen, etwa danach zu fragen – nein, nicht einmal zu *denken* – ob man das vielleicht abstellen kann?
    Aber, Don Paul, „vom Service verstehen die Spanier etwas“: Was sagen Sie dann zur Fluggesellschaft Iberia? Die hat sich vom weichen, gelben Fruchtbonbon doch schon sehr weit entfernt, oder?

  2. Leider, Dulcinea. Heute ist...
    Leider, Dulcinea. Heute ist Iberia Teil eines großen spanischen Dienstleistungsabwicklungskomplotts, zu dem auch Telefónica, Movistar und Digital + gehören. Ich habe vergessen zu erwähnen, dass dem Fahrgast, der am Ankunftsort aus dem AVE aussteigt, von einem Steward oder einer Stewardess noch ein schöner Abend gewünscht wird. Heute geschehen. Das Schlimme ist, dass man sich an so etwas gewöhnt und dann gar nichts mehr mit unserer ollen Bahn zu tun haben will.

  3. Das schöne in Spanien im...
    Das schöne in Spanien im Hinblick auf den Service ist, dass, wenn die Sachen nicht klappen, (was ziemlich häufig bei der Telefonica aber auch Iberia vorkommt) die armen Angestellten in den Call-Centern einfach nur nett sind und sich ununterbrochen für all die Missgeschicke entschuldigen. Das hilft natürlich auch nicht weiter, aber im Vergleich zu Deutschland ist man daraufhin weniger verärgert. Beim AVE ist neben allen schon erwähnten positiven Sachen noch zu ergänzen, dass die Züge nie überbucht sind. Mittlerweile kann ich für die Strecke Madrid – Barcelona ganz auf Iberia verzichten. Ist das nicht herrlich!!!!

  4. Wirklich, welch Unterschied zu...
    Wirklich, welch Unterschied zu deutschen Verhältnissen! Schon wenn man auf dem deutschen Flughafen ankommt und mit der Bahn weiter muss, gilt es zunächst, die Flug / Bahn Blutsperre zu überwinden, wie ich sie in Anlehnung an die menschliche Anatomie nenne. Dieser Punkt, wo alles auf einmal schmuddeliger, hässlicher, heruntergekommener wird. Selbst in fast neuen Bahnhöfen wie Hannover oder dem Fernbahnhof am Flughafen Frankfurt, und der wird ja gar nicht von notorischen Vandalen besucht oder von gelangweilten Fahrschülern beschmiert.
    Oder am Regionalbahnhof desselben Flughafens, wo man bereits beim Erwerb eine Fahrkarte verzweifeln kann, nimmt doch der Automat Geld in Scheinen erst ab einer gewissen Umsatzhöhe an, die man mit einem Ticket nach Friedberg allerdings nicht erreicht, Karten nahm er gar nicht, zumindest als ich es das letzte mal versucht habe.
    Und zu den anderen Dingen, wie Verspätungen, Information der und Kommunikation mit den Fahrgästen oder so weiter erübrigt sich leider jeder Kommentar.

  5. Ja, merkwürdig, diese...
    Ja, merkwürdig, diese verblüffende Sauberkeit auf vielen spanischen Bahnhöfen, nicht nur auf neuen, modernen wie in Sevilla. Vielleicht haben die Leute einfach mehr Sinn für Sauberkeit? Wollen, dass die Sachen glänzen und man sich gern unter ihnen bewegt? Natürlich besteht in Spanien ein objektives Missverhältnis zwischen einerseits Sauberkeitsritualen, andererseits Umweltbewusstsein, denn die Mülltrennung hat sich immer noch nicht vollständig durchgesetzt, und die Plastiktüten im Supermarkt kosten nach wie vor keinen Cent. (Nicht, dass ich es begrüßen würde!) Den rührendsten Öko-Versuch hat eine Supermarktkette gestartet, die an einer speziellen Kasse ihre Öko-Plastiktüte für 15 Cent verkauft und sagt: Wenn sie kaputtgeht, kriegt der Kunde kostenlos eine neue, immer wieder, so lange er lebt. Ein Versprechen auf die Ewigkeit, das hoffentlich auch die Finanzkriste übersteht. Und alles für 15 Cent.

  6. Anfang März werde ich...
    Anfang März werde ich erstmals in meinem Leben das spanische Festland betreten und freue mich schon sehr darauf – nicht zuletzt wegen Ihres anregenden Blogs.
    Mein Weg wird mich zunächst für eine Woche nach Barcelona und dann für eine weitere Woche nach Valencia führen. Ein Tagestrip nach Madrid ist auch geplant und was ich hier so lese, verstärkt bei mir den Entschluss, den AVE-Zug samt Fruchtbonbon von Barcelona aus zu nehmen.
    Über etwaige Abstriche beim Service werde ich mich dann gegebenenfalls HIER beschweren! 😉

  7. Tun Sie das, WenigMehr....
    Tun Sie das, WenigMehr. Berichten Sie davon. Und wenn Sie am Bahnsteig auf den AVE zugehen (nachdem Sie schon oben Ihr Ticket vorgezeigt haben, das Sie dann für den Rest der Fahrt nicht mehr vorzuzeigen brauchen, auch nicht bei „Schichtwechsel“ und dergleichen deutschen Zumutungen), tun Sie Folgendes: Sehen Sie der Sie erwartenden Stewardess mit einem fragenden Blick in die Augen. Ich wette 100:1, dass sie Sie höflich nach Ihrem Waggon fragt, und wenn Sie dann sagen: „Wagen sieben“, dann wird Sie Ihnen zeigen, in welche Richtung Sie auf dem Bahnsteig gehen müssen. Sie können aber auch ahnungslos tun, dann schaut die Stewardess für Sie auf Ihrem Ticket nach. Wirklich, diese Frauen hätten fünfzehn weiche gelbe Bonbons verdient.

  8. Meine Güte, hier wohnt...
    Meine Güte, hier wohnt anscheinend jeder in Barcelona oder Madrid und benutzt AUSSCHLIESSLICH den AVE.
    Ich kann das Beschriebene in keinster Weise bestätigen. Leider ganz im Gegenteil. Auf meinem Dorfbahnhof ist der Fahrkartenverkäufer (es gibt kein Fahrkartenautomat) abends meist zu betrunken um die „devolución express“ für verspätete Züge noch hinzubekommen. Meist muss ich dann am Wochenende vorbeikommen und mir das von der Aushilfe geben lassen. Dass der Bahnhof schmutzig braucht hier nicht noch erwähnt zu werden.
    Ich lese die Kommentare hier gerade nochmals durch. Vielleicht haben wir in Deutschland zu hohe und in Spanien zu niedrige Erwartungen an den Service? Ich war gerade letztens am Fernbahnhof in FFM Flughafen und könnte jetzt nicht behaupten das er schmutzig war…
    Nun ja, erstaunlich…

  9. Ein Nachtrag zu einem...
    Ein Nachtrag zu einem Kommentar zu einem älteren Blog von Ihnen:
    Dort wurde nach einem Link zum Ecuador-Artikel gefragt.
    Sie schrieben, ein solcher Link existiere nicht.
    https://www.paulingendaay.com/pdf/Ecuador.pdf
    Ha! 😉

  10. Danke, WenigMehr. Solche...
    Danke, WenigMehr. Solche Suchaktionen starte ich im allgemeinen nicht, weiß also auch nicht, was sich so findet.
    ricco72, Ihre Beobachtung steht nicht im Gegensatz zu den unseren, sondern ergänzt sie. Die Benutzerzahlen für den AVE sind tatsächlich gigantisch, gerade für die Strecke Madrid-Barcelona, daher die Fülle der Erfahrungen. Vielleicht sollte man sich aber auch einmal über den spanischen Dreck austauschen, ein lohnendes Thema. Was die Erwartungen an den Service angeht, glaube ich nicht, dass jemand sie länderspezifisch hebt oder senkt. Der AVE ist, glaube ich, objektiv besser als die Bahn. So wie deutsche Weihnachten objektiv schöner sind als spanische, aber das sollten wir zur Weihnachtszeit verhandeln. Den betrunkenen Fahrkartenverkäufer finde ich allerdings fast schon wieder pittoresk und wäre versucht, die Strecke einmal zu fahren…

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