Sanchos Esel

Das weiche gelbe Fruchtbonbon

Vor einem knappen Jahr wurde die Hochgeschwindigkeitsstrecke Madrid-Barcelona eröffnet, und wenn man in diesen komfortablen AVE-Zügen sitzt, wird einem wieder klar, wie leer und gigantisch Spanien zwischen den punktuellen Ansammlungen seiner Städte ist. Das meiste, was ich vom Fenster aus sehe, ist Landschaft unter weitem Himmel, manchmal mit einem einsamen Gehöft darin, manchmal einer Ruine, die mit dem Auto kaum anzusteuern wäre, oft aber einfach Landschaft ohne menschliche Grenzziehung. Dass die paar Bahnhöfe auf dieser Strecke strategisch wichtige Punkte sind, deren Erschließung viele gierige Privatschatullen mit Kommissionen und Schmiergeldern gefüllt hat, lasse ich jetzt mal beiseite, wir kommen auf das Thema sicherlich zurück, denn der Weg dorthin ist in Spanien nie weit, erst recht nicht in diesen Tagen. Jetzt, weil Wochenende ist und alle Menschen, die mir teuer sind, Freitag den Dreizehnten gut überstanden haben, möchte ich über die Kultur dieser AVE-Züge sprechen.
Und zwar erstens über die Toiletten oder genauer, den Händetrockner. Und zweitens über den Service.

Als ich mir im Badezimmer des AVE den warmen Luftstrom über die Hände blasen ließ, fragte ich mich, was wir da tun. Erst hieß es jahrelang, wir sollten Abfall vermeiden, doch die Spender in den Zugtoiletten (wenn sie nicht geplündert waren) lieferten uns soviel Saugpapier, wie wir haben wollten, man hätte einer Garnison die Hände trocknen oder ein Dutzend Matratzen für die Obdachlosen damit stopfen können. Dann hieß es, wir sollten Kohlendioxidausstoß vermeiden und weniger Auto fahren, die Klimaanlage niedriger drehen, keine Heizpilze benutzen (im Bernabéu-Stadion sitze ich unter welchen, die zehn Meter über mir schweben und volle Pulle heizen müssen, damit der kalte Wind auf dem langen Weg nicht alles wegpustet) und noch vieles mehr bis hin zur Benutzung von Glühbirnen, die Europa abschaffen will, aber auch darüber sprechen wir lieber ein andermal.

Was ich sagen will: Wissen wir wirklich so genau, was wir gerade besonders reduzieren, vermeiden oder ächten sollen? Wer ist für die Rangliste der zu vermeidenden Zivilisationsübel (Plastiktüten, Fast Food, Kriegsspielzeug, China-Ramsch) eigentlich zuständig? Müsste unsere Ächtungsliste nicht ständig länger, komplizierter und am Ende unüberschaubar werden? Vermutlich ist sie es schon, und nur eine gewisse Trägheit und Dickfelligkeit bewahren uns davor, mit Schwindelgefühlen zu Boden zu gehen. An all das dachte ich (es kostet mich dreizehn Minuten, das alles aufzuschreiben, aber gedacht ist es in drei Sekunden), als ich mir im Toilettenraum des AVE kurz vor Guadalajara unter wahrscheinlich massivem Kohlendioxidausstoß die Hände trocknen ließ.

Andererseits, der Service. Gerade, weil wir auf Madrid zurasen, ist die Stewardess (ich habe kein anderes Wort für diese himmlischen Wesen) mit einem Korb weicher Fruchtbonbons vorbeigekommen, man nimmt sich eins und lässt sie mit ihren Gaben weiterziehen, aber auf dem Rückweg hat sich ein Fahrgast getraut, nach einem zweiten Fruchtbonbon zu fragen, und als die Antwort ein freundliches „Natürlich! Bitte sehr!“ war, habe ich es ihm nachgetan.

Das Fruchtbonbon ist ein Symbol der Wertschätzung, aber das allein würde nicht reichen, nicht einmal, dass es ein weiches Fruchtbonbon ist, nicht einmal, dass es das Bonbon neben Orange und etwas Rotem auch in der Geschmacksrichtung Zitrone gibt. Nein, wenn ich so die Schreckensmeldungen über „die Bahn“ und Mehdorn und die Dienstleistungsruine Deutschland höre, wenn ich die Leidensberichte meiner F.A.Z.-Kollegen lese, die in ganz Deutschland die Bahn benutzen müssen und einfach keinen Ausweg aus der Existenz des gedemütigten Bahn-Habitués finden, dann lehne ich mich in meinem AVE-Sitz zurück und sage mir: Hier ist es anders. Vom Service verstehen die Spanier etwas.

Übrigens ist es bei mir in vielen Jahren AVE-Benutzung zwischen Madrid und Sevilla, aber auch in den elf Monaten zwischen Madrid und Barcelona noch nicht vorgekommen, daß der Zug sich um mehr als fünf Minuten verspätet hätte. Und er tut gut daran. Bei einer Verspätung zwischen sechzehn und dreißig Minuten bekommt der Fahrgast den Preis des halben Tickets zurück. Und ab einunddreißig Minuten den Preis des ganzen.

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