Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Die Höflichkeit einer Klassengesellschaft

| 8 Lesermeinungen

Einer meiner Brüder hat mir heute am Telefon eine Geschichte erzählt, die jeden Kölner schmerzen wird, und das zu Karneval.

Einer meiner Brüder hat mir heute am Telefon eine Geschichte erzählt, die jeden Kölner schmerzen wird, und das zu Karneval. Er ging mit seiner Frau in ein Ausflugslokal im Kölner Westen, gewissermaßen ein Haus am See, man kann dort Minigolf spielen, Enten füttern, Bötchen fahren, solche Sachen. Sie gehen also in das Lokal, und jemand fragt sie, ob sie ihre Mäntel abgeben wollen. Sie sagen: Nein, danke, lieber nicht, und gehen weiter. Kommt eine andere Bedienung und fragt, ob sie nicht ihre Mäntel abgeben möchten, und diesmal denken sie: Na gut, wenn denen hier soviel daran liegt, dass man die Mäntel abgibt (vielleicht hatten sie ja mal Ärger mit welchen, die ihre Mäntel anbehalten haben, ich denke jetzt an die Eröffnungsszene von Spiel mir das Lied vom Tod), tun wir ihnen eben den Gefallen und geben die Mäntel ab. Sie gehen also, um ihre Mäntel abzugeben, und an der Garderobe sagt man ihnen: Das macht dann einen Euro pro Mantel.

Mein Bruder war so sprachlos, dass er die zwei Euro zahlte, aber später, als die Mäntel hingen, hatte er Gelegenheit, über sein Erlebnis nachzudenken. Er sah darin ein Beispiel für etwas, was falsch läuft in Köln, vielleicht sogar auf der Welt, einen, nun ja, nicht gerade Betrug, aber doch eine Art ziemlich frecher Bauernfängerei. Man tut höflich, um abzukassieren, und nur deshalb. Die Höflichkeit ist fingiert, ein Trick.

So lange ich auch darüber nachdenke, mir fällt keine einzige Gelegenheit ein, bei der ich in Spanien so etwas erlebt hätte. Wirklich nicht. Dagegen fallen mir jede Mengen Gelegenheiten erstaunlicher Unhöflichkeit in Frankfurt, München, Köln oder Berlin ein, ich erspare jetzt Ihnen und mir schmerzhafte Erinnerungen. Nichts also gegen unsere schönen deutschen Städte, aber offenbar hat in Spanien noch ein Rest von Höflichkeit (früher sagte man: Zuvorkommenheit) überlebt, den wir (wir Deutschen) verloren oder über Bord geworfen haben, weil wir ihn nicht mehr so wichtig finden.

Moment! sagte mir mal jemand. Diese spanische Höflichkeit, also, die ist doch nichts anderes als ein Überrest der Klassengesellschaft!
Hmm, machte ich und dachte darüber nach.
Ein anderer sagte, die Spanier täten das alles nur, weil ein Drittel ihres Bruttoinlandsprodukts vom Tourismus abhänge.
Auch darüber dachte ich lange nach.
Wieder ein anderer fand, die übertriebene Höflichkeit und die blumigen spanischen Sprachwendungen seien doch nur „aufgesetzt“, nicht echt, eine Show.
Ich dagegen kann mir nicht helfen und denke: Dann gebt mir mehr davon, mehr blumige Worte und übertriebene Höflichkeit und meinetwegen auch mehr Klassengesellschaft, und bevor ich jetzt klinge wie Don Alphonso vom Tegernsee, höre ich auf davon.

Oh, noch etwas. Real Madrid hat heute abend gewonnen und Barcelona verloren, es sind nur noch sieben Punkte Abstand, alles ist in der spanischen Liga noch drin. Buenas noches a tod@s.


8 Lesermeinungen

  1. Ach ja! Das dachte ich mir...
    Ach ja! Das dachte ich mir schon den ganzen Abend, also seit den sechs Toren, dass Sie heute sehr gute Laune haben werden, Don Alphonso, äh, ich meine, Don Paul! Und dass Sie sich heute sicher nicht gelangweilt haben. Und auch nicht gefroren. Und wissen Sie was: fast habe ich mich ein bisschen gefreut für Sie! Unglaublich! Das hat, glaube ich, wenig mit Klassengesellschaft und absolut nichts mit Tourismus zu tun und ist auch nicht aufgesetzt. Vermutlich bin ich wirklich einfach nett.

  2. das "haus am see" ist uns...
    das „haus am see“ ist uns bekannt und gilt als das paradebeispiel für die „dienstleistungswüste deutschland“ – da es aber keine konkurenz an diesem ort gibt,
    möchte man sie immer wieder kennenlernen. mit dem fazit: „dorthin nie wieder“!
    als kölner mit einer madrilena verheiratet sind wir auch häufig und oft in spanien.
    mein persönlicher tip dort ist auf dem weg mit dem auto nach soria, nach der autobahnausfahrt in medinaceli die raststätte (restaurant/hotel) „el duque“. dort gibt es eine vornehme seniorchefin die alles im griff hat und den spanischen smalltalk beherrscht. dort eine rast einzulegen, einen „cafe con leche“, eine „copa“ oder eine „palmera“ zu nehmen sind freude und höflichkeit pur.
    oh, noch etwas: der 1.fc köln hat in münchen gegen die bayern 2:1 gewonnen.
    gute nacht und kölle alaaf! ernst georg

  3. Ich lebe mittlerweilen seit 8...
    Ich lebe mittlerweilen seit 8 Jahren in Spanien (Málaga) und kann es eigentlich nur bestätigen. Es geht doch nicht mal um den Tourismus, sondern um den Umgang an sich. Und der ist in Spanien eindeutig fröhlicher, entspannter und angenehmer, egal ob damit Geld verdient wird oder nicht.
    Was man über Spanien sagen kann ist, dass die Menschen dort, wenn sie freundlich sind, das von ganzem Herzen aus sind, während es auf der anderen Seite nicht unbedingt Sitte ist, jeden zu grüßen, vor allem, wenn man die Personen nicht gut kennt. Es läßt hier jeder jeden leben, ohne sich einzumischen oder ständig an irgendwelche Pflichten oder Meinungsvorgaben zu erinnern. Kennt man jedoch die entsprechende Person, ist ein Grüß Gott viel zu kurz und man legt mindestens noch ein paar Sätze drauf, sonst wäre es unhöflich.
    Bei meinen kurzen und seltenen Deutschlandbesuchen fällt mir immer wieder auf, wie sehr man doch in Deutschland für die anderen lebt, besser gesagt für deren Meinungen und wie wenig dort wirklich aus Spaß oder Überzeugung gemacht wird, sondern einfach nur, weil Gelegenheiten genutzt werden, ohne drauf zu achten, ob man am Ende wirklich dorthin will, wo einen die Gesellschaft mit ihrem sei-doch-nicht-blöd-und-vergeb-die-gelegenheit-nicht-denken hingebracht hat.

  4. Dulcinea, hoffentlich hat...
    Dulcinea, hoffentlich hat Ihnen das heute in Barcelona abend nicht wehgetan, Leo Messis wegen. Übrigens saß ich diesmal nicht im Bernabéu-Stadion (oder Estadio de Chamartín, wie es früher mal hieß und Javier Marías es hartnäckig weiter nennt), sondern habe mich häuslichen Dingen gewidmet, etwa das gesägte Holz verfeuern, Abendessen machen und dergleichen. Am Mittwoch gegen Liverpool bin ich aber da, zählen Sie auf mich.
    exgxk, Sie haben aber einen lustigen Namen! „El Duque“ ist mir ein Begriff. Ich kenne keine einzige schlechte Bar in Soria, kein schlechtes Restaurant, keine schlechten Menschen. Nur einsame. (Bars, Restaurants, Menschen.) Und der Sieg des 1. FC Köln freut mich auch.

  5. ...
    [img]https://images.theglobeandmail.com/archives/RTGAM/images/20060624/wwcsatgal24/1pod2.jpg[/img]

  6. Alllsoooo... ich habe schon...
    Alllsoooo… ich habe schon Hemmungen, das zu schreiben, aber diese Abzocke gibt es in Spanien auch. Zum Beispiel die Gedeckgebühr, die ja nicht so heißt, aber der Kellner fragt, als sei es eine Selbstverständlichkeit, man nehme doch ein wenig „pan y allioli“? Und dann steht das bisschen trockene Brot und die Allioli aus dem Fabrik-Eimer mit 4,50 auf der Rechnung, auch nicht nett. Als Einheimischer weiß ich mich natürlich dessen zu wehren, guter Sprachkenntnisse sei dank, aber ein fahler Beigeschmack bleibt.
    Nun ist der Tenor Ihres Blogeintrags zweifellos richtig, und diese Exzesse beschränken sich wahrscheinlich eher auf solche touristischen Zonen wie hier an der Küste, deshalb auch noch ein Gegenbeispiel:
    Als ein Nachbar mir nach der Sturmkatastrophe in mühsamer, stundenlanger und schweißtreibender Arbeit meine umgefallenen Bäume mit seinen Kettensägen zerlegt hatte, und ich ihn vorsichtig fragte, was ich ihm den schulde, meinte er, wenn ich wolle, könne ich ihm ja 20 Euro geben (!).
    Ich war sprachlos.

  7. <p>Stefanus, Essen ist nicht...
    Stefanus, Essen ist nicht billig in Spanien, und auch mieses Essen kostet Geld. Leider. Aber eine Mantelgebühr? Der Mann mit den Kettensägen… Ich nehme an, er ist für Sie ein positives Gegenbeispiel. Auch ich finde 20 Euro für mühsame, stundenlange und schweißtreibende Arbeit (plus Kettensägen mitbringen) günstig. Andererseits gäbe es Nachbarn, die das umsonst machen würden. Aber das darf man nicht von allen erwarten.

  8. Meine Herren! Vergessen wir in...
    Meine Herren! Vergessen wir in diesem Zusammenhang nicht einen anderen schönen Wesenszug des spanischen Menschen: die Liebe zum engaño und zur klitzekleinen Betrügerei. Das gibt es doch, die Freude, jemanden ein bisschen übers Ohr zu hauen, meines Wissens im Süden stärker ausgeprägt als im Norden. Das tut der großherrschaftlichen, teilweise angenehm aristokratischen Höflichkeit ja keinen Abbruch. Vielleicht bedingt sich das sogar gegenseitig? Eine Theorie. Stefanus‘ allioli könnte eher unter die Kategorie der Pikareske fallen. So wie der Anstreicher mit den Nasen. Wer weiß.
    Und, ja, Herr Paul, es HAT wehgetan. Nicht nur wegen Leo Messi, aber auch. Doch wie heißt es so schön, andere Mannschaften müssen halt auch Fußball spielen, da reicht es nicht, nur „Real Madrid“ zu heißen.

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