Sanchos Esel

Die Höflichkeit einer Klassengesellschaft

Einer meiner Brüder hat mir heute am Telefon eine Geschichte erzählt, die jeden Kölner schmerzen wird, und das zu Karneval. Er ging mit seiner Frau in ein Ausflugslokal im Kölner Westen, gewissermaßen ein Haus am See, man kann dort Minigolf spielen, Enten füttern, Bötchen fahren, solche Sachen. Sie gehen also in das Lokal, und jemand fragt sie, ob sie ihre Mäntel abgeben wollen. Sie sagen: Nein, danke, lieber nicht, und gehen weiter. Kommt eine andere Bedienung und fragt, ob sie nicht ihre Mäntel abgeben möchten, und diesmal denken sie: Na gut, wenn denen hier soviel daran liegt, dass man die Mäntel abgibt (vielleicht hatten sie ja mal Ärger mit welchen, die ihre Mäntel anbehalten haben, ich denke jetzt an die Eröffnungsszene von Spiel mir das Lied vom Tod), tun wir ihnen eben den Gefallen und geben die Mäntel ab. Sie gehen also, um ihre Mäntel abzugeben, und an der Garderobe sagt man ihnen: Das macht dann einen Euro pro Mantel.

Mein Bruder war so sprachlos, dass er die zwei Euro zahlte, aber später, als die Mäntel hingen, hatte er Gelegenheit, über sein Erlebnis nachzudenken. Er sah darin ein Beispiel für etwas, was falsch läuft in Köln, vielleicht sogar auf der Welt, einen, nun ja, nicht gerade Betrug, aber doch eine Art ziemlich frecher Bauernfängerei. Man tut höflich, um abzukassieren, und nur deshalb. Die Höflichkeit ist fingiert, ein Trick.

So lange ich auch darüber nachdenke, mir fällt keine einzige Gelegenheit ein, bei der ich in Spanien so etwas erlebt hätte. Wirklich nicht. Dagegen fallen mir jede Mengen Gelegenheiten erstaunlicher Unhöflichkeit in Frankfurt, München, Köln oder Berlin ein, ich erspare jetzt Ihnen und mir schmerzhafte Erinnerungen. Nichts also gegen unsere schönen deutschen Städte, aber offenbar hat in Spanien noch ein Rest von Höflichkeit (früher sagte man: Zuvorkommenheit) überlebt, den wir (wir Deutschen) verloren oder über Bord geworfen haben, weil wir ihn nicht mehr so wichtig finden.

Moment! sagte mir mal jemand. Diese spanische Höflichkeit, also, die ist doch nichts anderes als ein Überrest der Klassengesellschaft!
Hmm, machte ich und dachte darüber nach.
Ein anderer sagte, die Spanier täten das alles nur, weil ein Drittel ihres Bruttoinlandsprodukts vom Tourismus abhänge.
Auch darüber dachte ich lange nach.
Wieder ein anderer fand, die übertriebene Höflichkeit und die blumigen spanischen Sprachwendungen seien doch nur „aufgesetzt“, nicht echt, eine Show.
Ich dagegen kann mir nicht helfen und denke: Dann gebt mir mehr davon, mehr blumige Worte und übertriebene Höflichkeit und meinetwegen auch mehr Klassengesellschaft, und bevor ich jetzt klinge wie Don Alphonso vom Tegernsee, höre ich auf davon.

Oh, noch etwas. Real Madrid hat heute abend gewonnen und Barcelona verloren, es sind nur noch sieben Punkte Abstand, alles ist in der spanischen Liga noch drin. Buenas noches a tod@s.

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