Sanchos Esel

Die Liebe zum Lärm

Nachdem Doña Dulcinea und Don Martín sich so für verkratzte Raucherkehlen und den daraus hervorbrechenden Husten interessiert haben, möchte ich etwas klarstellen: Spanier lieben den Lärm. Oder, wem die Formulierung zu weit geht, sie sind lärmaffin, tumultgeneigt, brüllresistent und krachkompatibel. Womit immer gemeint ist: im Vergleich zu uns Deutschen. Wir halten in dieser Beziehung nämlich gar nichts aus. Wir suchen die Stille, rufen Eltern mit kleinen Kindern zur Ordnung, vermieten ungern an Hundebesitzer, wollen nicht, dass in der Etagenwohnung Musikinstrumente geübt werden, solche Sachen. Die Liste ließe sich verlängern.

In unserer Nähe steht ein Glascontainer, der selbstverständlich nicht zwischen Weiß-, Grün- und Braunglas trennt, man soll da alles hineinfeuern und sich wohl dabei fühlen. Natürlich gibt es auch keine vorgeschriebenen Uhrzeiten für die Müllentsorgung. Schon ein Wort wie „Entsorgung“ wäre im Spanischen undenkbar. Man denkt hier eher in Begriffen von: weg damit, egal wie oder wann, und wer das Zeug in den Container kippt, hat sein Maximum an Bürgerverantwortung erfüllt.

Die Gewohnheit will es nun, dass ich unser Altglas öfter nach Mitternacht wegbringe, wenn auch der Hund auf die Straße will, und jede Weinflasche, jedes Marmeladenglas, das ich durch die Öffnung des Containers plumpsen lasse, weckt in mir dieselbe Frage: Darf ich das? Ist es nicht zu spät dafür? Störe ich vielleicht jemandes Nachtruhe? Natürlich sind das deutsche Reflexe, die auch im elften Jahr nicht verstummt sind, man ist nicht umsonst in der Bundesrepublik aufgewachsen. Dann, während ich die Sachen eine nach der anderen fallenlasse, schweift mein Blick wieder über den Glascontainer, auf dem sich kein Aufkleber befindet, keine Mahnung, kein Umweltappell oder sonstige Maßregelung, und ich lasse alles beruhigt fallen, jedes Fläschchen, und lausche versonnen dem Scheppern und Klirren in den frühen Morgenstunden, bis die Plastiktüte leer ist. Für die ich übrigens nichts bezahlt habe, denn die kostenlose Plastiktüte im Laden wird noch als Kundendienst begriffen, nicht als Umweltproblem.

Ach ja, der Lärm. Er ist hier so etwas wie das seelische Betriebsgeräusch, ein Grummeln im Mutterbauch, das Zeichen, dass die Dinge normal laufen und alles seine Ordnung hat. Manchmal fliehe ich davor, was sonst. Aber meistens empfinde ich das Gesumms leerer Kommunikation als angenehm, nur eben im Konzertsaal nicht, aber das ist auch eine Erziehungsfrage.

Ich weiß nicht, wo ich vor vielen Jahren einmal die Statistik herhatte, aber sie besagte, Spanien sei (nach Japan) das lauteste Land der Erde und habe (wiederum nach Japan) die höchste Lebenserwartung. Wäre es nicht tröstlich und erquickend, wenn zwischen diesen beiden Werten ein Zusammenhang bestünde?

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