Sanchos Esel

Kleine Gemeinheiten aus dem Betrieb (4) : "Operación Gürtel"

Esperanza Aguirre, die frühere spanische Kulturministerin, ehemalige Senatorin und gegenwärtige Ministerpräsidentin der Region Madrid, hat schon wieder meine Aufmerksamkeit gefesselt, und zwar durch einen Satz von sechs Wörtern: „Die PP ist eine rechtschaffene Partei.“ Nun sind solche pathosgeschwellten Verallgemeinerungen in Zeiten, die selbst die solidesten Institutionen wanken sehen, ohnehin etwas problematisch. Besonders heikel ist der Satz jedoch in diesen Tagen, da der in der Region Madrid regierende Partido Popular (PP) von einem schweren Korruptionsskandal erschüttert wird. Was da Stück für Stück ans Licht kommt, ohne dass sich ein Ende absehen ließe, ist überhaupt nicht schön. Esperanza Aguirre hat ihren Satz also nicht geäußert, um ihre Partei zu loben oder zu motivieren oder einfach mal so nett zu sein, wie es ihr eigentlich wenige zutrauen, sondern um die Reihen der Getreuen zu schließen und die Wähler auf eine heiße Schlacht einzustellen.

Diese Wagenburg-Mentalität erkennt natürlich nur befreundete Informationen an. Einsicht, Ursachenforschung oder gar Reform werden so dauerhaft verhindert. Leider ist das in der spanischen Politik die Regel. Selbstreflexion gilt als Schwäche; Respekt gewinnt, wer mit dem Rücken zur Wand weiterkämpft und sich lieber schlachten lässt, als eine Verfehlung einzugestehen. Dahinter steht eine Auffassung von Treue und Standhaftigkeit, die nichts für Weicheier ist. Vielleicht hat sie mit dem gusseisernen Ehrbegriff zu tun, von dem die Dramen Lope de Vegas handeln. Oder mit dem Stierkampf. Oder einer heimlichen Bewunderung für den Märtyrertod. Vielleicht sogar mit allem zusammen.

Zugegeben, es kommt nicht immer soweit. Esperanza Aguirre selbst hat viele theaterreife Szenen verhindert, indem sie in den letzten Wochen auf den ersten Verdacht hin eine Handvoll Leute feuerte. Die Ministerpräsidentin will nicht den entferntesten Eindruck erwecken, mit den mutmaßlichen Geschmierten unter einer Decke zu stecken. Manche in der eigenen Partei finden nun, sie sei ein bisschen sehr eifrig dabei, Köpfe rollen zu lassen. Aber man muss das verstehen, die Dame ist um ihre eigene Sicherheit besorgt. Und nur in diesem Zusammenhang – während die Köpfe gewissermaßen noch rollen – ist der bemerkenswerte Satz zu sehen: „Die PP ist eine rechtschaffene Partei.“  

Ich verfolge den Fall übrigens mit einem gewissen linguistischen Amüsement, wenn das richtig ausgedrückt ist, das ganze korrupte System nennt sich nämlich „Operación Gürtel“. Das geht auf den Nachnamen des Drahtziehers zurück, Correa, der im Deutschen wörtlich Gurt, Riemen, auch Hundeleine bedeutet. ‚Gürtel‘ wäre im Spanischen eigentlich „cinturón“. Aber gut, was soll man die sprachschöpferische Phantasie der Gauner bekritteln, seien wir froh, dass die Gauner von heute überhaupt welche haben.

Hier noch schnell ein Überblick über die „Operación Gürtel“. Zur Zeit gibt es 37 Verdächtige, von denen sich 34 nach der Vernehmung wieder auf freiem Fuß befinden. Drei sitzen in Haft. Bisher sind in der Region Madrid drei Bürgermeister zurückgetreten, ein halbes Dutzend weiterer Männer in der Kommunal- oder Regionalpolitik wurden entlassen oder haben selbst den Rücktritt eingereicht. Von einem der zurückgetretenen Bürgermeister sagen manche, er sei ein „armer Kerl“, er „stecke jetzt ganz schön in der Klemme“, er sei eigentlich ein anständiger Mann und so weiter. Dem armen Kerl wird zur Last gelegt, für diverse Gefälligkeiten von Correa (den ich jetzt doch lieber „Hundeleine“ nennen möchte) in den letzten Jahren einen Range Rover, einen Plasma-Fernseher und insgesamt 420.000 Euro angenommen zu haben. Ich sollte hinzufügen, dass viele in der rechtschaffenen PP der Meinung sind, es handele sich hier um nichts weiter als eine Verschwörung des linken Kampfblatts El País. Tatsächlich sind die Informationen in den anderen Zeitungen erstaunlich dünn. Wie wäre es, wenn wir die Sache ein wenig beobachten? Und dann, wenn es sein soll, schwingen wir Gürtel oder Hundeleine, aber kräftig.

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