Sanchos Esel

Im Flug durchs Feindesland bis ins Herz von Spanien

Während des Ersten Weltkrieges reiste Alois Hecker aus Bayern gen Süden. Sein voluminöser, aufwendig bebilderter Reisebericht erschien 1918 und trägt den kuriosen Titel Im Flug durchs Feindesland bis ins Herz von Spanien. Der Verfasser, der schon populäre Kunstbücher über die Griechen und Römer veröffentlicht hatte, hielt es für nötig, sich im Vorwort für sein Interesse an der Kultur Südeuropas zu rechtfertigen. Deshalb gedachte er darin sehr wortreich der deutschen Kriegstoten, der deutschen Veteranen und der deutschen Kriegsmarine. Aber sein eigentliches Interesse war doch, uns möglichst schnell von seinen Reiseeindrücken zu erzählen.

An Alois Hecker musste ich denken, als ich am Wochenende wieder bei den beiden arbeitslosen Belagerern des Moncloa-Palasts war, Antonio und José – Sie werden sich an die beiden erinnern. Natürlich sind ihre Umstände nicht so bedrückend, wie sie für Menschen in einer vergleichbaren Situation vor hundert Jahren gewesen wären, aber Alois Heckers Beschreibung aus dem sommerlichen Madrid ist eine nicht ganz unpassende Erinnerung an härtere Zeiten.

„Wer sitzt denn da auf den Straßen, durch welche uns soeben die Straßenbahn führt, wie in der Calle de San Bernardo, de Génova und Alcalá? Es sind gar arme Kreaturen, welche wachen und schlafen, leben und sterben auf dem angestammten heißen Pflaster, dort neben ihrem Eckstein und in Ausübung ihres Berufes, nach Nahrung zu suchen, um nicht Hungers zu sterben! Echte Originale sind diese Straßenindustriellen, sehr spärlich gekleidet oder in malerische Lumpen gehüllt, ohne andere Schädeldecke, als die ihrer struppigen Haare, ohne Fußbekleidung, stets wachsam, aber zungenfertig und humoristisch belagern sie die gangbarsten Passagen und Ecken, hier Zündhölzchen und Feuer, dort Zeitungen und Flugblätter, weiter Zahnstocher oder gebratene Kastanien, Sitze zu den Stiergefechten, Stecknadeln, Orangen und Zitronen, Zigarettenpapier, Blumensträußchen mit einem Geschrei anbietend, welches geeignet wäre, den übrigen Straßenlärm zu übertönen.“

Als ich beim Lager vor dem Moncloa-Palast ankomme, bietet sich mir das Bild, das mir Antonio schon ein paar Tage zuvor am Telefon beschrieben hat. Es gibt einen Tisch vom Sperrmüll und fünf Holzstühle. In den Gemächern steht sogar ein Lesesessel aus einem Material, das man früher „Kunstleder“ nannte. Die Gemächer bestehen aus fünf, sechs Quadratmetern Gehsteig, durch Tücher verhängt, einer Matratze, Decken, Kram, Küchenzeug, ungebügelter Wäsche und einer Menge Plastiktüten.

Antonio ist nicht da. José sitzt mit zwei Gästen in der Zone vor den Gemächern, die ich „Veranda“ nenne. Josés Stimmung ist gedämpft. Nach fast einem Monat vor dem Palast, in einen Winkel unter der Autobahnbrücke gedrückt, ist die erhoffte gesellschaftliche Mobilisierung ausgeblieben. Zu José und Antonio ist ein dritter Arbeitsloser gestoßen, Miguel, auch er stammt aus Katalonien. Manchmal kommen Besucher. Vorbeifahrende Autofahrer strecken den Daumen nach oben. Andere schreien herüber, sie seien Pack, sie sollten in die Hände spucken und arbeiten! Ein junges Ehepaar, das eigentlich ein Picknick machen wollte, ließ den Belagerern sämtliche Vorräte da. Auch die Medien haben von ihnen berichtet. Auf Facebook soll es ständig Neuigkeiten zu ihnen geben. Doch niemand schließt sich der Aktion der Arbeitslosen an. José klingt enttäuscht, als er davon erzählt. Er hatte es sich etwas anders vorgestellt.

„Wie lange wollt ihr durchhalten?“ frage ich ihn.
„Solange wir müssen“, sagt er.
Was fehlt, sind nicht nette Gesten und freundliche Hilfsangebote. An Nahrungsmitteln mangelt es ja nicht, wie ich sehe, gerade ist wieder ein Schwung Vorräte gekommen. Was fehlt, ist der Wille zur organisierten politischen Tat. Andererseits wissen die Belagerer auch nicht genau, wie sie aussehen könnte. Nur, viele Leute sollten es halt schon sein. Ohne Leute taugt hier vor dem Moncloa-Palast alles nichts. Ohne viele tausend Mitstreiter sind die Belagerer niemand.

Vor ein paar Tagen, da hat sich das Imperium kurz gezeigt, in Gestalt zweier Beamter von der Besucherbetreuung. Sie kamen heraus mit ihren offiziellen Anhängern und fragten höflich, was die Belagerer denn bezweckten?
Vorgelassen werden, sagten sie. Zu einer Audienz mit dem Herrn Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero.
Ob sie nicht wüssten, wurden sie gefragt, dass eine derartige gesellschaftliche Beunruhigung zur Zeit nicht dienlich sei?
Doch, sagten sie, das sei ihnen wohl klar. Ob dem Regierungschef nicht klar sei, dass er nicht Dinge versprechen dürfe, die er nicht halten könne? Er habe gesagt, er werde keinen Spanier „im Straßengraben lassen“. Das habe er doch gesagt, oder nicht?
Ja, antworten die Beamten, aber die gesellschaftliche Beunruhigung, die durch das Vorgehen der Belagerer entstehe, sei zur Zeit überhaupt nicht dienlich…

Damit war das Gespräch beendet. Die beiden Beamten machten kehrt und verschwanden wieder im Moncloa-Palast. Sie dürften mit Erleichterung zur Kenntnis genommen haben, dass die menschlichen Ressourcen der Belagerer begrenzt sind. Und auch mir fällt nichts anderes ein, als hier von ihnen zu erzählen und mit ein paar Fotos zu zeigen, wie sie so fern von zu Hause wohnen, im Frühling immerhin, vorübergehend, sagen sie, aber wie lange wird das sein?

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