Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Treu versammelt in den Gräben: Briefe über die Franco-Zeit (1)

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Man soll sich über Leserbriefe nicht beklagen, und ich verspreche feierlich, es nicht zu tun. Aber zwei Beobachtungen, die eigenen Artikel betreffend, möchte ich nach so vielen Jahren einmal festhalten. Erstens, dass Männer, die an unsere Leserbriefredaktion oder an mich schreiben, meistens meckern, während Frauen meistens loben. Und zweitens, dass die schlimmsten Meckerbriefe den Spanischen Bürgerkrieg und die Franco-Zeit betreffen.

Man soll sich über Leserbriefe nicht beklagen, und ich verspreche feierlich, es nicht zu tun. Aber zwei Beobachtungen, die eigenen Artikel betreffend, möchte ich nach so vielen Jahren einmal festhalten. Erstens, dass Männer, die an unsere Leserbriefredaktion oder an mich schreiben, meistens meckern, während Frauen meistens loben. Und zweitens, dass die schlimmsten Meckerbriefe den Spanischen Bürgerkrieg und die Franco-Zeit betreffen. Eine fette Sammlung aus zehn Jahren belegt es, jeder Zweifel ist ausgeschlossen. Ich möchte hier jetzt nicht küchenpsychologisch argumentieren, doch der Verdacht liegt nahe, dass Männer – also wir – grundsätzlich nörgeliger und rechthaberischer sind als Frauen. (Ich weiß, dafür haben wir andere Vorteile, aber um die geht es heute nicht.) Der zweite Verdacht betrifft die spanische Geschichte. Irgendetwas, glaube ich, ist da noch nicht verstanden und aufgearbeitet.

Der vergangene 1. April, an dem des Endes des Spanischen Bürgerkriegs vor siebzig Jahren gedacht wurde, war mir in dieser Beziehung wieder eine Lehre. Ich hatte in der Zeitung ein paar unfreundliche Sätze über die Franco-Diktatur geschrieben, wie es sich gehört, und prompt kam ein halbes Dutzend Briefe oder E-Mails, allesamt von Männern – ob ich nicht wüsste, dass die Zweite Spanische Republik keine Musterdemokratie gewesen sei? (Doch, wusste ich.) Ob ich es vielleicht lieber gesehen hätte, wenn Spanien damals unter die Knute einer stalinistischen Diktatur geraten wäre? (Nein, hätte ich nicht.) Ob ich die ermordeten Ordensschwestern, Priester und Bischöfe vergessen hätte? (Vielen Dank, ich kenne die Zahlen.) Ein in Deutschland lebender Spanier schrieb mir, natürlich sei er Franquist, sein Vater sei damals von den Roten erschossen worden.

Tja, wie soll man da noch argumentieren? Das Problem ist, dass mein Artikel von etwas anderem handelte. Ich hatte ausdrücken wollen, dass dieser 1. April 1939, den das Regime fortan als „Tag des Sieges“ feierte, so wie es alle möglichen und unmöglichen Daten in seine militärische Heilsgeschichte einflocht, der Auftakt für eine erbarmungslose Repression, für Rachsucht, Verfolgung, Gängelung und sechsunddreißig Jahre Diktatur war. Franco strebte nicht Versöhnung an, sondern Vergeltung. Die planmäßige Demütigung des Gegners, den es ja nur noch im Exil, als zerschlagene und machtlose Grüppchen gab, setzte auch dreißig Jahre später nicht aus. Ich spare mir jetzt die Opferzahlen zu Erschießungen, KZs, Infektions- und Hungertoten der Jahre 1939 bis 1949. Das Faktum des Bürgerkriegs macht es manchen Menschen offenbar auch heute noch unmöglich, sich eine Alternative zu Francos Staat vorzustellen. Oder ihn mit der Elle zu messen, die man spätestens von den fünfziger Jahren an hätte anlegen müssen.

Natürlich reproduzieren die Leserbriefschreiber nur ein ideologisches Zerwürfnis, das auch in Spanien noch zu spüren ist – in Gestalt von festen Verteidigungslinien zwischen Links und Rechts, öden Argumentationsmustern und reflexhafter Abwehr aller Geschichtsdialektik. Und das scheint ein tiefsitzendes Dilemma zu sein. Der demokratische Übergang ab November 1975 war eine schwierige, am Ende geradezu erstaunliche Gratwanderung und setzte einen Stillhaltepakt voraus, den sowohl die Rechte (die ihre Macht schwinden sah) als auch Linke (die die ehemaligen Machthaber gern bestraft gesehen hätte) einhielt. Und solch ein Stillhaltepakt bedeutet, dass man etwas nicht tut, was man brennend gern tun würde, was aber für das Ganze nachteilige Folgen hätte.

Nur lässt sich die heutige Generation nicht mehr darauf festnageln, und es gibt keinen Grund, warum sie es sollte. Diese Generation widerruft ja nicht die transición, wenn sie die Geschichte der Franco-Diktatur etwas näher beleuchtet oder ein Franco-Denkmal abbaut, sie schleppt auch niemanden mehr vor Gericht (obwohl der schlecht beratene Untersuchungsrichter Baltasar Garzón genau das vorhatte). Sondern sie macht von ihrem Recht Gebrauch, die Geschichte mit frischen Augen zu betrachten und so zu deuten, wie sie es für angemessen hält. Hier oder da gibt es ja wirklich noch etwas zu erforschen. Es wäre schlimm, wenn die transición der siebziger Jahre eine junge Forschergeneration knebeln würde.

Jetzt, ein paar Jahre später, muss man andererseits wohl festhalten, dass die memoria histórica betitelte Gedächtnispolitik der Zapatero-Regierung ein Fehlschlag war. Sie ist ein unglücklicher Mix aus Wiedergutmachungszahlung und politischer Rechthaberei, und auch sie hat nicht versöhnt, sondern gespalten. Eigentlich ein schrecklicher Gedanke, dass sich immer ein Teil der Spanier – gerade der, dem die politische Macht soeben entglitten ist – als Opfer des anderen Teils begreift. Erst wenn dieses Schema durchbrochen wird, ist die transición wirklich in den Köpfen angekommen.


25 Lesermeinungen

  1. Madrid sagt:

    Ja, Faníla, aber dass es zur...
    Ja, Faníla, aber dass es zur Aufarbeitung nach unserem deutschen Verständnis nicht so kam, hat dann doch wieder mit dem erwähnten – verabredeten – Stillhalten zu tun, das ja eine politische Willensbekundung war: Man ging eben nicht auf die Straße, legte nicht hundert Leute um, zündete keine Paläste an und so weiter. Es gab, glaube ich, wirklich keinen anderen Weg, was immer die später zu zahlenden Kosten sein mochten. Und dass sich ein Land ohne Diktat von außen eine Demokratie bastelt, sie gewissermaßen improvisiert, indem eine Handvoll Leute von links und rechts ein einigermaßen kompatibles Gespür dafür haben, wohin Spanien gehen muss, wenn es eine Zukunft haben will — das bleibt schlicht eine spanische Heldentat, selbst wenn ich das Kleingedruckte, Ausgelassene und die notwendigen Ernüchterungen dazunehme.
    Aber zurück zu Ihrem Gedanken: Woher könnten denn die spanische Konfliktvermeidung und das Wegschauen kommen? Meine Vermutung ist – und darin soll keine Entschuldigung für die von Ihnen beschriebenen Übel liegen -, dass sich Bürgerbewusstsein und eine Verantwortung für das Ganze, also auch für die öffentliche Ordnung, nur dann einstellen, wenn man diesen Staat mag, sich mit ihm identifiziert. Gutes Beispiel: der amerikanische Verfassungspatriotismus, der die Liebe zu Amerika (nicht zu Philadelphia oder Cleveland) aus dem Glücksversprechen der Gründungsväter bezieht. Die Chance, sein Glück zu machen, wird vom Staat garantiert. Nicht konkret, sondern ideell. Dergleichen mag man in abgeschwächter Form noch in Frankreich oder England finden, aber ganz sicher nicht in Spanien. Der spanische „Staat“ trat doch meistens willkürlich, autoritär und strafend auf. Was sich also entwickeln müsste über einige Jahrzehnte Demokratie, wäre mehr Identifikation mit diesem demokratischen Gemeinwesen und den Regeln, die in ihm gelten. Der spanische Individualismus (bei Rot über die Ampel fahren, Lärm machen etc.) ist dabei meiner Meinung nicht das auslösende Moment; er ist eher die Reaktion, also eine ererbte Vehaltensweise, für die es die angedeuteten soziologischen Erklärungen gibt.
    Als ich neulich die spanischen Kellner lobte, habe ich übrigens nicht behauptet, sie seien bessere Menschen. Ich habe nur nach Erklärungen dafür gesucht, wie ein solcher Kellnertypus entstehen kann, wie er wirkt und warum er so anders ist als der, den man in Deutschland antrifft. Derselbe fragende Blick ließe sich auf andere spanische Verhaltensweisen (botellón, Gruppenverhalten etc.) richten.

  2. Fanila sagt:

    <p>Danke für Ihren...
    Danke für Ihren Erklärungsversuch für den mangelnden spanischen Bürgersinn, Don Paul, aber ich befürchte, das kommt so nicht ganz hin. Dass die Spanier ihren Staat nicht (genügend) mögen sollen, kann ich nicht nachvollziehen – die positive Identifikation mit Spanien als Staat/Land ist meiner Meinung bei Spaniern sehr viel höher, als die der Deutschen mit Deutschland.
    Ich glaube, der mangelnde Bürgersinn hat eher mit etwas anderem zu tun, und zwar mit der historischen Abwesenheit eines Bürgertums, das Werte, wie Bildung, Demokratie und Bürgersinn vorangetrieben hätte. Weiter oben wurde über die in Spanien unüberbrückbare Kluft zwischen Rechts und Links geschrieben. Nun, die Kluft zwischen Arm und Reich, oder sagen wir, Unter- und Oberschicht ist mindestens genauso unüberbrückbar. Wobei so etwas wie die breite deutsche Mittelschicht mit Werten wie Bildung, Demokratie und Bürgersinn bis heute so gut wie nicht vorhanden ist – es gibt zwar einzelne Elemente, aber keine große, geschlossene Gruppe mit gesellschaftlichem Gewicht.
    So ergibt sich folgendes Bild: Die Oberschicht beschäftigt sich in erster Linie mit der Zurschaustellung ihrer (monetären) Überlegenheit sowie ihrer Perpetuierung, wozu sie weder Bildung und schon gar keinen Bürgersinn benötigt, während der Rest der Gesellschaft dieses Gebaren im Rahmen der jeweiligen finanziellen Möglichkeiten so gut wie möglich kopiert.
    Insofern ist in Spanien einfach keine Grundlage für Werte wie Bildung und Bürgersinn vorhanden, zumal man, wie von Ihnen bereits noch weiter oben sehr schön erklärt, auch nicht zwingend Bildung benötigt, um es beispielsweise beruflich zu etwas zu bringen, sondern sehr viel zwingender die Zugehörigkeit zu den herrschenden Kreisen.

  3. Madrid sagt:

    Auf den Schrägstrich kommt es...
    Auf den Schrägstrich kommt es an, Fanila! Land oder Staat? Natürlich lieben die Spanier ihr Land! Sie lieben ihr Heimatdorf, ihre Traditionen, das jeweils Eigene und Private und als Universalbegriff dafür auch „das“ Spanische. Aber konkret den Staat? Eher nein. Sie finden die Bindung an Europa sehr gut und vernünftig, auch die Demokratie, weil sie Fortschritte bringt und EU-Fördergelder (gebracht hat). Aber den Staat mit seinen Institutionen? Den verachten sie doch mehrheitlich und identifizieren ihn in seinen konkreten Vertretern immer noch mit der Autorität, die willkürlich und unberechenbar ist. „Los altos cargos“ sind nach wie vor weit entrückt. Und hier greift auch Ihr Bürgermeister-Beispiel.
    Ihre Ausführungen widersprechen meinen nicht, sie beschreiben dasselbe Phänomen aus anderem Blickwinkel. Mangelnde Ausbildung von mittelständischen Werten rührt auch daher, dass Spanien im 19. Jahrundert kein flächeneckend starkes Bürgertum herausgebildet hat, das auf Entideologisierung und Partizipation gedrängt hätte. Daher gibt es in der Tat nicht die entsprechenden Bildungsinstitutionen, Werte etc. Ganz ohne Hinweis auf allgemeine Armut und drückende Lebensbedingungen geht es aber auch nicht. Als Claríns Roman „Die Präsidentin“ erschien, lag die Analphabetenrate noch bei 70 Prozent.
    Was Bildung betrifft, noch eine Bemerkung. In der Breite mag es in Spanien große Bildungsdefizite geben. Dafür gibt es in Einzelfällen Menschen von einem so grandiosen Bildungsernst, dass Radio Clásica noch immer hochanspruchsvolle Wortprogramme senden und vollständige Sinfonien spielen kann. Gehen Sie mal unsere Klassiksender durch, von denen lese ich seit Jahren, dass die schwierigeren Programme durch Häppchen ersetzt werden. Unser Mittelstand müsste auf die Barrikaden gehen.

  4. <p>Herr abplpd, ich gestatte...
    Herr abplpd, ich gestatte Ihnen mit Freude den „eleganten Rückzug“ in puncto moralische Verworrenheit; ich hoffe meinerseits, nicht beleidigend gewesen zu sein. Und jetzt zur Sache: ich habe das Franco-Regime nicht verurteilt, nicht gerechtfertigt, nicht entschuldigt, nicht gebilligt, nicht gutgeheissen. Das alles halte ich für leere Gesten. Ich habe gesagt, der Sieg Francos sei eine Katastrophe gewesen: ich denke, man kann nichts Schlimmeres über ein politisches Regime sagen. Und ich habe hinzugefügt: der Sieg der Volksfront wäre auch eine Katastrophe gewesen. Das ist keine historische Tatsache, aber auch keine Wunschprojektion, sondern eine Mutmassung, die auf der Kenntnis der Geschichte basiert. Wenn man die politischen Programme und die Tätigkeiten der Parteien sowie deren Radikalisierung und die Zuspitung der Lage im Frühling und Sommer 1936 kennt, dann kann man mit grosser Wahrscheinlicht vermuten, was passiert wäre, wenn die Volksfront den Krieg gewonnen hätte. Und vor allem: man kann sich erklären, warum die Menschen damals so brutal miteinander umgegangen sind. Spanien war damals in zwei Lager gespalten, und jedes Lager hatte Angst, vom anderen vernichtet zu werden. Das war bereits in Russland, in Italien, in Deutschland passiert. Die rechten parteiischen Historiker leugnen heute, dass die Gefahr einer rechten Diktatur bestand; und die linken parteiischen Historiker leugnen heute, dass die Gefahr einer linken Diktatur bestand. Die Angst -sagen sie- war unbegründet. Aber die Angst war eine historische Tatsache. Und sie rief den linken Aufstand von 1934 und den rechten Putsch von 1936 hervor. Ich denke, wir können nur pessimistisch in der Beurteilung sein: damals wollte fast niemand eine normale Demokratie. Fast alle wollten die andere Seite vernichten.

  5. Fanila sagt:

    "Den Staat verachten sie doch...
    „Den Staat verachten sie doch mehrheitlich und identifizieren ihn in seinen konkreten Vertretern immer noch mit der Autorität, die willkürlich und unberechenbar ist. “
    Ja, und zwar nicht zu unrecht, wie man im Kontakt mit diesen Vertretern schnell feststellen kann. Genau das meinte ich übrigens, als ich eingangs das direkt aus der Francozeit übernomme Auftreten der Staatsvertreter ansprach – hier wird überhaupt nichts unternommen, um wenigstens diese Beamten ein bisschen an die Moderne anzupassen sowie demokratieverträglicher und bürgernah zu machen, was ja möglicherweise auch ohne ein Wiederaufrollen der Francoverbrechen zu bewerkstelligen wäre.
    Danke für den Hinweis auf Radio Clásica – bestimmt werde ich da bei Gelegenheit mal vorbeihören. Ja, natürlich, Einzelspanier mit Bildungsernst kenne ich auch – obwohl, der Tiefsinnigste von allen ist schon wieder Katalane : )

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