Sanchos Esel

Reichen wir uns die Hand: Briefe über die Franco-Zeit (2)

Als ich davon erzählte, dass Männer in Leserbriefen mehr nörgeln als Frauen, während Frauen eindeutig mehr loben als Männer, habe ich mich in das Gebiet der Psychologie nicht weiter hineinbegeben. Doch den Effekt solcher psychologischer Wahrheiten erkenne ich daran, dass ich aufatme, wenn ich eine Frauenhandschrift auf dem Briefumschlag sehe. „Sie wird dich loben“, sage ich mir dann. „Sie ist fünfunddreißig oder zweiundfünfzig oder einundachtzig Jahre alt, und sie wird sich für einen Artikel bedanken oder eine höfliche Ergänzung anbringen oder von einer eigenen Reise erzählen, die sie vor langem gemacht hat und auf der es ihr ähnlich erging wie jetzt dir.“

Wenn dagegen auf dem Umschlag die energischen, vorauseilend vorwurfsvollen Zeilen eines Mannes zu sehen sind, seufze ich oder runzele die Stirn. Ich irre mich selten. „Er wird dich korrigieren und maßregeln“, sage ich mir. „Er wird ein Haar in der Suppe finden, wenn nicht zwei, drei. Er wird dir sagen, wo du falsch liegst, und sich dadurch besser fühlen.“

Doch die Geschichte über die mahnenden, belehrenden und schimpfenden Leserbriefe, aus denen leider zunehmend E-Mails werden, so dass die handschriftliche Früherkennung entfällt, wäre unvollständig ohne eine viel wichtigere Erfahrung. Wenn es danach nämlich zu einem Austausch kommt – nach meiner Antwort und der Gegenantwort des Leserbriefschreibers -, wird der Ton meistens freundlich, ja warmherzig, und besonders ist mir das aufgefallen bei spanischen Leserbriefschreibern, die in Deutschland wohnen. Hinter ihren Lebensläufen verbirgt sich ja manchmal ein trauriges Schicksal. Wie etwa bei jenem, dessen Vater in Lleida ( er schrieb es in der spanischen Form, „Lérida“) von Linken eschossen wurde und der kurz darauf, noch als Kind, nach Deutschland emigrierte, wo er seitdem lebt.

Der Austausch mit diesem Leser war intensiv, denn gleich in der ersten Mail, die er noch an die Redaktion richtete, nannte er meinen am 1. April zum Thema Franquismus erschienenen Artikel „sehr einseitig, tendenziös, parteiisch und ungenau“. In strengem Ton empfahl er mir nicht weniger als zehn Geschichtswerke zur dringenden Lektüre. Danach könne ich mich zu diesem Thema – sicherlich sachkundiger – gern wieder äußern.

Ich erlaubte mir, ihm zurückzuschreiben: „Leider ist Ihr Brief einseitig, tendenziös, parteiisch und ungenau und damit der beste Beleg für die politische Polarisierung, die ich in meinem Artikel beschreibe.“

Seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Er erneuerte und präzisierte seine Kritik, nannte Quellen für seine Zahlen (für die Opferzahlen der Repression während der Diktatur interessierte er sich nicht) und empfahl mir weitere Bücher zur Lektüre. Un gran lector, vamos.

Ich schrieb ihm in ähnlichem Stil zurück, argumentierte historisch nur vom anderen Schützengraben aus. Und so machten wir weiter, jeder auf seiner Seite, bis wir insgesamt acht Botschaften ausgetauscht hatten. Inzwischen standen bei ihm Zeilen wie: „Sehr geehrter Herr Ingendaay, vielen Dank für Ihre Mitteilung! Sicher sind die Gefallenen auf beiden Seiten zu bedauern, und wir können sagen: Es hätte nicht so sein sollen; aber es geschah, wie viele Barbareien in der Geschichte der Menschheit.“ In der Sache war er nach wie vor eisern. Er hasste die Linke, die seinen Vater erschossen hatte. Und mir wurde mir klar, dass ich die Leute, die meinen Vater erschossen hätten, auch hassen würde. Und plötzlich spürte ich die immense Kluft, die zwischen privater Trauer und staatlich verordnetem Gedenken liegt.

In der nächsten E-Mail schrieb er: „Lieber Herr Ingendaay, darf ich Sie so anreden? Nun, Sie kommen immer mit Klagen über die Kirche und über die (republikanischen) Toten; und die anderen Toten, die zum Teil ins Meer geworfen und verbrannt wurden?“

Er ließ immer noch nicht ab. (Ich auch nicht.) Er wollte mir immer noch Namen, Zahlen und Schauergeschichten um die Ohren hauen und weigerte sich immer noch, die Opfer der Gegenseite zu bedenken. Aber sein Ton war (wie der meine) aufmerksam und freundlich geworden. Wir wünschten uns gegenseitig ein schönes Osterfest. Ich glaube, er versprach sich ein wenig Läuterung für mich, als ich erwähnte, ich würde in Cuenca geistliche Musik hören. Und da konnte ich ihm innerlich nur zustimmen. Auch ich wünschte mir Läuterung von den Gespenstern, die einen manchmal heimsuchen, wenn man sich zu lange mit den Toten des Krieges befasst.

 

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