Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Ich wollte über Carla Bruni schreiben. Aber jetzt zählen nur noch die Beine von Xavi und Messi

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Ich habe mir vor ein paar Tagen ¡Hola! gekauft, Sie wissen schon, dieses unvergleichliche spanische Klatschmagazin, das uns immer ein ganz anderes Universum vorspiegelt als das, in dem wir nun einmal leben, und gerade deswegen musste ich nach Carla Brunis Besuch in Madrid die volle Bilderstrecke haben, dreißig Seiten voller Fotos von Sarko und Carla im Prado, Carla und Prado im Sarko und so weiter, dann natürlich auch den Krieg der Sterne zwischen Carla Bruni und Doña Letizia sowie den unvergleichlichen Anblick des kleinen Sarkozy neben dem sehr großen Kronprinzen Don Felipe.

Ich habe mir vor ein paar Tagen ¡Hola! gekauft, Sie wissen schon, dieses unvergleichliche spanische Klatschmagazin, das uns immer ein ganz anderes Universum vorspiegelt als das, in dem wir nun einmal leben, und gerade deswegen musste ich nach Carla Brunis Besuch in Madrid die volle Bilderstrecke haben, dreißig Seiten voller Fotos von Sarko und Carla im Prado, Carla und Prado im Sarko und so weiter, dann natürlich auch den Krieg der Sterne zwischen Carla Bruni und Doña Letizia sowie den unvergleichlichen Anblick des kleinen Sarkozy neben dem sehr großen Kronprinzen Don Felipe. „Hast du El Mundo gesehen?“ fragte mich mein Freund José. „Das nenne ich subversiv.“ Die Zeitung El Mundo brachte doch tatsächlich Großaufnahmen nur von den Schuhen – hier die fetten, überdimensionierten, aber letztlich nutzlosen Absätze des französischen Regierungschefs, dort die flachen, letztlich ebenso nutzlosen Absätze des baumlangen spanischen Thronfolgers.

All das: verblasst. ¡Hola! liegt in der Ecke. Denn der FC Barcelona ist so gut wie spanischer Meister. So etwas wie dieses 2:6 habe ich auch in den wüstesten Zeiten des 1. FC Köln (damals, als ich noch ins Müngersdorfer Stadion ging) noch nicht gesehen. Es war, als hätte Real Madrid im Bernabéu-Stadion Einladungskärtchen zum Toreschießen verteilt. Hätte ich damit nicht die hart arbeitenden Kollegen auf der Pressetribüne gestört, wäre ich aufgestanden und gegangen wie all die Fans, die es nach dem Tor zum 2:5 taten. Manchmal ist unser Beruf eine Geißel. Man darf nicht Fan, man muss Zeuge sein.

Eine Stunde nach dem Debakel saß ich mit Walter Haubrich beim Brasilianer, wo es uns fast so vorkam, als befänden wir in einem Land, in dem niemand weiß, wer Real Madrid ist. Eine Erleichterung. Nach dem ersten Schluck Bier hatten wir fünf Madrider Spieler beieinander, die sofort aus der Mannschaft fliegen sollten. Es reicht vielleicht, stellvertretend den Zerstörer Gabriel Heinze zu nennen.

„In Argentinien nennen sie ihn ‚den Deutschen'“, sagt Walter Haubrich.
„Das hat mir noch gefehlt“, sage ich.
„Bei Valladolid ist er damals rausgeflogen, weil er ständig gesperrt war“, sagt Walter Haubrich. „So einer ist das.“
„Na ja, das kann unserem Metzelder nicht passieren“, sage ich. „Er spielt ja nie.“
„Heute war Metzelder aber ganz gut“, sagt Walter Haubrich.
„Ja“, sage ich. „Heute war er ganz gut.“
Und ich frage mich, ob man über einen Verteidiger, dessen Mannschaft zu Hause 2:6 verloren hat, wirklich sagen kann, er habe „ganz gut“ gespielt.
Noch zwei Schluck Bier, und wir wissen, dass Real Madrid nicht nur die halbe Mannschaft austauschen, sondern im Sommer auch einen neuen Präsidenten wählen und sich am besten gleich noch ein neues Konzept besorgen muss. O je! Wo soll das alles denn so schnell herkommen?

Javier Cáceres, unser Kollege von der Süddeutschen Zeitung, hat mir in der Halbzeit auch etwas zu Metzelder gesagt. „Hast du gesehen?“ sagte er. „Metzelder hat keinen Fehler gemacht.“
Javier Cáceres vertritt die Theorie, Metzelder mache nie Fehler. Er sei langsam und manches andere, doch Fehler mache er nicht. Es sei praktisch ausgeschlossen, Metzelder bei einem Fehler zu ertappen.
„Na ja“, sage ich. „Er hat sich von Messi überrennen lassen.“
„Ja, aber den Fehler machen alle.“
Da sagte ich nichts mehr.

Zu Barcelona wiederum… muss man auch nicht mehr viel sagen. Es sind eben Künstler, die auf dem Rasen irgendetwas zwischen Schach und Billard praktizieren, nur fünfzigmal so schnell. Besonders dieser kleine Xavi, der mit einer einzigen Drehung um die eigene Achse drei gegnerische Hemden ins Leere laufen lassen kann.

Was mich besonders stört an dieser Niederlage, die in den nächsten zehn Jahren zu den unpassendsten Gelegenheiten genüsslich beschworen werden wird, ist die Lehre, die der FC Chelsea daraus ziehen wird. „Denen [nämlich Barcelona] müssen wir richtig eins auf die Socken geben“, werden Ballack und seine Kollegen sich jetzt sagen, „damit die im Rückspiel gar nicht erst glauben, sie könnten dasselbe mit uns machen.“

Und das Schlimme ist, dass es nächste Woche in der Champions League so kommen könnte. Ich will es nicht hoffen, aber möglich wäre es. Wie gut, dass Ballack keine Endspiele gewinnt. Der Zweckfußball wird also an seine natürliche Grenze stoßen.

 


33 Lesermeinungen

  1. Madrid sagt:

    Dulcinea, ich sage Ihnen...
    Dulcinea, ich sage Ihnen lieber nicht, welche hässlichen Gesten ich gestern abend im Stadion gesehen habe. Und die sog. „Fanartikel“ und Fahnen draußen vor den Toren sind nicht schön. Erinnern Sie sich an meinen Freund José! Das mit den billigen Plätzen war übrigens eher metaphorisch gemeint. Wirklich billig ist da ja nichts mehr. Und über Esperanza… will ich heute abend einmal schweigen. Was für ein Landmädchen!

  2. Worin das Problem vom Real...
    Worin das Problem vom Real Madrid besteht, ist den meisten Menschen unbekannt, weil sie klassische Musik nicht kennen. Real Madrid hat neun mal die Champions League gewonnen, und in der klassischen Musik gibt es (seit Gustav Mahler) den Fluch der Neunten Symphonie: wer es wagt, eine Neunte Symphonie zu schreiben (Beethoven, Schubert, Bruckner, Dvorak), stirbt, ohne eine Zehnte Symphonie schreiben zu können. Deshalb hat Mahler seine Neunte Symphonie als „Das Lied von der Erde“ umbenannt und danach ganz unbesorgt eine Neunte Symphonie geschrieben. Aber er hat den Fluch nicht umgehen können: seine Zehnte Symphonie blieb unvollendet. Angewandt auf Real Madrid bedeutet dies: wer es wagt, die neunte Champhions League zu gewinnen, wird bestraft.

  3. Fanila sagt:

    Also, von den Wonnen des...
    Also, von den Wonnen des Leidens halte ich nichts. Ganz generell nicht und beim Fußball schon gar nicht. Leiden sollte man so gut wie möglich vermeiden. Und wo es sich auf jeden Fall vermeiden lässt, ist doch beim Fußball – warum sollte ich für einen Verein fiebern, angesichts dessen Leistung mir nur das große Gähnen kommt oder gar die Tränen der Bitterkeit aus den Augen laufen? Mich interessieren eigentlich nur diejenigen Fußballer, die auch wirklich spielen können, und zwar nicht nur theoretisch, sondern life vor meinen Augen. Weswegen ich mich auch denkbar schlecht zum Betis-Fan eigne …

  4. Madrid sagt:

    Niemand leidet mit Wonne,...
    Niemand leidet mit Wonne, Fanila, zumindest wir gewöhnlicheren Menschen nicht. Ich meinte: Wie können Sie vermeiden, mit Ihrer Mannschaft zu leiden, wenn es ihr schlecht geht? Und das passiert eben irgendwann. Fragen Sie Dulcinea, wie sie letztes Jahr beim 1:4 im Bernabéu gelitten hat.

  5. Dulcinea sagt:

    O, Don Jorge, was geben Sie...
    O, Don Jorge, was geben Sie mir für Hoffnung! Ich kenne mich mit klassischer Musik ja nicht so aus. Aber als culé kann ich sagen: uns stehen schöne Zeiten bevor. Wenn Ihre Theorie zutrifft, dürfen wir noch oftmals gewinnen!

  6. Dulcinea sagt:

    Erinnern Sie sich gerne daran...
    Erinnern Sie sich gerne daran zurück, Don Paul? Warten Sie nur, ich werde Ihnen unser schönes Ergebnis vom Samstag nächstes Jahr auch einmal unter die Nase reiben. Und wir haben die Liga ja noch gar nicht gewonnen, so wie Sie sie damals schon hatten.

  7. Madrid sagt:

    Was soll ich anderes sagen,...
    Was soll ich anderes sagen, Dulcinea, als: Ja, ich erinnere mich gerne daran zurück! Kein Vergleich – qualitativ jetzt – mit dieser scheußlichen Sache von Samstag, aber… eine schöne Erinnerung, auch der pasillo, Sie wissen schon. Können Sie nicht einmal mit Fanila reden und ihr von Ihren Leiden in der Spätphase von Frank Rijkaard erzählen? Unter Frauen versteht man sich doch.

  8. Dulcinea sagt:

    Aber Fanila möchte doch von...
    Aber Fanila möchte doch von Leiden nichts wissen. Was ich im Prinzip verstehe. Und wenn Sie den pasillo nochmals erwähnen, Don Paul, dann schalte ich ab!

  9. Fanila sagt:

    Also gut, Herr Ingendaay, Sie...
    Also gut, Herr Ingendaay, Sie haben mich überzeugt – ich bin in Ihrem Sinne kein Fan irgendeiner Mannschaft, weil mich am Fußball nicht der Werdegang der Mannschaft interessiert, sondern nur das Geschehen auf dem Platz. Die Dynamik, die Ästhetik der Bewegungsabläufe, die Schläue, Geschwindigkeit und Sicherheit der Pässe – bei einem gelungenen Spiel ist das ein erhebendes Ereignis. Das gleiche Erlebnis finde ich übrigens nicht nur beim Fußball, sondern auch beim Stierkampf oder beim Tennis – früher habe ich beispielsweise gerne Pete Sampras zugesehen und war immer völlig begeistert von seiner Rückhand. Wie er beide Arme wie zum Segen weit ausbreitend, den einen zum Schlag, den anderen zum Ausbalancieren, in die Luft sprang und ihm sein weites weißes Polohemd in Wellen den Bauch hochrutschte – einfach perfekt!

  10. Madrid sagt:

    Ästhetisch gesehen, Fanila,...
    Ästhetisch gesehen, Fanila, ist das natürlich gleich etwas Anderes. Dann ergibt sich ein neues Wertesystem. Die eleganten Bewegungen von Pete Sampras habe ich auch noch vor Augen, wobei sein Bauch unter dem hochgerutschten Polo bei den Betrachter(inne)n verschiedene Assoziationen ausgelöst haben mag. Der Gipfel an Eleganz ist möglicherweise der weiße Tennisanzug von Roger Federer, erinnern Sie sich an den? Eine Zeitlang durften wir glauben, dass der Beste auch der Bestangezogene war. Vielleicht halten Sie es aber mehr mit den knappen Shirts von Rafa Nadal, Geschmack ist etwas sehr Persönliches.

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