Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Die Beine von Andrés Iniesta oder: Schönheit besiegt Alter und zieht ins Finale der Champions League ein

| 29 Lesermeinungen

Bei der Fußballexpertenrunde von Digital +, die für die spanischen Zuschauer die Champions League analysiert, haben zwei von sechs Leuten eine Lanze für den FC Chelsea gebrochen. Es sei ungerecht, die Spielweise der Engländer steril und betonhaft zu nennen, sie sei vielmehr kompakt, athletisch und überaus geschickt. Wer so auftrete, habe Fußball begriffen. Immerhin sei Chelsea die einzige Mannschaft in der ganzen Saison, die Barça zweimal ernsthaft in Schwierigkeiten gebracht habe. Was natürlich stimmt.

Bei der Fußballexpertenrunde von Digital +, die für die spanischen Zuschauer die Champions League analysiert, haben zwei von sechs Leuten eine Lanze für den FC Chelsea gebrochen. Es sei ungerecht, die Spielweise der Engländer steril und betonhaft zu nennen, sie sei vielmehr kompakt, athletisch und überaus geschickt. Wer so auftrete, habe Fußball begriffen. Immerhin sei Chelsea die einzige Mannschaft in der ganzen Saison, die Barça zweimal ernsthaft in Schwierigkeiten gebracht habe. Was natürlich stimmt. Keines der beiden Halbfinalspiele hat der FC Barcelona gewonnen, und trotzdem steht die Mannschaft von Pep Guardiola im Finale von Rom. (Was umgekehrt auch für den FC Chelsea gelten würde, hätten Heim- und Auswärtsspiel die Ergebnisse getauscht.)

Ein anderer Experte, Julio Maldonado, genannt Maldini, fand dagegen, es wäre eine Schande gewesen, hätte Chelsea mit seinem defensiven Stil Erfolg gehabt. Barcelona repräsentiere das Schöne am Fußball, die Kreativität. Und mit einem Mann weniger auf dem Feld so beherzt anzugreifen und nie die Hoffnung zu verlieren, das müsse belohnt werden. Notfalls eben in der 94. Minute.

Wo ich selbst in dieser Debatte stehe, werden Sie ahnen. Nicht nur der ästhetischere, auch der mutigere Fußball hat am Ende gewonnen, was ja nicht immer der Fall ist, denn Gerechtigkeit ist im sportlichen Wettkampf keine Kategorie. Man kann sie sich wünschen, aber dabei bleibt es dann auch. Hätte Holland 1974 im WM-Finale gegen Deutschland den Sieg verdient gehabt? Die Frage wollen wir lieber nicht zulassen. Für die Geschichtsbücher zählt nur, dass Gerd Müller das Siegtor erzielt hat. Spätestens seit damals könnte man in schönster Tautologie sagen: Wer gewinnt, hat immer verdient gewonnen. Denn andernfalls… hätte er doch nicht gewonnen!

In diesem Sinne stelle ich mir einmal vor, was die Chelsea-Spieler, ihr hochrespektabler Trainer Guus Hiddink und auch manche meiner Journalistenkollegen gesagt hätten, wäre Iniestas Schuss nicht im Tor gelandet. Tja, hätten sie gesagt (und geschrieben), man muss eben clever sein. Strategisch denken. Die nötige Härte mitbringen und so weiter. In der Premier League, da wird der wahre Fußball gespielt. Dieses eitle Ballgeschiebe von Barcelona hat doch keine Zukunft. Es gibt keine Schönheitspreise!

Dass sie alle das jetzt nicht sagen (und schreiben) können, liegt allein daran, dass ein Mann namens Essien in der 94. Minute über den Ball gesäbelt hat, weshalb Messi die Gelegenheit bekam, die Kugel auf Iniesta zu spielen, der seinerseits mit dem rechten Fuß draufhalten konnte. Ging doch ganz einfach, nicht wahr? Dabei war es buchstäblich Barças erster Schuss auf (und nicht neben oder über) das Tor von Peter Cech. Wie seltsam das alles ist! Und wer wollte darin einen Sinn erkennen? Wenn man es zu Ende denkt, müsste man auch das wunderschöne Tor von Essien in der 9. Minute für Zufall halten. Es war ein ja ein Abpraller, den er ins Tor gedroschen hat, keine durchdachte Flanke. Ich höre jetzt lieber damit auf.

Nur noch zwei, drei Bilder, die sich eingeprägt haben. Erstens, dass Barcelona wenig protestiert hat, als Abidal nach einer durchaus sonderbaren und aufklärungsbedürftigen Szene vom Platz gestellt wurde. Natürlich hat Eto’o etwas geschimpft, wie er das immer tut, aber das war auch alles. Zweitens, dass Ballack, als er in der 96. Minute seinen Elfmeter nicht bekam, wie ein Besessener wild gestikulierend hinter dem Schiedsrichter hergerannt ist und sich zum Affen gemacht hat. Ein unschöner Anblick für uns Deutsche – und Ballacks längste, auffälligste Szene im ganzen Spiel. Jetzt mal ehrlich: Hätten Sie sich wirklich gewünscht, dass dieser Mann im Finale von Rom steht (das er dann sowieso verloren hätte)?

Ach ja, die Beine von Andrés Iniesta. Ein großartiger Spieler, dieser Junge aus der Mancha, aus der bekanntlich auch Sanchos Esel stammt, Sie erinnern sich. Etwas blass im Gesicht, so dass man sich manchmal Sorgen um ihn machen möchte. Aber was für ein Kämpfer und Techniker, einfach nicht kleinzukriegen. Ich weiß, das ist wieder keine richtige Kategorie, mit der sich etwas anfangen lässt, und die Sportartikelwerbung bevorzugt sowieso harte Jungs wie Ballack und Drogba. Doch ich bleibe dabei: Es ist gut so, wie es gekommen ist, gut für uns alle, nur in London wissen sie es noch nicht.


29 Lesermeinungen

  1. Madrid sagt:

    Sie müssen nicht schimpfen,...
    Sie müssen nicht schimpfen, Astridfaz, sonst glaubt man, Sie seien Chelsea-Fan. Wie wir hier entdecken, sind viele Szenen unterschiedlich auslegbar. Unser unbestrittener Vorteil gegenüber den Akteuren von gestern abend liegt darin, dass wir ruhig am Schreibtisch sitzen, jeder an seinem. Jetzt wäre ich gespannt, von Ihren Mannschaftssporterfahrungen Näheres zu hören.

  2. roger67 sagt:

    <p>don pablo, zidane...ein...
    don pablo, zidane…ein spieler seiner magie wird wohl grundsätzlich nie vergessen werden. nicht nur, aber auch dank materazzi und italien. italien – auch hier wären gedanken über spielphilosopie und effizienz angebracht, aber lassen wir das. barca hat tatsächlich in einer einer schier ausweglosen situation mut, passion und herz bewiesen. sie haben recht, dies verdient anerkennung. und don jorge: fussball kann vielen menschen, die sich u.a. mit lebensphilosophischen, wissenschaftlichen, künstlerischen oder wirtschaftlichen dingen beschäftigen, vielleicht nur ein achselzucken entlocken. fussball aber weckt emotionen – und ist es nicht so, dass menschen intensiv berührt werden wollen? ein spiel wie das gestrige lässt für einen moment eine wirtschaftskrise klein und unbedeutend erscheinen.

  3. roger67 sagt:

    <p>astridfaz, ich denke, häme...
    astridfaz, ich denke, häme wird hier in keinster weise ausgeschüttet und ich sehe auch nicht das bild des hässlichen deutschen, das sie interpretieren wollen. in der britischen presse wird mit michael ballack gemeinsam mit didier drogba für seinen ausbruch sehr hart ins gericht gegangen – da erscheint mir ihre aufregung über kritische anmerkungen an dieser stelle doch sehr überzogen. vor allem, da sie betonen, als blogger weniger emotional als andere in bestimmten situationen zu sein. mag sein, dass sie michael ballack aus patriotischen gründen einen abwehrversuch unterstellen wollen – und vielleicht sieht er es ähnlich. glauben sie mir, es gibt tatsächlich fußballerfahrenere als uns beide, die da eine ganz andere betrachtungsweise haben werden…freuen sie sich einfach nur, dass man sich auch in einem fazblog über so unwichtige dinge wie fußball so leidenschaftlich austauschen kann…

  4. ...
    Schiedsrichterfehlentscheidungen aufzurechnen ist vielleicht nicht die schönste Art der Fußballkommentierung, für den Fan aber gleichwohl notwendig. Zum Fandasein gehört ja auch die Legitimierung der Erfolge des eigenen Vereins und damit eben des eigenen Daseins. Hier und heute kann man es aber kurz machen: Was ist schon der Verweis auf den nicht gegebenen Elfmeter und die viel zu sparsam gegebenen Karten im Hinspiel oder die, nun, etwas merkwürdige Rote für Abidal (oder gar, wie es einem spanischen online-Kommentator angesichts Hiddinks Superlativs einfiel, auf das WM-Viertelfinale Spanien-Südkorea anno 2002) gegen die wahrhaft höhere Gerechtigkeit? Wer wie Drogba eine notorische Tendenz zum diving hat, muss dafür mit einem schiedsrichterseitigen Verlust an Glaubwürdigkeit rechnen. Unberechtigt gegebene Elfmeter, die vielleicht nicht einmal im Kopf eines ausschließlich ergebnisfixierten Trainers nötig gewesen wären, werden im unpassendsten Moment mit zu Unrecht nicht gegebenen Elfmetern vergolten.
    Zufrieden bin ich als culé dennoch nicht. Nicht wegen des Schiedsrichters, sondern weil Barça sich vor Europas Augen nicht von seiner besten Seite gezeigt hat. Ich musste mit anhören, dass der Mann am Sat1-Mikrophon darüber räsonierte, dass Barça, horribile dictu, die kopfballstarken Männer fehlen würden, um Standards und Flanken in Tore zu verwandeln. Und statt der eigentlich gebotenen Antwort aus Toren nach traumhaften Kombinationen wie – Verzeihung, Don Paul – am Samstag sah ich nur hilfloses Herumstochern. Es frohlockten wohl diejenigen, die beim Viertelfinal-Rückspiel in München das Transparent „Gegen den modernen Fußball“ hochhielten.

  5. Madrid sagt:

    Die das Transparent...
    Die das Transparent hochhielten, Amadisdegaula, wo sind die denn jetzt? Und wo ist das Transparent? Und was ist nochmal aus Ihrem Verein geworden?
    Nein, von einem Traumspiel gestern möchte man wirklich nicht sprechen, aber das war unter diesen Bedingungen, gegen diesen Gegner auch schwerlich zu erwarten. Dennoch habe ich Barcelona in der zweiten Halbzeit, besonders nach dem Platzverweis, sehr ansehnlich gefunden. Auswärts. Halbfinale. Gegen Chelsea. Dicker kann es doch kaum kommen. Dass ich hier klinge wie ein Fan, hätte ich mir auch nicht träumen lassen.

  6. Dulcinea sagt:

    Das erste, was ich gestern im...
    Das erste, was ich gestern im Land der SAT1-Kommentatoren sah, war ein Autokennzeichen, das mit „BAR-CA“ anging. Ein Omen, natürlich! Ich wußte also, daß wir weiterkommen würden, nur: wer? wie? wann? Mein armes Herz so gelb, wie hat es leiden und geduldig sein müssen! 93 Minuten lang! Und dann der Riesensprung. Was bringen wir hier in der Mancha nicht für poetische Helden hervor! Der zwölfjährige Iniesta, der damals gerade anfing bei Barca, war übrigens Fan von Real Madrid. So sagt er zumindest in einem Interview: https://www.youtube.com/watch?v=YjEumayZuxo (Minute 4). Zum Glück ist er bei uns geblieben. Das Wirklichgewollte, gestern haben wir es geschafft!

  7. Madrid sagt:

    Eine verspätete, aber...
    Eine verspätete, aber hoffentlich bereichernde lexikalische Anmerkung zu dem Vorwurf, hier würden Menschen (Ballack) mit Tieren (Affen) verglichen. „Sich zum Affen machen“ ist ein bildhafter Ausdruck und heißt natürlich nicht, der betreffende Mensch sei (oder sehe aus wie) ein Affe. Die volkstümliche Redensart bedeutet: sich blamieren, sich bloßstellen, durchdrehen und einiges mehr. Wir Kölner sagen gern, wir hätten „einen Affen gekriegt“, wofür ich jetzt die ungefähre kölsche Umschrift liefere: „ne Aap kräje“. Und so einen Affen… hat leider auch Michael Ballack gekriegt.

  8. Damit, dass die...
    Damit, dass die Transparenthochhalter in ihrem beschränkten Horizont mit dem bald wieder zu erwartenden Abonnement auf die deutsche Meisterschaft bei gleichzeitigem Ausscheiden spätestens im Achtelfinale der Champions League zufrieden sein werden (liegt ja nur am Geld, das die armen Bayern im Gegensatz zu Europas Großen nicht haben…) könnte ich ohne Weiteres leben. Dass man sich aber von genau diesen Anhängern des Zweikämpfe-und-Standards-Fußball jetzt wieder anhören muss, dass /barka/ (!) so gut ja auch wieder nicht sei und offensives Kurzpassspiel einer kompakten Abwehr nicht beikomme, ärgert dann doch. Barça-Hymnen aus Ihrer Tastatur, Don Paul, wiegen das aber mehr als auf. Ich verspreche hiermit auch feierlich, nach dem hoffentlich noch nicht so bald eintreffenden nächsten Umschwung der fußballerischen Großwetterlage in Spanien mich redlich zu bemühen, madrilenische Leistungen anzuerkennen.
    Im Übrigen bekenne ich, dass mein Bild des gestrigen Spiels unvollständig ist: Ich ging zu Beginn der zweiten Halbzeit duschen, und danach habe ich auch nicht immer hinsehen können. Und ja, natürlich ist es schön, gegen bei Chelsea den Einzug ins Finale wenn nicht erspielt, so doch erkämpft zu haben. Und spätestens, wenn das Endspiel gelingt, sind die gestrigen Schwächen nicht mehr als eine Fußnote. Insofern bitte ich um Verzeihung, hier unserem Ruf gerecht geworden zu sein: https://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/das_griesgraemigste_publikum_der_welt_1.716941.html
    OT: Dürfen eigentlich nur FAZ-Redakteure Leer- und Sonderzeichen in ihren Nicks verwenden, oder wie mache ich aus meinem Amadisdegaula einen Amadís de Gaula?

  9. Wenn man alle 4 Spiele des...
    Wenn man alle 4 Spiele des CL-Halbfinals gesehen hat, so muss man konstatieren, dass ManUtd. den komplettesten Fußball vorstellt. Was ist der erfolgreichste Fußball? Eine Mischung aus Beton-harter italienischer Defensivkunst, inspiriertem Kurzpass- und Kombinationsfußball spanischer Schule und druckvollem, energischem Powerspiel von der Insel. All das verkörpert Manchester.
    Sie werden das Endspiel nur mit Pech a la Chelsea verlieren.
    Allerdings wäre Chelsea nur mit Missmut der Fußball-Ästheten im Finale angebracht gewesen. Sie verkörpern eine, zwar durchaus legitime, Philosophie des Spiels, die zum Zunge-schnalzen nicht gerade einlädt.
    Hoffentlich gelingt es Barca, dem nahezu perfekten Spiel von ManUtd. mehr entgegenzusetzen als Arsenal. Den Fußballgenießer würd‘s freuen!

  10. Madrid sagt:

    Amadisdegaula, ich weiß...
    Amadisdegaula, ich weiß nicht, ob wir Ihnen mit Sonderzeichen dienen können. In Kommentaren schreibe ich Barca ja auch falsch, notwendigerweise. Bei Gelegenheit erkundige ich mich danach, ob es auch anders geht.

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