Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Arm, aber sexy: Spanier bevölkern Berlin

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Neulich in Berlin fühlte ich mich wie in Madrid. Die deutsche Hauptstadt ist voller Spanier. Viele reisen zum Vergnügen dorthin, für ein paar Tage, erlaufen sich die Sehenswürdigkeiten und haben auch noch Glück mit dem Wetter. Auf dem Kurfürstendamm kamen mir vier sehr gepflegte, angeregt plaudernde Damen entgegen, und ich brauchte keine drei Sekunden, um sie als Madrileninnen zu identifizieren.

Neulich in Berlin fühlte ich mich wie in Madrid. Die deutsche Hauptstadt ist voller Spanier. Viele reisen zum Vergnügen dorthin, für ein paar Tage, erlaufen sich die Sehenswürdigkeiten und haben auch noch Glück mit dem Wetter. Auf dem Kurfürstendamm kamen mir vier sehr gepflegte, angeregt plaudernde Damen entgegen, und ich brauchte keine drei Sekunden, um sie als Madrileninnen zu identifizieren. Die Gesten, die Kleidung, der Tonfall verrieten sie. Und ich malte mir aus, mit welch beglücktem Staunen die vier Damen in einem Restaurant die Speisekarte in die Hand nähmen und sähen, dass man in Berlin auch für weniger als fünfzig Euro pro Nacken essen kann.

Eine andere Spezies Spanier erzählte mir neulich von etwas, was ebenfalls mit Geld zu tun hat. Juan Medina, ein Maler, der früher in Barcelona wohnte, hat sich ein Loft in Berlin gekauft und verbringt einen Teil des Jahres dort. Den anderen Teil des Jahres arbeitet er an der Küste in Cadaqués. Der Vermieter seines früheren Atelierraums im Barceloneser Stadtteil Poblenou forderte plötzlich nicht mehr 800, sondern 1300 Euro im Monat, und das sind Kosten, die sich selbst ein erfolgreicher Künstler nicht unbedingt ans Bein binden will.

Im Gespräch skizzierte Medina noch einmal einen Zusammenhang, der für alle Avantgarden der Welt gilt: Junge Künstler können nicht dort leben, wo es dauerhaft teuer ist; das können sie erst, wenn sie arriviert sind. Deshalb siedelt sich neue Kunst an den billigeren Orten an. Irgendwann mag es sein, dass diese ehemals billigen Orte ihrerseits teuer werden, und dann wird es für diese Künstler Zeit, wieder zu gehen. Aber solange es bezahlbar bleibt und genügend Kollegen dasselbe denken, kann der betreffende Ort Heimat und Biotop der Kunstszene werden. Und genau das, so Juan Medina, sei mit Berlin passiert. Der Maler zögerte keine Sekunde, Berlin als attraktivste Kunstmetropole Europas zu bezeichnen. Nur das Schlagwort „Arm, aber sexy“ erwähnte er nicht. Aber ich bin sicher, er meinte es.

Am selben Berliner Wochenende war ich mit einer gemischten spanisch-deutschen Gruppe beim Abendessen, und danach gingen wir in Richtung Hotel. Es war nach 23 Uhr, und der Abend wurde schon frischer. Jetzt begriff ich, warum das Bräunungscenter, das wir passierten, die Dimensionen eines Hotelpalasts hatte. Dennoch wagten wir es, uns in einem Café im Freien niederzulassen: Über der Lehne jedes Aluminiumstuhls hing eine rote Ikea-Decke, ein Produkt aus Mikrofasern, das leicht, billig und problemlos waschbar ist. Und so tranken wir unser Bier, umhüllt von Mama Ikea, und dachten: Die Gastronomen dieser Stadt machen sogar Erfindungen. Vermeiden die Heizpilze und kehren zur ursprünglichsten Methode von allen zurück, der warmen Verhüllung.

Tags darauf sah ich die sauber gefalteten Ikea-Decken noch in einem anderen Berliner Café, diesmal in Hellgrün. Jetzt frage ich mich, wann Real Madrid endlich diese gigantischen Heizpilze im Bernabéu-Stadion abstellt und auch solche Mikrofaser-Decken austeilt. Und was geschähe, wenn alle Zuschauer sich entschließen würden, das Zeugs aus Protest über das miese Spiel ihrer Mannschaft auf den Rasen zu werfen. Eine Lawine, eine Naturkatastrophe wäre die Folge. Unter Decken begrabene Spieler. Die Krankenwagen blieben stecken. Nicht auszudenken. Zum Glück wird es jetzt richtig warm, das Heizproblem stellt sich erst wieder im nächsten Winter, und dann haben wir längst einen neuen Präsidenten.


36 Lesermeinungen

  1. Don Pablo, Sie können nicht...
    Don Pablo, Sie können nicht einmal in Berlin aufhören, an Real Madrid zu denken!?!? Nehmen Sie bitte die Sache nicht so ernst!

  2. <p>Herr Ingendaay, ich dachte...
    Herr Ingendaay, ich dachte schon Sie seien verloren gegangen, in abendlich entvölkerten Städten. Zwischen gruseligen Wettbüros, an die ich mich auch erinnere.
    Ziehen Künstler wirklich der preiswerten Miete hinterher? Ich finde da Ihren Gedankengang zu ökonomisch. Wenn es wirklich preiswert wäre, dann müsste mein derzeitiger Aufenthaltsort von avantgardistischen jungen Künstlern nur so überlaufen. Gut, Künstler gibt es hier tatsächlich viele, aber die reproduzieren die 500 Jahre alte Altarkunst ihrer Vorväter. Naja, damit verdient man wohl auch nicht viel.
    Andererseits meine ich mich zu erinnern, dass gerade Barcelona in dem neuen Forum Viertel vor einigen Jahren Raum für junge Künstler anbieten wollte, aber ich habe noch nichts von der dortigen florierenden Kunstszene gehört. Man kann dem Künstler eben nicht dekretieren, woher er seine Inspiration bezieht.
    Sie, Herr Ingendaay, sind doch auch ein Künstler, und ich nehme nicht an, dass Sie wöchentlich den europäischen Wohnungsmarkt studieren auf der Hatz nach noch günstigeren Räumen. Stattdessen wohnen Sie im nicht so preiswerten Madrid, welches Sie aber so sehr anregt, dass Sie sogar diesen schönen Blog ins Leben gerufen haben.

  3. Ach, Berlin, das arme...
    Ach, Berlin, das arme Landmädchen, das sich nun zur Stadtschönheit mausern muß. Noch immer größtenteils pleite, scheint mir das mit den roten Decken eine sehr gute Idee zu sein. Wir in El Toboso pflegen zu sagen: Lieber reich und gesund als arm und krank, aber nun. Bei so viel Berlinbegeisterung aller Orten schweige ich lieber still.

  4. Sie haben ja recht, Don Jorge,...
    Sie haben ja recht, Don Jorge, ich sollte mir diesen Verein mal aus dem Kopf schlagen. Aber sehen Sie, man hört eben nicht auf, darüber nachzudenken, und alles, was ich hier garantieren kann, ist, meine Reflexionen in Grenzen zu halten.

  5. Das ist sehr hübsch,...
    Das ist sehr hübsch, Albero-Amarillo, wie Sie sagen, ich sei Künstler! Ich werde mich bemühen, die künstlerischen Momente zu vermehren. Sehr oft bin ich aber einfach nur Korrespondent, der hier eine Aufgabe hat und schon allein aus diesem Grund nicht wegmöchte, er mag diese Aufgabe nämlich.
    Die Schilderung von Juan Medina schien mir zu beschreiben, wie sich Viertel in etwas anderes verwandeln und dann wieder in etwas anderes: Transformationen, die man alle paar Jahre überprüfen könnte. Das Poblenou ist ja wirklich ein Beispiel. Maler mögen übrigens anders reagieren als Schriftsteller, ich weiß es nicht. Gute Literatur kann überall geschrieben werden. Aber auch ohne romantische Überhöhung lässt sich sagen, dass es zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten eine hohe Konzentration von Künstlern gab, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dort auch billiger Wohnraum und ein einfacher Mittagstisch zu bekommen war. Will ich dort wohnen? Nein, weil ich nicht wüsste, wohin mit dem Hund. Der braucht keine Szenekneipe, sondern Platz im Grünen. Was das für mein Künstlertum bedeutet? Dios lo sabe.

  6. Ja, das mit den...
    Ja, das mit den künstlerischen Momenten, das wäre doch schön, Don Paul. Wollen Sie denn nicht einmal wieder etwas photographieren? Es gab so schöne Anfänge…

  7. Ich habe mich ein wenig dafür...
    Ich habe mich ein wenig dafür geschämt, noch immer nicht mit dem Bildprogramm zu arbeiten, das die Fotos verkleinert. Dabei habe ich jetzt eins! Ich will es demnächst in Angriff nehmen.

  8. "vier sehr gepflegte, angeregt...
    „vier sehr gepflegte, angeregt plaudernde Damen“ … da braucht es wahrhaft deutlich unter drei sekunden, um solch einen trupp in jedem strassenbild als madrileñas zu identifizieren – im berliner strassenbild zudem.
    etwas anderes – und das sei hier gaenzlich zusammenhanglos erwaehnt: ein freund vertritt die wenig kuehne these, dass madrid die weltmetropole attraktiver singlefrauen (aus besten familien – wen solches interessiert) ueber 34 sei. und in der tat scheint es so, dass spanisch fruehgeschlossene ehen auch haeufig frueh geschieden werden – von den neu-spanisch nie geschlossenen ehen nicht zu reden.
    das nur als tip fuer jene alleinstehenden leser, die sich in buxtehude, am tegernsee oder auf dem berliner mount pregnant (prenzelberg) im besten mannesalter son bisken verloren vorkommen.

  9. Statistisch kann ich wenig...
    Statistisch kann ich wenig dazu sagen, abfeldmann, das werden Sie verstehen. Der optische Eindruck – ganz allgemein – steht der These aber nicht entgegen. Und bei Gelegenheit sollten wir einmal über spanisch-deutsche Ehen sprechen, auch ein kleiner Kosmos, über den es viel zu lernen gibt.

  10. Ach ja, die künstlerischen...
    Ach ja, die künstlerischen Momente! Die sollten sich allerorten vermehren. Bei Ihnen ist ja die Bilanz der künstlerischen Momente deutlich im Plus. Andernorts dagegen gibt es reichlich Nachholbedarf.
    Man kann doch eigentlich nicht das inspiratorische Künstlerdasein vom transpiratorischen Arbeiterdasein trennen. Wenn Sie Ihre geliebte Korrespondententätigkeit als so unkünstlerisch darstellen, sehe ich Sie im Geist am FAZ Fliessband Schicht schieben. Ist es so? Was sagt Ihr Hund? Wartet dass Sie ihn in der – dann künstlerischen – Freizeit spazierenführen?
    Davon abgesehen: Es stimmt. Viertel verändern sich. Die Leute mit ihnen.
    Die hiesige Untergrund und Rotlichtmeile ist renoviert worden (uh wie hässlich ist sie jetzt), die Künstler verschwinden, abgesehen von den üblichen die-hards. Statt dessen tauchen jetzt die sonntäglichen Spaziergänger auf, auch diese mit Hund. Um das Bonmot abzuwandeln: Die Hunde bellen, die (Künstler)karawane zieht weiter!

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