Sanchos Esel

Die Beine von Carles Puyol oder: Der schönste Fußball der Welt ist auch der beste

Wir sollten nicht alles glauben, was in der Zeitung steht. Zum Beispiel, dass Manchester United ein knallhartes, oberprofessionelles, mit allen Wassern gewaschenes Team sei, einen ausgekochten Trainer habe und diesen feingliedrigen Schönwetterfußballern aus Barcelona todsicher zeigen werde, wo es langgeht. Nun, Sir Alex Ferguson hat in 23 Jahren zweimal den wichtigsten europäischen Pokal geholt, das ist nicht gerade berauschend. Und dieses Jahr ist es wieder nichts geworden. Seine Leute leisteten den Katalanen deutlich weniger Widerstand als der FC Chelsea. Cristiano Ronaldo hat wieder einmal in einem großen Finale versagt und ist auf dem Weg, ein zweiter Michael Ballack zu werden. Und was ich schon seit langem unter Freunden und in der Familie erzähle, hat sich abermals bestätigt: Ein Mann mit Ohrknopf, theatralischen Gesten und konstant tränenfeuchten Augen… Es liegt einfach kein Segen darauf.

Erinnern Sie sich, wie viel wir hier von den Beinen von Iniesta, Messi und Xavi geredet haben? Nun, es hatte doch alles seinen Sinn. Diese Beine… haben die meistgefürchtete Mannschaft weit und breit schwindelig gespielt.

Den Tag des Finales habe ich in Córdoba verbracht, bei den Stieren. Doch um 20:30 Uhr musste ich schnell eine Bar mit großem Bildschirm finden, um mich warmzumachen, wie es im Fußballjargon heißt, und ich fand sie gleich gegenüber der Stierkampfarena. Den ganzen Abend hindurch waren wir sieben Leute, davon zwei Alkoholiker, von denen wiederum einer sein altes Ronaldinho-Trikot mit der Rückennummer 10 trug. Das hat mich so gerührt, dass ich ein Bier auf die Vergangenheit trinken musste. Er auch.

Nach Barcelonas Führungstreffer sagte Nummer 10 zu mir:
„Wissen Sie, was jetzt gut wäre?“
„Nein“, sagte ich.
„Wenn Barça ganz schnell das 2:0 machen würden.“
„Wirklich?“
„Ja“, sagte Nummer 10. „Das würde dem Spiel eine Richtung geben.“
Wir prosteten uns zu und warteten auf das 2:0.

Was mir auffiel: Der schönste Fußball der Welt war auch der beste. Als hätte mir jemand beweisen wollen, dass die Welt, allem Anschein zum Trotz, sinnvoll geordnet ist. Ich kann gar nicht sagen, wie beruhigend das ist. Fast so beruhigend, wie Silvio Berlusconi auf der Tribüne beim Nickerchen zu beobachten. Ich bin sicher, die Bilder des fest schlafenden italienischen Ministerpräsidenten gehen um die Welt. Was muss auf dem Rasen denn noch passieren, um den Mann wachzuhalten? Und alles nur, weil sein eigener Verein nicht mitgespielt hat?

Nach dem Schlusspfiff musste ich mich schütteln, um die Gesichtsstarre zu lösen. Ich hatte die ganze Zeit gelächelt, weil Barcelona so unbeeindruckt und mutig gespielt hat. Messi hatte vielleicht die schwierigste Aufgabe. Wie er immer wieder durch die Mitte ging und diese einen Kopf größeren Leute stehenließ, war ein ästhetischer Genuss. Und dann sein Kopfballtor. Gut, das sollen die Sportkommentatoren analysieren.

Einen anderen muss man noch hervorheben, und das ist der Kapitän Carles Puyol, der nicht gerade für seine feine Technik berühmt ist. Ausgerechnet im Finale als Flügelstürmer aufzutreten und sich in jeden Kampf zu werfen war eine Heldentat. Ich habe mich sogar an seinen Haarschnitt gewöhnt. Puyol ist ein echter Rocker, einer der wenigen, die uns geblieben sind. In Gedanken führte ich darüber ein Gespräch mit Nummer 10. Es ging ungefähr so:
„Wissen Sie“, sagt Nummer 10, „was ich an diesem Puyol so toll finde?“
„Nein.“
„Diesen irren Schnitt, den er trägt. Wie ihm die Haare an der Nase kleben, wenn er schwitzt.“
„Wirklich?“
„Ja. Echt irre.“
„Und warum?“
„Er erinnert mich an meine eigene Jugend. Puyol ist ein echter Rocker.“
„Einer der wenigen, die uns geblieben sind?“
„Ja, Mann“, sagt Nummer 10. „Woher wussten Sie das?“

In der Nacht, als ich durch die Altstadt von Córdoba lief, kam plötzlich ein Auto mit einer katalanischen Fahne vorbei, und von irgendwoher hörte ich zaghaftes Hupen. Nun ja, Spanien ist groß, und hier ist Andalusien.

Ich höre jetzt auf, möchte nur noch zweierlei sagen: Einerseits, dass ich verspreche, in nächster Zeit weniger vom Fußball zu reden, denn die Saison ist vorbei, und neue Schrecken sind nicht in Sicht, wenn ich mal von Real Madrid absehe. Und andererseits, dass Don Quijote und Sancho Panza bis nach Barcelona gekommen sind. Sanchos Esel also auch.

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