Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Hundert Jahre Juan Carlos Onetti oder: Vielleicht sind wir faule Leser geworden

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In seinem Buch "Confesiones de un lector" (Bekenntnisse eines Lesers) schildert Juan Carlos Onetti, wie er in der legendären Zeitschrift Sur zum erstenmal in seinem Leben eine Erzählung von William Faulkner las. Mario Vargas Llosa gibt für dieses Erlebnis das Jahr 1953 an; Onettis kleiner Essay verschweigt das Datum.

In seinem Buch Confesiones de un lector (Bekenntnisse eines Lesers) schildert Juan Carlos Onetti, wie er in der legendären Zeitschrift Sur zum erstenmal in seinem Leben eine Erzählung von William Faulkner las. Mario Vargas Llosa gibt für dieses Erlebnis das Jahr 1953 an; Onettis kleiner Essay verschweigt das Datum. Da Sur 1931 gegründet wurde und Faulkner zwischen 1929 und 1938 eine erstaunliche Reihe von großartigen Romanen schrieb, hätte diese erste Lektüre durchaus auch Mitte bis Ende der dreißiger Jahre stattfinden können. Aber egal. Onetti, 1909 geboren, kauft also im Zentrum Montevideos die Zeitschrift, beginnt im Gehen zu lesen, merkt bald, dass die Übersetzung in Spanische etwas tolpatschig ist, und wird von der Erzählung dennoch so in den Bann gezogen, dass er sich auf dem Trottoir womöglich anrempeln lässt und, wer weiß, mit Glück einem kleineren oder größeren Unfall entgeht. Dann setzt er sich ins nächste Café, liest die Geschichte zu Ende („felizmente olvidado de quienes me estaban esperando“) und beginnt gleich wieder von vorn.

Ich erzähle diese kleine Episode aus drei oder vier Gründen.

1. Können wir uns überhaupt noch vorstellen, wie es gewesen sein muss, von einer Literaturzeitschrift so beeindruckt zu werden, dass man das Gehen vergaß oder Gefahr lief, gleich vor einem Laternenpfahl zu landen? Es gibt ja noch heute gute Literaturzeitschriften, wenn auch weniger als früher. Doch längst werden sie zu jenem Teil der gedruckten Hochkultur gerechnet, welche die neuen Technologien – allen voran das Medium, in dem dieser Blog erscheint – nach landläufiger Meinung zum Aussterben verurteilt haben.
2. Könnten wir uns von einer guten Erzählung so mitreißen lassen, dass wir eine Verabredung mit unseren Freunden vergessen?
3. Erinnert sich noch jemand an den großen, störrischen, raumgreifenden, unverschämt subjektiven und eigensinnigen Erzähler, der William Faulkner war?
4. Liest noch jemand Juan Carlos Onetti, den… großen, störrischen, raumgreifenden, unverschämt subjektiven und eigensinnigen Erzähler Lateinamerikas?

Ich stelle diese Fragen nicht Ihnen. Ich stelle sie uns. Und indem ich sie auch mir selbst stelle, frage ich mich noch etwas anderes. Wann fangen wir Bücherleser an, träger zu werden, das Risiko zu scheuen und lieber unterhalten statt provoziert zu werden? Über Bücher zu schreiben, zumal professionell, liefert einem noch kein Gegengift. Eher im Gegenteil. Und Leselisten – zwanzig Bücher für den Sommer! – helfen da wenig. Auch Bewunderung kann routiniert werden. Und Ablehnung, die sich als Geschmacksurteil tarnt, erst recht.

Kurioserweise gibt einem in manchen kulturmüden Momenten nur die radikale Subjektivität der Privatleser den Glauben zurück, in der Literatur könne es wirklich um alles gehen. Zum Beispiel, wenn jemand von der Bedeutung erzählt, die ein gewisses Buch unter bestimmten Umständen für ihn (oder sie) gehabt habe. Oder wenn wir uns an bestimmte Reisen vor allem mit Hilfe der Romane erinnern, die wir dort (an der spanischen Atlantikküste, an der Côte d’Azur, an der portugiesischen Westküste im Spätsommer) gelesen haben.

Denken Sie einmal an alte Schriftsteller, die ihr eigentliches Werk hinter sich haben und genau wissen, dass sie vor allem Reste ihrer früheren Kreativität verwalten. So etwas gibt es. Womöglich sind sie krank, sehen oder hören schlecht und kämpfen mit ganz alltäglichen Dingen, die im Leben der Alten hohe Hürden darstellen. Für diese alten Schriftsteller bedeutet ein einziger guter Leser, der ein bestimmtes seiner Bücher in sein Leben eingewoben hat, sehr viel. Er bedeutet: Ich bin noch nicht gestorben. Man erinnert sich an mich. Ein Teil von mir lebt in meinen Buchstaben und Wörtern weiter. Wenn ich weg bin, bin ich nicht vollständig weg. Ich hinterlasse Spuren, die noch da sein werden, wenn mein Körper schon längst in der Erde liegt.

Heute morgen las ich bei El País ein wenig im Blog von Juan Cruz. Nur so. Mal schauen, was die Kollegen so treiben. Erst einmal erfuhr ich, wie Juan Cruz sein Wochenende verbracht hat, nämlich auf der Hochzeit zweier lieber Freundinnen in der Provinz Teruel, unter vielen Bäumen, und da ich annehme, dass es keine Doppelhochzeit war, werden die beiden lieben Freundinnen einander geheiratet haben. Gut. Dann ließ ich das Bild hinunterrollen, und dort, am 1. Juli, fand ich eine kleine Erinnerung an Juan Carlos Onetti, der an jenem Tag hundert Jahre alt geworden wäre.

Onetti! Schon der Name… gefällt mir. Juan Cruz hat ihn in Madrid, in seiner letzten Lebensphase, öfter gesehen. Onetti lag im Bett, trank Whisky und machte böse Witze über sich im besonderen und die Welt ganz allgemein. Es liegt etwas Tröstliches in dem Gedanken an sein Lachen, das von vielen geschildert wurde. Es liegt etwas Versöhnendes in der Bosheit und Schwärze seiner Literatur. Zu den schönsten seiner frechen Bonmots gehören die Sätze, die er einmal der Mitarbeiterin eines französischen Fernsehteams sagte: „Ihnen fällt auf, dass ich nur einen einzigen Zahn habe? Lassen Sie mich Ihnen sagen, dass ich ein perfektes Gebiss besitze, doch ich habe es Mario Vargas Llosa geliehen.“


21 Lesermeinungen

  1. tatsaechlich geht es mir so,...
    tatsaechlich geht es mir so, dass ich belletristik ueberhaupt nur kaufe, wenn mich beim aufschlagen des buches ein satz vollkommen aus der welt reisst und prioritaet vor allem anderen beansprucht.
    dass das seltener geschieht, stimmt auch – worueber man nicht zu verallgemeinern braucht.
    gestern beim lesen der fas in meinem sonntagslieblingsmadridbrunchrestaurant dachte ich aber ganz aehnliches. ich dachte, wie beliebig halbgutes schreiben geworden ist. die fas macht spass. mehr als anderes aus der heimat am wochenende. sie ist frisch.. – aber. – denn ich erinnere zeiten – so plus minus zwanzig jahre her, da hat mich das faz feuilleton eigentlich jeden morgen frisch bestellt umgehauen. da gab es saetze zu lesen, die haben dich den ganzen tag begleiten. und manchmal am naechsten tag wieder neue. – man braucht hier nicht zu verallgemeinern. aber ob stuart pigott oder claudius seidel, irgendwie schreibt und denkt man ganz gleich – und dabei habe ich sicherlich schon die orginelleren und profilierteren stimmen erwaehnt, wobei ich weit davon entfernt bin, mir ein umfassendes urteil zu erlauben. – alles sehr hell, alles sehr zeitgenoessisch.
    klassische poesie – und auch das ist wieder sehr persoenlich – finde ich zunehmend in der bildenden kunst. und hier gibt es, nebenbei erwaehnt, auch eine sehr schoene kleine galerie in madrid – ich kann fuer sie etwas werbung machen, da mich mit ihr keinerlei interessen verbinden: espacio valverde im calle valverde 30 an der grenze von chueca und malasana. – wer diese galerie kennt, wird mir zustimmen, dass hier gerne leise, lustige und feine toene angeschlagen werden. unueblich im kunstmarkt. ganz verwandt dem, was schoene saetze mit einem machen.

  2. <p>ich war wie immer zu...
    ich war wie immer zu schnell und radikal mit meinem urteil gestern. auch in den letzten jahren haben mich stimmen in der faz ungeheuer fuer sich eingenommen. dass ich hier nur zwei erinnere, liegt daran, dass ich im ausland kaum deutsche zeitungen lese – und so mir auch paul ingendaay garnicht im papier begegnen konnte, sondern erst hier. diese zwei, die mich ansprangen, mehrfach, bis ich dann ihre namen lernte, sind felicitas von lovenberg und peter richter. lovenberg schreibt aus einer sehr schoenen position klarer herzensbildung. das hat immer ein bestimmtes aire – ein bestimmtes flair, das beinahe ins naive driften koennte, was es nicht tut. ganz eigen, hat mir immer gut gefallen.
    und dann peter richter. ungeheure sachkenntnis und eine wunderbare sprache. bei richter bin ich jedesmal ueberrascht , wie pointiert und elegant er formulieren kann. und wie leicht ihm das zu fallen scheint. richters saetze, ich lese sie immer gerne. kein wort kann man beim lesen vorausahnen, und so ist seine sprache nie abgeschmackt und haelt den leser wach, frisch und begeistert. – richters klischeefreie sprachvirtuositaet ist ein sache fuer geniesser.

  3. <p>Meine Arbeitskollegen lesen...
    Meine Arbeitskollegen lesen Stieg Larsson und machen Erfahrungen, die scheinbar dieselben sind, von denen dieser Beitrag berichtet. Ich glaube nicht, dass man diesen Autor mit Faulkner und Onetti vergleichen kann. Wie unterscheiden wir dann die subjektiven Erfahrungen der Leser? Ich bin heute zu faul, eine Antwort zu suchen (abgesehen davon, dass ich zu ignorant bin, eine Antwort zu finden).

  4. "Ich bin heute zu faul, eine...
    „Ich bin heute zu faul, eine Antwort zu suchen (abgesehen davon, dass ich zu ignorant bin, eine Antwort zu finden).“ — Don Jorge, Sie haben mich soeben sehr zum Lachen gebracht! Danke! Was übersetzen Sie eigentlich für Bücher?

  5. Doña Dulcinea, ich freue mich...
    Doña Dulcinea, ich freue mich sehr darüber, dass mein Satz Sie zum Lachen gebracht hat. Meine Absicht war aber nicht, etwas Lustiges zu sagen, sondern dieser Satz war als eine leicht ironische Selbstbeschreibung gemeint. Sie lachen, und ich sollte vielleicht weinen, weil meine Selbstbeschreibungen lustig sind. Aber ich bin nicht so dramatisch. Und was meine Übersetzungen angeht, muss ich Ihnen leider mitteilen, dass ich nicht mehr übersetze. Dieser Beruf ist ruinös und grenzt an Ausbeutung. Ich war spezialisiert auf die Geisteswissenschaften, und innerhalb ihrer auf die schwierigsten Bücher, d.h. auf diejenigen Bücher, die kein anderer Mensch zu übersetzen wagte. Meine Autoren: Theodor Adorno, Walter Benjamin, Max Weber, Carl Gustav Jung, Odo Marquard, Ernst Tugendhat, Ulrich Beck, Hans Jonas, Ernesto Grassi, Stefan Breuer, Hegel, Schelling, Humboldt. Nur einmal habe ich ein erzählendes Buch übersetzt: Johannes Urzidil, „Prager Triptychon“.

  6. Don Jorge, ich ziehe den Hut...
    Don Jorge, ich ziehe den Hut vor Ihnen (und Ihrer Autorenliste). Jetzt verstehe ich manche Ihrer Bemerkungen besser. Und die Sache mit der (Selbst-)Ausbeutung des Übersetzers stimmt leider.

  7. Don Jorge, ich schließe mich...
    Don Jorge, ich schließe mich Don Paul an. Sie sind ein Philosoph! Bitte weinen Sie nicht, weil Ihre Selbstbeschreibungen lustig sind. Vielleicht sollten Sie ein Buch verfassen? Ich glaube, mich würden Sie leicht zum Lachen bringen. Oder schreiben Sie schon daran?

  8. abfeldmann, schön, dass Sie...
    abfeldmann, schön, dass Sie Ihren Enthusiasmus wiederentdeckt haben. Die beiden Kollegen werden sich freuen, wenn sie Ihr Lob lesen. Übrigens, „halbgutes Schreiben“ ist der erste Schritt auf dem Weg zum guten. Irgendwo muss man anfangen, nicht wahr?

  9. JorgeValencia, dann steht...
    JorgeValencia, dann steht sicherlich auch der wunderbare georg simmel irgendwo auf ihrer liste. – ein schwer zu baendigender bursche, kann ich mir vorstellen, weil auch sehr eigen in seiner visuellen kulturerfassung und poetischen reflexion.
    paul ingendaay, danke, ich nehme es als ermutigung. das blogkommentieren kann ja eine feine skizzenuebung sein, wobei ich mich oft im ungeluefteten monologschleifen ertappe.
    wie sagte thomas mann? keiner ist laecherlicher als der kaufmann, offizier oder jurist bei kunstuebung. – es sei denn, er habe schon mal im knast gesessen, oder anderweitig untiefen geschmeckt. – original tonio kroeger, sie erinnern sich.

  10. abfeldmann, bei meiner...
    abfeldmann, bei meiner Autorenliste handelt es sich nicht um meine Lieblingsautoren, sondern um die Autoren, die ich ins Spanische übersetzt habe. Simmel ist zweifellos noch heute lesenswert; vielleicht haben wir in der heutigen Krise etwas von seiner „Philosophie des Geldes“ zu lernen.

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