Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Carlos Ruiz Zafón und die Arbeiter der Literatur (1)

| 30 Lesermeinungen

Manche nehmen sich in den Sommerferien vor, wichtige Bücher zu lesen, etwas, wozu sie das ganze Jahr über nicht kommen, wie sie sagen, und manchmal frage ich mich, ob dieser Selbstanspruch - sich zu fordern, sich zu bilden, eine neue ästhetische Erfahrung zu machen, die möglicherweise mit einer gwissen Anstrengung verbunden ist - im Lauf der nächsten Jahre aussterben wird. Dann wieder sage ich mir: Nein, es wird immer Menschen geben, die höher greifen, als ihre Armlänge gestattet. Es wird immer Menschen geben, die etwas lernen wollen, ohne vorher genau zu wissen, was.

Manche nehmen sich in den Sommerferien vor, wichtige Bücher zu lesen, etwas, wozu sie das ganze Jahr über nicht kommen, wie sie sagen, und manchmal frage ich mich, ob dieser Selbstanspruch – sich zu fordern, sich zu bilden, eine neue ästhetische Erfahrung zu machen, die möglicherweise mit einer gwissen Anstrengung verbunden ist – im Lauf der nächsten Jahre aussterben wird. Dann wieder sage ich mir: Nein, es wird immer Menschen geben, die höher greifen, als ihre Armlänge gestattet. Es wird immer Menschen geben, die etwas lernen wollen, ohne vorher genau zu wissen, was.

Der spanische Schriftsteller Carlos Ruiz Zafón hat soeben beim Festival von Edinburgh seine These wiederholt, die Unterscheidung zwischen „hoher“ und „populärer“ Literatur sei Unfug, dahinter steckten Marktinteressen und Gier nach Meinungsführerschaft. Weil ich das Vergnügen hatte, mich mit ihm vergangenes Jahr in Barcelona länger zu unterhalten, setze ich einen Passus seiner damaligen Ausführungen hierher, so, wie ich sie vom Band transkribiert habe. Seine Sätze entsprechen ziemlich genau der auch in Edinburgh vorgetragenen These. Carlos Ruiz Zafón also sagt:

* * *

„Ich betrachte Literatur ohne Vorurteile, sagen wir ruhig: ohne Rassismus. Darunter verstehe ich, ohne Vorbehalte gegenüber den verschiedenen literarischen Formen und Gattungen, zum Beispiel ohne Einteilung in ‚ernste‘ und ‚unterhaltende‘ Literatur. Es gibt Seelenromane, Kriminalromane, Gesellschaftsromane und anderes, doch jeder Roman für sich ist zunächst ein Stück Handwerk, das beherrscht sein will. Duke Ellington sagte, es gebe nur zwei Arten von Musik, gute und schlechte. Der Rest sind Dummheiten und Vorurteile, die ja meistens nicht ohne Hintergedanken verteidigt werden. Der Erfolglose kann dann leicht sagen: Ich habe so wenig Leser, weil ich so hohe Literatur schreibe. Nein, finde ich. Die Leser geben ihr Votum ab. Sie entscheiden. Und während Der Schatten des Windes ein Buch über Leser war, wurde Das Spiel des Engels zu einem Roman über Autoren, eine Hommage an die großen Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, die täglich um ihre Leserschaft kämpfen mussten.

Der Fortsetzungsroman war die prägende Publikationsform jener Zeit. Fast alle großen Autoren veröffentlichten ihre Werke zuerst in Zeitungen und Zeitschriften, Balzac, Victor Hugo, Dickens, Tolstoi, Dostojewskij, alle schrieben Fortsetzungsromane. Diese Schreibexistenzen interessierten mich. Menschen wie Dumas oder Balzac, die sich für ihre Kunst kaputtmachten. Sie alle schrieben für Geld. Sie waren Arbeiter der Literatur. Wenn wir heute vor unseren Studienausgaben mit Fußnoten und Anmerkungen stehen, sollten wir uns daran erinnern, dass unsere Klassiker eigentlich etwas anderes waren: kein Bildungsstoff, sondern volkstümliche, vielgelesene Schriftsteller. So war es immer, von Shakespeare bis Dickens. Die Leute dagegen, die sich heute ‚Elite‘ nennen, können nichts dergleichen für sich in Anspruch nehmen. Es geht weniger um ideologische als um wirtschaftliche Interessen. Doch da könnte eine Wachablösung bevorstehen. Die Institutionen, die bereit wären, für diese selbsternannten Kulturhüter zu bezahlen, werden immer weniger, für Leute, die ‚dem Volk‘ kraft höherer Autorität erklären wollen, wo es langgeht. Dieses ‚Volk‘ macht sich gerade aus dem Staub, und zwar in rasendem Tempo!“

* * *

Soweit der Verfasser des nach dem Don Quijote bestverkauften Buchs der spanischen Literatur. Ich finde seine Sätze interessant und anregend. Sie werden auch nicht falsch dadurch, dass Ruiz Zafóns eigene Literatur an Tolstoi, Dickens oder Dostojewskij nicht annähernd heranreicht. Sie erhalten allerdings eine andere Färbung. Im Kontext des brutalen Verdrängungswettbewerbs, der auf dem Buchmarkt im Gange ist, wirken Ruiz Zafóns Thesen wie eine Aufforderung an die Leser, sich mit anspruchsvoller Prosa auf keinen Fall abzumühen, weil es sich nicht lohne. Die gute Literatur, so der Schriftsteller, ist jene, die in fetten Stapeln in der Bahnhofsbuchhandlung liegt. Abseitiges? Skurriles? Exotisches? Bleibt mir damit weg! Wir sind das Volk!

Was am Ende natürlich stimmt, weil die Zahlen immer recht haben. Nur eben, dass literarische Entdeckungen nicht von den Werbeabteilungen der Großverlage gemacht werden, sondern immer noch von eigensinnigen, unberechenbaren Einzellesern, die bereit sind, überall zu suchen und sich ihren Geschmack nicht diktieren zu lassen. Durchmustern wir die Literaturgeschichte der letzten hundert Jahre, finden wir jede Menge grandioser Bücher, die nicht als Bestseller auf die Welt kamen, sondern sich ihren Status unter oft sonderbaren Umständen erkämpfen mussten. Und das heißt: erstmal den Platz in den Buchhandlungen. Dann ihren Platz in den Köpfen der Leser.


30 Lesermeinungen

  1. <p>Willkommen zurück! Und...
    Willkommen zurück! Und gleich mit so einer Hammerthese! Es gibt keine unterschiedlichen Literaturarten, nur gute und schlechte, aber keine höhere und niedere, sprich populäre Literatur? Der Leser sei mündig? Hmm…. Ein Denkanstoß ist das allemal.
    In Deutschland werden jedes Jahr um die 100.000 Bücher veröffentlicht, das entspricht einer Quote von etwa 300 am Tag. Jeden Tag. Und das ist zunächst zu begrüssen, zeigt es doch, dass Literatur lebt. Aber wie soll sich ein unbedarfter Leser an diese Fülle herantasten? Verlage machen eine Vorauswahl, je nachdem, was sie drucken und was nicht. Aber sie drucken schon viel, es muss eine zweite Auswahl getroffen werden. Das übernehmen dann die Buchhandlungen: Manche Bücher werden sichtbar plaziert, nach manchen muss man fragen (woher weiss man überhaupt von deren Existenz? Freunde, Rezensionen.) und evtl. sogar vorbestellen. Die Kritiker spielen dabei sicher auch eine Rolle. Was gute Kritiken anheimst, wird prominenter plaziert. Was sich bereits gut verakuft, verkauft sich noch besser, wenn die Buchhändler darauf aufmerksam machen. Es ist ihr gutes Recht, sie wollen ja auch ihr Einkommen sichern. Sie dürfen sich sogar von den Verlagen dafür bezahlen lassen, dass sie bestimmte Bücher sichtbarer als andere plazieren, ich sehe darin nichts Verwerfliches.
    Aber es gibt durchaus eine höhere Literatur. Genauso, wie es eine niedere Literatur gibt. Ganz ohne eine Meinungsführerschaft anstreben zu wollen. Herr Ruiz Zafón selbst ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Verkaufserfolg wenig über die tatsächliche Qualität aussagt. Seine Bücher verkaufen sich wie warme Semmeln. Das er der Autor des zweitmeistverkauften spanischen Buches sein soll, überrascht mich schon sehr. Aber ich gönne es ihm und nehme es zur Kenntnis. Aber ich persönlich lese lieber die Bücher aus der Liste, die Sie, Herr Ingendaay, vor Ihrem Urlaub veröffentlicht haben. Da verspreche ich mir mehr davon. Nicht nur im Urlaub.

  2. Sie lesen noch, pardel! Oder...
    Sie lesen noch, pardel! Oder schon wieder. Das ist gut. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Urlaub. Es gibt ja Bücher, die auf einen warten. Von denen man dreißig Jahre lang nie etwas gehört hat, und plötzlich wird man von jemandem an der Hand genommen. Manchmal ist das ein Buchhändler.
    Übrigens ist der Zusammenhang zwischen Verkaufserfolg und literarischer Qualität ein zufälliger. Wunderbare Romane wie Lampedusas „Gattopardo“ oder Nabokovs „Lolita“ waren Bestseller, wobei der Skandal im zweiten Fall sicherlich geholfen hat. Andere großartige Bücher blieben liegen. Dasselbe gilt natürlich für die schlechten Bücher. Einige von ihnen verkaufen sich hunderttausendfach, andere gar nicht. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist, dass die guten Bücher nur schlafen, während die anderen sterben.
    Aus der Zufälligkeit des Zusammenhangs Qualität/Verkauf lässt sich ersehen, wie idiotisch das Starren auf die Bestsellerliste ist. Dass jeder Autor dorthin möchte, verstehe ich; dass aber jeder Leser dorthin sollte, wäre nicht gerade ein Zeichen für unabhängiges Denken. Und wo ist der Mensch denn unabhängig, wenn nicht in der Musik, die er hört, und den Büchern, die er liest? Also den Gedanken, die er sich macht?

  3. Ja, doch: Ich lese noch, und...
    Ja, doch: Ich lese noch, und ich hatte einen wunderbaren Urlaub. Ich lese sogar sehr gerne, nur mit Schlafen verbringe ich mehr Zeit. Noch vor der Arbeit, das kann ich mir als Freiberufler leisten, mein größter Luxus! (Wenn die Stützen der Gesellschaft im Blog nebenan das wüssten!).
    Sehr tröstlich finden ich Ihren Gedanken, wonach gute unentdeckte Bücher schlafen, die schlechten aber sterben. Jetzt, wo Google sich anschickt, alles, aber auch wirklich alles, was je gedruckt wurde, zu digitalisieren, vermutlich, weil es für das Unternehmen einfacher ist, alles wahllos zur Verfügung zu stellen als eine Auswahl zu wagen, fürchte ich, dass es im Netz zukünftig viele Buchzombies geben wird. Ich bin mal gespannt, wie wir mit dieser Flut umgehen, wenn sie denn kommt.
    Schön, wieder von Ihnen zu lesen!

  4. Manche nehmen sich in den...
    Manche nehmen sich in den Sommerferien vor, keinesfalls ihren Lieblingsblog zu vermissen, etwas, wozu sie das ganze Jahr über nicht kommen, weil der Blog ja – wie sie sagen – vorhanden ist! Bloß eben im Sommer nicht. Und der spanische Sommer ist lang. Ich gebe zu, ich habe es nicht geschafft. Kein Blog – kein Kommentar! Das war traurig. Ich bin sehr froh, daß wir ihn wiederhaben, den Blog. Meiner Selbstverwirklichung wegen! Danke! Warum nun der eine Roman erfolgreich ist, der andere nicht, läßt sich meiner Meinung nach mit der These von der Beherrschung des Handwerks, wie sie Zafón vorbringt, nicht erklären. Wir gehen doch davon aus, daß jemand, der etwas veröffentlicht, sein Handwerk beherrscht. Hoffentlich! Erst danach kommen die interessanten Fragen. Zum Beispiel, ob „erfolgreich“ überhaupt ein passendes Kriterium für Literatur ist. Oder für Schriftsteller. Gut. Wenn man von seinem Schreiben leben kann, dann ist das schon ein Riesenerfolg heute. Das stimmt. Sagt das etwas über die literarische Qualität der Texte aus? Nein. Sie sagen es ja auch, Don Paul. Nur, weil man den heutigen Literaturbetrieb beherrscht, schreibt man noch lange keine gute Literatur. Andersherum kann man natürlich gute Literatur schreiben und den Markt trotzdem beherrschen. Entscheidender ist doch, ob uns ein Werk auch in ein- bis zweihundert Jahren noch ins Leseglück entführen kann. In zweihundertfünzig Jahren noch die Phantasie anfachen! Ob uns die Sprache dann noch fesseln kann, wenn wir ihrem Verfasser schon längst keine Leserbriefe mehr schreiben können.

  5. Ich bin auch nicht willens,...
    Ich bin auch nicht willens, mich in jeden noch so windigen Gedankengang eines Autors oder sogar Schriftstellers hineinzufinden, der behauptet, hohe Literatur zu schaffen, weil er wenig konsumerabel ist. Dennoch ist Carlos Ruiz Zafóns Argumentation einfach schäbig. Ich befürchte, wir müssen ihn uns als einen glücklichen Menschen denken.
    Keep on rollin‘, stone.

  6. Dulcinea, Sie beschämen mich...
    Dulcinea, Sie beschämen mich wieder. Sollte es hier so nett weitergehen, wie es vor einem Monat aufgehört hat? Erzählen Sie doch bei Gelegenheit von Ihren zweihundertfünfzig Jahre alten Büchern. Die haben es ja heute besonders schwer. Dafür will ich demnächst von anderen alten Sachen erzählen. Einverstanden?

  7. Sie sind sehr streng,...
    Sie sind sehr streng, diemutsch. Das Schäbige an der These kann ich beim besten Willen nicht entdecken. Auf eine bestimmte Gruppe Autoren trifft sie ja zu. Interessanter ist die Frage, ob Ruiz Zafón glücklich ist. Und da hatte ich bei unserem Treffen den deutlichen Eindruck, er sei es nicht. Halten Sie mich nicht für vermessen. Man hat solche Eindrücke nicht bei allen Menschen. Bei diesem hatte ich ihn. Woraus ich nichts über die Frage sagen will, ob Geld glücklich macht. Ich könnte mir denken, Geld ändert uns weniger, als man gemeinhin annimmt.

  8. per email-alert ueber die...
    per email-alert ueber die rueckkehr des esels informiert sende ich herzliche gruesse.

  9. Wir grüßen auch, abfeldmann!...
    Wir grüßen auch, abfeldmann!

  10. Noch ein Wort zu den...
    Noch ein Wort zu den schlafenden Büchern, pardel. Als 1925 „Der große Gatsby“ erschien und nicht der kommerzielle Erfolg wurde, den Fitzgerald sich erhofft hatte (er wollte seine Schulden abbezahlen, aber es wurde nichts daraus), dominierte ein Dutzend Autoren die amerikanische Bestsellerliste, deren Namen wir heute nicht mehr kennen. Keinen einzigen von ihnen. Das meine ich mit gestorbenen Büchern. Im literarischen Gedächtnis sind die zwanziger Jahre die Epoche von Fitzgerald, Dos Passos, Gertrude Stein, T. S. Eliot, Hemingway und dem frühen Faulkner. Aber das Geld verdienten andere.

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