Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Siebzig Jahre Scham: Die Totenruhe des Bürgerkriegs

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Am 30. August 2006 erschien in der F.A.Z. meine Reportage über eine Exhumierung zweier Bürgerkriegstoter in Navalcán (Toledo). Fast auf den Tag drei Jahre später war ich wieder bei einer Totenausgrabung dabei, diesmal in Lario (León). Je kleiner die Dörfer, desto unheimlicher die Vorgänge. Lario hat im Winter 42 Einwohner. Auch Navalcán ist nicht groß. Und es bleiben so viele Tote, dass man bei dem gegenwärtigen Tempo noch weit mehr als hundert Jahre zu tun hätte.

Am 30. August 2006 erschien in der F.A.Z. meine Reportage über eine Exhumierung zweier Bürgerkriegstoter in Navalcán (Toledo). Fast auf den Tag drei Jahre später war ich wieder bei einer Totenausgrabung dabei, diesmal in Lario (León). Je kleiner die Dörfer, desto unheimlicher die Vorgänge. Lario hat im Winter 42 Einwohner. Auch Navalcán ist nicht groß. Und es bleiben so viele Tote, dass man bei dem gegenwärtigen Tempo noch weit mehr als hundert Jahre zu tun hätte. 

Die Fälle, um die es hier geht, sind im juristischen Sinn verjährte Morde, ganz abgesehen vom Amnestiegesetz der transición. In den Sommermonaten 1936 liquidierten die Falange, gleichgesinnte Militärs und rasch ausgehobene Kommandos vermutlich mehr als hunderttausend Menschen, darunter Frauen und Jugendliche. Die paseos (Spazierfahrten) wurden sprichwörtlich. Da im Blog Interesse daran bestand, die damals erschienene Reportage zu lesen, setze ich sie hierher. Ich habe sie im letzten Jahr auch in die achte Auflage meiner Gebrauchsanweisung für Spanien (Piper Verlag) übernommen. Demnächst werde ich anhand der jüngsten Grabung noch einmal über memoria, Verdrängung und die Gedächtnispolitik der Zapatero-Regierung schreiben. Jetzt will ich über den Artikel hinaus nur anmerken, dass die seit neun Jahren betriebenen Exhumierungen in meinen Augen das wichtigste Aufarbeitungsphänomen der jüngeren spanischen Geschichte darstellen. Nicht alle sehen das so. Für viele ist der Wunsch von (manchmal hochbetagten) Menschen, ihre seinerzeit ermordeten Angehörigen zu finden und deren Gebeine in ein würdiges Grab zu überführen, einfach nur lästig. Eine unbequeme Erinnerung. Bevor mein vor drei Jahren erschienener Text einsetzt, bitte ich Sie, eines der Fotos zu betrachten, die ich seinerzeit gemacht habe. Es zeigt eine Gruppe Menschen bei der Arbeit. So ungefähr – bei trockenem Wetter, oft im Frühjahr und Sommer – sieht es aus, wenn freiwillige Helfer nach den Spuren der Erschossenen suchen. Der Bagger hat seine Aufgabe erfüllt; von jetzt an zählt nur noch Feinarbeit. Richten Sie bitte Ihren Blick auf die rechte untere Bildecke. Mit dem, was Sie dort sehen, beginnt meine Reportage:

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Zuerst tauchen die Schuhe auf oder das, was von ihnen übrig ist. Wie in einer makaberen Imitation friedlicher Ruhe, Seite an Seite, ragen die Sohlen aus der staubigen Erde hervor, das eine Paar oben links, das andere unten rechts. Ein Vierzehnjähriger namens Armando hatte die beiden Ermordeten begraben. Es war der 4. Oktober 1936, drei Monate nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs. Kaum eine Woche zuvor hatten Francos Truppen die republikanische Belagerung des Alcázar, der Trutzburg der Provinzhauptstadt Toledo, gebrochen und damit einen Sieg errungen, der zum wichtigsten Propagandaerfolg des Bürgerkriegs wurde. Jetzt galt es, den Rest der Provinz zu säubern. In den Dörfern wurden Männer zusammengetrieben und festgesetzt. Im Morgengrauen kam ein Lastwagen voll bewaffneter Uniformierter, einer las von einem Zettel die Namen vor, jeden Tag ein paar. Dann wurden die Ausgewählten zur Erschießung abgeführt.

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Hundert- und tausendfach hat sich die Geschichte in ganz Spanien wiederholt. Die verstörte Suche der Angehörigen, das private Verscharren der Leichen, das schamvolle Verschweigen – der Makel haftete immer den Opfern an. Siebzig Jahre später tritt uns in Navalcán, 130 Kilometer westlich von Madrid, das Grauen dieser Vorgänge so unmittelbar entgegen, daß man nicht mehr an die heilende Kraft des Vergessens glauben kann.

Reisende, die zum ersten Mal die sanften Hügel im Westen der Provinz Toledo besuchen, werden die Landschaft idyllisch nennen. Die schmale Straße windet sich durch ein Paradies von Steineichen, malerischen Felsen und fast unberührter Natur. Es ist eine dünn besiedelte Gegend wie so viele in Spanien, sehr grün außer im Sommer, gut für Wanderungen, Meditationen oder die Jagd. Für den vierzehnjährigen Armando verwandelte sich die Landschaft in die Szenerie eines bösen Traums. Wie der Junge das Grab anderthalb Kilometer außerhalb des Dorfes geschaufelt, wie er die Erschossenen Kopf an Fuß in die enge Grube gelegt und dann wieder zur Schaufel gegriffen hat, um den Anblick der Toten vor der Welt zu verhüllen, konnte er sein Leben lang nicht vergessen. Bevor er vorletzte Woche starb, im Alter von vierundachtzig Jahren, bezeichnete er noch einmal genau die Stelle. Dann kam der Bagger, um die oberste Geländeschicht abzutragen, und eine zehnköpfige Gruppe, angeführt von einem Gerichtsmediziner und einem Anwalt, begann mit der Feinarbeit: der Suche nach den Resten der erschossenen Landarbeiter Mariano Rodríguez Muñoz und Benito Otero Martín.

An sechs Punkten der Provinz Toledo wird in diesen Tagen nach insgesamt fünfundzwanzig Leichen gegraben. Warum haben die Angehörigen so lange damit gewartet? Statt einer Antwort bekommt man drei. Dann fließen die Tränen. „Jeder im Dorf wußte Bescheid“, sagt Gregoria Corregidor, eine Frau weit in die Achtzig, und drückt eine Plastiktüte an die Brust. Die Nachmittagssonne brennt auf die Grabenden herab, manchmal wirbelt der Wind Staubwolken auf. Mariano Rodríguez, der Jüngere der beiden Erschossenen, war Gregorias Schwager. „Wir kannten doch die Mörder“, sagt die alte Frau, „sie waren unsere Nachbarn. Einer von ihnen wurde später Bürgermeister. Man sah sich jeden Tag. Was sollten wir tun?“

„Aber als vor dreißig Jahren die Demokratie kam“, fragen wir, „wäre es da nicht an der Zeit gewesen?“ Die Antworten sind vorhersehbar. Als die Demokratie kam, war nur Platz für die Demokratie, was im Dorf nicht dasselbe heißt wie in der Stadt. Die Dörfler sehen nicht politische Programme, sondern Menschen, denen sie beim Bäcker begegnen. Die Generalamnestie verhinderte das Aufrechnen; Rache war im Erneuerungsplan der spanischen Gesellschaft nicht vorgesehen. Und sie blieb aus, zum Wohl eines demokratischen Übergangs, für den man Spanien bewundert. Tief drinnen allerdings gärte die Erinnerung an die Schrecken. Sie war vierzehn Jahre alt, erzählt Gregoria, als sie morgens die Wäsche der Soldaten waschen mußte und dabei Schüsse hörte. Sie ging näher. Da sah sie, wie der Dorfpriester denen, die noch lebten, den Gnadenschuß gab. Keine Geschichte zum Weitererzählen.

Daß es durchaus keine Rache gewesen wäre, die republikanischen Toten aus den Massengräbern zu holen und ihnen einen würdigen Ruheort zu geben, dieser Gedanke paßt nicht in die Zeit. Bis heute nicht. Noch vor wenigen Tagen spottete ein Kommentator der Tageszeitung ABC, der „Tanz der Skelette“, den die Linke mit den Exhumierungen veranstalte, sei revanchistisch, kleinkrämerisch und ein Bärendienst am Geist der Versöhnung, wie sie der spanische König Juan Carlos nach Francos Tod eingeläutet habe. Doch von Versöhnung redet es sich leicht, wenn man ein politisches Interesse daran hat, daß die Toten in der Erde bleiben.

Diese Erde hat längst ihr Teil zur Auslöschung der Vergangenheit beigetragen. Nach den vier Schuhsohlen fördern die Freiwilligen lange Zeit nichts ans Licht. Der nächste Fund sind einige Backenzähne. Die Helfer stecken sie in ein Tütchen. Manche von ihnen studieren Geschichte, andere Biologie. Sie opfern ihre Ferien, um einer Lehrstunde beizuwohnen. Einer sagt: „Hier erlebe ich, wie Geschichte sich ablagert, ganz wörtlich. Sie lagert sich ab, und wir legen ihre unterirdischen Schichten wieder frei.“ Francisco Etxeberría, Professor für Gerichtsmedizin an der Universität des Baskenlandes in San Sebastián und schon seit sechs Jahren an den Grabungen des „Vereins zur Wiedergewinnung der historischen Erinnerung“ (ARMH) beteiligt, zeigt auf die Unterschiede in der Erdtönung. „Man kann siebzig Jahre später noch sehen, wo umgegraben wurde, es ist eine Farbmarkierung. Was nicht immer bleibt, sind die Knochen.“

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Am Grab, an dem die Freiwilligen mit Löffeln, Sieben und kleinen Schaufeln arbeiten, stehen drei Generationen von Angehörigen. Benito Sánchez, einundsechzig Jahre alt, ist der Enkel des erschossenen Benito Otero. Seine dreißigjährige Tochter hat er mitgebracht. Mit Tränen in den Augen beobachtet er die Grabungsarbeit. Kleine Bruchstücke eines Schädels werden gefunden, dann beginnt schon das Wurzelwerk. „Darunter kommt nichts mehr“, sagt Etxeberría. Es wird unmöglich sein, an den schlecht erhaltenen Resten der beiden Toten eine DNA-Analyse vorzunehmen. Die beiden Erschossenen werden auf dem Friedhof von Navalcán ein Paar bleiben; ihre Ermordung hat sie zusammengeschweißt. „Es ging auch um Nachbarschaftsstreit“, sagt Benito Sánchez über die ersten Kriegsmonate, „kleine Abrechnungen unter Leuten, die sich gut kannten.“ Bei solchen Sätzen löst sich der politische Charakter des Bürgerkriegs auf, und zurück bleibt die Geschichte von Kain und Abel.

Eine sozialpsychologische Erklärung für den Ausbruch des Bürgerkriegs lautet, Politik und Parteien seien für die Spanier nur die Verlängerung des impulsiven Umgangs mit ihrer direkten Umgebung gewesen. So, wie sie ihre Kinder und Frauen schlugen, so töteten sie ihre Nachbarn und jene, die eine andere Uniform trugen. Das wäre auch die Erklärung dafür, warum die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Franco-Diktatur bis heute so rechthaberisch geführt wird. Erst 2002 konnte sich die konservative Volkspartei (PP) dazu aufraffen, den Putsch der Militärs von 1936 zu verurteilen. Doch als die Zapatero-Regierung im vergangenen Jahr das mächtige Franco-Reiterstandbild vor dem Madrider Umweltministerium entfernen ließ, war das Geschrei groß (F.A.Z. vom 18. März 2005). Die spanische Geschichte, so wetterte die PP-Parteiführung, solle geleugnet und umgeschrieben werden.

Wer immer vom schlecht aufgearbeiteten Erbe der Diktatur spricht, wird von Francos Apologeten an die rund siebentausend ermordeten Ordensschwestern, Seminaristen und Priester erinnert. Auch Bischöfe fielen dem pogromartigen Furor einer radikalisierten Linken zum Opfer. Jenseits ideologischer Vorlieben allerdings besteht zwischen linker und rechter Gewalt ein Unterschied. Die Siegerpartei hat die Verlierer mit tatkräftiger Unterstützung der Kirche über Jahrzehnte hinweg systematisch verfolgt und gedemütigt. In ganz Spanien hat das Regime Straßen und Plätze umbenannt und um seine Opfer, „gefallen für Gott und für Spanien“, einen pompösen Totenkult veranstaltet. Im Nachbardorf Parrillas erinnert eine Plakette vor der Kirche an die verstorbenen Helden des Nationalkatholizismus.

Daß die ermordeten Landarbeiter von Navalcán keiner Partei, keiner Gewerkschaft und keinem revolutionären Verein angehörten, hat ihnen nicht geholfen. Ihr Verbrechen war, auf die Landreform zu hoffen, auf mehr soziale Gerechtigkeit, auf die Säkularisierung – all das, was die Zweite Spanische Republik versprochen hatte, bevor die extreme Linke ihren Teil dazu beitrug, den demokratischen Staat zu liquidieren.

Was in Spanien zur Debatte steht, übersteigt die Politik und erst recht die üblichen Lagerreflexe. Es geht darum, Menschen zu helfen, das Schweigen zu brechen und ihren Frieden mit der Vergangenheit zu machen. Bekanntlich war es eine linke Regierung, die vor fünf Wochen ein lauwarmes Gesetz zur Aufarbeitung des Bürgerkriegs und der Diktatur beschloß, aber die Interessen der Opfer dabei ignorierte. „Das Gesetz ist eine große Enttäuschung“, sagt Emilio Silva vom ARMH. In den letzten Jahren hat der Verein etwa neunhundert Tote exhumiert und den Angehörigen beim Kampf mit den Behörden geholfen. Der Staat, der vorgibt, sich für die Aufarbeitung der Vergangenheit zu interessieren, steuert nichts dazu bei.

* * *

Ein kleines Nachwort. An jenem Sommertag in Navalcán bekam ich eine Namensliste in die Hand, auf der die möglichen Todeskandidaten verzeichnet waren. Die Erfassung der mit dem Sammelbegriff „Rote“ Bezeichneten wurde vom örtlichen Klerus bisweilen tatkräftig unterstützt. Unten ist zu sehen, dass sich Felix Gutiérrez Fernández zusammen mit zwei Gefährten der Liquidierung entzog, indem er sich erhängte. Einer dieser Gefährten war vermutlich Vicente Jiménez Gómez (vorletzte Zeile).

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Auf der nächsten Seite sehen wir den Namen des Gemeindepriesters, der am 31. Dezember 1938 angibt, dass die als Systemgegner betrachteten Menschen ohne Gerichtsverfahren erschossen wurden. Im nicht weit entfernten Talavera, so der Geistliche, wurden zumindest die Formalitäten eines ordentlichen Prozesses vollzogen. Man entdeckt eine leichte Distanzierung von der franquistischen Praxis der massenhaften Liquidierung. Es ist wichtig, das im Auge zu behalten. So, wie man den Toten ihre individuelle Geschichte zurückgeben muss, genauso verdienen auch die zahlreichen Verhaltenweisen zwischen offener Komplizenschaft und widerwilliger Kollaboration, genau betrachtet zu werden.

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Wer auf demselben Blatt die Hinzufügung über weitere mutmaßliche Erschießungen gemacht hat, weiß ich nicht. Ob andere es wissen, ist mir ebenfalls nicht bekannt. Ein gewaltsamer Tod am 11. April 1939 – zehn Tage nach Francos „día de la victoria“ und dem Beginn der lückenlosen landesweiten Repression – lässt die Möglichkeit der Ermordung zumindest zu.

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Die meisten Spuren sind übrigens für immer verwischt, viele Zahlen nicht mehr zu erhalten, ein Großteil der Gemeindearchive vernichtet. Was man „Repression“ nennt – ihre Opfer waren die im und nach dem Bürgerkrieg Getöteten, die nicht in Kampfhandlungen fielen -, hat in der spanischen Geschichtsschreibung der letzten Jahre große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Neben seriösen Studien erschienen auch populärwissenschaftliche Darstellungen sowie eindeutig apologetische Werke, die Franco als großen Staatsmann und Wegbereiter der Demokratie feiern. Kurioserweise sind letztere Bücher zu rauschenden Bestsellererfolgen geworden. Statt auf historische Erkenntnis scheint es einem Gutteil des spanischen Publikums eher auf die Glorifizierung der eigenen ideologischen Position anzukommen. 

Das ist nicht ganz überraschend. Unzählige Familien könnten ja von Gewalt, Scham und Verschweigen berichten – wenn es ihnen seelisch möglich wäre. Wenn die Angst sie nicht im Griff hätte. Das Persönliche liegt den Nachfahren also näher als die abstrakte, ferngerückte Geschichte. Darüber zu reden hat die Mehrheit wohl immer noch nicht gelernt, und es hat wenig Sinn, darauf zu hoffen. Während von staatlicher Stelle aus parteiische Gedächtnispolitik betrieben wird – unter Zapatero natürlich eine völlig andere als unter Aznar -, gewinnt man auf Höhe des Küchentischs eher den Eindruck, Erinnerung lasse sich nicht verordnen, sie bleibe privat, lautlos und abgeschottet. Nur für die Menschen, die ihre ermordeten Angehörigen aus der gleichgültigen Erde draußen vorm Dorf geholt haben… für diese Menschen hat sich die Welt verwandelt. Und manche von ihnen sagen sogar, sie hätten Frieden gefunden.


58 Lesermeinungen

  1. Auch das recht der Toten auf...
    Auch das recht der Toten auf Beerdigung (oder welches Ritual auch immer in der entssprechenden Gesellschaft gerade geläufig ist), ist ein altes Thema. Antigone – Sophokles. Eigentlich wollte ich in ihrem vorigen Beitrag noch Maria Zambrano und ihr „La tumba de Antígona“ erwähnen. Dieses Stück beginnt genau da wo Sopholes sein Wek beendet, und zwar mit dem Todesurteil von Antigone. María Zambrano, die weit mehr als der Name des Haupbahnhofs von Málaga ist, schrieb dieses Werk, um den Tod ihrer Mutter im Exil,die Folter ihrer Schwester Araceli, und ihr eigenes Leid als Asylantin zu überwinden. Sie brauchte einen Abschluss für den ganzen tragischen Prozess des Bürgerkriegs und der schlimmen Nachkriegszeit. Sie suchte sich von der allgemeinen Schuld, die sie auf sich genommen und auch geerbt hatte, zu befreien. „Memoria“ ist für Maria Zambrano auch gleichbedeutend zu Wiedergeburt. Aber sie hat das viel besser erläutert als ich es je können werde. Bitte lesen.

  2. Don Paul, als wir, die ganze...
    Don Paul, als wir, die ganze Familie inklusive meiner Schwiegereltern, vor wenigen Wochen durch Gredos zum Heimatdorf meines Schwiegervaters fuhren, brachte er einen weiteren Aspekt auf, als wir auf das Thema kamen. Er sagte nämlich, dass neben der politischen Gesinnung auch „der pure Neid“ eine grosse Rolle bei der Erstellung der hier thematisierten Todeslisten gehabt hat. Ich kann mich noch ziemlich genau an das seltsame Gefühl erinnern, dass ich bei diesen Worten hatte. Auch die Kinder haben gleich nachgefragt. Und in der Tat, in der grösseren Familienrunde dann „im Pueblo“ war es Konsensmeinung, dass es neben dem begründeten und unbegründeten Verdacht auf politische Tätigkeit im anderen Lager oft reine Begehrlichkeiten nach „weltlichen Gütern“ waren, die die Ersteller der Todeslisten motivierten. Es konnten auch konkrete Namen und Schicksale benannt werden.
    Die Scham darüber dürfte in vielen Fällen die weitere Aufarbeitung der Geschichte bremsen.

  3. Vielen Dank....
    Vielen Dank.

  4. <p>herzlichen dank fuer ihren...
    herzlichen dank fuer ihren bericht, paul ingendaay. – all das war mir nicht wirklich praesent. selbst die ‚transición‘ ahnt man ja in der kultur des gegenwartspanien auch nur kaum, so sanft ist sie durchgefuehrt worden.
    wusste nicht, dass zapatero keine aktivere erinnerungspolitik betreibt. das macht ihn mir nicht sympathisch. – moeglicherweise aber – er kennt sein land besser als ich – macht ihn das zu einem klugen menschen.
    schade. und das bringt mich leider wieder zu meinem alten punkt. spanische selbstgefaelligkeit und selbstgenuegsamkeit mag ich nicht. und wenn die spanier jemals so etwas wie ein gesundes und komplexfreies selbstbewusstsein entwickeln wollen, dann muessen sie sich auch als moerder erkennen und annehmen, um sich als moerder vergeben zu koennen. – was fuer ein kinderkram. ein land, das nicht erwachsen wird.

    dulcinea, herzlichen dank fuer die netten worte auf der vorseite. sehr schoenen sommer gehabt, danke der nachfrage, hoffe ebenso.
    noch bin ich garnicht richtig hier. denke, ich komme aber wieder in schwung, sobald spanien wieder anfaengt, mir maechtig auf die nerven zu gehen.

  5. Don Thorsten, das ist leider...
    Don Thorsten, das ist leider wahr. In meinem Bericht wird es ja auch gesagt. Es ging um Streit, Rivalitäten, Neid unter Nachbarn. Plötzlich war die Gelegenheit gekommen, mit politischer Rechtfertigung alte Rechnungen zu begleichen. In dem bemerkenswerten Roman „Der Feigenbaum“ von Ramiro Pinilla, der letztes Jahr auch auf deutsch erschien, denunziert ein Mann im Baskenland einen anderen, weil er sich dessen Hof unter den Nagel reißen will. Am Tag nach der Liquidierung des Mannes und seines sechzehnjährigen Sohnes zieht der Denunziant ein. Solche Begebenheiten hat Pinilla nicht erfunden. Die gab es. Die Konfiskation der Güter der Ermordeten – und die Verteilung an jene, die zum Mord angestiftet hatten – war eine übliche Praxis. Auch vor ein paar Tagen in León habe ich wieder davon gehört.

  6. etwas anderes: BOLSA CACA. -...
    etwas anderes: BOLSA CACA. – gestern ueberall in der stadt plakatiert zu lesen. – BOLSA CACA. – wenigstens an dieser front, freunde, sind wir nicht mehr alleine.

  7. Eine kleine Andekdote. Als ich...
    Eine kleine Andekdote. Als ich letzten Freitag in Lario die Unterkunft bezog, drückte mir der Wirt ein Buch in die Hand, das letztes Jahr erschienen ist: „La memoria de Grajero“. Es handelt von dreizehn Menschen, die 1936 in der Nähe des Dorfes liquidiert und in einen Brunnen geworfen wurden. Der Brunnen des Vergessens, das ist wohl die passende Metapher.

  8. <p>Vielen Dank, Don Paul. Ihre...
    Vielen Dank, Don Paul. Ihre Geschichte beleuchtet die Hintergruende des spanischen Verhaltens fuer mich noch mal viel deutlicher, als ich das bisher so wusste. Es erklaert auch etwas mehr, warum bis heute die beiden politischen Lager nach wie vor so unversoehnlich sind und mit erster Prioritaet zunaechst auf die anderen einschlagen, bevor man sich mit den draengenden Problemen des Lebens beschaeftigt.
    Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, den „Feigenbaum“ und andere von Ihnen empfohlene Werke dazu zu lesen.

  9. COMUNICACIÓN PERSONAL - NO...
    COMUNICACIÓN PERSONAL – NO PUBLICAR – GRACIAS
    Buenos días,
    perdone que utilice este medio para contactar con Vd., pero no tengo otro. Doy por hecho que, como periodista serio, se ha documentado a fondo. No obstante, me atrevo a sugerirle el nombre de una persona que, considero, puede ser muy interesantes para sus investigaciones respecto a este tema, tanto por sus conocimientos profesionales como por su sensibilidad histórica y personal. Se trata de Antonio Gonzalez Quintana. Fue varios años director del Archivo de Salamanca, es historiador y, además, ha colaborado a través de la ONG „Archiveros sin Fronteras“ con Brasil y Paraguay precisamente en temas relacionados con la represión. También lleva años planteando que el Ministerio de Defensa debe permitir el acceso a los historiadores a todas las actas de los consejos de guerra.
    Antonio iba a ser nombrado Subdirector de Archivos y Bibliotecas con el primer gobierno de Zapatero. De hecho, fue uno de los expertos que elaboró la propuesta para la devolución a Cataluña de los documentos incautados. Pero por intereses nacionalistas y pactos políticos las condiciones de la devolución no fueron las recomendadas por el comité de expertos. Por coherencia personal y sentido ético Antonio dimitió antes de que se publicara su nombramiento en el BOE. A consecuencia de esto ha sufrido algunos años de ostracismo profesional. Si cree que tomarse un café ó unos vinos con Antonio pueden aportarle algo le enviaría su teléfono de contacto.
    Mi e-mail: pilar.panes@gmail.com

  10. HenryCharms, heute musste ich...
    HenryCharms, heute musste ich an Sie denken. Ich habe nämlich den Weg vom Inneren des Pardo zum Palacio de la Quinta gefunden. Man muss das Fahrrad nicht über Mauern heben. Überhaupt nicht. Ich hatte früher nicht systematisch nach einem Weg gesucht. Heute fand ich ihn zufällig. Eine Frau, die oft dort wandert, erzählte mir, es gebe mehrere. Mit anderen Worten: Man geht von der Pardomauer aus kaum mehr als 15 Minuten und trifft auf die Straße, die nach ein paarhundert Metern durch den Torbogen der Quinta führt. Und schon ist man in der Gartenanlage, die hier gerühmt wurde. Das eröffnet neue Perspektiven für mich. Und für den Hund. Man macht zu Fuß – oder mit dem Fahrrad – in ein paar Minuten, was mit dem Auto rund 15 Kilometer Fahrt kosten würde.

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