Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Siebzig Jahre Scham: Die Totenruhe des Bürgerkriegs

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Am 30. August 2006 erschien in der F.A.Z. meine Reportage über eine Exhumierung zweier Bürgerkriegstoter in Navalcán (Toledo). Fast auf den Tag drei Jahre später war ich wieder bei einer Totenausgrabung dabei, diesmal in Lario (León). Je kleiner die Dörfer, desto unheimlicher die Vorgänge. Lario hat im Winter 42 Einwohner. Auch Navalcán ist nicht groß. Und es bleiben so viele Tote, dass man bei dem gegenwärtigen Tempo noch weit mehr als hundert Jahre zu tun hätte.

Am 30. August 2006 erschien in der F.A.Z. meine Reportage über eine Exhumierung zweier Bürgerkriegstoter in Navalcán (Toledo). Fast auf den Tag drei Jahre später war ich wieder bei einer Totenausgrabung dabei, diesmal in Lario (León). Je kleiner die Dörfer, desto unheimlicher die Vorgänge. Lario hat im Winter 42 Einwohner. Auch Navalcán ist nicht groß. Und es bleiben so viele Tote, dass man bei dem gegenwärtigen Tempo noch weit mehr als hundert Jahre zu tun hätte. 

Die Fälle, um die es hier geht, sind im juristischen Sinn verjährte Morde, ganz abgesehen vom Amnestiegesetz der transición. In den Sommermonaten 1936 liquidierten die Falange, gleichgesinnte Militärs und rasch ausgehobene Kommandos vermutlich mehr als hunderttausend Menschen, darunter Frauen und Jugendliche. Die paseos (Spazierfahrten) wurden sprichwörtlich. Da im Blog Interesse daran bestand, die damals erschienene Reportage zu lesen, setze ich sie hierher. Ich habe sie im letzten Jahr auch in die achte Auflage meiner Gebrauchsanweisung für Spanien (Piper Verlag) übernommen. Demnächst werde ich anhand der jüngsten Grabung noch einmal über memoria, Verdrängung und die Gedächtnispolitik der Zapatero-Regierung schreiben. Jetzt will ich über den Artikel hinaus nur anmerken, dass die seit neun Jahren betriebenen Exhumierungen in meinen Augen das wichtigste Aufarbeitungsphänomen der jüngeren spanischen Geschichte darstellen. Nicht alle sehen das so. Für viele ist der Wunsch von (manchmal hochbetagten) Menschen, ihre seinerzeit ermordeten Angehörigen zu finden und deren Gebeine in ein würdiges Grab zu überführen, einfach nur lästig. Eine unbequeme Erinnerung. Bevor mein vor drei Jahren erschienener Text einsetzt, bitte ich Sie, eines der Fotos zu betrachten, die ich seinerzeit gemacht habe. Es zeigt eine Gruppe Menschen bei der Arbeit. So ungefähr – bei trockenem Wetter, oft im Frühjahr und Sommer – sieht es aus, wenn freiwillige Helfer nach den Spuren der Erschossenen suchen. Der Bagger hat seine Aufgabe erfüllt; von jetzt an zählt nur noch Feinarbeit. Richten Sie bitte Ihren Blick auf die rechte untere Bildecke. Mit dem, was Sie dort sehen, beginnt meine Reportage:

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Zuerst tauchen die Schuhe auf oder das, was von ihnen übrig ist. Wie in einer makaberen Imitation friedlicher Ruhe, Seite an Seite, ragen die Sohlen aus der staubigen Erde hervor, das eine Paar oben links, das andere unten rechts. Ein Vierzehnjähriger namens Armando hatte die beiden Ermordeten begraben. Es war der 4. Oktober 1936, drei Monate nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs. Kaum eine Woche zuvor hatten Francos Truppen die republikanische Belagerung des Alcázar, der Trutzburg der Provinzhauptstadt Toledo, gebrochen und damit einen Sieg errungen, der zum wichtigsten Propagandaerfolg des Bürgerkriegs wurde. Jetzt galt es, den Rest der Provinz zu säubern. In den Dörfern wurden Männer zusammengetrieben und festgesetzt. Im Morgengrauen kam ein Lastwagen voll bewaffneter Uniformierter, einer las von einem Zettel die Namen vor, jeden Tag ein paar. Dann wurden die Ausgewählten zur Erschießung abgeführt.

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Hundert- und tausendfach hat sich die Geschichte in ganz Spanien wiederholt. Die verstörte Suche der Angehörigen, das private Verscharren der Leichen, das schamvolle Verschweigen – der Makel haftete immer den Opfern an. Siebzig Jahre später tritt uns in Navalcán, 130 Kilometer westlich von Madrid, das Grauen dieser Vorgänge so unmittelbar entgegen, daß man nicht mehr an die heilende Kraft des Vergessens glauben kann.

Reisende, die zum ersten Mal die sanften Hügel im Westen der Provinz Toledo besuchen, werden die Landschaft idyllisch nennen. Die schmale Straße windet sich durch ein Paradies von Steineichen, malerischen Felsen und fast unberührter Natur. Es ist eine dünn besiedelte Gegend wie so viele in Spanien, sehr grün außer im Sommer, gut für Wanderungen, Meditationen oder die Jagd. Für den vierzehnjährigen Armando verwandelte sich die Landschaft in die Szenerie eines bösen Traums. Wie der Junge das Grab anderthalb Kilometer außerhalb des Dorfes geschaufelt, wie er die Erschossenen Kopf an Fuß in die enge Grube gelegt und dann wieder zur Schaufel gegriffen hat, um den Anblick der Toten vor der Welt zu verhüllen, konnte er sein Leben lang nicht vergessen. Bevor er vorletzte Woche starb, im Alter von vierundachtzig Jahren, bezeichnete er noch einmal genau die Stelle. Dann kam der Bagger, um die oberste Geländeschicht abzutragen, und eine zehnköpfige Gruppe, angeführt von einem Gerichtsmediziner und einem Anwalt, begann mit der Feinarbeit: der Suche nach den Resten der erschossenen Landarbeiter Mariano Rodríguez Muñoz und Benito Otero Martín.

An sechs Punkten der Provinz Toledo wird in diesen Tagen nach insgesamt fünfundzwanzig Leichen gegraben. Warum haben die Angehörigen so lange damit gewartet? Statt einer Antwort bekommt man drei. Dann fließen die Tränen. „Jeder im Dorf wußte Bescheid“, sagt Gregoria Corregidor, eine Frau weit in die Achtzig, und drückt eine Plastiktüte an die Brust. Die Nachmittagssonne brennt auf die Grabenden herab, manchmal wirbelt der Wind Staubwolken auf. Mariano Rodríguez, der Jüngere der beiden Erschossenen, war Gregorias Schwager. „Wir kannten doch die Mörder“, sagt die alte Frau, „sie waren unsere Nachbarn. Einer von ihnen wurde später Bürgermeister. Man sah sich jeden Tag. Was sollten wir tun?“

„Aber als vor dreißig Jahren die Demokratie kam“, fragen wir, „wäre es da nicht an der Zeit gewesen?“ Die Antworten sind vorhersehbar. Als die Demokratie kam, war nur Platz für die Demokratie, was im Dorf nicht dasselbe heißt wie in der Stadt. Die Dörfler sehen nicht politische Programme, sondern Menschen, denen sie beim Bäcker begegnen. Die Generalamnestie verhinderte das Aufrechnen; Rache war im Erneuerungsplan der spanischen Gesellschaft nicht vorgesehen. Und sie blieb aus, zum Wohl eines demokratischen Übergangs, für den man Spanien bewundert. Tief drinnen allerdings gärte die Erinnerung an die Schrecken. Sie war vierzehn Jahre alt, erzählt Gregoria, als sie morgens die Wäsche der Soldaten waschen mußte und dabei Schüsse hörte. Sie ging näher. Da sah sie, wie der Dorfpriester denen, die noch lebten, den Gnadenschuß gab. Keine Geschichte zum Weitererzählen.

Daß es durchaus keine Rache gewesen wäre, die republikanischen Toten aus den Massengräbern zu holen und ihnen einen würdigen Ruheort zu geben, dieser Gedanke paßt nicht in die Zeit. Bis heute nicht. Noch vor wenigen Tagen spottete ein Kommentator der Tageszeitung ABC, der „Tanz der Skelette“, den die Linke mit den Exhumierungen veranstalte, sei revanchistisch, kleinkrämerisch und ein Bärendienst am Geist der Versöhnung, wie sie der spanische König Juan Carlos nach Francos Tod eingeläutet habe. Doch von Versöhnung redet es sich leicht, wenn man ein politisches Interesse daran hat, daß die Toten in der Erde bleiben.

Diese Erde hat längst ihr Teil zur Auslöschung der Vergangenheit beigetragen. Nach den vier Schuhsohlen fördern die Freiwilligen lange Zeit nichts ans Licht. Der nächste Fund sind einige Backenzähne. Die Helfer stecken sie in ein Tütchen. Manche von ihnen studieren Geschichte, andere Biologie. Sie opfern ihre Ferien, um einer Lehrstunde beizuwohnen. Einer sagt: „Hier erlebe ich, wie Geschichte sich ablagert, ganz wörtlich. Sie lagert sich ab, und wir legen ihre unterirdischen Schichten wieder frei.“ Francisco Etxeberría, Professor für Gerichtsmedizin an der Universität des Baskenlandes in San Sebastián und schon seit sechs Jahren an den Grabungen des „Vereins zur Wiedergewinnung der historischen Erinnerung“ (ARMH) beteiligt, zeigt auf die Unterschiede in der Erdtönung. „Man kann siebzig Jahre später noch sehen, wo umgegraben wurde, es ist eine Farbmarkierung. Was nicht immer bleibt, sind die Knochen.“

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Am Grab, an dem die Freiwilligen mit Löffeln, Sieben und kleinen Schaufeln arbeiten, stehen drei Generationen von Angehörigen. Benito Sánchez, einundsechzig Jahre alt, ist der Enkel des erschossenen Benito Otero. Seine dreißigjährige Tochter hat er mitgebracht. Mit Tränen in den Augen beobachtet er die Grabungsarbeit. Kleine Bruchstücke eines Schädels werden gefunden, dann beginnt schon das Wurzelwerk. „Darunter kommt nichts mehr“, sagt Etxeberría. Es wird unmöglich sein, an den schlecht erhaltenen Resten der beiden Toten eine DNA-Analyse vorzunehmen. Die beiden Erschossenen werden auf dem Friedhof von Navalcán ein Paar bleiben; ihre Ermordung hat sie zusammengeschweißt. „Es ging auch um Nachbarschaftsstreit“, sagt Benito Sánchez über die ersten Kriegsmonate, „kleine Abrechnungen unter Leuten, die sich gut kannten.“ Bei solchen Sätzen löst sich der politische Charakter des Bürgerkriegs auf, und zurück bleibt die Geschichte von Kain und Abel.

Eine sozialpsychologische Erklärung für den Ausbruch des Bürgerkriegs lautet, Politik und Parteien seien für die Spanier nur die Verlängerung des impulsiven Umgangs mit ihrer direkten Umgebung gewesen. So, wie sie ihre Kinder und Frauen schlugen, so töteten sie ihre Nachbarn und jene, die eine andere Uniform trugen. Das wäre auch die Erklärung dafür, warum die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Franco-Diktatur bis heute so rechthaberisch geführt wird. Erst 2002 konnte sich die konservative Volkspartei (PP) dazu aufraffen, den Putsch der Militärs von 1936 zu verurteilen. Doch als die Zapatero-Regierung im vergangenen Jahr das mächtige Franco-Reiterstandbild vor dem Madrider Umweltministerium entfernen ließ, war das Geschrei groß (F.A.Z. vom 18. März 2005). Die spanische Geschichte, so wetterte die PP-Parteiführung, solle geleugnet und umgeschrieben werden.

Wer immer vom schlecht aufgearbeiteten Erbe der Diktatur spricht, wird von Francos Apologeten an die rund siebentausend ermordeten Ordensschwestern, Seminaristen und Priester erinnert. Auch Bischöfe fielen dem pogromartigen Furor einer radikalisierten Linken zum Opfer. Jenseits ideologischer Vorlieben allerdings besteht zwischen linker und rechter Gewalt ein Unterschied. Die Siegerpartei hat die Verlierer mit tatkräftiger Unterstützung der Kirche über Jahrzehnte hinweg systematisch verfolgt und gedemütigt. In ganz Spanien hat das Regime Straßen und Plätze umbenannt und um seine Opfer, „gefallen für Gott und für Spanien“, einen pompösen Totenkult veranstaltet. Im Nachbardorf Parrillas erinnert eine Plakette vor der Kirche an die verstorbenen Helden des Nationalkatholizismus.

Daß die ermordeten Landarbeiter von Navalcán keiner Partei, keiner Gewerkschaft und keinem revolutionären Verein angehörten, hat ihnen nicht geholfen. Ihr Verbrechen war, auf die Landreform zu hoffen, auf mehr soziale Gerechtigkeit, auf die Säkularisierung – all das, was die Zweite Spanische Republik versprochen hatte, bevor die extreme Linke ihren Teil dazu beitrug, den demokratischen Staat zu liquidieren.

Was in Spanien zur Debatte steht, übersteigt die Politik und erst recht die üblichen Lagerreflexe. Es geht darum, Menschen zu helfen, das Schweigen zu brechen und ihren Frieden mit der Vergangenheit zu machen. Bekanntlich war es eine linke Regierung, die vor fünf Wochen ein lauwarmes Gesetz zur Aufarbeitung des Bürgerkriegs und der Diktatur beschloß, aber die Interessen der Opfer dabei ignorierte. „Das Gesetz ist eine große Enttäuschung“, sagt Emilio Silva vom ARMH. In den letzten Jahren hat der Verein etwa neunhundert Tote exhumiert und den Angehörigen beim Kampf mit den Behörden geholfen. Der Staat, der vorgibt, sich für die Aufarbeitung der Vergangenheit zu interessieren, steuert nichts dazu bei.

* * *

Ein kleines Nachwort. An jenem Sommertag in Navalcán bekam ich eine Namensliste in die Hand, auf der die möglichen Todeskandidaten verzeichnet waren. Die Erfassung der mit dem Sammelbegriff „Rote“ Bezeichneten wurde vom örtlichen Klerus bisweilen tatkräftig unterstützt. Unten ist zu sehen, dass sich Felix Gutiérrez Fernández zusammen mit zwei Gefährten der Liquidierung entzog, indem er sich erhängte. Einer dieser Gefährten war vermutlich Vicente Jiménez Gómez (vorletzte Zeile).

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Auf der nächsten Seite sehen wir den Namen des Gemeindepriesters, der am 31. Dezember 1938 angibt, dass die als Systemgegner betrachteten Menschen ohne Gerichtsverfahren erschossen wurden. Im nicht weit entfernten Talavera, so der Geistliche, wurden zumindest die Formalitäten eines ordentlichen Prozesses vollzogen. Man entdeckt eine leichte Distanzierung von der franquistischen Praxis der massenhaften Liquidierung. Es ist wichtig, das im Auge zu behalten. So, wie man den Toten ihre individuelle Geschichte zurückgeben muss, genauso verdienen auch die zahlreichen Verhaltenweisen zwischen offener Komplizenschaft und widerwilliger Kollaboration, genau betrachtet zu werden.

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Wer auf demselben Blatt die Hinzufügung über weitere mutmaßliche Erschießungen gemacht hat, weiß ich nicht. Ob andere es wissen, ist mir ebenfalls nicht bekannt. Ein gewaltsamer Tod am 11. April 1939 – zehn Tage nach Francos „día de la victoria“ und dem Beginn der lückenlosen landesweiten Repression – lässt die Möglichkeit der Ermordung zumindest zu.

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Die meisten Spuren sind übrigens für immer verwischt, viele Zahlen nicht mehr zu erhalten, ein Großteil der Gemeindearchive vernichtet. Was man „Repression“ nennt – ihre Opfer waren die im und nach dem Bürgerkrieg Getöteten, die nicht in Kampfhandlungen fielen -, hat in der spanischen Geschichtsschreibung der letzten Jahre große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Neben seriösen Studien erschienen auch populärwissenschaftliche Darstellungen sowie eindeutig apologetische Werke, die Franco als großen Staatsmann und Wegbereiter der Demokratie feiern. Kurioserweise sind letztere Bücher zu rauschenden Bestsellererfolgen geworden. Statt auf historische Erkenntnis scheint es einem Gutteil des spanischen Publikums eher auf die Glorifizierung der eigenen ideologischen Position anzukommen. 

Das ist nicht ganz überraschend. Unzählige Familien könnten ja von Gewalt, Scham und Verschweigen berichten – wenn es ihnen seelisch möglich wäre. Wenn die Angst sie nicht im Griff hätte. Das Persönliche liegt den Nachfahren also näher als die abstrakte, ferngerückte Geschichte. Darüber zu reden hat die Mehrheit wohl immer noch nicht gelernt, und es hat wenig Sinn, darauf zu hoffen. Während von staatlicher Stelle aus parteiische Gedächtnispolitik betrieben wird – unter Zapatero natürlich eine völlig andere als unter Aznar -, gewinnt man auf Höhe des Küchentischs eher den Eindruck, Erinnerung lasse sich nicht verordnen, sie bleibe privat, lautlos und abgeschottet. Nur für die Menschen, die ihre ermordeten Angehörigen aus der gleichgültigen Erde draußen vorm Dorf geholt haben… für diese Menschen hat sich die Welt verwandelt. Und manche von ihnen sagen sogar, sie hätten Frieden gefunden.


58 Lesermeinungen

  1. jelah sagt:

    Wenn ich aus dem Fenster sehe,...
    Wenn ich aus dem Fenster sehe, dann sehe ich auf den 3.Ring Nord, hinter mir Haeusermeer, die Narben Beijings, sind verschwunden unter Asphalt. Lange war ich in Algier La Blanche, sichtbare Narben ueberall. Es gibt eben solche und solche, verheilt sind wohl die wenigsten. Aber schoen erschiene mir trotzdem die alten Wege des reanactment zu verlassen, vielleicht braucht das noch fuenf oder mehr Generationen ich vermag dies nicht zu sagen, wohl aber das es Geschichte ist und als solche verhandelt werden muss, jenseits aller Huelsen zu diesen oder jenen Gedenktagen, die mit schoener Regelmaessigkeit bemueht werden,
    freundlich

  2. Madrid sagt:

    Natürlich hilft die...
    Natürlich hilft die Gedenktagsindustrie da nicht weiter, jelah, zumal wir aus dem Gedenken ja gar nicht mehr herauskommen. Ständig werden neue Daten verordnet. Doch davon möchte ich das private Erinnern ausdrücklich absetzen. Die Menschen, die ich vor ein paar Tagen kennenlernte, wollen mit IHREN Dämonen ins Reine kommen. Sie tun das nicht als „Gesellschaft“, sondern für sich. Und sie tun es, weil siebzig Jahre lang etwas versäumt wurde. Ich glaube, dieser Schritt hat etwas Befreiendes.

  3. abfeldmann sagt:

    jelah, paul ingendaay....
    jelah, paul ingendaay. fahrraeder, den wintervorrat an holz besorgen, alltaegliches und schoene haine gehoeren dazu. wer buchenwald kennt, weiss, dass in den schoensten hainen manchmal die abscheulichsten verbrechen geschehen. der blick nach westen auf das wunderbare weimar ist traumhaft schoen wie jeden tag. die sonne scheint wie jeden tag und die voegel singen wie jeden tag.
    wer denn sonst, wenn nicht auch familienvaeter?
    ich weiss, dass die meisten in der generation meiner deutschen eltern niemals mit ihren vaetern ueber den krieg gesprochen haben. aus angst im trauten familiaeren etwas ganz furechterliches zu fnden. so war das alte westdeutschland lange zeit. tagsueber wiederaufbau und abends nicht ruehren am gewesenen. am abendbrottisch versammelt mit leichen unten im keller.
    aber auch das hat sich irgendwann geaendert. die naechste generation geht anders damit um. ich war auf festen in berlin, wo die enkel in nuernberg verurteilter kriegsverbrecher zusammen mit den nachkommen hingerichteter hitler-attentaeter feierten. man kennt sich. man kennt die namen. man kennt die taten und die umstaende des ablebens der vorfahren. aber das ist es dann im wesentlichen auch schon. – wer denn sonst, wenn nicht auch familienvaeter? – wo denn sonst, wenn nicht auch in den schoensten hainen? – deutschland hat sicher auf keine ganz einfache weise gelernt. aber wir haben gelernt und wir haben uns kennengelernt. mit allem wunderbaren und mit allem widerwaertigen.

  4. abfeldmann sagt:

    korrektur: 'der blick VON...
    korrektur: ‚der blick VON westen auf das wunderbare weimar“ muesste es natuerlich heissen.

  5. Madrid sagt:

    Eine meiner Antworten,...
    Eine meiner Antworten, abfeldmann, auf Ihre Frage nach dem Blogwesen haben Sie selbst gegeben: Das große Nebeneinander regiert. Ich sage es bald einmal ausführlicher.

  6. abfeldmann sagt:

    so, so - sie meinen also, ich...
    so, so – sie meinen also, ich haette das thema verfehlt. sieh an.
    aber ganz ehrlich, es war dulcineas schuld. ich wollte nicht, sie hat mich verfuehrt.

  7. Madrid sagt:

    Gar nicht, abfeldmann. Das...
    Gar nicht, abfeldmann. Das Nebeneinander ist ja wohl einer der Gründe, warum wir uns hier unterhalten, statt monographische Studien zu schreiben.

  8. Dulcinea sagt:

    Momentchen mal, abfeldmann!...
    Momentchen mal, abfeldmann! Erst werfen SIE Schillers rötliche Locke zu den Mädchen- und Frauenhaaren in der Vitrine, und dann soll ICH daran schuld sein? So… habe ich es nicht gemeint. Da fand ich Ihre Ausführungen über das Schießen durch schöne Haine und das Fokussieren schon bedeutend poetischer. Ich mag übrigens Katzen sehr gerne, Gatamad, wie finden Sie das? Gut, das gehört jetzt vielleicht nicht hierher. Obwohl… Katze… Erinnerung… hängt auch wieder zusammen.

  9. HenryCharms sagt:

    Auch wenn die Fahrraeder nur...
    Auch wenn die Fahrraeder nur ueber zwei Ecken hierher gehoeren, trotzdem vielen Dank fuer den Hinweis, Don Paul. Aber in diesem Blog gehoeren solche Themen offenbar doch zusammen oder zumindest nebeneinander.
    Und abfeldmann, ich dachte Sie waeren einer der wenigen, die sich tatsaechlich noch an der frischen Luft bewegen, anstatt mit dem Auto zum gymn zu fahren und dort aufs stationaere Bike steigen. Und nun dieser Kommentar von wegen draussen Kraft sparen fuers gymn… (sollte ich jetzt ein Smiley setzen, oder gehts auch so?)

  10. Madrid sagt:

    HenryCharms, er SCHIESST die...
    HenryCharms, er SCHIESST die Berge hinunter. Ich kann dieses Bild nicht vergessen.

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