Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Plastik und Granit oder: In welcher Welt bewegen wir uns eigentlich?

| 87 Lesermeinungen

Vor ein paar Tagen wurden wir hier auf ein Phänomen namens „Bolsa caca" aufmerksam gemacht. Ich weiß nicht, ob alle wissen, worum es sich dabei handelt, aber da ich mich inzwischen umgehört habe, darf ich es sagen: „Bolsa caca" - soviel wie „Tüte pfui" - ist eine pseudoökologische Kampagne großer spanischer Kaufhäuser, die vor ihren Kunden rechtfertigen wollen, dass sie von nun für die Plastiktüten, in denen der Kunde seine Waren abtransportiert, Geld fordern werden.

Vor ein paar Tagen wurden wir hier auf ein Phänomen namens „Bolsa caca“ aufmerksam gemacht. Ich weiß nicht, ob alle wissen, worum es sich dabei handelt, aber da ich mich inzwischen umgehört habe, darf ich es sagen: „Bolsa caca“ – soviel wie „Tüte pfui“ – ist eine pseudoökologische Kampagne großer spanischer Kaufhäuser, die vor ihren Kunden rechtfertigen wollen, dass sie von nun für die Plastiktüten, in denen der Kunde seine Waren abtransportiert, Geld fordern werden.

In Deutschland ist das Thema einer der ältesten Hüte des systematischen Dienstleistungsabbaus. Ich glaube, es war zu Zeiten der sogenannten „Ölkrise“ in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Läden damit begannen, für Plastiktüten Geld zu nehmen. Seinerzeit hieß es, für die Herstellung der Plastiktüten müsse soviel kostbares Öl aufgewendet werden, dass eine Gebühr unausweichlich sei. Heute heißt es in Spanien, es dauere vierhundert Jahre, bis eine dieser Plastiktüten biologisch abgebaut sei, daher wolle man den Kunden zum Umdenken veranlassen. Ich dagegen glaube, dass es sich hier um eine weitere Maßnahme handelt, aus einer gebeutelten Bevölkerung noch ein paar Euro mehr herauszupressen. Einen unfreundlichen Bericht über die Kampagne, der mir aus dem Herzen spricht, lesen Sie hier.

Bild zu: Plastik und Granit oder: In welcher Welt bewegen wir uns eigentlich?

Um es ganz klar zu machen: Plastiktüten sind schlecht. Die supermarktübliche spanische Plastiktüte ist sehr dünn und verträgt vielleicht zwei- bis dreimalige Verwendung, nicht mehr. Und es wäre gut, wenn weniger Plastiktüten benutzt würden und durch die Landschaft flögen. In dieser Beziehung wird die Kampagne, die gerade angelaufen ist, eine gewisse Wirkung erzielen. Auf diesen Kollateraleffekt sollten sich die Kaufhäuser aber nichts einbilden.

Was mich an der Sache stört, ist zweierlei. Einmal die oben erwähnte Heuchelei. Bisher kenne ich kein einziges spanisches Großunternehmen, das irgendeine als ökologisch ausgegebene Maßnahme wirklich aus ökologischen Motiven durchgeführt hätte. Wer mit wachen Sinnen durch spanische Straßen geht, sieht ständig das Gegenteil: Egoismus und Bequemlichkeit. Unökologisches Denken. Verschwendung von natürlichen Ressourcen.

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Mein schönstes Beispiel ist der Konzern Telefónica. Früher verschickte Telefónica die Zweimonatsrechnungen für Festnetztelefon, Fax und Modem – vor langer Zeit hatte ich einmal drei Telefonnummern – in drei separaten Umschlägen. Irgendwann hat die Firma es logistisch in den Griff bekommen, drei Sendungen an denselben Kunden in einen einzigen Umschlag zu stecken. Sie sparte also Porto, was sicherlich schön für sie war. Dem Kunden gegenüber behauptete sie aber, sie wolle Papier sparen. Ah! sagte ich mir. Eine spanische Firma, die Papier sparen will. Das habe ich ja noch nie gesehen!

Ich sah es auch diesmal nicht. Denn Telefónica schickte mir länger als ein Jahr lang mit jeder der drei Telefonrechnungen, die in einem einzigen Umschlag steckten, dasselbe Blatt, auf dem sich die Firma brüstete, zum Schutz unserer Umwelt beizutragen und Papier zu sparen. Macht drei identische Blätter. Man nennt so etwas einen performativen Widerspruch. Jemand kündigt an, leise sprechen zu wollen, und tut es schreiend. Also. Auf den Umweltschutz werden wir in Spanien noch eine Weile warten müssen. Vielleicht täten interessierte Kräfte gut daran, bei der Verschandelung der Küsten anzusetzen? Bei der grassierenden Korruption, die jeden, aber auch jeden ökologischen Gedanken zuschanden gehen lässt?

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Jetzt etwas, was mich noch viel mehr ärgert als institutionell verankerte Verlogenheit und Heuchelei. Das ist die Verhunzung der Sprache. Der Versuch, die Kunden abzulenken und dumm zu machen. Es ist die planhafte Infantilisierung der öffentlichen Sphäre. „Caca„, das sagen die Eltern zu ihrem kleinen Kind, das alles mögliche von der Straße aufhebt, weil es neugierig ist – Zigarettenkippen, Kronkorken, Glasscherben und so weiter. Dass es sich in den Augen eines Kindes bei vielen dieser Objekte um faszinierende Dinge handelt, können wir Erwachsenen uns nur noch schlecht vorstellen. „Caca!“ – „Lass das fallen!“ – „Das ist pfui!“ Nicht ganz zu unrecht denken wir an den Dreck und die Keime, die unser Kleinkind zum Mund führt, wenn es zum Beispiel an der alten Zigarettenkippe nuckelt oder auf der Glasscherbe herumlutscht. Hygiene muss sein. Schon verstanden. Wir wollen gute Eltern sein.

Aber ein Konzern, der uns in einer aufwendigen Kampagne „Tüte pfui“ zubrüllt, damit wir für unsere Plastiktüten bezahlen und der Konzern mehr Geld verdient… nein, so ein Konzern behandelt uns genau wie die Schafherde, für die er uns hält. So ein Konzern ist nicht um die Umwelt besorgt, sondern einfach nur dreist, gierig, herablassend und chulesco. Und es wundert mich nicht. Spanien wird erst spät aus der Krise herausfinden. Es sieht so aus, als seien Zeiten angebrochen, in denen alle Tricks erlaubt sind.

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Bevor ich es vergesse. Vor drei Tagen war ich auf dem Baugerüst am Pórtico de Gloria der Kathedrale von Santiago de Compostela. Ein britischer Kollege und ich durften uns fast eine ganze Stunde dicht bei den wunderbaren Figuren aufhalten, die Sie auf dieser Seite sehen. Sie sind aus Granit und über achthundert Jahre alt. Natürlich haben sie in dieser langen Zeit eine Menge Staub und Schmutz abbekommen. Deshalb unterzieht die Stiftung Pedro Barrié de la Maza sie gerade einer mehrjährigen Reinigung und Restaurierung. Schwer zu sagen, wie die Figuren in drei Jahren aussehen werden. Die Sache soll sehr behutsam vor sich gehen. Wenn man nicht nur zwei- oder dreimal, sondern viele Male in diese Gesichter blickt, fangen sie an, lebendig zu werden. Sie schauen einen direkt an. Und keines sieht aus wie das andere. Vielleicht gelingt es Ihnen, auf meinen Bildern einen kleinen Abglanz der Lebendigkeit zu entdecken, die ich dort oben auf dem Baugerüst empfand.

 


87 Lesermeinungen

  1. abfeldmann sagt:

    ich bekomme was umsonst,...
    ich bekomme was umsonst, natuerlich nehm ich das. natuerlich hab ich latinosklaven, die fuer hungerlohn meine minibude 24/6 auf trab halten. es ist ein schoenes gefuehl, jemanden im haus zu haben, der duemmer, haesslicher und unambitionierter ist als ich. natuerlich behandle ich kellner schlecht. ehrensache.
    sein wir mal ehrlich, in spanien liebt man den macht- und gunstbeweis im kleinen. wenn man indirekt leute bezahlt, die einem die einkaeufe hinter der kasse in plastiksaeckchen stopfen, stoert das keinen. wenn man aber fuer son dummes plastikdingen direkt abkassiert wird, schon.
    ueber details der ‚bolsa caca‘-kampagne mag man streiten. dass sie ambitioniert ist, steht fuer mich ausser frage. denn sie geht offensiv an einen weitverbreiteten grundfaktor in der psyche dieses landes. dass man bei dieser ‚umerziehungsmassnahme‘ an den spanischen hygienewahn appeliert, ist a priori so lauter wie clever. – wer bessere vorschlaege hat, wende sich an carrefour. ich bin mir sicher, das haus ist offen dafuer.

  2. pardel sagt:

    Lustig: Bei bolsa caca dachte...
    Lustig: Bei bolsa caca dachte ich auch an Hundehinterlassenschaften. So kann man sich täuschen. Ist der Slogan deswegen falsch gewählt, oder nur für Deutsch-Spanier, die in Detuschland leben, ungeeignet? Bei uns kredenzt nur noch das KaDeWe Platiktüten umsonst, aber den Jute-Statt-Plastik Sack, ehemals so populär, habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

  3. Madrid sagt:

    Liebe Kommentatoren: Soeben,...
    Liebe Kommentatoren: Soeben, um 16:42 Uhr, erreichten mich fünf E-Mails auf einmal mit Ihren Kommentaren. Jetzt sehe ich an Ihren Uhrzeiten, dass die Mails in irgendeiner Warteschleife gesteckt haben müssen. Ich bitte um Entschuldigung für die verzögerung und werde mich bei der Technik erkundigen, was das soll. Bis gleich.

  4. Madrid sagt:

    Dass wir alle die Umwelt...
    Dass wir alle die Umwelt retten wollen, setze ich einmal voraus. Nicht wahr? Da ernte ich keinen Widerspruch. Am wenigsten aus China! Übrigens, jelah, werde ich jetzt dauernd „meisheng, meisheng!“ rufen. Ich finde, das trifft die allgemeine Situation recht gut und passt in vielen Lebenslagen.
    *
    Dennoch ein sanftes Gedenken der Dinge, die wir zu verlieren drohen. Wir verlieren die eilfertigen Kassiererinnen, die uns in rasantem Tempo die Tüten öffnen und gebrauchsfertig hinlegen, sieben, acht Tüten auf einmal, damit wir unsere Einkäufe verstauen können. Wir verlieren den Sinn für Kundendienst, welcher heißt: Wer etwas kauft, bekommt es ordentlich eingepackt, damit er es nach Hause transportieren kann. Wir verlieren ganz allgemein das selbstverständliche Sichkümmern, das der Verkäufer gegenüber dem Kunden an den Tag legt. Wenn die spanische Einpackkultur verlorengeht, stirbt etwas an der Kultur selbst. Sehen Sie sich Deutschland an!

  5. abfeldmann sagt:

    ich gedenke derweil der arten,...
    ich gedenke derweil der arten, die wir schon verloren haben.

    auch das nachbarschaftliche muellwaschen und -sortieren, das gemeinsame kompostieren, vorkompstieren und nachkompostieren – vom allgemein verordneten radfahren aller untersiebzigjaehrigen ganz zu schweigen – kann wunderschoene neue rituale, umgangs- und hoeflichkeitsformen in der gesellschaft spriessen lassen.

    forward ever, backwards never.
    und die schoenen steinkoeppe erhalten wir auch.

  6. Ich muss Stefanus zu stimmen,...
    Ich muss Stefanus zu stimmen, die Einkaufstüten eignen sich wirklich sehr gut als Mülltüten (wenn sie nicht schon nach der ersten Benutzung kaputt sind), und man muss nicht noch extra Tüten kaufen.
    Ich finde es allerdings schon fies, plötzlich von dem Menschen verlangen zu wollen, dass sie plötzlich einsehen sollen, dass die Tüten schlecht für die Unwelt sind (was sie zweifelsfrei sind), nachdem sie Ewigkeiten die Tüten hinterher geworfen bekamen, selbst wenn sie keine wollten. Denn selbst für einen Bleistift bekam man eine Tüte, auch wenn man freundlich versuchte, der Kassiererin zu erklären, dass in der Tasche, die man mit sich trägt, Unmengen Platz für einen Bleistift sei (damit allerdings auch noch für eine Tüte).

  7. pardel sagt:

    Ach ja, und die Türken geben...
    Ach ja, und die Türken geben natürlich auch eine Plastiktüte zum Obst. Oder eine grüne Papiertüte, darauf steht gedruckt „Esst mehr Obst“, diese Papiertüte packen sie dann oft in eine Plastiktüte ein.
    Was soll man von einer solchen Aktion halten? Weniger Plastikmüll ist gut, mich dazu zu zwingen, das geht mir gegen den Strich. Besonders, weil ich Einkaufstüten meistens selber recycle: für das Katzenklo, oder die größeren für meinen eigenenen Müll. In Belgien und in Frankreich nimmt Carrefour auch Geld für die Tüten, ja, allerdings weniger als das, was andere Lebensmittelhändler in Deutschland dafür nehmen. Dafür ist die Qualität der Lebensmittel bei Carrefour besser als vieles, was man in Deutschland bekommt. Als Hobbykoch beneide ich die Belgier und die Franzosen ein Wenig dafür. Aber in Deutschland bekommt Carrefour dennoch kein Bein auf den Boden: den Deutschen ist billig wichtiger als gut, jedenfalls beim Essen.
    Das Geld geben sie dann für Autos, Urlaub, und in manchen Regionen für´s Häuslebauen aus. Meisheng, meisheng!! (Sie haben Recht, Don Paul: Besser als Smileys!)

  8. Madrid sagt:

    Ein Wort zur guten Nacht: Die...
    Ein Wort zur guten Nacht: Die vielfältige Verwendbarkeit der Tüten beeindruckt mich auch. Ich wäre natürlich bereit umzulernen. Aber man muss es mir schon vernünftig sagen.
    *
    TeresaSanchez, ich gebe zu, dass mich gerade die Tütchenkultur, auch für eine einzige Schraube, immer für Spanien eingenommen hat. Unter anderem. Oder dass ich für die Rechnung beim Optiker einen Umschlag bekomme und ähnliche wunderbare Dinge. Eine gewisse Verschwendung ist übrigens Zeichen einer besonders hochstehenden Kultur. Warum überhäufen die arabischen Völker den Gast mit Speisen, die er unmöglich alle an einem Abend essen kann? Weil sie Wertschätzung ausdrücken wollen. Warum haben spanische Gläser keinen Eichstrich? Weil der Barmann großzügig einschenkt, wie es sich gehört. Und warum… wäre ein fürchterlicher Spruch wie „Geiz ist geil“, für den sich mein Land schämen müsste (meine Finger haben sich fast widersetzt, ihn hinzuschreiben, und auch die Tastatur wollte nicht), in Spanien undenkbar? Weil immer noch ein Rest Höflichkeit, Lässigkeit, Großzügigkeit und Eleganz übrig ist, der einfach nicht verschwinden will!
    *
    pardel, Sie haben eine Katze! Und Sie sind Hobbykoch. Demnächst werden hier sicher einmal Rezepte zur Sprache kommen. Ich ahne es.

  9. abfeldmann sagt:

    erstaunlich, meine damen und...
    erstaunlich, meine damen und herren, ich dachte, in sachen plastikeinpackkultur waeren sich alle denkenden menschen einig.
    das ist ne sackgasse. und aus sackgassen kommt man nur mit dem arsch nach hinten raus. cold turkey. das ist wie mit dem rauchen. irgendwann vermisst man den mist nicht mehr und allen geht es besser.

  10. pardel sagt:

    <p>Rezepte? Kennen Sie den...
    Rezepte? Kennen Sie den falschen Hasen? Der geht in etwa so: Man lasse zu, dass sich eine reife Katze langsam von selbst mit wildem Geflügel füllt, und pflücke sie dann sorgfältig vom Baum…
    Ach! Nicht nur in Belgien und Frankreich, auch in Spanien und Italien sind die Lebensmittel so viel besser, frischer und vielfältiger als bei uns in Deutschland! Ja, darum sind Sie zu beneiden, das muss ich zugeben. Was nutzen die besten Rezepte, wenn die Lämmer, die sie bei uns verkaufen, Hammel sind? Die Artischocken strohig, als Pilze nur Pfifferlinge, Steinpilze und gezüchtete Champignons angeboten werden, vom Fisch ganz zu schweigen?

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