Sanchos Esel

Schopenhauer und das Problem der Plastiktüte

Bei den Merkmalen des Bloggens, von denen neulich die Rede war, habe ich ein wichtiges vergessen: dass der Kommentarteil der Leser, der sich an den Blogeintrag hängt, diesen möglicherweise um ein Vielfaches übertrifft, dadurch zur Hauptsache wird und ganz und gar unvorhersehbare Wege einschlägt, aus deren Verlauf und Ziel am Ende überhaupt der Sinn des Ganzen bestehen könnte. Wir begannen beim letzten Mal mit Plastiktüten, streiften die chinesische Alltagsbewältigung, riefen „meisheng, meisheng!“ und endeten bei Nietzsche und Schopenhauer. Welchen Kurs wir zwischendurch eingeschlagen haben, wäre schwer zu sagen. Jede Teilnehmerin hat ja einen eigenen. Und der Teilnehmer auch. Manche fahren Fahrrad, andere nehmen den Zug. Ein Kommentator schrieb letzte Woche, der Blog sei wie eine WG, es gebe auch immer jemanden, der sich danebenbenehme. Das weiß ich nicht so genau; ganz sicher aber ist, dass oft jemand vorbeikommt und eine frische Flasche aufmacht.

Um nun den Umweltschutz und das spanische Gewissen (oder die spanische Gewissenlosigkeit, das Kalkül der Industrie, die Genialität der Werbebranche oder die subtile Verlogenheit des pseudoökologischen Diskurses) nicht ganz aus den Augen zu verlieren, ist Sanchos Esel entschlossen in die spanische Wirklichkeit hineingaloppiert, wie er es von seinem Herrn gelernt hat, und hat sich die iberischen Tüten als solche etwas genauer angesehen. Sie finden also auf dieser Seite verschiedene Exemplare von Tüten. 

Auf die eine oder andere Weise werben die Hersteller, Vertreiber oder Benutzer dieser Tüten mit deren besonderer Umweltverträglichkeit. Es sind visuelle Signale, die wir kaum noch wahrnehmen, allein deswegen, weil sie allgegenwärtig sind. Diesmal wollte ich es anders machen. Ich habe mir unseren Tütenvorrat geschnappt und sowohl die Papier- wie auch die Plastiktüten systematisch untersucht. Bei den Plastiktüten kann man, was grüne Punkte und dergleichen Symbolik angeht, nicht viel machen. Schädlich ist schädlich. Und zu mehr als einem mickerigen Pünktchen reicht es im allgemeinen nicht.

Doch schon die Unterschiede der Symbole verwirren mich. Ist die Yin-und-Yang-mäßige Variante oben besser als die Recycling-Symbolik mit drei statt mit zwei Elementen? Offenbar soll ein gesunder und natürlicher Kreislauf dargestellt werden. Aber was hat er auf der Plastiktüte zu suchen, wo alles am Plastik dagegen spricht? Und was ist mit den vierhundert Jahren, die eine Tüte angeblich braucht, um biologisch vollständig abgebaut zu sein? Kann mir das jemand erklären?

Dies ist eines meiner schönsten Exemplare. Eine hauchdünne spanische Einkaufstüte, wie sie die Supermärkte – bisher – kostenlos bereitstellten. Der Satz in roter Schrift warnt sehr eindringlich davor, die Tüte achtlos wegzuwerfen, denn als vagabundierendes Exemplar stelle sie eine Bedrohung für die Umwelt dar. Das ist mit Absicht etwas umständlich ausgedrückt. Das geschwollene Spanisch soll einerseits verschleiern, dass die Tüte selbst schon die Umweltsünde verkörpert, vor der auf der Tüte gewarnt wird, und zweitens den Ernst des Umweltengagements jener beteuern, die diese Tüte herstellen, vertreiben oder kostenlos verteilen. „Bolsa caca“, der Spruch, der uns neuerdings mit kindlicher Fäkalsprache aus unserer Lethargie reißen soll, stellt also einen Paradigmenwechsel dar. Aber es kommt noch besser. Die grünen Zeilen unter den roten behaupten frech, eine Firma namens AENOR „identifiziere“ – also benenne – jene Produkte, die dazu beitragen, die Umwelt zu erhalten. Wozu wir also auch diese Tüte rechnen sollen. Die Tüte, sagt uns AENOR, trägt dazu bei, die Umwelt zu erhalten. Wirklich, das ist sehr lustig. Bolsa caca! Hören Sie? Ich rufe es laut und deutlich.

Hier ein weiteres Rätsel. Zu hundert Prozent abbaubar! Sehr schön. Nur, wie lange dauert das? „Respetuoso“ heißt wörtlich „achtungsvoll“, „ehrerbietig“. Gegenüber der Umwelt nämlich. Allmählich machen diese Werbesprüche Sanchos Esel nachdenklich. Die gesamte spanische Industriewelt scheint sich darauf geeinigt zu haben, ein branchenübergreifendes Bündnis für Umweltschutz und biologische Abbaubarkeit von Verpackungsmaterialien zu schmieden. Leider nur sind diese Verpackungsmaterialien… Plastiktüten. Nun ja. Dafür haben wir jetzt diese Bündnisse überall und fühlen uns schon deutlich besser, als wenn wir sie nicht hätten. Übrigens steht auf Papiertüten mehr drauf als auf Plastiktüten. Das liegt daran, dass sie nicht so schlimm für die Umwelt sind. Zuerst wollte ich Ihnen eine Ikea-Tüte zeigen, aber dann dachte ich: Die Ikea-Tüte kennen Sie. Ich zeige Ihnen lieber ein selteneres Exemplar. Es ist dieses hier:

Beachten Sie bitte, was sich auf dem Boden einer portugiesischen Papiertüte alles sagen lässt. Da helfen wir alle mit und schützen unseren Planeten, da drehen sich bewegungsfreudige Elemente, da tropfen die Tropfen, und wer will, kann sogar irgendwo anrufen und sich bestätigen lassen, dass diese Tüte harmlos und ungefährlich ist. Übrigens ist dies kein Schwarzweißfoto. Es wirkt nur so. Aus Umweltschutzgründen.

Erinnern Sie sich an den Bilderrahmer, von dem ich kürzlich berichtete? Der immer „Estupendo, estupendo, estupendo, estupendo“ sagt? Immer viermal? Dieser Bilderrahmer, wie andere seiner Profession, benutzt natürlich die hochbedenkliche Bläschenfolie, um die frisch gerahmten Bilder einzupacken. Es ist immer wieder eine Freude zu sehen, mit welcher Großzügigkeit er die Bläschenfolie um die Bilder schlingt. Spanische Bilderrahmer sind so. Und zur Sicherheit kommt noch jede Menge Klebeband darüber, das breite. Und dann werden auch noch kräftige Eckenschoner aus Pappe über die Ecken gestülpt. Wie gesagt, im Einpacken waren sie schon immer gut. Und es gibt einen Teil in mir – einen ausgelassenen, übermütigen, frivolen, einen, der keine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen will und zu nichts zu gebrauchen ist -, der bewundert immer noch die Einpackleistung dieses Bilderrahmers.

Tja, was soll man da machen? Manchmal stehe ich vor der Bläschenfolie und schaue sie einfach nur an. Und wenn sie Augen hätte, würde ich ihr in die Augen schauen. Auf dem Foto hier habe ich die Bläschenfolie nach draußen gelegt, weil ich dachte, ein wenig Sonne tue ihr gut. In dieser Beziehung ist die Bläschenfolie wie der Mensch. Sehen Sie, wie sie sich wohlig reckt und streckt? So eine richtig schöne, dicke Bläschenfolie lässt man natürlich nicht achtlos in der Landschaft herumfliegen! Wer ein Stück Bläschenfolie wie dieses hat, der behält, nährt und pflegt es. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. 

Ich zähle darauf, dass wir schnell wieder auf die großen Dichter und Philosophen zu sprechen kommen. Sie bieten weniger Rätsel.

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