Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Schopenhauer und das Problem der Plastiktüte

| 92 Lesermeinungen

Bei den Merkmalen des Bloggens, von denen neulich die Rede war, habe ich ein wichtiges vergessen: dass der Kommentarteil der Leser, der sich an den Blogeintrag hängt, diesen möglicherweise um ein Vielfaches übertrifft, dadurch zur Hauptsache wird und ganz und gar unvorhersehbare Wege einschlägt, aus deren Verlauf und Ziel am Ende überhaupt der Sinn des Ganzen bestehen könnte.

Bei den Merkmalen des Bloggens, von denen neulich die Rede war, habe ich ein wichtiges vergessen: dass der Kommentarteil der Leser, der sich an den Blogeintrag hängt, diesen möglicherweise um ein Vielfaches übertrifft, dadurch zur Hauptsache wird und ganz und gar unvorhersehbare Wege einschlägt, aus deren Verlauf und Ziel am Ende überhaupt der Sinn des Ganzen bestehen könnte. Wir begannen beim letzten Mal mit Plastiktüten, streiften die chinesische Alltagsbewältigung, riefen „meisheng, meisheng!“ und endeten bei Nietzsche und Schopenhauer. Welchen Kurs wir zwischendurch eingeschlagen haben, wäre schwer zu sagen. Jede Teilnehmerin hat ja einen eigenen. Und der Teilnehmer auch. Manche fahren Fahrrad, andere nehmen den Zug. Ein Kommentator schrieb letzte Woche, der Blog sei wie eine WG, es gebe auch immer jemanden, der sich danebenbenehme. Das weiß ich nicht so genau; ganz sicher aber ist, dass oft jemand vorbeikommt und eine frische Flasche aufmacht.

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Um nun den Umweltschutz und das spanische Gewissen (oder die spanische Gewissenlosigkeit, das Kalkül der Industrie, die Genialität der Werbebranche oder die subtile Verlogenheit des pseudoökologischen Diskurses) nicht ganz aus den Augen zu verlieren, ist Sanchos Esel entschlossen in die spanische Wirklichkeit hineingaloppiert, wie er es von seinem Herrn gelernt hat, und hat sich die iberischen Tüten als solche etwas genauer angesehen. Sie finden also auf dieser Seite verschiedene Exemplare von Tüten. 

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Auf die eine oder andere Weise werben die Hersteller, Vertreiber oder Benutzer dieser Tüten mit deren besonderer Umweltverträglichkeit. Es sind visuelle Signale, die wir kaum noch wahrnehmen, allein deswegen, weil sie allgegenwärtig sind. Diesmal wollte ich es anders machen. Ich habe mir unseren Tütenvorrat geschnappt und sowohl die Papier- wie auch die Plastiktüten systematisch untersucht. Bei den Plastiktüten kann man, was grüne Punkte und dergleichen Symbolik angeht, nicht viel machen. Schädlich ist schädlich. Und zu mehr als einem mickerigen Pünktchen reicht es im allgemeinen nicht.

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Doch schon die Unterschiede der Symbole verwirren mich. Ist die Yin-und-Yang-mäßige Variante oben besser als die Recycling-Symbolik mit drei statt mit zwei Elementen? Offenbar soll ein gesunder und natürlicher Kreislauf dargestellt werden. Aber was hat er auf der Plastiktüte zu suchen, wo alles am Plastik dagegen spricht? Und was ist mit den vierhundert Jahren, die eine Tüte angeblich braucht, um biologisch vollständig abgebaut zu sein? Kann mir das jemand erklären?

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Dies ist eines meiner schönsten Exemplare. Eine hauchdünne spanische Einkaufstüte, wie sie die Supermärkte – bisher – kostenlos bereitstellten. Der Satz in roter Schrift warnt sehr eindringlich davor, die Tüte achtlos wegzuwerfen, denn als vagabundierendes Exemplar stelle sie eine Bedrohung für die Umwelt dar. Das ist mit Absicht etwas umständlich ausgedrückt. Das geschwollene Spanisch soll einerseits verschleiern, dass die Tüte selbst schon die Umweltsünde verkörpert, vor der auf der Tüte gewarnt wird, und zweitens den Ernst des Umweltengagements jener beteuern, die diese Tüte herstellen, vertreiben oder kostenlos verteilen. „Bolsa caca“, der Spruch, der uns neuerdings mit kindlicher Fäkalsprache aus unserer Lethargie reißen soll, stellt also einen Paradigmenwechsel dar. Aber es kommt noch besser. Die grünen Zeilen unter den roten behaupten frech, eine Firma namens AENOR „identifiziere“ – also benenne – jene Produkte, die dazu beitragen, die Umwelt zu erhalten. Wozu wir also auch diese Tüte rechnen sollen. Die Tüte, sagt uns AENOR, trägt dazu bei, die Umwelt zu erhalten. Wirklich, das ist sehr lustig. Bolsa caca! Hören Sie? Ich rufe es laut und deutlich.

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Hier ein weiteres Rätsel. Zu hundert Prozent abbaubar! Sehr schön. Nur, wie lange dauert das? „Respetuoso“ heißt wörtlich „achtungsvoll“, „ehrerbietig“. Gegenüber der Umwelt nämlich. Allmählich machen diese Werbesprüche Sanchos Esel nachdenklich. Die gesamte spanische Industriewelt scheint sich darauf geeinigt zu haben, ein branchenübergreifendes Bündnis für Umweltschutz und biologische Abbaubarkeit von Verpackungsmaterialien zu schmieden. Leider nur sind diese Verpackungsmaterialien… Plastiktüten. Nun ja. Dafür haben wir jetzt diese Bündnisse überall und fühlen uns schon deutlich besser, als wenn wir sie nicht hätten. Übrigens steht auf Papiertüten mehr drauf als auf Plastiktüten. Das liegt daran, dass sie nicht so schlimm für die Umwelt sind. Zuerst wollte ich Ihnen eine Ikea-Tüte zeigen, aber dann dachte ich: Die Ikea-Tüte kennen Sie. Ich zeige Ihnen lieber ein selteneres Exemplar. Es ist dieses hier:

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Beachten Sie bitte, was sich auf dem Boden einer portugiesischen Papiertüte alles sagen lässt. Da helfen wir alle mit und schützen unseren Planeten, da drehen sich bewegungsfreudige Elemente, da tropfen die Tropfen, und wer will, kann sogar irgendwo anrufen und sich bestätigen lassen, dass diese Tüte harmlos und ungefährlich ist. Übrigens ist dies kein Schwarzweißfoto. Es wirkt nur so. Aus Umweltschutzgründen.

Erinnern Sie sich an den Bilderrahmer, von dem ich kürzlich berichtete? Der immer „Estupendo, estupendo, estupendo, estupendo“ sagt? Immer viermal? Dieser Bilderrahmer, wie andere seiner Profession, benutzt natürlich die hochbedenkliche Bläschenfolie, um die frisch gerahmten Bilder einzupacken. Es ist immer wieder eine Freude zu sehen, mit welcher Großzügigkeit er die Bläschenfolie um die Bilder schlingt. Spanische Bilderrahmer sind so. Und zur Sicherheit kommt noch jede Menge Klebeband darüber, das breite. Und dann werden auch noch kräftige Eckenschoner aus Pappe über die Ecken gestülpt. Wie gesagt, im Einpacken waren sie schon immer gut. Und es gibt einen Teil in mir – einen ausgelassenen, übermütigen, frivolen, einen, der keine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen will und zu nichts zu gebrauchen ist -, der bewundert immer noch die Einpackleistung dieses Bilderrahmers.

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Tja, was soll man da machen? Manchmal stehe ich vor der Bläschenfolie und schaue sie einfach nur an. Und wenn sie Augen hätte, würde ich ihr in die Augen schauen. Auf dem Foto hier habe ich die Bläschenfolie nach draußen gelegt, weil ich dachte, ein wenig Sonne tue ihr gut. In dieser Beziehung ist die Bläschenfolie wie der Mensch. Sehen Sie, wie sie sich wohlig reckt und streckt? So eine richtig schöne, dicke Bläschenfolie lässt man natürlich nicht achtlos in der Landschaft herumfliegen! Wer ein Stück Bläschenfolie wie dieses hat, der behält, nährt und pflegt es. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. 

Ich zähle darauf, dass wir schnell wieder auf die großen Dichter und Philosophen zu sprechen kommen. Sie bieten weniger Rätsel.


92 Lesermeinungen

  1. abfeldmann sagt:

    schopenhauer liebte auch hunde...
    schopenhauer liebte auch hunde – naja… pudel. – was er zu yaks im speziellen oder allgemeinen dachte, bleibt gegenstand der spekulation.

  2. jelah sagt:

    yaks ganz einfach, rund um...
    yaks ganz einfach, rund um Sanyuanqiao, noch naeher gesagt zuojiazhuangdongjie und umliegende Strassen, bis zur dongsanhuanbeilu, ebenfalls Esel und Pferdekarren, mit Weintrauben und allen erdenklich anderen Fruechten,
    ohne Plastik dafuer mit Ausgaben der Renmin Ribao,
    freundlich

  3. pardel sagt:

    <p>Die Bläschenfolie (für...
    Die Bläschenfolie (für den Fachmann: Luftpolsterfolie) heisst auf Spanisch film alveolar (oder umgangssprachlich plástico de burbujas), das klingt ganz schön hochtrabend. Kein Wunder, dass man sie pflegen und hegen möchte! Man kann sie jetzt sogar virtuell poppen, ich staune. Dann lieber Tetris, oder Space Invaders, wenn schon.
    Jemand schrieb vor wenigen Ausgaben (wer war das? Ich finde den Eintrag nicht mehr), die spanische Sprache habe wenige zusammengesetzte Wörter. Seitdem sind mir tatsächlich wenige eingefallen, ist aber auch ein Zeitvertreib: Sacacorchos und aguafiestas waren, glaube ich, vorgegeben worden. Also: Salvamanteles, abrelatas, cascanueces, botafumeiro (ist Galicisch, ich weiß, aber Sie waren gerade dort, Don Paul, die Assoziationen sind frei, vielleicht geht es als Lehnwort durch?), parteaguas, caradura, matasellos, abrecartas, pisapapeles, tejemaneje, chupatintas, bei gilipollas bin ich mir nicht sicher, bei autopista auch nicht (auto=coche, pista=vía, ja, aber auto klingt mir auch wie eine einfache Präposition, die evtl. gedankenlos aus dem dt. Autobahn importiert worden sein kann, eher in Anlehnung an autoclave und autómata, oder wie bei submarino), Malasaña ist wohl geschummelt, Eigennamen gelten nicht…
    So schöne Zusammensetzungen wie zuojiazhuangdongjie kann das Spanische aber nicht bieten, Jelah, ich bin beindruckt. Das bedeutet doch sicher auch etwas?

  4. abfeldmann sagt:

    jelah, ich glaube ihnen ja. -...
    jelah, ich glaube ihnen ja. – so wie man vielleicht einem geschichtenerzaehler, einem muenchausen oder don quixote, glaubt. aber das ist es dann auch schon.
    und damit sind die yaks – moegen sie in frieden in der mongolei und in tibet grasen – fuer mich gegessen. ihnen allen einen guten appetit.

  5. Madrid sagt:

    <p>pardel, danke für die...
    pardel, danke für die bereichernde Auskunft zur Luftpolsterfolie.
    Ich finde eher, das Spanische habe viele zusammengesetzte Nomen, immer gemessen daran, dass es sie nicht so leicht bilden kann wie das Deutsche oder Englische, wo es natürlich unendlich viel mehr von solchen Wörtern gibt, man kann sie dort ja beliebig zusammensetzen wie Legosteine. Ich war schon lange nicht mehr beim limpiabotas. Dafür habe ich mir gestern einen limpiabiberones gekauft. Mit der kleinen Bürste daran reinige ich das Innere der Tülle meiner Teekanne. „Autopista“, „Telepago“ und ähnliche Wörter gehorchen übrigens einer anderen Wortbildung. Das Kennzeichnen der erstgenannten Zusammensetzungen ist, dass sie, unabhängig vom ursprünglichen Geschlecht des Nomens, Maskuline sind, bei denen der Artikel im Singular, das Nomen im Plural steht: „el salvavidas“. „El limpiaparabrisas“.

  6. Dulcinea sagt:

    <p>pardel, vielen Dank! Das...
    pardel, vielen Dank! Das ist sehr anregend. Mir fällt spontan „matasanos“ ein. „El matasanos“, ja, Singular-Plural. Den möchte man natürlich meiden, den matasanos. Ich werde ein wenig darüber nachdenken, über diese Zusammensetzungen. „El chupaflor“ ist ein schönes Wort für den Kolibri, wird allerdings in Spanien nicht verwendet, glaube ich. Er gehorcht ja auch gar nicht der Regel. Sonst würde er „el chupaflores“ heißen. Heißt er aber nicht.
    ***
    Jelah, ich habe Ihren Standort auf Google Maps studiert. Das ist sehr interessant. Ich habe mir noch niemals den Stadtplan von Peking angesehen! Dort ist ja auch der dritte Ring, von dem Sie sprachen! Und: ich sehe viele blaue Dächer. Hat es damit eine besondere Bewandtnis? Mit den blauen Dächern? In Peking? Vielleicht wissen das auch Sie, abfeldmann?

  7. pardel sagt:

    <p>Wieder etwas gelernt!...
    Wieder etwas gelernt! Danke! Und wie ist es mit el tirabuzón / los tirabuzones?

  8. Dulcinea sagt:

    <p>pardel, ganz meinerseits!...
    pardel, ganz meinerseits! Und gerade ist mir „cuentacuentos“ eingefallen. Un cuentacuentos. Das ist doch sehr poetisch.

  9. Madrid sagt:

    <p>pardel, die...
    pardel, die Gramática Descriptiva de la Lengua Española liegt neben mir, und ich würde mich jetzt gern in die Nomina versenken. Aber das kann ich nicht. Es sind mehrere hundert Seiten. Ich rede nur von den Nomen. Mein Blick fällt auf einen Beispielsatz: „Tú, el estudiante sabelotodo, seguro que respondiste bien.“ Ich wollte sagen, meine Erläuterungen bezogen sich auf eine Klasse von Nomina. Nicht auf alle. Es gibt viele verschiedene Klassen.

  10. Chus sagt:

    <p>Also... Dass "auto"...
    Also… Dass „auto“ womöglich aus dem Deutschen (!!) herkommen soll, kann ich wirklich nicht gelten lassen. Bei so einer gebildeten Runde!? Das Wort (die Wörter) Auto-Móvil (auch wenn mit „V“), ganz klar beide Teile aus dem Lateinischen. Wie natürlich auch „auf Deutsch“ . Autopista kommt von Auto(móvil) und Pista.
    Hierher lautet mein Lieblingswort: Correveidile (corre-ve-y-di-le) ‚Petzer‘ (Hochdeutsch?)

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