Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Lob der spanischen Anbetungskultur

| 59 Lesermeinungen

Seit ich genötigt wurde, zusammen mit einer entfesselten Kollegenmeute und unter widrigen Bedingungen Brad Pitt zu fotografieren, habe ich viel über die Anbetung der Stars nachgedacht. Spanien hat ja keine Boulevardpresse wie Deutschland, also keine „Bild", keinen „Express" und dergleichen, sondern eine Batterie wöchentlich erscheinender Magazine, die sich der flächendeckenden Darstellung des Privatlebens von Stars und Prominenten widmen und aus der bedingungslosen Adulation eine akzeptierte journalistische Gattung gemacht haben.

Seit ich genötigt wurde, zusammen mit einer entfesselten Kollegenmeute und unter widrigen Bedingungen Brad Pitt zu fotografieren, habe ich viel über die Anbetung der Stars nachgedacht. Spanien hat ja keine Boulevardpresse wie Deutschland, also keine „Bild“, keinen „Express“ und dergleichen, sondern eine Batterie wöchentlich erscheinender Magazine, die sich der flächendeckenden Darstellung des Privatlebens von Stars und Prominenten widmen und aus der bedingungslosen Adulation eine akzeptierte journalistische Gattung gemacht haben. Ich gestehe, dass ich sie gelegentlich lese, allein schon, um festzustellen, ob sie ihre Linie immer noch durchhalten. Und natürlich halten sie durch. Ein Produkt wie ¡Hola!, das Flaggschiff der spanischen Klatschberichterstattung, gibt seinen Leser(inne)n ein so geschöntes Bild von der Welt, dass man versucht ist, vor dieser rastlosen Fiktionsmaschine, der keine Lüge zu abwegig und keine Phrase zu kitschig ist, in Ergriffenheit zu verharren. Fasziniert starre ich auf eine geschickt errichtete Parallelwelt voller Romantik und Harmonie und frage mich allen Ernstes, ob sie nicht doch etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben könnte.

Manchmal grübele ich allerdings darüber nach, was die Leute, die diese Texte schreiben, im Privatleben so machen. Ob sie Yoga betreiben, sich Fastenkuren unterziehen, zum Meditieren ins Kloster von Silos gehen oder andere Wege finden, Körper und Geist von dem Müll zu befreien, den sie täglich durchwaten. Dann sage ich mir: Nein. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Stars, Promis, abgetakelte Adelige auf ihren Landsitzen und Hochzeiten von Toreros sind ihr tägliches Brot. Es ist die Welt, die sie kennen und verstehen. Sie wollen keine andere. Wenn sie eine Philosophie haben, dann hat sie vier Buchstaben. ¡Hola!

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Es gibt nur eine Gruppe, eine ziemlich große, die ich von meiner desillusionierten Sicht ausnehme, und das sind die spanischen Fans, besonders die weiblichen. Wann immer ich bei meinen Filmfestival-Aufenthalten in die Gesichter fröhlicher, geduldig wartender Fans geblickt habe, war ich gerührt. Ja, sie rufen „Brad, Brad, Braaaaad!“ und können sehr laut kreischen. Sie wedeln mit ihrem Autogrammblock, dem Programmheft, dem Stift und… nun, sie betteln. Sie betteln und flehen inständig darum, beachtet zu werden. Aber dabei sehen sie schön aus. Unschuldig. Ich kann es nicht anders sagen. Diese Begeisterungsfähigkeit, diese sich auf glücklichen Gesichtern malende Emotion ist ergreifend. Fünf Stunden Wartezeit bei Nieselregen? Kein Problem! Für den Star und die flüchtige Chance, ihn die Hoteltreppe hinaufeilen zu sehen, tun sie alles.

Heute beobachte ich die Verehrerinnen der Filmstars (Frauen bewundern tiefer als Männer) mit demselben Staunen und derselben Achtung wie vor zehn Jahren. Während ¡Hola! die industrialisierte Ausbeutung dieser Gefühle verkörpert, gebieten Gesicht und Gesten des einzelnen Fans Respekt. Sie strahlen pure Bewunderung aus, positives Denken und herzwärmende Identifikation mit dem Idol. Sind das nicht unsere besten Eigenschaften? Dem anderen schrankenloses Wohlwollen entgegenzubringen? Ich weiß, dass gerade Filmstars viel Mühe damit haben, die Zudringlichkeit ihrer Anhänger abzuwehren. Deshalb freue ich mich über jeden, der seine Fans mit Anstand behandelt.

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Doch wehe, wenn eine(r) vor der anbetenden Menge versagt. Dann laufe ich Gefahr, eine gesamte Filmographie einer Revision zu unterziehen. Andie MacDowell zum Beispiel ist bei mir unten durch. Vor vielen Jahren kam sie mal nach Madrid und sollte im Ritz eine Pressekonferenz geben. Aber wer kam und gute Laune verströmte, war nur ihr Filmpartner Andy Garcia. Andie MacDowell hatte auf die Pressekonferenz plötzlich keine Lust mehr und ging shoppen.

Womit wir wieder bei Brad Pitt wären, der neulich in San Sebastián alles richtig gemacht hat, wenn wir einmal davon absehen, dass er mich nicht gefragt hat, ob ich eine Frage an ihn richten möchte, damit ich meiner Tochter sagen kann, ich hätte eine Frage an ihn gerichtet. Brad Pitt jedenfalls ist an jenem Abend, der auf seine Pressekonferenz folgte, zu Arzak essen gegangen, was wunderbare Fotos ergab und angeblich eines der besten Abendessen seines Lebens war. Kennen Sie Arzak? Gehen Sie einmal hin. Es könnte eines der besten Abendessen Ihres Lebens werden. Manchmal trifft man dort Hollywoodstars wie Brad Pitt. Oh, und dann hat er, Brad Pitt, gleich am nächsten Morgen auch noch Eduardo Chillidas Skulpturenpark in Hernani und die Windkämme an der Concha besucht. Wirklich, er sah überall gut aus, dieser Kinostar mit dem zusseligen Bart und den tadellosen Manieren. Noch mehr allerdings rühren mich die vielen, die ihn umarmt, geküsst und fotografiert haben beziehungsweise mit ihm fotografiert wurden, denn ihnen, den anbetenden Fans, gehört das Himmelreich.

[Fotos: Georges Hausemer]


59 Lesermeinungen

  1. abfeldmann sagt:

    sehr schoener text, paul...
    sehr schoener text, paul ingendaay, zu ¡hola! und zu den spanischen anbeterinnen. – ¡hola! ist sehr ausgefeiltes storytelling. ein suggestiver kosmos. eine parallelwelt, wie sie richtig sagen. eine sehr gut gemachte zudem.

    und die spanischen anbeterinnen… – recht haben sie! – die sind etwas ganz besonderes.
    jeden alters haben so etwas schulmaedchenhaftes, so etwas reines, frisch gewaschenes… – maedchenzimmer, mittelstufe, lyceum… – herrlich und anruehrend. schwaermerei mit schaffenskraft. – denn es sind die leser – die ‚anbeterinnen‘ – die hier diese hinreissende parallelwelt erschaffen, nicht der autor.
    es sind naemlich nicht nur die ueblichen hochglanzverdaechtigen, die objekt situativer schwaermerei werden… – es kann ein jeder sein, der in froehlicher runde nen bischen auf dem klavier klimpert, schoene zeilen verfasst oder eine feine zeichnung angefertigt hat. – das wissen sie, paul ingendaay, aus eigener erfahrung auch.
    spanische maedchen jeden alters lieben es, bezaubert zu werden. und aller zauber liegt tatsaechlich mehr in ihrem gnaedigen blick, als in der meisterschaft des minnedieners.
    dafuer, das muss ich sagen, kann man spanische maedchen schon sehr lieben.

  2. Madrid sagt:

    abfeldmann, Sie werden ja...
    abfeldmann, Sie werden ja richtig lyrisch. An Mädchenzimmer und Lyceum hatte ich so konkret gar nicht gedacht…

  3. Dulcinea sagt:

    Guten Abend, abfeldmann! Sie...
    Guten Abend, abfeldmann! Sie haben wirklich schöne Zeilen verfaßt. Ja, wir Frauen loben. Das stimmt. Und mir ist das Lob hier teilweise schon untersagt worden! Sie wissen ja, wen ich anbete, nicht wahr? Sie können es sich denken? Ein schönes Wort übrigens, „anbeten“. Meiner ist nicht so groß, dafür aber schnell. Ja, genau! Der Floh. Der kleine Finger Gottes. Ich wünschte, mein Vater könnte mir verschwommene Fotos von einer Pressekonferenz senden!

  4. Don Paul, glauben Sie dass ein...
    Don Paul, glauben Sie dass ein Hola Autor Schrott schreibt oder hält er sich nicht doch für unendlich wichtig? Da er ja ein wichtige Funktion erfüllt, eine grosse Nachfrage bedient? Glaubt er was er schreibt? Muss man das nicht um so einen Schwachsinn zuverzapfen?
    Na, für mich sind sie eigentlich alle gleich, Hola, Que me dices, 10 minutos etc. Da sind ja teilweise fas die gleichen Bilder drin.
    Ich habe nie verstanden warum diese Blätter hier mit solchem Ernst gelesen werden. Ich glaube, sie dienen vielen Leuten als Leitbilder, dazu müssen sie wohl 150% übertrieben sein. Aber was für Vorbilder: Nicht arbeiten (hatten wir das nicht schonmal?) möglichst alles liften lassen was geht, etc. Schauerlich!!
    Ich habe einigen Lesern mal angedeutet dass diese Zeitungen für mich quasi identisch sind. Uh!!! Shockierend!!! Ich wurde eines bsseren belehrt: Hola sei viel besser als der Rest, BIlder und Geschichten hätte einfach mehr QUALITÄT. Seitdem grüble ich wieder über den Begriff der Qualität (wie der Protagonist in Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten!).

  5. Chus sagt:

    Oh ja, abfeldmann (und nicht...
    Oh ja, abfeldmann (und nicht apfeldamm, wie meine Finger, jedes Mal, von alleine schreiben pflegen…). Ich musste Ihren Beitrag drei Mal lesen. Das erste Mal war ich wirklich sehr wütend. Aber dann habe ich gedacht: Chus, du musst das wieder lesen. Abfeldmann ist ein netter, bestimmt hast du wieder einmal nur die Hälfte verstanden. Beim 2. Mal musste ich doch bei manchen Passagen schmunzeln. Beim 3. Mal musste ich mich ergeben (ist es so korrekt? He tenido que rendirme). Zu mir sind die Bilder von damals, vor fast 16 Jahren, hochgekommen. Damals, als mein Mann mit seinem Scharm, am Klavier, mit der Geige, singend… mich absolut verzaubert hat. Deutsche Männer können einfach so viel mehr geistig als Spanier! (natürlich nicht ALLE Deutsche usw.) Ich hoffe, Sie verstehen mich nicht falsch. Dies sollte, Don Paul, ein wenig Stoff zu seiner Mischehentheorie beitragen. Auf jeden Fall schicke ich meine Kinder zur Musikschule. Allein damit sie eines Tages ein nettes Mädchen verzaubern können. Es darf auch ein deutsches sein.

  6. Chus sagt:

    Aber ich habe noch nie in...
    Aber ich habe noch nie in meinem Leben „Hola“ oder ähnliches gelesen. Sie können mir glauben. Meine Mutter auch nicht, vielleicht liegt es daran.

  7. Chus sagt:

    @Albero-Amarillo. Was wundert...
    @Albero-Amarillo. Was wundert Sie? In Deutschland können Sie teilweise Professoren im ICE bei „Bild-Zeitung“ lesen erwischen! In Spanien habe ich noch nie einen „catedrático“ mit dem Hola in der Hand gesehen! Ob sie sich alle dafür verstecken?

  8. Madrid sagt:

    Albero-Amarillo, dass die...
    Albero-Amarillo, dass die Hola-Autoren glauben, was sie schreiben, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Andererseits hat ¡Hola! tatsächlich mehr Qualität als die anderen, wenn man darunter Bilderstrecken, Opulenz und die Vollendung seines zynischen Programms der Prominentenverwurstung versteht.
    *
    Chus, wer welche Sachen liest, weiß ich nicht. Aber man muss wohl festhalten, dass jedes Land seinen eigenen Populär- und Trivialmarkt hat. Spanien hat ¡Hola! und dergleichen für die Frau, die tägliche Sportpresse (Marca, as etc.) für den Mann. Deutschland hat dafür die Boulevardpresse – mit „Bild“ an der Spitze.

  9. Liebe Chus: Wenn ich jetzt...
    Liebe Chus: Wenn ich jetzt rekapituliere: Ihr deutscher Mann spricht Spanisch, Katalanisch, Galizisch, spielt Geige, Klavier, singt und …noch dazu stellt er berühmte Schriftsteller bei Lesungen vor… Ich mag meinen Lieblingsdeutschen auch sehr: er ist auch polyglott (von den iberischen Sprachen spricht er nur Spanisch, aber dafür auch eine slawische Sprache), spielt auch Instrumente, erklärt uns die für uns unverständlichen physikalischen und astronomischen Rätsel des Universums, und vor allem hat er einen Sinn für Humor, den wir in dieser Familie lieben und bei dem wir ständig lachen müssen. Ich weiß nicht, ob diese deutschen Männer repräsentativ sind. Aber ich bin völlig Ihrer Meinung: sie sind anders. Übrigens: bei uns zu Hause (ich meine jetzt mein spanisches zu Hause) gab es Hola und die anderen „revistas“ auch nicht. Nie im Leben. Vielleicht sind „wir“ – Sie und ich- auch nicht repräsentativ!

  10. el_aleman sagt:

    chus: wenn ich ihren beitrag...
    chus: wenn ich ihren beitrag lese moechte ich meinen entschluss, mit meiner spanischen (ex-)freundin die beziehung zu beenden, ueberdenken.
    ingendaay: excellente beitraege, die die sehnsucht an spanien, seine menschen und das leben dort (auch bei den von ihnen angesprochenen missstaenden) zu jeder zeit aufrechterhalten.

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