Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Das Geheimnis ihrer Augen oder: Von der Macht der Fiktion

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Bitte sehen Sie mir nach, wenn ich noch einmal von dem Film erzähle, der mich beim Festival in San Sebastián so beeindruckt und der am Ende unerklärlicherweise keinen einzigen Preis gewonnen hat. Womit ich nicht sagen möchte, die Jurys hätten sich nach mir oder meinem Geschmack zu richten. Aber der argentinische Film El secreto de sus ojos (Das Geheimnis ihrer Augen) von Juan José Campanella hat doch überall, wo man ihn sehen kann, so erstaunliche Publikumsreaktionen ausgelöst, dass man sich fragt, wie dergleichen Missachtung bei Spaniens wichtigstem Festival möglich war.

Bitte sehen Sie mir nach, wenn ich noch einmal von dem Film erzähle, der mich beim Festival in San Sebastián so beeindruckt und der am Ende unerklärlicherweise keinen einzigen Preis gewonnen hat. Womit ich nicht sagen möchte, die Jurys hätten sich nach mir oder meinem Geschmack zu richten. Aber der argentinische Film El secreto de sus ojos (Das Geheimnis ihrer Augen) von Juan José Campanella hat doch überall, wo man ihn sehen kann, so erstaunliche Publikumsreaktionen ausgelöst, dass man sich fragt, wie dergleichen Missachtung bei Spaniens wichtigstem Festival möglich war. Und ich bin auf eine Antwort gestoßen, die mir nicht gefällt.

Ich möchte sie Ihnen in ein paar Zeilen darlegen – länger lohnt es sich nicht, über Juryentscheidungen nachzudenken, weil sie nur ein weiterer Rezeptionsfaktor sind und mit dem Kunstwerk selbst nichts zu tun haben. Das gilt übrigens auch für den Nobelpreis. Er ist ein Rezeptionsfaktor, ein Zufall, eine Grille, ein Segen, eine möglicherweise verdiente Anerkennung (wer will das entscheiden?) und ganz sicher ein Haufen Geld, welcher die künftige Arbeit erleichtert, aber in keinem Fall ist er mit dem literarischen Gesamtwerk zu verwechseln. Am Ende, wenn ich meine Regale mustere, gewinnen die Nichtnobelpreisträger gegen die Nobelpreisträger um Längen. Ich sage nur Proust, Kafka, Joyce, Borges, Nabokov, Onetti, Highsmith, Gaddis.

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Aber zur Jury. Es gewann in San Sebastián ein chinesischer Film, City of Life and Death, über die Einnahme von Nanking 1937, ein wirklich beeindruckendes Werk in Schwarzweiß, mit ebenso harten wie erschütternden Szenen über die Exekutionen und Massenvergewaltigungen, die die Japaner an den Eingeschlossenen der damaligen chinesischen Hauptstadt begingen. Historisch verbürgt, das alles, man streitet wohl nur noch über die Opferziffern. Wie immer. Und offenbar hat es den großen Nanking-Aufarbeitungsfilm noch nicht gegeben. Hier also war er. Würdig. Aufrüttelnd. Wichtig.

Die beiden Darstellerpreise gingen an den spanischen Film Yo, también, und das ist schon problematischer. Beide – die sympathische Lola Dueñas und der witzige Pablo Pineda, der erste spanische Universitätsabsolvent mit Down-Syndrom – machen ihre Sache sehr gut, aber die Entscheidung, dieser lieben kleinen Tragikomödie die wichtigsten Schauspielerpreise zu geben, verrät doch ein grundsätzliches Einverstandensein mit (und postwendende Belohnung) der Botschaft des Films, die da lautet, Behinderte als vollwertige Menschen anzuerkennen und in die Gesellschaft zu integrieren. Ja, das ist zweifellos wichtig, und, wer, der bei Sinnen ist, wäre dagegen? Wenn ein Film hilft, darauf aufmerksam zu machen, auch gut. Das Down-Syndrom-Drama hat es offenbar noch nicht gegeben, so wenig wie den Nanking-Aufarbeitungsfilm. Jetzt also gibt es sie.

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Ein Festivalpreis sollte jedoch nicht der Haltung und der guten Absicht gelten. Er gilt – theoretisch – einer künstlerischen Leistung. Das sozialtherapeutisch Wohlmeinende des kleinen spanischen Films über das ästhetisch Herausragende des argentinischen Films zu stellen bedeutet demnach, dass die Jury ihre Aufgabe verfehlt hat. Zu übersehen, dass El secreto de sus ojos ein fabelhaftes Drehbuch besitzt, eine grandiose Darstellerriege, außerordentliche visuelle Phantasie und einen bewundernswerten Erzählrhythmus – all das, was man von großem Kino fordert -, stellte seitens der Jury eine bemerkenswerte Leistung in systematischem Wegschauen dar. Denn alle hatten gesehen, was das für ein Film ist. Das Publikum votierte für Campanellas Film. Die Kritiker lobten ihn. Die Webseiten begannen sich zu füllen. Und was soll man zum Spiel von Ricardo Darín und Soledad Villamil noch sagen? Oder zu der Verhaltenheit, mit der Guillermo Francella einen Alkoholiker der besonderen Sorte verkörpert? Es ist alles, wirklich alles gelungen. Irgendeinen der vier, fünf wichtigeren Preise des Festivals hätte es dafür geben müssen. Doch die Jury steckte die Köpfe in die Notizblöcke und stellte sich blind.  

Jetzt zum Eigentlichen, der Lehre, die man aus Campanellas Film ziehen kann. Die großen Fiktionen – die glänzend erfundenden Geschichten, wenn man so will – tragen eine Menge weiterer Themen in sich, aber sie tun es wie nebenbei, sie geraten dabei nicht ins Schwitzen: Sie verbergen das, was man das künstlerische Wollen oder gar die Aussageabsicht nennen könnte. El secreto de sus ojos zum Beispiel ist ein Film über die Liebe, die Zeit, die Rache, den Tod, eine Reflexion über politische Macht und die Schwäche des Menschen und noch vieles mehr, was sich mit bombastischen Begriffen behängen ließe. Doch im Grunde erzählt der Film nur eine konkrete kleine Geschichte, nämlich über einen vergessenen Kriminalfall im Buenos Aires der siebziger Jahre, der zufällig wiederaufgerollt wird. Seine stärksten Szenen geben sich übrigens nicht als solche zu erkennen; und ob es in der nächsten Sekunde komisch oder tragisch wird, ist nicht vorhersehbar. Alle Einzelteile passen so perfekt in die Story, dass sich in der Rückschau das Gewicht jedes Blicks, jeder Geste um ein Vielfaches erhöht. Man will die Worte noch einmal hören, die gesprochen wurden, den Gesichtsausdruck noch einmal sehen, der eine Szene begleitete, man will die Figuren in ihrer Komplexität ganz verstehen, weil man ahnt, dass der Regisseur in ihnen mehr versteckt hat, als ein einziges Sehen des Films verrät.

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Und das, liebe Kinogeher(innen), ist außerordentlich selten. Die Lehre ist wieder einmal eine des Handwerks (neben der Inspiration natürlich, dem Genie, der Einfühlung und zehn anderen Kleinigkeiten beim Verfertigen von Kunst). Juan José Campanella ist, wie seine Filmographie beweist, ein hingebungsvoller, außerordentlich professioneller Regisseur, der in amerikanischen Fernsehproduktionen gelernt hat, seine Arbeit wieder und wieder der Kritik zu unterwerfen. El secreto de sus ojos ist, anders als viele Filme der spanischsprachigen Welt, genau durchdacht und wirklich zu Ende geschrieben. Ein Juwel. Ein Ausnahmewerk. Sehen Sie es sich an, wenn Sie können.


52 Lesermeinungen

  1. Bücher und Filme unterhalten...
    Bücher und Filme unterhalten für mich eine schwierige, ungleiche Beziehung. Bei mir war es meistens so: Wenn ich zuerst ein Buch gelesen hatte, und danach die Verfilmung sah, war ich meistens enttäuscht. Ganz bitter ist meine Erinnerung an Frühstück bei Tiffany, wo der Drehbuchschreiber einen für mich sehr ärgerlichen Happy Ending eingeschmuggelt hat. Meistens ist es aber auch ohne solche Verfälschungen ein seichteres Erlebnis, verglichen mit der Lektüre. Wenn mich hingegen ein Film dazu gebracht hat, ein Buch zu lesen, war ich viel seltener enttäuscht. Was nach meiner Erfahrung noch nie geklappt hat, sind Bücher, die auf den Erfolg eines Filmes hin geschrieben wurden, da kommt nur kommerzielles à la Star Wars heraus.
    Dulcinea: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich befürchte bei Ihnen nichts, aber wenn Sie sich der Ironie bedienen, der intelligentesten Form des Humors, wäre es bedauerlich, wenn ich es nicht mitbekäme.

  2. Der Entscheidungsprozess einer...
    Der Entscheidungsprozess einer typischen Festivaljury ist meistens ein institutionalisierter Skandal. Schon die meistens sehr bewusst ausgewogene Zusammensetzung sorgt für Schwierigkeiten, man denkt an die vielen Witze, die man kennt, die in etwa so anfangen: Es treffen sich ein Russe, ein Deutscher, ein Franzose, ein Brite und ein Ami… Wenigstens können Juroren auf Dolmetsher zurückgreifen, aber verdolmetschte Filme sind schwer zu beurteilen. Die Qualität des Dolmetschers kann über vieles entscheiden, und die Arbeitsbedingungen für die Dolmetscher sind nicht immer optimal. Abgesehen davon, dass sich manche Filme einigermaßen, andere aber gar nicht (immer nur von einen einzigen Dolmetscher!) verdolmetschen lassen. Früher soll es in Berlin bei der Berlinale so gewesen sein, dass die sowjetischen Beiträge fest mit mindestens einem Preis rechnen konnten, das war Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt kamen. Sie brachten ein Film und bekamen gleich ein Platz in der Jury. Vielleicht muss man heute asiatische Filmemacher so ködern, ich weiss es nicht, könnte es mir aber gut vorstellen. Spanier sind meiner Erfahrung nach nicht besonders geschickt, wenn es darum geht, ihre eigenen Filme zu puschen. Argentinier allerdings schon eher. Dank enes aufmerksamen und engagierten Kritikers in Spanien werde ich mir den Film El secreto de sus ojos, sobald er bei uns in die Kinos kommt, ganz bestimmt ansehen.
    Es wäre aber wahrscheinlicher, dass dieser Film in Deutschland gezeigt wird, wenn er einen Preis bekommen hätte. Bei der Down-Syndrom-Schmonzette hingegen, so, wie sie hier besprochen würde, glaube ich nicht, dass sie nach Deutschland kommt, Preis hin oder her. Mugabarru: Danke für das Wort „buenismo“, endlich weiss ich, wie man Gutmenschentum überträgt!

  3. vieleicht nochmal etwas zu...
    vieleicht nochmal etwas zu dem, was chus ‚ironie‘ nennt. – ironie als selbstironie wie sie gerade in england und auch im noerdlicheren deutschland den guten ton bestimmt – ’nimm deine arbeit ernst, aber nie dich selbst‘ – begegne ich in spanien eher selten, der umkehrung – ’nimm deine arbeit nicht ernst, dich selbst aber immer‘ – quasi taeglich ohne unterlass.
    trozdem, es gib auch etwas in spanien, das ich in ermanglung besser terminologie ebenfalls ‚ironie‘ nennen moechte. – ich kenne das als form von ‚alltagstheater‘ …. ich kenne maedchen, in diesem konkreten fall kommen sie aus asturien, die haben den groessten spass daran, den gesamten tag – ihr vollstaendiges leben – in alltagstheater zu verwandeln. – in absurde improptu spielerein. in ein lebenstheater irgendo zwischen cervantes (vielleicht) und (ganz nah bei) kurt schwitters.
    und ich muss sagen, ich liebe das. ich liebe das laecheln auf den gesichtern dieser maedchen, die sich spitzbuebisch an dem bloedsinn erfreun, den sie den ganzen tag verzapfen, an der rolle, die sie mit der freudeund gehaltenen spannung spielen, wie man eine rolle nur spielen kann, wenn man zu ihr eine wahrhaftige distanz haelt. – und hier kommt dann allerdings auch das lustige: zwischen rolle und selbst wird keiner gelassen. will sagen, die rolle – so absurd sie sein mag – beansprucht immer gueltigkeit, wahrheit und absolutheit. – oder anders herum: an der innewohnenden spannung und ironie darf sich so nur autor und darsteller freuen. der zuschauer darf innerlich schmunzeln. anzweifeln darf er nie.

  4. mugaberru, genau....
    mugaberru, genau. wunderschoenes beispiel. solchem theater kann man taeglich beiwohnen. – das ist schon beinahe eine form der ‚ironie‘, ist es nicht? – ungeheuer virtuos und doppelboedig ist es in jedem fall. – vielleicht moechte paul ingendaay hier mit definitionshilfe beispringen.

  5. Der Esel fliegt zur...
    Der Esel fliegt zur Frankfurter Buchmesse und wird sich einloggen, wo immer die Signale wehen. Dies nur zur Kenntnis, mit der Bitte um Verständnis für eventuelle Verzögerungen.

  6. etwas ganz anderes... - ich...
    etwas ganz anderes… – ich habe gerade beim mittagessen einer unterhaltung gelauscht, die alles, was ich an spanien nicht mag, in ein wort fassen laesst: DENUNCIAR. – spanien, das land wo ‚denunziant‘ kein schimpfwort sondern ein gesellschaftsspiel ist.

    bei aller liebe – die sich ja auch oben wieder auesserte – die anzeigekultur hier, ich finde sie aus tiefster seele absolut widerwaertig.

  7. Albero-Amarillo, mit "uncool"...
    Albero-Amarillo, mit „uncool“ meinte ich unmodisch, wie Sie vermuten. Und das macht Garci interessant. In jedem Fall ist er, was Kino angeht, enzyklopädisch gebildet.
    *
    pardel, das Thema der Verfilmungen ist unendlich. Der PATE, den Garci so hoch lobt, ist auch ein respektabler Roman, wenngleich als Film unsterblich. Bei „Einer flog übers Kuckucksnest“ sind Roman und Film großartig, übrigens aus unterschiedlichen Gründen. Auch „Das Schweigen der Lämmer“ ist in beiden Medien außergewöhnlich. Und „Iris“, wenn Sie davon schon einmal gehört haben. Eine Enttäuschung erlebte ich, als ich den schönen spanischen Film „La flaqueza del bolchevique“ sah und danach den gleichnamigen Roman lesen wollte, auf dem der Film beruht; das Buch fiel stark ab. Cosas de la vida.

  8. Lieber abfeldmann: Sie haben...
    Lieber abfeldmann: Sie haben Recht, aber die Spanier haben eine Ausrede. Das Gesetz schreibt es so vor. Ich zitiere aus Wikipedia (denuncia). Man beachte die juristische Verbform von „presenciar“:
    Según el artículo 259 de la Ley de Enjuiciamiento Criminal tendrá la obligación de denunciar el que presenciare la perpetración de cualquier delito público bajo multa de 25 a 250 pesetas (0,15 a 1,50 euros).
    No están obligados a denunciar:
    * Los impúberes o los que no gocen del pleno uso de su razón.
    * El cónyuge del delincuente.
    * Ascendentes y descendentes consanguíneos y afines hasta 2º grado.
    * Los hijos naturales.
    * Determinados oficios (Abogados o procuradores a sus clientes, eclesiásticos y ministros de culto).
    Cuando la denuncia es anónima se llama delación.
    In besagtem Eintrag erklärt der Wikipedia-Autor detailliert, sogar mit einem Musterbrief, wie man formvollendet verpetzt. Ich hoffe, Ihnen den Tag nicht völlig verleidet zu haben. Noch Fragen?

  9. "Einer flog übers...
    „Einer flog übers Kuckucksnet“! Ja, Don Paul, das ist ein hervorragendes Beispiel, wo beides, Film und Buch, großartig sind. „Iris“ kenne ich nicht, da vermuten Sie richtig, ich werde mich kundig machen.
    Das Thema ist, wie Sie zu Recht anmerken, unendlich, und es gibt Beispiele (und Gegenbeispiele) für jede erdenkliche These. Ein Unterschied zwischen Film und Buch liegt auch an der schieren Anzahl. Ich las in der gestrigen Wirtschaftswoche, dass es geschätzte 35 Mio. Bücher geben soll, ich schätze, die Anzahl der Filme bewegt sich im Bereich der 10.000, plus minus Bollywood. Ein Buch schreibt meistens ein Mensch alleine, für einen Film bracuht man Kapital und Mitarbeiter. Bücher geniessen mehr Freiheiten, Filme müssen sich lohnen. Auch wenn jeder Autor davon träumt, reich und berühmt zu werden, natürlich.

  10. Ach so, Sie meinten den Film...
    Ach so, Sie meinten den Film mit Judy Dench über Iris Murdochs fortschreitenden Alzheimer! Ich scheine selber darunter zu leiden, ich habe den Film bei der Berlinale vor sieben Jahren sogar gedolmetscht (mit einem Knoten im Hals, das war hart). Die Jury hat den Film leider nicht berücksichtigen wollen. Er sei kitschig. Als Dolmetscher darf man sich nicht in die Beratungen der Jury einmischen, aber Lust hätte ich schon gehabt

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